HANDSCHRIFT ALS SPIEGEL DER SEELE
INHALTSVERZEICHNIS
KAPITEL 01 Vorwort
KAPITEL 02 Theoretische Einführung in die Graphologie - die Seele
KAPITEL 03 Theoretische Einführung in die Graphologie - der Rhythmus
KAPITEL 04 Schriftgrӧe
KAPITEL 05 Schriftweite
KAPITEL 06 Schriftlage
KAPITEL 07 Regelmaß
KAPITEL 08 Richtungssinn
KAPITEL 09 Bindungsformen
KAPITEL 10 Verbundenheit
KAPITEL 11 Ausschmückung
KAPITEL 12 Volumität
KAPITEL 13 Strichbildung
KAPITEL 14 Längenunterschiedlichkeit
KAPITEL 15 Längeneinteilung
KAPITEL 16 Anfangsbetonung/Endbetonung
KAPITEL 17 Gliederung
KAPITEL 18 Wortabstand
KAPITEL 19 Zeilenabstand
KAPITEL 20 Zeilenführung
KAPITEL 21 Ränder
KAPITEL 22 Schreibdruck
KAPITEL 23 Schreibeile
KAPITEL 24 Auffällige Stellen
KAPITEL 25 Unterschrift
KAPITEL 26 Textablauf
KAPITEL 27 Typologien
KAPITEL 28 Geschlecht
KAPITEL 29 Vitalität
KAPITEL 30 Wille
KAPITEL 31 Intelligenz
KAPITEL 32 Unaufrichtigkeit
KAPITEL 33 Krankheit
KAPITEL 34 Digitalisierung der Schrift und das Problem der Urheberschaft
KAPITEL 35 šber die Diskussion einer Handschrift
KAPITEL 36 Beispiel für Diskussion einer Handschrift
KAPITEL 37 Beispiel für verkürzte Diskussion einer Handschrift
KAPITEL 38 Beispiel aus der Praxis für Graphologische Stellungnahme
KAPITEL 39 Beispiel aus der Praxis für Partnerschaftsvergleich
KAPITEL 40 Menschen der Zeitgeschichte
KAPITEL 41 Schlußwort
KAPITEL 01
VORWORT
Dieses Buch beschäftigt sich mit der Handschrift, und zwar in
psychologischer Hinsicht.
Es wendet sich dabei in erster Linie an den Laien.
Kein Anspruch soll hier geltend gemacht werden, ein allumfassendes Werk
der Graphologie zu bieten.
Ein solches Buch müßte um ein Vielfaches umfangreicher sein als das
Vorliegende.
Das Gebiet der Graphologie soll lediglich in groben Zügen gestreift
werden, vielleicht gar nur als šbersicht, mehr nicht.
Weiterhin soll aufgezeigt werden, was Graphologie ist und was nicht.
Die Grenzen der Anwendungsm”glichkeit m”gen durch sie erkennbar werden.
Somit ist es das Anliegen dieser Ausarbeitung, deutlich werden zu lassen,
was Graphologie zu leisten vermag und was nicht.
Es ist nämlich durchaus erstaunlich, was eine Handschrift alles
verrät - einerseits!
Es ist aber gleichermaßen erstaunlich, was sie nicht mehr
hergibt - andererseits!
Mit ihr vermag man zwar schon dem nachspüren zu k”nnen, was wir Seele
nennen; doch hat das Nachspürenk”nnen auch seine Grenzen.
Kein Wunder: Denn die Seele selbst in ihrer Erfahrbarkeit ist unbegrenzt.
Was nun ist Graphologie?
Graphologie setzt sich als Wort aus zwei Teilen zusammen:
Graph- und -ologie.
Graph- entstammt dem griechischen Wort Graphos und heißt übersetzt
Zeichen im Sinne von Schriftzeichen.
Die Endsilbe -ologie verweist, wie immer, stets auf die Bedeutung der
Lehre über die Sache.
Graphologie ist also die Wissenschaft der Zeichen, genauer die der
Zeichen, die Schrift erzeugt.
Und sie ist, wie schon gesagt, Psychologie, die als Medium sich der
Schrift zuwendet.
Graphologie ist Schriftpsychologie.
Diese als Disziplin entwickelte sich nur langsam.
Und ein bezeichnender Namen dazu entstand erst im Nachhinein.
Der war eben öGraphologieö.
Heute verwendet man vorzugsweise den Begriff Schriftpsychologie.
Doch der Begriff Graphologie hat sich ziemlich fest etabliert.
Und so kursieren beide Begriffe nebeneinander her und meinen aber das
Gleiche.
Die Auseinandersetzung jedoch mit der Handschrift war im Anfang noch keine
Wissenschaft, sondern nur Zeichendeuterei, eigentlich ohne Konzept.
Das änderte sich erst sehr viel später.
Auch darf man nicht vergessen, daß eine Disziplin, wie die der
Graphologie, eigentlich auch erst Sinn machen konnte, als genug Menschen
Lesen und Schreiben gelernt hatten, was im dunklen Mittelalter noch nicht
der Fall war.
Und so sind sehr frühe Namen, die in diesem Zusammenhange in Erscheinung
treten, zugleich schon sehr späte.
Das Jahr 1622 wurde bereits geschrieben als etwa der Italiener
Bernadino Baldi darauf hinwies, daß die Natur des Menschen aus seiner
Handschrift entnehmbar sei.
In Frankreich, etwa 200 Jahre später, war es Jean Hippolyte Michon, der
die Handschrift zum Gegenstand seiner Gedanken machte.
Er darf als eine Art Begründer der Graphologie gelten, wenn auch noch
nicht im so ganz gestrengen wissenschaftlichen Sinne.
Nicht anders der berühmte und ebenso universelle deutsche Philosoph
Gottfried Wilhelm Leibniz, den man zeitlich dazwischen anzusiedeln hätte,
hatte sich mit dem Problem Handschrift auseinandergesetzt.
Zu Goethes Zeiten dann, zwischen dem 18. und 19. Jahrhundert, damit aber
immer noch in der Vorgeschichte der wirklich wissenschaftlichen
Graphologie, war es der mit Goethe befreundete Physiognomiker
Johann Kaspar Lavater, der sich mit dieser Materie auseinandersetzte.
Und auch von Goethe selbst ist bekannt, daß er eine umfangreiche
Handschriftensammlung besaß.
Die Auseinandersetzung mit dem neuen Gebiet, das sich nach und nach
Graphologie nennen sollte, war im Anfang jedoch nicht wissenschaftlich
im eigentlichen Sinne.
Aber Gedanken machte man sich schon, was es denn mit der Handschrift so
aufsich habe.
So schrieb etwa Goethe an Lavater:
öDaß die Handschrift des Menschen Bezug auf dessen Sinnesweise und
Charakter habe und daß man wenigstens eine Ahnung von seiner Art zu sein
und zu handeln empfinden k”nne, ist wohl kein Zweifel, so wie man ja nicht
allein Gestalt und Züge, sondern auch Mienen, Ton, ja Bewegung des K”rpers
als bedeutend, mit der ganzen Individualität übereinstimmend anerkennen
muß.ö
Streng wissenschaftlich wurde die Disziplin der Handschriftendeutung erst
durch Ludwig Klages, der als der eigentliche Begründer der
Wissenschaftlichen Graphologie gelten darf.
Ludwig Klages war ein Deutscher Philosoph aus Hannover.
Er lebte von 1872 bis 1956.
Sein Hauptwerk heißt: Der Geist als Widersacher der Seele.
In diesem Hauptwerk lassen sich seine Grundgedanken wiederfinden.
Diese Grundgedanken fungierten bei ihm dann zur Schaffung einer Grundlage
für das Gebiet der Handschrift und ihre Deutbarkeit.
Handschriftendeutung avancierte durch ihn zur Graphologie als
Wissenschaft.
Denn Klages begnügte sich mit reiner Zeichendeutung nicht mehr.
Klages nahm die Handschrift nicht nur auseinander und zerlegte sie in
ihre Einzelteile; er erkannte auch die Doppeldeutigkeit jeder Merkmale.
Ihm war als erster klar, daß es nicht allein ausreicht, die Handschrift
haarfein zu sezieren; sie mußte trotzdem in ihrer Gesamtheit erfaßt werden
k”nnen.
Dazu bedurfte es extraerschaffener Kriterien.
Klages schuf sie mit der Einführung eines Begriffes, an dem bis heute
kein Weg vorbeiführt, den Begriff des Formniveaus, auf den an späterer
Stelle eigegangen werden soll - eingegangen werden muß.
Auf den Füßen Klages' ruht bis heute unverändert die gesamte Graphologie
als gesammeltes Wissen.
Zwar gibt es Graphologen nach ihm, die auf dem Sektor Graphologie
unverzichtbare Arbeit geleistet haben; doch läßt sich die Basis für
wirklich sinnvolles Vorgehen innerhalb der Graphologie nach wie vor nur
bei Klages finden.
Und das wird so bleiben, bis zu dem Tage, wo Bahnbrechendes anderes
erkannt wird, falls es denn je dazu kommen mag.
Durch Klages war es sogar m”glich, festes Material in den Händen zu
halten.
Das war davor nicht der Fall.
Davor war alle Graphologie nur Kunst.
Und selbst heute, nach dem Handschriftendeuterei sich längst zur
Graphologie als Wissenschaft entwickelt hat, fragt man sich nach wie vor,
ob denn Graphologie zum Schluß nicht mehr Kunst sei als eben wirkliche
solide Wissenschaft.
Die Frage als solche ist mehr als berechtigt.
Denn längst und allemale ist innerhalb der Graphologie nicht alles
quantifizierbar.
Was quantifizierbar war, wurde minuti”s genau quantifiziert.
Die Vorgehnsweise ist durchaus streng und man mißt und erhebt statistisch
oder rückt mit durchaus raffinierten technischen Hilfsmitteln der
Handschrift zuleibe.
Zum Schluß aber muß das erarbeitete Material doch interpretiert werden.
Das aber vollzieht sich nicht ohne ein schauendes Subjekt, das intuitiv
sch”pft.
So gesehen bleibt die zur Wissenschaft avancierte Graphologie doch Kunst.
Das wiederum muß keineswegs gegen sie sprechen!
Im Gegenteil: Es heißt auch, das Gebiet Handschrift sei bei weitem zu
komplex, um ausrechenbar sein zu k”nnen.
Es ist, wie, wenn man Musik verwissenschaftlichen wollte.
Es gibt Wissenschaft der Musik wie überhaupt vieles Wissenswerte über
Musik es gibt.
Die Musik aber selbst in ihrem Wesen, sie wird auf ewig Kunst bleiben
müssen!
Ist sie deshalb etwa ohne Wert?-
Die Graphologie ist gleichermaßen nicht ohne Wert deswegen.
Im Gegenteil: Wo die zum Schluß doch nur begrenzte Kraft der Wissenschaft
nicht mehr hinzureichen vermag, da beginnt sie wieder, das h”chste nur
Denkbare: die Kunst.
Denn zwischen Himmel und Erde ist mehr als sich alle Schulweisheit
träumen läßt.
Und so sind denn auch vorbei selbst die Zeiten von Descartes und
Newton, in denen ein jedes Objekt auf den Tisch gepackt werden konnte
und auch noch da war dann, wenn ein jedes beschauendes Subjekt bereits
gefehlt hat.
Einst war man sich sicher, man k”nnte die Wahrheit finden.
Man mußte nur geduldig und minuti”s genau forschen.
Und wenn man dem Objekt nicht nahe genug rücken konnte, dann waren es um
so gewisser eben die fehlenden technischen Hilfsmittel, die das
vereitelten.
Die Welt war gedacht wie ein großes Uhrwerk mit zum Schluß feinsten
Rädchen, unvorstellbar komplex.
Man wähnte, daß man alles erklärt gehabt hätte an jenem vielleicht noch
so fernen Tage, wo alles beschrieben war.
Vorbei aber sind diese Zeiten.
Wir befinden uns im Zeitalter der Quantenphysik, wo gesichertes Denken
nachweislich(!) auf den Kopf gestellt wird.
Das ach so genau Beschriebene erhält keinen Wert mehr ohne die
essentiell notwendige Interpretationsarbeit, die dazu geh”rt.
Diese muß selbst heutzutage abgeleistet werden und das in strengsten
Wissenschaftsdisziplinen.
Das Subjekt ist wieder unverzichtbar geworden - inzwischen ohne aber das
Objekt dabei aus den Augen zu verlieren!
Die Arbeit des Subjektes darf demzufolge wieder abgeleistet werden und
selbst auch in Disziplinen, die vom Wesen her der Kunst näher stehen als
der Wissenschaft.
Dazu geh”rt bis heute unverändert ins Besonders die Graphologie.
Sie ist tatsächlich Wissenschaft auch; denn sie sammelt und mißt
quantifizierbares Material und rechnet nach komplizierten mathematischen
Grundsätzen der Statistik.
Aber sie ist Kunst gleichermaßen und darf ebensosehr diese bleiben, ohne
deswegen an Wert einbüßen zu müssen.
Wer den Stellenwert, den Graphologie in der Kunst wie in ihrer
Wissenschaftlichkeit einnimmt, nicht verkennt, wird die Graphologie
auch besser verwenden k”nnen, um eine Handschrift psychologisch zu
erschließen.
Er wird ein sicheres Gefühl bekommen dafür, was Graphologie zu leisten
vermag und was nicht.
Das Wissen darüber, was Graphologie ist und was nicht, wie sie sich zum
Schluß definiert, heißt auch ihre Grenzen mindestens erahnen zu k”nnen.
Dem Medium Handschrift umgibt ein Zauber - durchaus.
Graphologie aber sollte deswegen nie Zauberei sein!
KAPITEL 02
THEORETISCHE EINFšHRUNG IN DIE GRAPHOLOGIE - DIE SEELE
Wenn die Hand schreibt, dann schreibt die Seele.
Wenn die Seele schreibt, dann hinterläßt sie Spuren.
Bei der Handschrift hinterläßt die Seele eine Linie auf dem Papier.
Diese Linie wurde ausgebildet durch einen Punkt, der sich vorangegangen
irgendwann bewegte.
Der Schreiber entwirft also, eben weil er Seele ist, ein Bild von dem,
was er gestalten will.
Er setzt durch seine Hand mit seiner Feder einen Punkt auf das Papier
und führt ihn.
Was hinterbleibt, ist eine Spur, eine mehr oder weniger geschlängelte,
zum Teil unterbrochene Linie, die rein optisch und eindrucksmäßig im
gesamten Schriftbild ein Schreibband hinterläßt, Zeile um Zeile.
Als Deuter einer Handschrift kann man das gewissermaßen mit bewegter
Seele nachempfinden.
Auf diese Weise läßt sich nachvollziehen, was die fremde Seele empfand,
als sie schrieb.
Die Seele, die schrieb, wollte sich hinterlassen.
Was sie hinterließ, war nicht sie selbst, sondern nur ihr mehr oder
weniger unvollkommenes Abbild von sich selbst.
Sie tat es, ihrem blinden Drange gehorchend, sich zu verewigen.
Sich verewigen will sie in ihrer Absicht immer, und sie tut das auch in
ihrem mehr oder weniger unvollkommenen Abbild, das sie von sich selbst
erschafft.
Sie will also stets etwas, so ihre Absicht, und sie tut auch stets etwas,
absichtlich.
Und in dem, was sie einerseits will und andererseits aber tut, baut sich
eine unüberbrückbare Kluft auf.
An dieser Stelle genau tritt das Leben hervor - die Seele.
Wäre die Seele lediglich, was sie nur will, ohne etwas zu tun, ohne etwas
tun zu k”nnen, dann wäre sie nur potentiell vorhanden, lediglich von der
M”glichkeit her.
Sie wäre hypothetisch.
Sie wäre theoretisch.
Sie wäre nicht wirklich.
Wäre sie nur Geist?
Sie wäre ein Gespenst!
Alle reden davon - keiner hat es gesehen.
Mit lediglich dem wiederum, was die Seele täte, ohne es zu wollen, wäre
sie ebensowenig vorhanden, da es bestenfalles sinnentleerte Aktion wäre.
Die Seele aber lehrt sich und gibt genau Sinn!
Die Seele sucht, ihr Urbild in sich tragend, ihre Idee in sich tragend,
sich zu realisieren zu dem, was wir Realität nennen.
Die Seele wirkt - und so erschafft sie Wirklichkeit.
Die Wirklichkeit, unser aller Wirklichkeit, ist ihr Meisterwerk, das sie
erschaffen hat.
Darin sucht sie sich zu verewigen.
Wir sind gekommen, uns zu verewigen, sagte schon Goethe.
Wir Menschen tun es in unseren fleischlichen Kindern, aber auch in unseren
Ideen, für die wir leben, für die kleinen wie für die großen.
Des Menschen Glaube sei sein Himmelreich, wie es doch so treffend im
Volksmund heißt!
In der Handschrift nun, gewissermaßen eine spezielle Form der Idee,
realisiert und materialisiert sich die Seele, in dem sie sich mit der
Hand durch das Geschriebene mani-festiert.
Sie graviert sich dort ein.
Sie furcht sich dort ein und prägt ihren Charakter ein.
Etwas, das sich ursprünglich bewegte, ist nun fest eingefroren.
Etwas, das ruhelos im Fluß der Zeit floß, nicht mehr bleiben und
verharren durfte, sondern permanent entstehen und vergehen mußte, und
dies immer wieder von vorn, so in alle Ewigkeit fort, ohne jedoch im
Augenblicke Ewigkeit finden zu k”nnen, außerstande, die Zeit abstreifen
zu k”nnen, verewigte sich zumindest in der Illusion und fand Ewigkeit im
Abbild seiner selbst.
Das Festgefrorene, also das öErstarrte Bewegteö, wenn man es geschaut hat,
zeigt von der Anlage her die M”glichkeit der Seele an,
wie sie agieren und reagieren kann, zeigt den Fahrplan an,
nach dem sie verfährt, zeigt die Programmstruktur an,
nach der sie vorgeht.
Die Seele an sich ist nichts, sie ist ein Nichts.
Mag sie einen Seinscharakter haben, also mehr sein als nur Nichts.
Sie ist nichtsdestotrotz dann nicht zu definieren und transzendent und
metaphysisch.
Somit bleibt sie für uns das, was zum Schluß uns nichts ist;
es fehlt schließlich jede direkte Zugriffsm”glichkeit zu ihr.
Eine nichtstuende Seele ist eine Fiktivseele; sie ist nur erdichtet.
Sie ist nur verdichtet zu etwas an sich Seiendem.
Eine tuende Seele dagegen ist eine Realseele.
Was die Seele an sich ist, verm”gen wir nicht zu sagen.
Wir k”nnen sie nicht auf den Tisch legen und anfassen.
So bleibt sie uns nicht erfaßbar.
Was sie an sich ist, erahnen wir nur an uns selbst, die wir sind:
wollend, wertend, sich in allem bestrebt uns zu entäußern,
sich zu verewigen, Reales und Ideales in šbereinstimmung zu bringen,
uswusf.
Die Seele scheint weder für uns im Objekt auffindbar zu sein,
noch daß wir selbst, ohne, daß wir wirken würden, sie fänden.
Die Realität der Seele scheint sich erst in der Auseinandersetzung
zu offenbaren, die zwischen Subjekt und Objekt sich kundtut.
Schopenhauer sagte:
öKein Subjekt ohne Objekt und kein Objekt ohne Subjektö.
Goethe sagte:
öUnd wäre das Auge nicht sonnenhaft, die Sonne k”nnt' es nie erblickenö.
Was bedeutet das alles für die Handschrift hinsichtlich der Frage,
ob die Seele in ihr enthalten ist oder nicht?
Die Seele ist in der Handschrift enthalten, und sie ist es zugleich nicht,
so meine ich.
Sie ist in ihr nicht enthalten, weil die Handschrift selbst bestenfalles
aus Tinte besteht, aber bestimmt nicht aus mehr.
Und sie ist in ihr enthalten, weil es einfach darauf ankommt, wie die
Tinte, mathematisch gesehen Punkt für Punkt aufs Papier aufgebracht und
angeordnet ist.
Ohne Medium -hier Tinte- k”nnte die Seele nicht sprechen - wäre also
nicht Seele.
Es mag durchaus sein, daß es sehr viel feinere Medien gibt als
stoffliche.
Aber davon k”nnen wir nichts wissen.
Also bleiben wir am besten auf dem Boden der Tatsachen, ohne die K”pfe in
ein himmlisches Nichts zu stecken, das zu guter allerletzt teuflisch sein
kann.
Zuende gedacht sind Ideales und Reales ohnehin dasselbe.
Aber davon k”nnen wir uns in diesem Zusammenhange hier nichts kaufen.
So ist es sinnvollern bei dem stofflichen Medium zu bleiben, das die Seele
braucht, um nicht Fiktivseele bleiben zu müssen.
Hier, im Beispiel der Handschrift klar zu ersehen, verfügt sie über ein
Medium.
Der Schreiber, der die Feder mit der Hand hält und mit ihr einen Punkt
setzt und diesen Punkt führt, setzt mathematisch gesehen unendlich viele
Punkte, ja Fluktuonen eigentlich.
Er hat damit zugleich mehr getan als nur unendlich viele Punkte
nacheinander gesetzt.
Er hat Punkte gesetzt, unendlich viele, die jeder für sich in Verbindung
stehen mit jedem anderen der unendlich vielen Punkte.
Jeder Punkt steht in Auseinandersetzung mit dem, wo kein Punkt ist.
Hier steht deutlich vor Augen, daß das Ganze immer mehr ist als die Summe
seiner Teile!
Wer so an die Handschrift herangeht, um sie zu verstehen, der hat den
rechten Anfang gefunden!
Handschrift ist vergleichsweise wie Musik.
Was wäre an ihr begriffen, würde man nur ihre Noten kennen!-
Die Noten sind genau nicht die Musik.
Mit Musik ist es vergleichsweise wie mit Worten.
Die Worte zeigen an, welcher Sinn gemeint sein soll.
Das Wort selbst aber ist nicht der Sinn.
Die Worte sind vergleichsweise wie Bilder, vielleicht am allerdeutlichsten
Zeitungsbildern.
Denken wir uns eins:
Unter der Lupe sind es unzählige in einem Raster angeordnete Punkte,
mal dichter mal lichter.
Man enträtselt nicht, was das Punktewirrwarr soll, kaum, daß man auf die
Idee käme, es k”nnte überhaupt in einem übergeordneten Zusammenhange
stehen.
Jetzt nimmt man die Lupe weg, nimmt Abstand und: erkennt - ja eigentlich,
was man hineininterpretiert.
Vielleicht ist's ein Gesicht.
Wer es nicht sieht und erkennt, taugt nicht für diese Welt.
Wer nur Punktewirrwarr sieht, sieht den Wald vor lauter Bäumen
nicht - sieht nur eine Hälfte der Wahrheit, in diesem Falle leider nur
die unbrauchbare Hälfte.
In der Handschriftenanalyse ist es nicht anders.
Es ist sicherlich nur drinnen, was man hineinlegt.
Wir füllen die Handschrift durch Interpretation und durch teilweise
vermeintliche Interpretation, also Projektion auf.
Worauf es beim Hineinlegen ankommt, das ist, das einzig Richtige
hineinzulegen.
Was aber ist das einzig Richtige?
Das ist hier die Frage.
Die Antwort ist: Das, was mit einem selbst eben gleich ist!
Und wie findet man es ?
Wie findet der Transfer statt?
Nun, der Schreiber hinterläßt das Abbild seiner Seele in der Handschrift.
Dieses Abbild nimmt der Beschauer dieser Handschrift in sich auf und
erkennt eigentlich nur seine eigene Seele darin wieder.
So hat er die fremde Seele geschaut.
Einen direkten Zugriff zu ihr hat er nicht.
Er bleibt In-dividuum als Beschauer, so wie der Schreiber der Handschrift
In-dividuum bleibt.
Die zustandegekommene Verbindung ist, wenn man so will,
eine Scheinverbindung, aber eben auch eine effektive Verbindung,
wenn auch zwischen ewig Geschiedenem.
Ein Beispiel m”ge das bildhaft machen.
Man kann sich den Menschen als Saitenspiel denken.
Wenn die Saiten eines Saitenspiels erklingen, dann k”nnen die Saiten eines
anderen Saitenspiels ebenfalls erklingen, und zwar sowie Resonanz herrscht.
Diese Saitenspiele müssen technisch noch nicht einmal miteinander
verbunden gewesen sein.
Die Luft dazwischen reicht.
Die Luft wäre also das Medium.
Zwischen Menschen nun k”nnte das Medium der ?ther sein.
Der ?ther somit als das tiefste Allgemeine, das wir uns denken k”nnen.
Es sind nicht etwa die Atome, oder gar inzwischen Leptome
-zum Beispiel Elektronen- und Mesonen -als Quarks bekannt-,
die schon vielsagend genug wären, da sie das Organische und Lebendige
ebenso ausbilden wie das Anorganische und Tote.
Nein, es ist etwas noch unterhalb dieser Ebene, das genaugenommen nicht
mehr nennbar ist, weil man es nicht wie ein Studienobjekt auf den Tisch
legen kann.
Denn genau dieses Studienobjekt überschneidet sich mit dem Subjekt des
Beobachtenden.
Aus diesem Grunde ist diese Etwas-Physik zugleich Meta-Physik.
Dieser ?ther sind wir selbst, was immer das ist, was wir sind.
Wir selbst aber versperren uns den Weg, wenn wir es wie ein Gott
beobachten wollen.
Es ist nicht subjektlos betrachtbar, weil es auch nicht nur Objekt
ist.
K”nnten wir subjektlos betrachten - dann hätten wir es.
Dann k”nnten wir den ?ther schauen, dieses flüchtige alles durchdringende
Gewebe.
Folglich bleibt uns der ?ther ein so allgemeines Sein, daß er für uns
nicht ist.
Der ?ther ist und bleibt damit hypothetisch.
Denn weswegen sollten wir davon ausgehen, daß dieser wirklich ist,
wir aber unwirklich!
Wir gehen sinnvollerweise den umgekehrten Weg und zweifeln nicht
an unserer Wirklichkeit und betrachten den ?ther als unwirklich!
Nichtsdestotrotz bleibt er dennoch brauchbar.
Und wenn er wirklich ist, dann in einer von uns verschiedenen
Wirklichkeit.
So oder so: Er ist und bleibt von transzendenter Realität.
Wenn er also brauchbar ist und m”glicherweise wirklich ist auf seine
Weise, dann jedenfalls verbindet er zuletzt alle Seelen miteinander,
und Ewig Geschiedenes ist nicht ewig geschieden, sondern nur scheinbar
geschieden.
So wäre ein jedes In-dividuum doch ein Dividuum im Verband des Kontinuum,
das sich eine gemeinsame Welt teilt und durchzogen ist von der großen
alles miteinander verbindenen Weltseele.
So kann alles überfließen zu allem.
So sind wir von jedem Anderen einerseits unendlich weit zwar entfernt und
verschieden, weil unser Geist Trennung herstellt, ohne die wohl Geist
auch nicht Geist wäre, andererseits aber mit ihm verbunden in einem
gigantischen kosmischen Ich, das alles miteinander verbindet alles eins
macht, alles eins ist - ?ther ist.
Wenn das Medium zwischen Seelen der ?ther ist, wie die Seelen selber ja
?ther sind, dann ist es zwischen Schreiber und Betrachter nicht anders.
Beide teilen sich die gemeinsame Wirklichkeit, in der sie leben.
Mal ist es dieses Objekt, das sie sich teilen, mal ist es jenes Objekt
worin sie übereinfinden, mal ist es die Handschrift, in der sie
zusammengeführt werden.
Zusammengeführt werden sie durch das Medium, das sie zuendegedacht sie
selbst sind; denn die Seele, die sich nicht hinterläßt, ist nur
Fiktivseele.
Sie muß tätigseiend sich selbst hinterlassen, um Seele sein zu k”nnen.
Ganau das tut sie, indem sie ein Abbild von sich selbst hinterläßt:
die Schriftspur.
Beide hinterlassen die gleiche Spur - der Schreiber wie der Betrachter.
Der eine, indem er schreibt, der andere, indem er das Geschriebene
seelisch nachvollzieht.
So erkennt Gleiches Gleiches, k”nnte Goethe hier sagen, der sich mit
Handschriften ja auch auseinandergesetzt hat und bekanntermaßen eine
Handschriftensammlung beachtlichen Umfanges besaß.
Und so kommuniziert der eine mit dem anderen.
Beide sind auf diese Weise in Kontakt getreten.
Daß dieser Kontakt, formal gesehen, einseitig verbindlich war, ist
hierbei unwichtig.
Kontakt ist demnach m”glich - das allein ist hierbei wichtig!
Wie wir gesehen haben, ist Kontaktzugriffsm”glichkeit nur auf
transzendentaler Ebene m”glich, wenn wir uns den direkten Zugriff denken
wollen.
Denken wir uns dagegen den indirekten Zugriff, so ist die Ebene immanent.
Die eine Ebene ist voller Kraft und Wille, aber Blindheit, die andere
Ebene ohne Kraft und Wille, v”llig paralysiert, aber sehend und ordnend.
Diese Qualität zu ömonoalisierenö ist nicht ganz leicht und kann nur
hergestellt werden, wenn transzendentierende Schritte gedacht werden.
Wenn man solches aber bewerkstelligt, und damit kommen wir wieder direkt
zur Handschriftenproblematik zurück, dann wird eben auch ersichtlich,
daß der Charakter in die Handschrift hineingekommen sein kann, und,
daß man ihn auch wieder aus ihr herausholen kann.
Jetzt k”nnen wir uns sogenannte wissenschaftliche Beweise auch ersparen,
inwieweit Handschriftenpsychologie überhaupt m”glich ist.
Nachdem nun klar geworden sein k”nnte, wie eine Seele auf dem Wege über
das Papier eine andere Seele erreichen kann, kann nun im Näheren danach
geforscht werden, wie sie sich überhaupt in der Handschrift festschreibt,
wie sie sich manifestiert.
Es muß nicht nur geforscht werden, wie Gehirnimpulse in mikromotorische
Schreibbewegung umgesetzt werden.
Dergleichen k”nnte auch der Neurologe tun, der es bestimmt gut kann.
Helfen soll ihm dabei der Fachmann für Anatomie und Physiologie,
vielleicht auch der Physiker oder andere Kapazitäten.
Allein danach zu forschen, was zum Schluß nur die Ergebnisse beschreibt,
reicht nicht aus, so interessant es auch sein k”nnte!
Wichtig ist es mindestens ebensosehr, das zu erschließen, was zum Schluß
versucht, zu erklären.
Hier h”rt der Neurologe auf und der Psychologe beginnt.
Hier endet auch der Physiker, und es beginnt der Metaphysiker.
Und die, die hier beginnen, vielleicht erklären auch sie nichts,
weil sie m”glicherweise nichts erklären k”nnen.
Doch sie k”nnen erklären, warum sie nicht erklären k”nnen.
Damit ist man dann der alles klärenden Erklärung gewiß ein gutes Stück
näher gekommen.
KAPITEL 03
THEORETISCHE EINFšHRUNG IN DIE GRAPHOLOGIE - DER RHYTHMUS
Wie nun schreibt sich die Seele über die Hand in die Handschrift hinein?
Indem ich danach forsche wie sie das tut, benutze ich ein Zauberwort:
Rhythmus!
Die Seele schreibt sich über die Hand in die Handschrift über den Rhythmus
ein!
Dieses Zauberwort Rhythmus bedarf freilich der näheren Erklärung.
Dieses Wort enthält eigentlich nur einen einzigen Gedanken;
doch wird mehr notwendig als nur eine handvoll Worte, um ihn darzulegen.
Es war bereits die Rede von der Handschrift als eine Abfolge von
unendlich vielen Punkten.
Es war auch die Rede davon, daß jeder Punkt mit jedem Punkte
kommuniziere.
Das ist wahr.
Doch kommunizieren all diese Punkte nicht einfach nur wild und sinnlos
durcheinander.
Das wäre schlichtweg nur Chaos, in welchem Schrift nicht Schrift wäre,
sondern bestenfalles wüstes Strichgemetzel.
Im Chaos aber kommt nichts zum Sein, denn es zehrt sich bereits in ihm auf.
So also k”nnen diese Unmengen von Punkten nicht kommunizieren.
Sie k”nnen es aber ebensowenig, wenn identische Muster sich vollständig
und perfekt wiederholen.
Da wiederum käme bestenfalles das dabei heraus, was die Schreibmaschine
tippt: Kosmos tot total.
Eine maschinelle Kopie ist das gewissermaßen, die es aber auch nicht
sein darf.
Es müßte schon etwas sein, was dazwischen liegt, zwischen den beiden
Prinzipien: zwischen Chaos und Kosmos.
Zwischen ungezügelter Selbstaufl”sung einerseits und totem Takt
andererseits; zwischen selbstverzehrenden Feuer und starrer Metrik.
Es müßte etwas sein, was nie vollständig als gleich wiederkehrt.
Es müßte als Wiederkehrendes stets etwas sein, das sich selbst gleichend
nie zu verschieden ist, um noch irgendwo sich selbst gleich zu sein.
Nur, was noch gleich genug ist, kann wiederkehren!
Mit einem Worte es muß ähnlich sein!
Folgende Abfolge läßt sich dabei nennen, wenn man beide Pole durchkreuzt:
Tot: das ist die Sache sich selbst und nichts kehrt wieder; denn nichts
ist seiend.
Fast tot: das ist die Sache sich identisch gleichend, und was wiederkehrt,
kehrt als vollkommen monotone Kopie vollständig und perfekt wieder.
Leben: finden wir in der Mitte; es ist die Sache wiederkehrend im
?hnlichen, nicht v”llig gleich, nicht v”llig verschieden - eben
rhythmisch!
Fast tot: ist die Sache, wenn sie, um wiederkehren zu k”nnen, zu
verschieden ist und sich keine ?hnlichkeit mehr finden läßt.
Tot: schließlich am anderen Ende dieser Abfolge ist die Sache,
wenn sie nichts mehr findet, wogegen sie gehalten werden k”nnte,
um sich abheben zu k”nnen.
Um der Sache in der Abfolge den Schliff der Genauigkeit zu geben,
sei betont, daß die Sache im Falle der Extreme nicht mehr Sache ist!
Nichtseiend ist sie dort und nur noch Tendenz, um das, was dazwischen
liegt, noch darstellen zu k”nnen.
Und wenn sie doch noch seiend sein sollte, dann jedenfalls in
metaphysischer und uns transzendenter Form.
In der genannten Abfolge von Beispielen sind die Außenpole beide tot.
Sie schließen sich im Kreise.
Chaos und Kosmos sind letztendlich eins!
Daß das so ist, läßt sich logisch ergründen.
Denn, wenn es Chaos und nur Chaos gibt, dann gibt es eben deswegen kein
Kosmos.
Alles, was ist, ist dann Chaos und nichts außerdem.
Wenn aber alles Chaos ist und nur Chaos und nichts außerdem, dann ist da
nichts sonst gegen das sich das Chaos abhebt.
Da ist nichts sonst gegen das es benannt werden k”nnte.
Damit wird der Begriff Chaos sinnentleert.
In dieser logischen Argumentationskette läßt es sich genau umgekehrt
verfahren, und das Resultat ist dann, daß es auch kein Kosmos geben kann,
da er sich nicht gegen sein, ja eigentlich vermeintliches Gegenteil abhebt
und folglich auch nicht gegen dieses benannt werden kann.
So herum oder so herum: Das Leben jedenfalls läßt sich zwischen den
Polen, die sich die Hand reichen, finden.
Leben vollzieht sich rhythmisch, das heißt es vollzieht sich sowohl sich
wandelnd als auch sich bewahrend.
Rhythmus ist die Wiederholung des nicht v”llig Identischen und zugleich
nicht v”llig Verschiedenen.
Es ist ja das jeweils ?hnliche, und zwar nach bestimmten
Gesetzmäßigkeiten!
Hierzu diene ein Bild:
Ein einfaches Bild sei dazu gedacht.
Wir schauen auf ein Kornfeld.
Auf ihm stehen die unzähligen Halme mit den ?hren darauf.
šber die ?hren streicht der Wind weich hinweg.
Was ist zu beobachten?
Der Wind biegt die Halme, die einen mehr, nämlich da, wo der Wind gerade
darüberstreicht und die anderen weniger, nämlich da, wo er nicht gerade
darüberstreicht.
Nun ist der Wind etwas mit mehr oder weniger fließendem šbergang.
Und so finden wir in einer bestimmten Region des Getreidefeldes stark
gebeugte Halme, in einer anderen Region dagegen weniger stark gebeugte
Halme und wieder in einer noch anderen Region, nämlich, da wo gerade
Windstille herrscht, total ungebeugte, also aufrecht stehende Halme.
Der šbergang von gebeugt bis ungebeugt ist fließend.
Und wenn wir die Halme einzeln sehen, dann ist es durchaus nicht etwa so,
daß neben einem gebeugten Halm ein ungebeugter steht, dann wieder drei
gebeugte, dann wieder acht ungebeugte, dann wieder zwei gebeugte, dann
wieder vier ungebeugte, dann wieder ein gebeugter, dann wieder sieben
ungebeugte und so weiter und so fort.
Das gäbe arithmetisch betrachtet eine Zahlenreihe, die fast oder gänzlich
chaotisch wäre.
Mathematisch gesehen findet eine chaotische Zahlenreihe erst in der
Unendlichkeit Ordnung - findet also nie Ordnung, findet nie Kosmos.
Ein ?hrenfeld ließe sich so demzufolge nicht beschreiben, wenn die Halme
stehen wie sie wollen.
Man fände keine Aussage darüber, ob die Halme denn insgesamt mehr gebeugt
oder mehr ungebeugt stehen, oder, ob sie so mehr dort und anders mehr dort
stehen.
Nichts ließe sich verallgemeinern.
Kein Charakterzug wäre erkennbar.
Wenn aber eine Gesetzmäßigkeit in der Abfolge der Halme, wie sie stehen,
erkennbar ist, etwa übergehend von stark gebeugten Halmen über leicht
gebeugte Halme, bis ungebeugten Halmen und die jeweils nachstehenden Halme
stets fast genauso stehen, dann ist auch eine Gesetzmäßigkeit erkennbar.
Mathematisch gesehen entstünde so eine einsehbare Zahlenreihe, die nicht
erst in der Unendlichkeit ihre Ordnung fände, also nie, sondern vielmehr
schon in einer überschaubaren Distanz.
Dazu nun eine Skizze, um zu illustrieren, was gemeint ist.
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Rhythmußkizze [00]
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Nachdem das Prinzip durch die Skizze illustriert wurde, nun denn auch
anhand von Handschriften Beispiele für A-Rhythmik und Rhythmik,
also Rhythmußchwäche und Rhythmußtärke.
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2 Handschriftenproben für sehr starke Rhythmußchwäche [01][02]
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2 Handschriftenproben für starke Rhythmußchwäche [03][04]
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2 Handschriftenproben für mittleren Rhythmus [05][06]
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2 Handschriftenproben für starke Rhythmußtärke [07][08]
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2 Handschriftenproben für sehr starke Rhythmußtärke [09][10]
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In der Handschrift verlagert sich zuweilen die Rhythmik vorrangig in
bestimmte Bereiche nur.
Insofern, als man sagen kann, daß Geschriebenes aus der Bewegung heraus
entsteht, dabei Formen ausbildet und sich nicht zuletzt auch im Raume
niederschlägt, kann man auch sagen, es gibt einen Bewegungsrhythmus,
einen Formrhythmus und einen Raumrhythmus.
Manchmal spricht man beim Bewegungsrhythmus von Grundrhythmus, weil die
Bewegung, aus der heraus Handschrift entsteht, etwas sehr Grundsätzliches
und Elemetares ist.
Beim Raumrhythmus hingegen spricht man zuweilen vom Verteilungsrhythmus
oder von Ebenmaß, was aber alles das Gleiche meint.
Die Unterteilung in Bewegungs-, Form- und Raumrhythmus, wenn auch
willkürlich vollzogen, ist nichtsdestotrotz aber auch sinnvoll, da die
Impulse, die die Bewegung hervorrufen, unmittelbar und direkt sind, die
sich im Raume Niederschlagenden dagegen eher mittelbar und indirekt sind.
Die Ersteren unterliegen der Bewußtseinskontrolle in aller Regel weniger,
die Letzteren dagegen in aller Regel mehr.
Die Ersteren sind in aller Regel mehr von unbewußter Herkunft,
entspringen mehr den treibenden Kräften der genetischen Veranlagung.
Die Letzteren dagegen sind in aller Regel von bewußter Beteiligung,
lassen sich gewissermaßen freier und unfestgelegter gestalten.
Es tut sich dabei also eine bestimmte Kluft auf zwischen dem mehr
Unbewußten und dem mehr Bewußten.
Genau dieses Gefälle kann sehr von Interesse sein.
Beobachten läßt es sich, um nur ein Beispiel zu nennen, wenn ein
Schreiber lange schreibt und die Impulse unbewußter Art mit denen
bewußterer Art nach und nach eine Verschiebung erfahren.
Bewußt Gestaltetes rutscht immer stärker ins Unbewußte ab, je mehr die
Konzentration nachläßt und die šbermüdung dann irgendwann eine eigene
Sprache spricht.
Dazu aber später mehr!
Für hier und jetzt sei nur wichtig, daß der Rhythmus sowohl mehr im
Bewegungsbereich, wie im Formbereich, wie auch im Raumbereich verstärkt
oder vermindert auftreten kann.
Diese Bereiche, in denen der Rhythmus wiederzufinden ist, k”nnen wir
Rhythmusbereiche nennen, da sich alles Geschriebene durch diesen Filter
betrachten läßt, und es auch nur diese drei Bereiche gibt.
Eigentlich müßten jetzt sinnigerweise sechs Beispiele folgen, drei für
Rhythmußchwäche und drei für Rhythmußtärke.
Doch m”gen Beispiele für die Stärke des Rhythmus in diesem Zusammenhange
genügen, wobei der Raumrrhythmus zusätzlich noch ausgeklammert sei, da er die
Gelungene
die Verteilung im Raume wiedergibt und das Format dieses Buches das allein
schlecht illustrieren k”nnte.
Der Raumrhythmus, um es aber wenigstens angesprochen zu haben, wird im
Allgemeinen als gute Gliederung sich zu erkennen geben - muß es aber
nicht!
Denn der Raumrhythmus gibt das harmonische Miteinander der gestalteten
Formen wieder, währenddessen die klare und konsequente Gliederung dem
v”llig zuwider laufen kann und bedacht sein kann, inhaltlich
Zusammenhängendes keineswegs auseinanderreißen zu lassen.
Nun also die verbliebenen zwei Beispiele zum Thema Rhythmus in
Rhythmusbereichen:
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Handschriftenprobe für Stärke des Bewegungsrhythmußes [14]
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Handschriftenprobe für Stärke des Formrhythmußes [15]
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Die beiden Beispiele m”gen dazu beigetragen haben, erfühlen zu k”nnen,
was Rhythmus ist und wie er sich zumindest in zwei Rhythmusbereichen
darstellt.
Wer nicht sofort erfühlt hat, was Rhythmus und A-Rhythmik im Gesamten wie
in Einzelbereichen ist, soll es gelassen hinnehmen und sich die
Beispiele dafür ”fters einmal ansehen.
Manches kann der Mensch nicht beim ersten Male Hinsehen erfassen, sondern
erst nach dem zehnten Male Hinsehen, manches auch erst nach dem
hundertsten Male.
Und wer es nach dem ersten Male sofort sieht, muß es nicht besser und
sicherer sehen, als der, welcher es bereits schon viele Male probiert hat
und es dadurch m”glicherweise gründlicher in sich aufgenommen hat.
So eine Handschrift will auswendig gelernt sein!
Das Auge muß sie abfotografieren.
Manchmal lernt man schlecht, weil die Beispiele nicht gut waren für einen
selbst, währenddessen sie für einen anderen m”glicherweise vorzüglich
waren.
Das alles gibt es.
Also: Gut Ding will Weile haben!-
Was aber haben wir erreicht, wenn wir den Rhythmus einer Handschrift
erfaßt haben?
Die Antwort: Wir haben die Handschrift im Gesamten geschaut!
Das ist wichtig; denn auch werden wir notwendigerweise die Handschrift
im Einzelnen schauen müssen.
Und wenn wir das getan haben, dann erhält das jeweils Einzelne seinen
Wert, nämlich durch das geschaute Gesamte.
Denn ohne es erklären zu müssen, müßte es eigentlich einleuchten, daß
etwa eine Kleine Handschrift nicht schlechter sein muß als eine Große
Handschrift, womit wir ein Einzelnes geschaut hätten, wenn wir nur die
sogenannte Schriftgrӧe mal ins Auge fassen.
Je nach rhythmischer Durchgestaltung des Gesamten aber ergibt sich dann
eine Aussagerichtung ganz bestimmter Art, wenn ein Einzelnes einer
Handschrift so oder so ist, im Beispiel die Handschrift groß oder klein
ist.
Wenn es wahr ist, daß das Gesamte den Wert des Einzelnen bestimmt, dann
ist es natürlich notwendig, sich gewahr zu sein, was das eigentlich ist,
dieser Wert und diese Bewertung einer Handschrift.
Also noch einmal: Das Einzelne einer Handschrift, etwa wie groß einer
schreibt, gibt keine Aussagerichtung an, die für sich genommen aber total
wertfrei ist.
Der sparsame Kleinschreiber zum Beispiel ist nicht besser und auch nicht
schlechter als der freigebige Großschreiber.
Der geizige Kleinschreiber ist nicht besser, nicht schlechter als der
großschreibende Verschwender.
Die M”glichkeit der Bewertung hingegen ergibt sich durch das Schauen des
Gesamten.
Ist die Handschrift rhythmisch durchgebildet, dann werden wir je nach dem
eher den Freigebigen beziehungsweise den Sparsamen haben, als wenn die
Handschrift rhythmußchwach ist, diese Handschrift eher dem Verschwender
beziehungsweise Geizkragen geh”rt.
Wenn wir nun Rhythmus in der Handschrift zu entdecken in der Lage sind,
dann werden viele Aussagen über diesen Menschen positiven Charakters sein.
Das ist deshalb so, weil dieser Mensch mit sich rund ist, und vieles in
ihm gut zusammenpaßt und miteinander harmoniert.
Diesen Sinn für das Harmonische, den haben wir als Betrachter, und wir
schließen auf einen guten Charakter, wenn wir diese Harmonie erblicken -
ohne sogar deswegen geistig wissen zu müssen, was Harmonie ist.
Die Handschrift eines solchen Menschen, den wir alles in allem positiv
beurteilen, wird, um es noch einmal deutlich gesagt zu haben, im Sinne
der rhythmischen Durchgestaltung sch”n sein - wird sch”n sein im Sinne
rhythmischer Durchgestaltung, nicht aber im kaligraphischen Sinne!
Eine Handschrift, die der Laie vielleicht Sauklaue nennen würde, eben eine
häßliche Handschrift im kaligraphischen Sinne, kann im graphologischen
Sinne eine sehr, sehr sch”ne Handschrift sein,
kann ein Kunstwerk sein, ein Hochgenuß sein für den Betrachter,
wenn er gelernt hat, graphologisch zu sehen.
Vielleicht ist eine solche Handschrift die von Beethoven.
Sie ist einerseits eine Sauklaue und zugleich aber auch eine Handschrift
auf h”chstem Niveau.
Wir müssen uns voll darüber im Klaren sein, daß die Bewertung einer
Handschrift und damit die Bewertung einer Person im Spiegel ihrer
Handschrift keine moralischer Bewertung ist! - keine moralische Bewertung
sein kann und darf.
Um es ruhig noch drastischer zu sagen, wo wir alle doch in diesen Breiten
einer christlichen Kultur entstammen: Der Verbrecher und M”rder kann ein
Mensch h”chsten Niveaus sein - er kann!
Und um wie weit es her ist mit allen moralischen Werten, das werden wir
uns ja schon gewahr, wenn aus Friede Krieg wird, wenn derselbe, der heute
noch hinter Gittern verschwindet, weil er Lebenslänglich bekommen hat,
morgen schon als Held gefeiert wird, weil er im Krieg hohe Abschußraten
erzielt hat.
Unter dem Kreuz fanden die Kreuzzüge statt, wurde in aller Welt zu Tode
missioniert, fanden Hexenverbrennungen statt, und, und, und...
So ist das.
Der eine wird geächtet als Verbrecher, der andere honoriert.
Zwar mag der Vergleich etwas hinken; doch wird man schon verstehen,
was gemeint ist.
Kulturkreise gibt es auf dieser Erde, wo Männer gewürdigt werden,
wenn sie m”glichst viele Zähne auf ihrer Halskette tragen.
Jeder Zahn steht für einen get”teten Menschen.
Dieser Mensch mit der sch”nen Halskette hat sich also im Lebenskampf
bewährt, und das wird nicht geächtet, sondern geachtet.
Daß dabei get”tet wurde, ist nicht relevant, zählt nicht.
Genug der Beispiele: Alle Wertung und Bewertung ist, wenn sie moralisch
nur ist, nichts mehr als subjektive Gefühlsduselei und eben blind.
Was einer wie bewertet, muß jeder selbst mit sich abzumachen wissen.
Und wenn er es weiß, dann ist das gut für ihn, dann wird er jedenfalls
dem Menschen näher stehen als dem Tier und eine Voraussetzung zur Freiheit
des Denkens besitzen.
Wertung also hier ist nicht moralische Wertung, sondern schlichtes
Abschätzen von Dingen, die vorgegeben sind und somit gegeneinandergehalten
werden müssen.
Wertung in diesem Sinne kann jederzeit in šbereinklang stehen mit
bestehenden moralischen Werten, die vielleicht gerade allgemein als
hochstehend angesiedelt werden - sie muß es aber wohlbemerkt keineswegs.
Wertung hier ist notwendigerweise jenseits von Moral!
Wir sollten lediglich vom Wunsche befangen sein, ersehen zu k”nnen,
inwieweit einer mit sich rund ist, um es ganz einfach und lapidar
auszusprechen.
Wir wollen lediglich wissen, ob er mit sich selbst in šbereinklang ist,
ausbalanciert ist, seine Mitte gefunden hat, sein Gleichgewicht gefunden
hat.
Dabei soll es v”llig unentscheidend sein, was wir pers”nlich von ihm
halten.
Die pers”nliche Meinung k”nnen wir ja trotzdem von ihm haben.
Nur müssen wir beides voneinander trennen k”nnen.
Für die Belange der Graphologie ist es also einzig entscheidend,
den sicheren Blick dafür zu bekommen, ob einer mit sich rund ist.
Das wollen wir am Menschen, wenn wir seine Handschrift vor uns haben,
versuchen, sehen zu k”nnen.
Die Aufgabe des Menschen ist eigentlich: Werde, der du bist!
Selbstfindung! Haben wir einen solchen vor uns, der sich selbst gefunden
hat, dann haben wir ein rhythmisches Gebilde vor uns in seiner Person wie
in seiner Handschrift, in allem überhaupt was er tut.
In einem solchen Falle werden wir auch weniger von einer Person sprechen
als von einer Pers”nlichkeit, die diese Person dann ist.
Eine Pers”nlichkeit sein zu k”nnen ist durchaus keine Sache leichter Art.
Wohl muß es in einem veranlagt sein.
Welche Einflüsse von außen darüber mitentscheiden k”nnen m”gen, stelle
ich zur Diskussion.
Jedes Tier aber, um es durchaus auch so herum gesehen zu haben, ist gut
von Hause aus mit sich selber im Gleichgewicht, der Hund, die Katze und
all die anderen.
Die Menschen wohl auch, wenn sie geboren werden.
Allzuschnell geraten sie jedoch aus demselben.
Dieses Gleichgewicht, was jeder braucht, das versucht jeder zu finden und
findet es mehr oder weniger.
Vielleicht ist es zuletzt sogar das Einzigste, womit wir von früh bis spät
und in der Nacht von spät bis früh beschäftigt sind.-
Vielleicht ist die Welt gar ein Etwas, das partiell überall aus dem
Gleichgewicht ist und überall dort nach genau diesem Gleichgewicht
strebt.-
Vielleicht ist die Welt nur in ihrem Gesamten im Gleichgewicht.-
Aber zurück zur Graphologie.
Bewertung ist in unserem Sinne, wie wir sie brauchen, nicht subjektive
Bewertung gerade nach unserem Gutdünken, sondern ein Feststellen,
ob Balance vorhanden ist.
Ist sie vorhanden, dann hat der Mensch die M”glichkeit gefunden, in
šbereinklang mit seiner Welt zu leben und sie innerlich annehmen zu
k”nnen.
Das kann unter Umständen den von Hause aus äußerlich Benachteiligten
besser gelingen als den in jeder Hinsicht Previligierten.
Es gibt Glückliche, die krank und arm sind, und es gibt Totunglückliche,
die gesund und reich sind.
Ob einer also mit sich selbst und seiner Welt in šbereinklang ist oder
nicht, dafür steht der Rhythmus als Prinzip.
Im weitesten Sinne steht dieses Prinzip Rhythmus auch für Sch”nheit.
Sch”nheit -in der Handschrift gewiß nicht im kaligraphischen
Sinne!- ist auch ein Prinzip, in welchen die Gesetze der Rhythmik walten.
Was ist Sch”nheit?
Es soll jetzt gewiß nicht in einem Seitenstreich philosophiert werden
darüber, was Sch”nheit ist und was nicht; das ben”tigte bestimmt allein
den Umfang eines Buches.
Es soll lediglich festgestellt werden, daß es Gesetze in uns Menschen
gibt, die Sch”nheit spontan erkennen und anerkennen k”nnen, ohne sie
deshalb erklären k”nnen zu müssen.
Wir alle urteilen doch ausnahmslos, daß Adones sch”n ist und Quasimodo
häßlich ist.
Warum das so ist?
Nun, es hat zweifelsohne mit den Gesetzmäßigkeiten des Rhythmußes zu
tun.
Zwar gibt es immer tausend und zehntausend Abstufungen und
Zwischenm”glichkeiten zwischen nur zweien schon, wollte man sie
miteinander vergleichen, aber der prinzipielle Unterschied zwischen Adones
und Quasimodo bleibt.
Auch daß die Abstufungen von denkbarem Fall zu denkbarem Fall unendlich
fein sein k”nnen und sich zum Schluß scheinbar widersprechen k”nnen,
weil der sogenannte Geschmack mal so entscheidet, mal so.
Aber das liegt dann auch daran, daß Sch”nheit, wo immer sie auftaucht,
ob in der Gestalt des menschlichen K”rpers, im Gesicht, in der Musik,
im Gemälde, in der Naturlandschaft oder sonstwo, zum Schluß auch immer
etwas Heterogenes ist.
Der Unterschied zwischen Adones und Quasimodo bleibt dennoch.
Und die Tatsache, daß der sogenannte Geschmack zum Schluß entscheidet,
der es einem doch verwehrt, immer und zu jeder Zeit etwas
Allegemeinverbindliches zu haben, sollten wir als Realität hinnehmen und
uns darüber nicht ärgern - sondern umgekehrt: daran freuen.
Denn wir wissen ja: Der Unterschied zwischen Adones und Quasimodo
bleibt, gerade so wie der Unterschied zwischen Zucker und Aas.
So herum oder so herum: Alles was sch”n ist, ist unseretwegen sch”n.
Sch”n an sich ist nichts.
Der Mensch ist das Maß der Dinge, wußte schon Protagoras.
Das Kapitel über Rhythmus, was dieser ist, wie er wo überall zu finden
ist, und wie er mit der M”glichkeit zusammenhängt, Dinge bewerten zu
k”nnen, sei hiermit abgeschlossen.
Was damit im Zusammenhange aber auch noch abgeklärt werden muß,
ist eine mehr oder weniger technische Angelegenheit.
Der Begriff Rhythmus nämlich soll im Folgenden umbenannt werden in
Formniveau.
Warum?
Der Begriff Rhythmus ist ein Begriff, den jeder ungefähr versteht und
zum Teil aus der Musik heraus kennt.
Er ist aber nicht unbedingt ein fachspezifischer Begriff innerhalb der
Graphologie.
Wohl aber der Begriff Formniveau.
Er ist ein fachspezifischer Begriff in der Handschriftenpsychologie und
bedeutet ungefähr das, was wir versucht haben als Rhythmus klarzulegen.
In der Handschriftenpsychologie brauchen wir einen solchen
fachspezifischen Begriff; denn er muß an die graphischen Gegebenheiten
der Handschrift angepaßt sein.
Das ist der Begriff Formniveau.
Der Begriff Formniveau stammt vom Begründer der Wissenschaftlichen
Graphologie, Ludwig Klages.
Seinen Begriff hat man in der Nachfolgezeit einige Male versucht,
umzutaufen, weil man meinte, man hätte etwas Treffenderes gefunden.
Ich pers”nlich kann diese Ansicht jedoch nicht teilen.
Zwar soll an einem Worte nicht alles hängen, und wegen meiner k”nnte man
es auch X-Syndrom nennen; doch wird man im Allgemeinen nach einem
Begriff suchen, der den gemeinten Sinn in sich halbwegs vereinigen kann.
Ich pers”nlich finde, daß dies der Begriff Formniveau gut leistet.
Der Begriff Formniveau besteht aus den Wortteilen Form und Niveau.
Niveau meint Level oder H”he des Rhythmußes.
Und Form meint im Zusammenhange damit etwas Wesentliches; nämlich, daß
Rhythmus auch etwas sein kann, das von der Bewegung aus, in der Rhythmus
geboren wird, wo er seine Herkunft erfährt, überfließen kann in einen
Bereich der Form, die ja letztlich gestaltet ist durch Plan, durch Geist,
durch willentliches Wollen, wenn man so will.
Es soll nicht komplizierter gemacht werden als notwendig.
Daher sei das Problem im Bilde dargestellt: K”nnten Tiere schreiben, sie
k”nnten wohl allesamt sehr rhythmisch schreiben.
Formen ausbilden k”nnten sie deshalb noch nicht.
Das aber kann der Mensch!
Der kann sie gestalten, und deswegen sogar noch nicht einmal nach allein
künstlich erzwungenem Plan.
Formen kann er gebähren unmittelbar aus der Bewegung heraus - wenn er es
kann! - was die wenigsten natürlich k”nnen.
Der Mensch im Allgemeinen hat eine Tribut für diese Fähigkeit, Formen aus
der Bewegung heraus erschaffen zu k”nnen, zu entrichten - und das ist der
Grad der Natürlichkeit, der natürlicherweise erst einmal sinken muß!
Beim Formen erschaffen bleibt ein Teil der Ungezwungenheit auf der Strecke
und wird eingebüßt.
Ein Teil des natürlichen Bewegungsflusses wird gehemmt, wird artifiziell.
Manch einen aber gibt es, der setzt viel der Bewegung in Form um.
Trotz Umstandes, einen Tribut dafür zahlen zu müssen, bleibt dieser alles
in allem ein Mensch des Ausdruckes und nicht des Eindruckes.
Wesen sonst des Ausdruckes allein sind allesamt nur Tiere.
Dem Menschen so im Allgemeinen mutet etwas Maskenhaftes an.
Es heißt, sie bräuchten die Maske, um im Verkehr miteinander es leichter
zu haben.
Die Maske macht den Menschen salonfähig!
Die Maske jedenfalls ist dieser Eindruck, und der Eindruck ist dieser
Tribut, und dieser Tribut ist das, was auf der Strecke bleibt, wenn
Bewegung in Form umgesetzt wird.
Wenn nun also Bewegung aber neu erkannt wird und neu bewertet werden kann,
eben weil Bewegung nichts von der Form steril Getrenntes ist, sondern
etwas vom Einen zum Anderen šberfließendes ist, wenn man so will, zum
Schluß die neue Variante desselben, ja die neue Variante der Bewegung
ist, ja Bewegung nach wie vor geblieben ist, dann ist auch das Wortteil
Form im Begriff Formniveau im entsprechenden Lichte zu sehen.
Die Form mag sich als Widersacher der Bewegung gebären, so wie bei Klages
der Geist ja auch der Widersacher der Seele ist; aber sie bleibt somit
etwas, das unmittelbar an der Bewegung bleibt - die Form.
Form insofern nicht als etwas Artifizielles, eigentlich Totes definiert,
sondern als etwas Lebendiges, das eigentlich Bewegung ist!
Deshalb, weil Form Bewegung geblieben ist, und diese auf komplexerer Ebene
neu definiert und damit genau das Niveau schafft, auf welchen sich
Bewegung einzupendeln vermag, meine ich, ist der Begriff Formniveau
leistungsfähig und sollte schlichtweg beibehalten werden, nochzumal er
sich auch am besten eingebürgert hat.
Wenn in anderen Büchern hier und da von Wesensgehalt etwa gesprochen wird
oder von Formh”he, dann meint das im Grunde genommen das Gleiche.
Etwas anders steht es durchaus mit dem von Roda Wieser ins Leben
gerufene Begriff des Grundrhythmußes.
Er meint im Prinzip fast ausschließlich den Bewegungsrhythmus, k”nnte man
sagen.
Zwar versuchte auch sie die Gesamtschrift ins Blickfeld zu bekommen; doch
erforschte sie Gebiete, wo besondere Ebenen der Handschrift von
bevorzugtem Intersesse sind.
Sie erforschte die Handschriften von Kriminellen und sonst
Milieugeschädigten.
Dort war es zwangsläufig nicht so notwendig gestaltende Kräfte vorrangig
ins Blickfeld zu rücken.
Und so erforschte sie stärker die öPolare Dynamikö im öGrundrhythmusö,
im Bewegungsrhythmus, wie man genauso sagen k”nnte.
So sei im Folgenden also nicht mehr der Begriff Rhythmus verwand,
sondern Formniveau.
Was die Schrift im Gesamten ist, wurde nach und nach durch den Begriff
Rhythmus nahe gebracht, den wir nun problemspezifisch so umbenannt haben,
wie er für die Graphologie griffig ist, in Formniveau.
Was die Schrift im Einzelnen ausmacht, wird dagegen noch Gegenstand
nachfolgender Betrachtungen sein.
Erst einmal versuche man den Schriftk”rper ganz allgemein zu beschreiben,
wenn wir die mehr partiellen Teile herausfiltern.
Bei der in unserem Kulturkreis gebräuchlichen Schrift handelt es sich bei
Handschrift um etwas, das sich bildet beim sich bewegen von links nach
rechts, und zwar auf einer Linie oder eben auch nur gedachten Linie.
Was sich von links nach rechts bewegt, erfährt zusätzlich eine Auf- und
Abbewegung, und nähme man dem beim Schreiben verwandten Druck noch dazu,
also das, wie stark die Feder, die Kugel oder was auch immer beim
Schreibgerät auf dem Papier mit eigentlich wechselnder Stärke aufsetzt,
dann haben wir selbst noch eine dritte Dimension dazugewonnen.
Das sich von links nach rechts Bewegende bildet ein Schreibband aus,
k”nnte man sagen, das im Mittelbereich kompakter ist, im oberen Bereich
zerklüfteter und gleichermaßen ausgedünnt im unteren Bereich.
Und so bildet sich dann Schreibband um Schreibband aus, Zeile um Zeile,
sich entwickelnd immer von links nach rechts.
Bei Arabisch beispielsweise entwickelt sich das Schreibband von rechts
nach links, was günstig ist für Linkshänder, die beim Schreiben also nicht
umgreifen müssen.
Unsere Zahlen beispielsweise sind ja Arabische, die sich ebenfalls von
rechts nach links entwickeln: 1, 10, 100, 1000, ...
Das heißt also die Einer bleiben unverändert rechts und die Zehner, dann die
Hunderter, dann die Tausender uswusf. entwickeln sich nach links weg.
Das Schreibband, damit es auch nur klar ist, hätte in der Mitte ein
Mittelband, also zum Beispiel öm,nö, hätte eine Oberzone, also zum
Beispiel die Schleife von öhö und hätte eine Unterzone, also zum Beispiel
der Bogen vom ögö.
Alles in allem finden wir alle Richtungen wieder:
links-rechts, unten-oben, hinten-vorne.
Und weil der Schreiber, wenn er schreibt, mit seiner Griffelspitze ja
immer gerade irgendwo ist, vielleicht gerade am Anfang oder doch eben
mitten im Text soeben, erlebt er sich natürlich auch immer gemäß dem,
was er zu schreiben noch gedenkt, oder eben schon geschrieben hat.
Hier an dieser Stelle läßt es sich gut von Raumsymbolik sprechen;
denn wenn er sich schreibend bewegt in einer Zeile von links nach rechts,
dann steht jeweils in einer Zeile links und oben von ihm das
Bereitsgeschriebene und rechts und unten das Nochnichtgeschriebene.
Links und oben von ihm ist das Nichtmehr, das sich als Noch-da
manifestierte, rechts und unten von ihm dagegen das Noch-nicht,
das sich erst noch zu mani-festieren gedenkt.
Wenn nun gesagt wurde, links und oben war das Nichtmehr, rechts und unten
dagegen das Nochnicht, dann war damit implizit auch ausgesagt, daß das
tatsächliche Sein ja auch irgendwo zu sein hat und eben damit zugleich
auch wo, nämlich genau dazwischen.
Das ist, wo der Schreiber gerade seine Feder aufsitzen hat.
Jetzt ist er hier, gerade noch war er da, nächst wird er schon dort sein.
Dort, wo er immer gerade ist, da ist für ihn Gegenward.
Dort, wo er bereits war, ist jetzt Vergangenheit, etwas, das für den
Schreibenden als Subjekt zum Objekt wurde.
Dort, wo er noch hin will, ist Zukunft, etwas, das für ihn als Subjekt zum
Objekt werden wird.
Dort, wo die Gegenwart jeweils immer gerade ist, ist auch immer das
Subjekt, das sich selbst stets zugleich auch als Objekt auffassen kann.
Das Subjekt sagt immer: öIchö.
Das Objekt hingegen ist immer das Andere.
Es ist auch der andere Mensch, das öDuö.
Es ist aber auch das öMichö.
Denn kein Mensch erfährt sich nur als Subjekt, sondern mit dem Finger
gewissermaßen auf sich selbst zeigend auch als Objekt.
Das öMichö finden wir natürlich verstärkt sich rückbesinnend links von
uns, im bereits Geschriebenen, dem Vergangenheitsverwandten.
Das öDuö dagegen finden wir verstärkt erwartungsgemäß rechts von uns im
noch nicht Geschriebenen, dem Zukunftsverwandten.
Natürlich besteht eine Affinität zwischen links und rechts auf der einen
Seite und unten und oben auf der anderen Seite.
Wenn links Vergangenheit ruht, dann gewiß auch unten, wo Erdenhaftes,
Schattenhaftes und Unbewußtes ruht.
Wenn rechts Zukünftiges wartet, dann gewiß auch oben, wo Himmelhaftes,
Lichtartiges und zum Bewußtsein strebendes hoffnungsvoll sich ziehen
läßt.
Der Schreiber in seinem tatsächlichen Sein wird immer dort gerade sein,
wo er ist: nämlich mit der Feder aufsitzend auf dem Papier.
Links von ihm das Vergangene, rechts von ihm das Zuküftige, gerade so,
wie eben schon gesagt wurde, und zugleich auch zwischen unten und oben,
wie es noch nicht gesagt wurde, unentwegt zwischen beiden Polen hin und
her pendelnd.
šberwiegend ist er in der kompakten Mitte, nicht ganz so oft dagegen in
der Ober-und Unterzone.
Folglich ist, wenn die Unterzone der Vergangenheit und dem Unbewußten
entspricht, und die Oberzone dem Künftigen und Bewußtseinsorientierten
entspricht, die Mittelzone, also das Mittelband, dasjenige, wo Gegenwart
ist, was als zentral erlebt wird.
Die Mitte spricht immer öIchö, und sie entspricht auch dem öIchö.
Natürlich ist es ein Willkürakt, zu sagen; links ist synonym mit unten,
unten ist synonym mit Erde, Erde ist synonym mit unbewußt und so eben
gleichermaßen rechts mit oben, oben mit Himmel, Himmel mit
Bewußtseinsorientiertem.
Aber das reicht im Wesentlichen auch.
Letztenendes ist das auch so, weil wir es so wollen, weil wir innerlich so
ausgerichtet sind.
Hier läßt sich nicht erklären, was sich durch sich selbst sinnfällig
erklärt und sich nicht weiter rückführen läßt.
Dinge erklären zu wollen, ist gut und sinnvoll.
Unerklärbare Dinge, die ab dem Augenblick des Erklärtwerdens mit sich
selbst in Widerspruch geraten, sollte man nicht erklären wollen, weil man
dann daran verzweifelte, sie nicht erklären zu k”nnen.
Es gibt in der Tat viele unerklärbare Dinge, sonderlich zwischen Himmel
und Erde.
Nehmen wir es hin, daß der Geist himmelwärts ausgerichtet ist, der K”rper
aber erdwärts.
Der Geist ist gewiß nicht nur oben, weil das Gehirn im Kopfe sitzt, den
der Mensch oben trägt, er wäre wohl auch oben, wenn er in den Füßen
säße.
Die Erde ist eben unter uns, so wie der Himmel über uns ist.
Und die Erde ist eben das, woraus wir mit samt K”rper hervorgehen, woraus
alles Stoffliche ist, das wir vorfinden.
Und der Himmel ist eben luftig und flüchtig wie der Geist auch.
Kaum haben wir Zweifel daran, daß Materie nichts weiter ist als kompakte
Energie beziehungsweise kompakter Geist, und kaum haben wir Zweifel, daß
Kraft und Energie, beispielsweise dasselbe in organisierter Form als Geist
wiederzufinden, nichts weiter ist als ausgedünnte luftige Materie.
Wären wir nicht Menschen mit Menschengeistesaugen, dann würden wir den
Unterschied zwischen Energie und Materie garnicht wahrnehmen.
Auch nach Einstein schon besteht v”llige ?quivalents zwischen Energie und
Materie, und zwar im Zusammenhang: E=mc2.
Aber nun sind wir Menschen nur, ohne G”tter etwa zu sein und machen diesen
Unterschied zwischen Materie und Energie.
Wir sind keine G”tter und wissen daher nicht, was das ist, Materie an
sich.
Für uns ist sie Schwere, Trägheit, Widerstand etwa.
Aber was ist Schwere, Trägheit, Widerstand schon wieder?-
Was sich daraus ergibt, ist lediglich ein Teufelskreis des Fragens.
Die Dinge allesamt sind und bleiben halt lediglich das, was sie für uns
sind und nicht, was sie an sich sind.
Wir interpretieren sie allesamt nur und legen sie uns unseren biologischen
Notwendigkeien gemäß zurecht.
Und so sind dann synonym: Links, unten, Erde, Materie, Unbewußtes,
Herkunft, Vergangenheit einerseits sowie rechts, oben, Himmel, Energie,
Bewußtes, Zielbedingtes, Zukunft andererseits.
Daß es dabei auch mal zu šberschneidungen kommen kann, darf nicht zu
schwer wiegen.
Nicht das Entwederoder gilt immer nur, oft auch das Sowohlalsauch!
Da die Handschrift immer (!) ein Gesamtes ist und nie ein aus isolierten
Elementen Bestehendes ist, ist damit zugleich auch klar, daß die
Handschriftelemente am Ende selbstverständlich nie (!) Elemente sind.
Wir nennen sie nur Elemente, um benennbar zu machen, was eigentlich
unbenennbar ist.
Die Elemente im hier gemeinten Sinne sind also gewissermaßen besondere
und jedenfalls ineinander überfließende Elemente.
Sie sind ihrer Natur nach nicht quantitativ, sondern qualitativ.
Und weil es sinnvoll ist, die Handschrift zergliedert und aufgeschlüsselt
zu sehen, benutzen wir diese willkürlich erzeugten Elemente aus der
Trickkiste der künstlichen Bausteine, weil mit ihnen und durch sie
Probleme darstellbar sind.
Die Schriftelemente, ungefähr zwanzig an der Zahl, sollen nun vorgeführt
und näher behandelt werden.
Und weil es ungefähr zwanzig an der Zahl sind, wird es mengenmäßig in dieser
Abhandlung entsprechend ins Gewicht fallen.
Da die Schriftelemente, wie bereits gesagt wurde, zum Schluß ja keine
Elemente sind, sondern nur Fiktivgebilde, müssen sie häufig auch im Lichte
anderer, durch die sie ausnahmslos durchdrungen, beeinflußt und
mitbestimmt sind, gesehen und beurteilt werden.
Element durchmischt sich mit Element.
Da kann es im Texte schon mal vor- und rückwärts, hin und her und kreuz
und quer gehen.
Nichtsdestotrotz soll eine gedankliche Reihenfolge selbstverständlich
eingehalten werden.
Denken wir stets daran: das Ganze ist immer mehr als die Summe seiner
Teile!
Und die Teile sind uns nur Hilfsmittel, das Ganze besser in den Griff zu
bekommen.
Sowie wir das Ganze geschaut haben, vergessen wir besser unverzüglich,
daß wir es uns durch Teile, die wir uns in einem Akte der Willkür
hervorgezogen haben, zugänglich gemacht haben.
Nun aber zu den Schriftelementen!
Sie sind, wenn man einmal davon absieht, daß sie zum Schluß stets in
allen drei Rhythmusbereichen repräsentiert sind, häufig nur einem
Rhythmusbereich, oft auch zweien zuzuordnen, wenn man Ordnung in das Ganze
bringen will.
Damit wir uns die Schriftelemente psychologisch erschließen k”nnen,
müssen wir sie uns zu allererst notwendig graphisch erschließen.
Erst kommt der Graphische Tatbestand, dann die Graphologische Ausdeutung.
Der Graphische Tatbestand ist oft ausmeßbar mit dem Lineal oder
Winkelmesser.
Auch eine Lupe läßt Einzelheiten sichtbar werden, auf die das Auge ohne
dieses künstliche Hilfsmittel nie stoßen würde.
Steigerungen lassen sich erfahren, zum Beispiel bei Benutzung eines
Stereomikroskopes, durch dessen Hilfe Eindrücke der Tiefe wahrnehmbar
werden.
Oft aber ist der graphische Tatbestand nur durch Schätzen erschließbar,
und Lineal und Winkelmesser helfen dann wenig nur.
Das durch Schätzen Erschlossene -noch immer Tatbestand bleibend!- wird
dann undeutlich, verschwommen, defus.
Nichtsdestotrotz vermag das geübte Auge es dennoch einzuschätzen.
Erfahrung ist alles, und der, welcher sie besitzt, versteht spontan, was
gemeint ist.
Der Laie hat eben diese Erfahrung nicht.
Aber auch er hat Erfahrungen gemacht, andere Erfahrungen auf anderen
Gebieten und weiß, daß er auf seinem Sektor mehr, schneller und sicherer
sieht und reagieren kann als ein Unkundiger.
In der Graphologie ist es nicht anders.
Wenn man den Graphischen Tatbestand in sich aufgenommen hat, die
Handschrift innerlich abfotografiert hat, dann folgt das Eigentliche:
Die Ausdeutung dessen, was man in sich aufgenommen hat.
Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, ist m”glicherweise die erste Frage,
die man sich stellt.
Warum, mag man sich fragen, schreibt der Schreiber so und nicht so oder
noch anders?-
Die Norm gibt doch vor, wie man eigentlich zu schreiben hätte.
In der Schule haben wir es doch alle gelernt.
Diese Norm tun wir doch alle kennen, erkennen und anerkennen.
Und k”nnten wir regelmäßig schreiben, gerade so wie eine Schreibmaschine
tippt, so täten wir es vielleicht! - oder vielleicht auch gerade deswegen
nicht? -
Aber wie auch immer herum, wir verm”gen es nicht und weichen immer von der
Vorgabe ab.
Zum einen weichen wir von der Vorgabe ab, weil wir das Regelmaß nicht
einhalten k”nnen, da wir nicht so präzise schreiben k”nnen, wie eine
Maschine tippt -sie k”nnte angenommenerweise ja auch Schulnorm tippen
anstelle von Drucklettern-.
Zum anderen weichen wir von der Vorgabe ab, weil wir in unseren K”pfen ein
vorgefertigtes Innenbild herumtragen, wie der jeweilige Buchstabe
gestaltet werden soll und diese Gestaltung halt abweicht von dem,
was Norm ist.
Die Abweichung von der Norm allerdings ist im Allgemeinen nicht zu groß.
Auf diese Weise bleibt die Handschrift für Jedermann lesbar und verliert
nicht ihren Sinn dabei, nämlich Informations-Transport-Medium zu sein.
Es kommt wohl vor, daß einer unleserlich schreibt und seine eigene Klaue
nicht entziffern kann.
Aber es ist die Ausnahme.
Wenn wir alle der Norm gemäß ganz präzise und exakt schreiben k”nnten und
es folglich auch keine Abweichung von der Norm gäbe, dann wäre Graphologie
ein Fremdwort und müßte es wohl auch auf immer bleiben.
Dann wäre Individuelles in der Handschrift nicht vorhanden.
Nun steht es aber anders, und das, was wir Handschrift nennen, was ja
Informations-Transport-Medium zum einen ist, ist zugleich auch etwas
anderes, weil es von seiner Vorgabe abweicht.
Daß diese Abweichung nicht nur zufallsbedingt ist, sondern vielmehr
bedingt ist durch individuelles Vorgehen, muß mindestens für m”glich
gehalten werden dürfen.
Die Vermutung liegt nahe, daß individuelle Anteile mit eingeflossen waren,
als die Handschrift von der Vorgabe abwich.
Die Handschrift im graphologischen Sinne ist also eigentlich Abweichung
von der Handschrift als Normvorgabe.
Das eine ist und bleibt die Schrift als Handschrift im Sinne eines
Information-Transport-Mediums.
Das andere aber ist die Schrift als Handschrift im Sinne einer Abweichung
von der Norm.
Das eine ist das Interindividuelle, also das Un-in-dividuelle, das
Kollektive.
Das andere aber ist das Individuelle.
Im einen wird das öWasö transportiert.
Im anderen wird das öWieö akzentuiert.
Im einen ist das Kopierte und Reproduzierte.
Im anderen ist das Neugesch”pfte und spontan Produktive.
Interessant und untersuchungswert wäre hier vielleicht die Frage,
inwieweit bei der Handschriftenentstehung die Abweichung von der Norm,
also der Umstand, nicht so exakt tippen zu k”nnen, wie die Maschine es mit
Leichtigkeit tut, schon Sch”pferkraft und Produktivität ist, wo doch die
Abweichung von der Vorgabe zumindest schon Aufgabe oder gar Zerst”rung des
Vorhandenen ist, wenn man so will, die Erneuerung des Alten ist.
Oder graphologischer gefragt, ob bloßes Abweichen, weil nicht genauer
k”nnen, nicht auch schon einhergeht mit unbewußt entworfenem Bild, das
sich neuschaffend gebiert.-
Nun k”nnte es fast schon so weit sein, das erste Schriftelement zu
behandeln, bliebe da nicht noch eine kleine Vorarbeit rein methodischer
Art abzuleisten.
Bevor wir nämlich die Schrift in ihre Elemente zerlegen, wollen wir nun
noch rasch auch die Buchstaben in ihre Elemente zerlegen.
Dazu wollen wir gemeinsam den Stift aufs Papier setzen.
Das machen wir rein gedanklich.
Indem wir den Kleinbuchstaben -Minuskel- ömö malen, sind wir die
gesamte Zeit über in der Mittelzone, durch das sich das Mittelband
erstreckt.
Der erste Strich der Minuskel ömö zielt nach unten.
Er kommt zustande durch die Beugung der Finger.
Diesen Strich nennen wir daher auch Beugestrich, und wir nennen ihn aber
auch Abstrich oder Grundstrich, weil er abwärts gen Grund geht.
Um zu dem nächsten der drei Beugestriche der Minuskel zu gelangen,
müssen wir zuallererst nach oben wieder.
Dabei strecken sich die Finger.
Diesen beugestrichverbindenden Teil nennen wir daher Streckstrich, und wir
nennen ihn aber auch Aufstrich oder Haarstrich, weil er aufwärts strebt
wie ein Haar.
Das Gleiche geschiet sich wiederholend, wenn wir den dritten Beugestrich
malen wollen, der in der Minuskel ömö vorkommt.
Bei der Minuskel ömö sind, wie schon beiläufig erwähnt, die Striche
zwischen den Beugestrichen Verbindungsstriche, da sie die Beugestriche
verbinden.
Bei der Minuskel öuö ist das alles nicht anders.
Der Verbindungsstrich ist eben nur nicht oben, sondern unten.
Diesen normalen kurvigen Strich nennen wir Basisstrich.
Doch noch einmal zurück zum Beuge-, Grund-, Abstrich und Streck-, Auf-,
Haarstrich.
Ein Streckstrich wird im Allegemeinen immer ein Auf- und Haarstrich sein.
Er muß es aber nicht sein!
Eine Streckung k”nnte auch nach unten zielen!
Ein Beugestrich dementsprechend wird in aller Regel stets ein Ab- und
Grundstrich sein.
Er muß es aber nicht sein!
Eine Beugung k”nnte auch nach oben zielen!
Und all solche Besonderheiten k”nnen natürlich diagnostisch von Bedeutung
sein.
So oder so, der Ab-, Grundstrich markiert immer den wesentlichen Teil in
einer Handschrift, da die Handschrift selbst dann noch lesbar bleibt,
wenn alle Auf-,Haarstriche schon fehlen.
Der Auf-, Haarstrich hingegen markiert stets den unwesentlichen Teil,
da die Handschrift nicht mehr entzifferbar bleibt, wenn alle Ab-,
Grundstriche fehlen.
So hat denn auch die Druckbetonung beim Schreiben überwiegend auf dem
Grund-, Abstrich zu liegen.
Dazu dann aber mehr, wenn die Schriftelemente Druck und Verbundenheit
behandelt werden.
Das Mittelband in der Mittelzone, in welchem wir uns nun die ganze Zeit
über aufhielten, nennen wir auch in seiner H”henausdehnung i-H”he,
da es gemäß der Norm genauso hoch ist, wie die Minuskel öiö hoch ist,
wenn wir uns den i-Punkt wegdenken.
Die Minuskel öiö ohne i-Punkt repräsentiert also die Mittelbandsh”he pur,
k”nnte man sagen.
Blieben jetzt noch die Oberlängen in der Oberzone, die Unterlängen in der
Unterzone und die Langlängen, welche die Ober- wie die Unterzone
durchlaufen.
Eine Oberlänge finden wir beispielsweise in der Schleife der Minuskel öhö.
Und eine Unterlänge finden wir beispielsweise in dem Bogen der
Minuskel ögö.
Die Langlänge präsentiert sich durch beides zusammengenommen,
beispielsweise in der Minuskel öfö, wenn der untere Teil in der Unterlänge
durchgezogen ist, also öŸö, sowie auch bei der Minuskel ößö.
Daß Majuskeln meistens die Mittel- und Oberzone durchlaufen, muß
eigentlich nicht extra erwähnt werden, genauso wenig wie der Umstand,
daß einige Majuskeln alle drei Zonen durchlaufen.
Und das wäre es dann wohl wirklich.
Nun k”nnen wir -endlich!- dazu überschreiten, die Schriftelemente
Kapitel für Kapitel einzeln zu behandeln.
Ab sofort also halten wir ausschließlich konkretes Material in der Hand.
KAPITEL 04
SCHRIFTGR™ßE
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Schriftprobe für sehr Kleine Schriftgr”ße [17]
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Schriftprobe für mittlere Schriftgr”ße [18]
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-------------------------------------------------------------------------
Schriftprobe für sehr große Schriftgr”ße [19]
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Definition
Schriftgr”ße ist die H”he der Schrift im Mittelband.
Schriftgr”ße ist die i-H”he.
Graphischer Aspekt
Die Schriftgrӧe einer Handschrift kommt in zwei Rhythmusbereichen vor:
Sie ist Raummerkmal und Bewegungsmerkmal.
Die Gr”ße einer Handschrift läßt sich überwiegend aus der i-H”he
ermitteln.
Dort gilt als Mittlere Schriftgr”ße eine i-H”he von zwei bis drei
Millimeter.
Werden zwei Millimeter unterschritten, sprechen wir von einer kleinen
Schriftgr”ße, und werden drei Millimeter überschritten, dann sprechen
wir von einer großen Schriftgr”ße.
Die Gr”ße einer Handschrift muß zuweilen aber auch aus den Langlängen
ermittelt werden.
Eine Langlänge finden wir sehr klar im Buchstaben öŸö.
In der Abschätzung einer Handschrift k”nnte man aber gut die Ober- und
Unterlängen verschiedener Buchstaben zusammengenommen als Langlängen
akzeptieren.
Ist nun eine solche Langlänge in einer bei uns durchaus kleinanzusetzenden
i-H”he groß, dann hätten wir eine große Handschrift - gewissermaßen
trotzdem.
Sechs bis neun Millimeter wären hier der Durchschnitt etwa.
Und wären sechs Millimeter unterschritten, gelte die Handschrift als
klein, so wie sie andererseits bei einer šberschreitung von neun
Millimeter als groß gelte.
Daraus ergibt sich also:
Sehr große Schriftgr”ße i-H”he 04-05mm
große Schriftgr”ße i-H”he 03-05mm
mittlere Schriftgr”ße i-H”he 02-03mm
kleine Schriftgr”ße i-H”he 01-02mm
Sehr kleine Schriftgr”ße i-H”he < 0.5mm
Sehr große Schriftgr”ße Langlänge 10-11mm
große Schriftgr”ße Langlänge 09-10mm
mittlere Schriftgr”ße Langlänge 06-09mm
kleine Schriftgr”ße Langlänge 05-06mm
Sehr kleine Schriftgr”ße Langlänge < 0,5mm
Zuweilen ist es n”tig, die i-H”he und die Langlängen einer Handschrift
konsequent nachzumessen.
Eine Handschrift wirkt nämlich deutlich gr”ßer, wenn der Neigungswinkel
steil ist, als wenn er stark geneigt ist.
Was Neigungswinkel ist, läßt sich dann aus im Kapitel über Schriftlage
erfahren.
Graphologischer Aspekt
Man k”nnte sagen, ein Schreiber, der auf dem Papier viel Raum einnimmt,
beansprucht auch im täglichen Leben viel Raum.
Diese Analogie stimmt tatsächlich.
Man lerne Großschreiber kennen, sie liefern den Beweis.
Denken wir uns einen Menschen, der viel zu groß schreibt, der natürlich
auch im täglichen Leben viel zu groß auftritt.
Das Schriftmerkmal Schriftgr”ße fällt bei ihm selbstverständlich
besonders ins Gewicht.
Die anderen Schriftmerkmale dagegen fallen nicht so sehr ins Auge.
Man k”nnte sagen, wenn die Schriftgr”ße als Schriftmerkmal zu sehr
anderen Merkmalen gegenüber dominiert, dann fällt sie aus dem Rahmen - sie
fällt aus dem rhythmischen Rahmen.
Sie fällt aus dem rhythmischen Gefüge.
Das weist Arhythmik auf.
Die ?sthetik ist gest”rt.
Der Schreiber kann so sein Pers”nlichkeitsniveau nicht halten.
Im Leben wirds sich zeigen: Zu viel Pathos und Gehabe.
Zu viel zu Kleines zu groß aufgepumpt, wie ein Luftballon, der gr”ßer
aber hohler und leerer wird, dem die Luft gar entweicht, sodaß er groß,
hohl, schlaff, leer ist.
Vielleicht ist dieser Mensch von übersteigerter Selbsteinschätzung,
vielleicht ist er einfach nur ein Maulheld und Blender und selbst auch
total harmlos dabei.
Vielleicht mutet er sich viel zu viel zu und handelt gerne unbedacht so
aufs Geratewohl drauf los.
Vielleicht ist aber seine maßlose Arroganz unausstehlich.
Immer aber wird man ihn irgendwie merken.
Die Darstellung seiner selbst, das Sich-zur-Schau-tragen ist sein
eigentlich Element.
Keine graue Maus ist er, und er mischt gerne in vorderster Linie mit.
Sich hinten anstellen ist nicht seine Stärke.
Und am Stundenzeiger geht er kaputt, wenn er ihm geduldig hinterherschauen
muß.
Immer drängt es ihn nach vorn.
Anders sieht es aus, wenn die Handschrift nicht zu groß ist, sondern nur
groß ist, und die Schriftgr”ße rhythmisch in den Gesamtrahmen aller
Schriftmerkmale hineinpaßt.
Vielleicht ist der Schreiber dann von gesunder Selbsteinschätzung,
tatenfreudig und setzt tausend Dinge in die Tat um, wovon andere nur
träumen.
Der mit Normalgrӧe Schreibende hingegen wird eher die Waage halten
zwischen Kräften des Ausgriffes und denen des Ansichhaltens.
Will man ihn näher beschreiben, so wird man sich als Beobachter nach
anderen Schriftmerkmalen umtun müssen, die auffälliger und markanter sind.
Der Kleinschreiber ist naturgemäß der, welcher selbst hinter der Sache
zurück bleibt und Abstand zu ihr hat.
Er nimmt sich nicht so wichtig und setzt seine Wortk”rper nicht so
dominierend in den Raum.
So mag er sachlich und objektiv sein.
Er vermag auf dem Papier auch besser Ordnung halten zu k”nnen, weil er
leichter gliedern und aufteilen kann, was im Gegensatz zum Großschreiber
steht, der es bevorzugt, Raum zu verbrauchen, vielleicht zum Ausschmücken
und gestalten.
Der Kleinschreiber wird durch äußere Lebendigkeit nicht immer auffallen.
Vielleicht ist er innerlich sehr regsam.
Wahrscheinlich ist er nach außen hin passiv in der Wirkung, vielleicht
grau und farblos oder sogar statisch.
Naturgemäß findet man unter Kleinschreibern auch die Kleinkarierten,
Kleinlichen und ?ngstlichen, die ohne Courage.
Der Kleinschreiber ist oft der Denkende oder auch Bedenkende.
Der Bedenkende nicht selten denkt und bedenkt solange, bis alles Bedachte
bei aller Bedachtsamkeit endlich bedenklich geworden ist.
Auf diese Weise kommt er zu guter allerletzt gar nicht erst zum Handeln.
Er mag auch der Bescheidene sein, die anspruchslose Natur oder gar ein
Asket.
Im Extremfall ist er der Gelähmte, der nicht zum Handeln kommen kann.
Manchmal ist er dabei ein kraftvoll schreibender Mensch, bei dem
allerdings Kraft gegen Kraft geht und Kraft Kraft ausl”scht und Kraft
Kraft nur spontan, fast unbegründet wie zufällig puscht.
Dort haben wir gewiß pulsierendes Leben unter der Oberfläche.
Solche sind gelegentlich die nicht geforderten, die aufgefordert werden
müßten, manchmal auch schlicht gef”rdert werden müßten, ja, unter
Umständen sogar getreten werden müßten.
Kraftvolle Kleinschreiber gelten als Großschreiber.
Interessant ist, daß statistisch gesehen Frauen gr”ßer schreiben als
Männer.
Graphologisch gesehen verwundert das weniger, weil eine dominierende
Fühlfunktion im Erleben eines Mannes nicht die Handschrift verkleinert,
sondern vergrӧert.
Verkleinern, das genau aber tut die im Manne stärker ausgeprägte
Denkfunktion im Erleben der Dinge.
Grӧer, last but not least, schreibt auch der, welcher schlecht sehen
kann.
Wollen wir nun zwei große Handschriften gedanklich miteinander
vergleichen, um nicht nur den räumlichen Aspekt der Schriftgr”ße erfaßt
zu haben, sondern auch den der Bewegung, damit dann auch klar geworden
ist, daß man bei dem Schriftelement Schriftgr”ße, wie eingangs bereits
erwähnt, zwei Rhythmusbereiche zu berücksichtigen hat.
Nehmen wir zwei Handschriften an, beide groß, doch nur eine bewegt.
Wir gehen dabei einfach vom Eindruck aus.
Die eine ist also nicht nur groß, sondern sie wirkt dabei auch noch
bewegt, dynamisch, flexibel und kraftvoll - ist also von innen her zur
Grӧe durch Bewegtheit, Geschmeidigkeit, Dynamik und Kraft getrieben
worden.
Das Ganze k”nnte so aussehen, als hätte einer einen reißenden Wasserfall
gemalt.
Auf einem solchen Gemälde bewegt sich zwar nichts, vielmehr alles ruht in
vollkommener Statik - alles aber wirkt wild bewegt.
Die andere Handschrift dagegen ist zwar genauso groß
-sieht vielleicht rein optisch gesehen der ersteren sehr ähnlich-,
wirkt aber schlaff, lasch, spannungslos, kraftlos, fade und ist, fast
k”nnte man es so sagen, zur Gr”ße gezwungen worden von außen her nur,
ohne daß von innen her Energien getrieben hätten.
Dieser faltige Windbeutel mag in seinen Schriftzügen im permanenten Auf
und Ab dürftig aufgestelzt wirken.
Der Schreiber der letztgenannten Schrift wird einer Diskrepanz ausgesetzt
sein zwischen einerseits dem, was er sich von den Leitbildern her wünscht,
worauf er sich von diesen angezogen Appetit machen läßt und andererseits
dem, was er von seinem Innern her wirklich bei Herzenskraft selber will,
weil er Hunger hat wie ein wildes Raubtier.
Er wird häufig mehr tun als er Kraft dazu hat.
Er nimmt sich zu schnell zu viel vor und ist un”konomisch.
Seine Augen sind gr”ßer als sein Appetit, k”nnte man sagen.
Zweifelsohne wäre dies umsomehr wahr, wenn der Schreiber auch mal weit
schreibt und dazu noch mit extremer Mittelpunktsflüchtigkeit.
Hierzu dann aber mehr in den Kapiteln Schriftweite und
Längenunterschiedlichkeit.
Es geht bei einem einzelnen Schriftelement, wie dem der Schriftgrӧe in
diesem Kapitel jetzt stets nur um ungefähre Richtungen und Tendenzen, die
verstärkt oder vermindert werden k”nnen durch andere affine oder eben
entgegengesetzte Merkmale.
Die Verstärkung kann sich vollziehen bis zur unerträglichen Aufaddierung
und die entsprechende Verminderung bis zur v”lligen Aufhebung von
Wesenszügen.
Auch ist es m”glich, daß ein Schreiber weniger die Diskrepanz zeigt
zwischen dem, was er will und dem, was er tut, sondern, daß er einfach
nur sein will, nämlich Mamas Liebling, der Nabel der Welt in aller
Selbstgefälligkeit, für den selbstverständlich alle dazusein haben.
In seiner Imagination dreht sich ein alles umschließender Kosmos ganz
allein um ihn, und alle sollen ihn bedienen in diesem seinen
Schlaraffenland.
Alle sind für ihn nur da - so meint er; denn er träumt gern die Märchen
aus 1000+1 Nacht.
So beschrieben schriebe dieser bestimmt bei breitem Mittelband voll und
teigig - letzteres ebenfalls Schriftelemente sind, die in späteren
Kapiteln noch vorgestellt werden sollen.
Daß einem Dummen es leichter fällt, die Welt auf diese Weise
wahrzunehmen, leuchtet ein.
Aber dennoch ist es primär der Charakter, der sich auf Biegen und Brechen
sein Recht verschafft.
Die Klugheit, die es liebt, nachzugeben, ist ohne den Charakter nicht mehr
als ein nur Wort.
Klugheit, rein, pur ist eben etwas recht Sekundäres nur!
Der Charakter stets hat auch der nacktesten Intelligenz immer und
jederzeit noch seinen Streich gespielt, überall und immer bei jedem; denn
Eitelkeit im Allgemeinen ist stärker als vernünftige Notwendigkeiten - so
will es wohl die Natur.
Und so trifft es den Intelligenten durchaus genauso.
Intelligenz ist eben nicht Vernunft.
Selbst dumme Tiere sind nach ihren eigenen Maßstäben bemessen vernünftig.
Der Mensch aber nicht immer.
Oft ist er t”richt - auch der Allerklügste, nämlich in seiner kleinen
Eitelkeit, die ihm die Sicht für Realitäten versperrt!
Wie viele Menschen es doch gibt, die die 17. Wurzel aus 27 ziehen k”nnen,
aber 1+1 nicht zusammenzählen k”nnen!-
Aber zum Thema Intelligenz später erst; sie verrät sich in der
Knüpftechnik der Verbindungen.
Es muß nun auch noch auf sogenannte Sondermerkmale eingegangen werden;
denn nicht jede Handschrift ist einfach nur normal groß, sondern manche
sind mikroskopisch klein oder andersherum über alle Maßen groß oder,
daß sie wechseln von einem Extrem ins andere.
Und es gibt etliche, die man im Zusammenhang mit anderem zu
berücksichtigendem in Zusammenhang zu bringen hat.
Schlichtweg, es gibt eben auch Besonderheiten bei dem Schriftmerkmal
Schriftgrӧe.
Solche sind zum Beispiel:
Arhythmischer Wechsel in Grӧe
Einzelne Elemente besonders groß
Extreme Grӧe
Extreme Kleinheit
Kleinheit bei Druckstärke
Rascher Grӧenschwund
Schwindende Wortenden
Wachsende Wortenden
Auffalend große Kleinbuchstaben
Verkümmerte Einzelbuchstaben
Bei arhythmischen Wechsel in der Schriftgr”ße ist zu erwarten, daß der
Schreiber in den Impulsen, die er auslebt sehr unterschiedlich ist,
beziehungsweise daß es ihm beliebt, sich unterschiedlich darzustellen.
Bei einzelnen Elementen, die besonders groß sind, haben wir in etwa das,
was wir bei wechselnder Schriftgrӧe haben.
Hier ist es angeraten, zu schauen, wo diese pl”tzlichen šbergr”ßen
auftreten.
Manchmal erscheinen sie zusammenhangslos, manchmal aber im Zusammenhange,
sodaß man ganz spezielle Hinweise auch erhalten kann für das, was dem
Schreiber wichtig ist, egal, ob er nun davon weiß oder nicht.
Bei Extremer Gr”ße haben wir den, der es n”tig hat!
Denn auch der, welcher Raum braucht, um sich wüst austoben zu k”nnen,
bleibt alles in allem in einem bestimmten nämlich durch das Papierformat
vorgegebenen Rahmen.
Bei extremer Kleinheit haben wir den zur Entäußerung Unfähigen, der
geduckt dahinkriecht, den Geizigen, den ™konom auch, der aber nicht mehr
”kologisch ist.
Bei allem nimmt er sich selbst zurück und läßt neben sich nur noch die
Sache bestehen.
Auch hier ist der Ruf nach seinem Gegenteil bereits unüberh”rbar.
Niemand besteht allein aus seiner Innenwelt nur.
Jeder will seine Innenwelt in den Abgleich mit der Außenwelt bringen.
Das erst macht die Welt im Gesamten aus.
So nur ermächtigt man sich ihrer.
Das macht Macht aus.
Alles andere ist Ohnmacht.
Bei kleiner aber auffallend druckstarker Schrift, h”rt man f”rmlich schon
den Ruf aus der Stille.
Hier versucht sich Unerh”rtes Geh”r zu verschaffen.
Hier ist still, was laut sein will.
Bei raschem Gr”ßenschwund haben wir natürlich einen Hinweis auf einen
Kraftschwund, der unterschiedliche Gründe haben kann.
Einer wäre, daß hier anfangs mit inneren Recourcen zu verschwenderisch
umgegangen wurde, sodaß die Kräfte alsbald erlahmen und der Schreiber
sich in Ausgleich bringend wieder zurücknehmen muß.
Mit lauten Glockengebimmel kommt er dahergerannt, um dann im Stillen zu
verstummen.
Bei schwindenden Wortenden verhält es sich ähnlich.
Hier allerdings wird eben auf den unnützen Rattenschwanz nicht mehr der
große Wert gelegt.
Mag hier einerseits in der Befähigung des Betreffenden Wesentliches von
Unwesemtlichen unterschieden werden k”nnen, es ist zugleich auch eine
gewisse gleichgültige Haltung, die sich Durchhalten und gründlich etwas
zu ende bringen wollen nicht gerade auf die Fahne schreibt.
Oft sind es ja auch nur die ewig wiederkehrenden Wortendungen:
öenö, öerö etwa.
Je nach dem von wo an die Wortenden schwinden, kann das schwindende
Wortende übergleiten in Wortendeunterbetonung, was mit
Wortanfangüberbetonung zusammenhängt.
Dazu aber mehr in einem späteren Kapitel.
Bei wachsenden Wortenden haben wir den Umgekehrten Fall.
Dazu ebenfalls mehr in einem späteren Kapitel.
Bei auffallend großen Kleinbuchstaben wird ein naiver Anspruch sichtbar,
nämlich sich zur Schau zu tragen.
Bei verkümmerten Einzelbuchstaben zeigt sich eine Gest”rtheit im
rhythmischen Gefüge des Zusammenspiels von Klein und Groß.
Man wird schauen müssen, wo Einzelbuchstaben verkümmert sind.
Es ist beispielsweise zu fragen: Welche Zone ist m”glicherweise betroffen,
oder welcher Buchstabe ist m”glicherweise betroffen, oder welche Stelle in
welchen Zusammenhängen ist betroffen, oder welches Wort weist stets
verkümmerte Einzelbuchstaben auf.
Gelegentlich bekommt man gezielt Hinweise auf spezielle Probleme, die der
Schreiber hat.
Bei sonst guten Selbstbewußtsein werden wir in einem solchen Falle häufig
genug einen Menschen vor uns haben, den wir am linken Bein erwischt haben,
der sonst gut da steht, außer, wenn er gerade mal wieder abbr”ckelt.
Es gibt gewiß viele Besonderheiten mehr.
Es m”gen aber die Häufigsten und vielleicht Wichtigsten hiermit genannt
sein.
Allemale aber repräsentiert dies eine Auswahl, die deutlich macht, wie
unterschiedlich ein Schriftelement sich präsentieren kann.
Zusammenfassend ergeben sich für das Schriftelement Schriftgr”ße folgende
Deutungstabellen, die einmal für den Rhythmusbereich des
Bewegungsrhythmußes stehen, ein weiteres Mal für den Rhythmusbereich des
Raumrhythmußes, d.h einmal als Ausdruck der Willensentfaltung, ein
ander Mal als Ausdruck des Selbstgefühls, wie man sagen k”nnte.
Bei der Beurteilung eines einzelnen Schriftelementes, wie hier das der
Schriftgrӧe, ist es nun wichtig, zugleich die Gesamterscheinung der
Schrift nicht aus dem Auge zu verlieren.
Die Gesamtrhythmik erfassen wir durch das Formniveau.
Haben wir dieses, so kommt es darauf an, ob es gut oder schlecht ist.
Bei gutem Formniveau, gekennzeichnet durch ein ö+Zeichenö, werden wir eher
auf positive Akzente setzen, sowie bei schlechtem Formniveau,
gekennzeichnet durch ein ö-Zeichenö, werden wir eher auf negative Akzente
setzen dürfen.
So geben die Deutungstabellen jeweils nur Richtungen an, Tendenzen!!!
Das Einzelne ergibt sich durch vorsichtiges Abwägen nur.
Gutes Formniveau hat somit nicht zum Inhalt, daß alles nun
uneingeschränkt positiv sein müßte, so wie bei schlechtem Formniveau auch
durchaus positive Akzente gesetzt worden sein k”nnen.
Nichts stiftet mehr Schaden als blinde, ignorante Schwarz-Weiß-Malerei!
Deutungstabellen
als Bewegungsmerkmal
klein- groß-
Passivität Impulsivhandeln
Kleinlichkeit Dabeiseinwollen
sich fest rennen Betriebsamkeit
Versteifung massives Vorwärtsdrängen
klein+ groß+
Zügelung Aktivität
Selbstbeherrschung Tatendrang
Sammlung Schaffensfreude
Konzentration Eroberungsdrang
Detailsinn Durchsetzungskraft
wenig aus sich heraustreten Expansive Einstellung
als Raummerkmal
klein- groß-
?ngstlichkeit Angeberei
Unsicherheit Geltungsdrang
Vorsicht Rollenbedürfnis
Bewahrung Wirkenwollen
Selbstzweifel Aufmachung
klein+ groß+
Sachlichkeit šberzeugungskraft
Wirklichkeitssinn Selbstsicherheit
Sinn für Wesentliches Repräsentation
Pflichtbewußtsein natürlicher Anspruch
Bescheidenheit Herrennatur
KAPITEL 05
SCHRIFTWEITE
-------------------------------------------------------------------------
Schriftprobe für sehr enge Schriftweite [20]
-------------------------------------------------------------------------
-------------------------------------------------------------------------
Schriftprobe für mittlere Schriftweite [21]
-------------------------------------------------------------------------
-------------------------------------------------------------------------
Schriftprobe für weite Schriftweite [22]
-------------------------------------------------------------------------
Definition
Die Schriftweite ist, um es in einem zwar ungenauen, dafür aber
schlagkräftigen Satz auszudrücken, das, was das Schriftband
zusammengestaucht oder eben auseinandergezogen erscheinen läßt.
Dieses Schriftmerkmal hat man sich ebenfalls, geradeso wie es bei der
Schriftgr”ße schon der Fall war, in zwei Rhythmusbereichen ansässig zu
denken, nämlich in der Bewegung wie im Raume.
Graphischer Aspekt
Die sogenannte Schriftweite unterteilt sich für den Fachmann in
Schriftweite -wie die šberschrift drauf hinweist- und aber auch in
Schriftbreite.
Die Breite einer Handschrift läßt sich aus der Basisbreite eines
Buchstabens erkennen, der Breite jener Kurve, die zwischen Abstrich und
Aufstrich liegt, besonders gut zu erkennen an der Minuskel öuö.
Die Breite einer Handschrift läßt sich also nicht erkennen aus der Kurve,
die von einem Buchstaben überläuft zum anderen!
Gemeint ist also die Kurve innerhalb eines Buchstabens!
Sie muß breiter sein als die jeweiligen Ab- und Aufstriche hoch sind,
wenn wir eine breite Handschrift vor uns haben wollen.
Ist die Handschrift nicht breit, sondern eng, dann sind die Ab- und
Aufstriche, wenn wir das Beispiel der Minuskel öuö beibehalten wollen,
h”her als die Basiskurve breit ist.
Genaugenommen muß hier die Schriftlage, die wir noch nicht behandelt
haben, mitberücksichtigt werden, da eine stark rechtsschräge Handschrift
lange Aufstriche bei gleichzeitig kurzen Abstrichen erzeugt, wie umgekehrt
eine stark linksschräge Handschrift nur kurze Aufstriche bei gleichzeitig
langen Abstrichen erzeugt.
Wir gehen bei unser Vorstellung am besten von einer Handschrift aus, die
halbwegs Steillage besitzt, also nicht zu rechtsschräg ist und nicht zu
linksschräg.
Bleibt in diesem Zusammenhange zu sagen, daß es einmal die Basisbreite
der Minuskel öuö ist, das andere Mal der Arkadenbogen der Minuskel önö
beispielsweise ist, von wo aus wir auf die Breite einer Schrift schließen.
Immer aber ist es die Relation der Vertikalstriche zu den
Horizontalstrichen innerhalb nur eines Buchstabens jeweils, von wo aus wir
auf die Breite schließen.
Die breite Schrift wird zuweilen auch Schrift mit sekundärer Weite
genannt.
Eine Handschrift ist also breit, wenn die Basiskurven innerhalb der
Buchstaben länger sind als die Auf- und Abstriche.
Ist die Basiskurve innerhalb der Buchstaben kürzer als die Auf- und
Abstriche, dann sprechen wir von einer engen Schrift.
Die Weite dagegen läßt sich aus der Basisbreite allgemein erschließen.
Hier darf zugrunde gelegt werden, daß die Basisbreite eines Buchstabens
genauso den gleichen Betrag hat wie die Basisbreite zwischen zwei
Buchstaben.
Wichtig sind also nur noch die Relation der Basisbreite irgendeiner Stelle
und den umliegenden Auf- und Abstrichen.
Wir setzen in Relation die Horizontalstriche zu den Vertikalstrichen.
Das tun wir alles innerhalb des Mittelbandes.
Wir behalten aber trotzdem auch die Oberlängen und Unterlängen im Auge.
Besitzen die Horizontalstriche einen grӧeren Betrag als die
Vertikalstriche, so sprechen wir von einer weiten Schrift.
Besitzen die Horizontalstriche einen kleineren Betrag als die
Vertikalstriche, so sprechen wir von einer engen Schrift.
Beide Male, sowohl bei der Schriftbreite wie auch bei der Schriftweite,
sprechen wir von Schriftenge, wenn also Breite wie Weite reduziert sind
auf Geringmaß.
Schriftbreite und Schriftweite treten in aller Regel gemeinsam auf,
weswegen wir sie hier als ein einziges Schriftmerkmal zusammenfassen.
Wir nennen sie fortnunan nur noch Schriftweite.
Das wiederum hat seinen guten Grund.
Die Entstehung der Schriftbreite wie die der Schriftweite werden aus der
gleichen psychischen Quelle gespeist, weswegen wir hier einen Grund mehr
haben, sie als nur ein Schriftmerkmal zusammenzufassen.
Treten sie ausnahmsweise nicht gemeinsam auf, so sprechen wir von einem
Sondermerkmal und fragen uns, warum es dazu gekommen ist.
Da die Schriftweite die Relation ist zwischen Vertikalstrichen zu
Horizontalstrichen, k”nnen wir nun auch festlegen, welche Schrift als
weit zu gelten hat und welche als eng.
Liegt eine Relation vor von 1:1, so liegt Ausgewogenheit vor zwischen
Weite und Enge.
Wir sprechen von mittelweiter Schrift.
Liegt dagegen eine Relation von 1:2 vor, so ist die Schrift weit.
Liegt eine Relation von 2:1 vor, so ist die Schrift eng.
Bei 1:3 haben wir dann sehr weit.
Und bei 3:1 haben wir sehr eng.
Graphologischer Aspekt
Der Schreiber einer weiten Schrift l”st sich eher von sich selbst, kann
man sagen.
Er strebt weiter von sich weg - weg vom Nichtmehr, hin zum Nochnicht.
Er ist nicht zugekn”pft, sondern aufgeschlossen.
In seiner Gegenwart spielt die Zukunft eine grӧere Rolle als die
Vergangenheit.
Gern bewegt er sich weg vom Subjekt aus zum Objekt hin.
Das Ich ist ihm wichtig, wichtiger aber noch als dieses das Du.
Falls ihm sein Mich wichtig ist, dann auch dieses stärker mit dem Akzent
des Objektes.
Der Schreiber einer weiten Schrift l”st sich, wie gesagt, eher von sich
selbst.
Er ist gewiß der Interessierte, Aufgeschlossene, der umzusetzen in der
Lage ist.
Was er denkt und andenkt, ist er angetrieben auch umzusetzen.
Alles sein Innen will sich auch entäußern.
Sein Innen will er nicht für sich behalten.
Er will es nach außen tragen, nach vorne tragen.
Ihn drängt es, Erfühltes und Erdachtes in die Tat umzusetzen.
Folglich kann er zum Schluß auch schlechter an sich halten.
Folglich kann er schlechter bei sich bleiben.
Einerseits ist er also aufgeschlossen, interessiert, strebsam, zugewandt,
andererseits ist er flüchtig und flüchtend.
Flüchtig ist er, weil er nachlässig ist, so wie er auch zu viel weite und
leere Spur nachläßt, und weil er auch ungeduldig ist, eifrig oder
übereifrig, sodaß ihm Warten und Abwarten k”nnen schwerfällt.
Und flüchtend ist er, weil vor sich selbst flüchtet.
Immer ist er schon dort, wo er noch nicht zu sein hat, da er das Alte noch
nicht verinnerlicht hat.
Der Schreiber einer extrem weiten Schrift hinterläßt beispielsweise nur
eine Art Kriechspur, währenddessen er selbst abgeduckt bleibt.
Hier muß gefragt werden, ob der Schreiber sich gar versteckt.
Der Schreiber einer engen Schrift dagegen l”st sich nur schlecht von sich
selbst.
Er hält an sich oder haftet gar an sich und ist nicht bereit, sich von
sich selbst zu l”sen.
Er verharrt in sich selber und verhärtet dabei vielleicht ohne noch
flexibel sein zu k”nnen.
So besitzt er zwar Maß, Vorsicht, Bedachtsamkeit und je nach dem
vielleicht auch Spannkraft einerseits, ist aber andererseits u.U.
ängstlich, gehemmt und voller Mißtrauen und Beklemmung.
Dem Weitschreiber liegt Extraversion zugrunde, dem Engschreiber
Introversion.
Unter Handschriften lassen sich auch hier Sondermerkmale finden.
Sondermerkmale
Wechselnde Weite
weiter werdende Wortenden
enger werdende Wortenden
Sekundäre Weite (Liktorenbündel)
Sekundäre Enge
Teilweise Verengung
Bei wechselnder Weite finden wir eine wechselhafte Zuwendung zur Umwelt.
Mal wendet er sich der Sache oder dem Du zu, mal nicht.
Mal ist er zielgerichtet, mal nicht.
M”gen es die Reize sein, die er so unterschiedlich empfindet, wenn er auf
sie reagiert, mag es sein Unverm”gen sein, beständig agieren zu k”nnen.
Bei weiter werdenden Wortenden denken wir uns einen Menschen, der langsam
in Gang kommt und sich auch gerne gehen läßt.
Bei enger werdenden Wortenden erh”ht sich die Wachsamkeit.
Impulsaussendung wird zurückgenommen, der Grad der Anjochung wird
verstärkt.
Bei Sekundärer Weite haben wir einen Menschen, der sich öweiterö gibt als
er ist.
Er gibt sich aufgeschlossen und interessiert und ist es zugleich nicht.
Der Sekundären Weite haftet stets etwas Unnatürliches an; sie ist nie ganz
echt.
Sie weist auf Korrektheitswünsche bei šberdeckung innerer Unklarheit hin.
Der Wunsch nach Aktivität und Entfaltung macht sich verdächtig, mit zu
wenig Durchhalteenergie gekoppelt zu sein.
Allemale ist es ein Nebeneinher besonderer Art zwischen Weite und Enge.
Bei Sekundärer Enge finden wir Selbstkontrolle bei Aktivitätstendenz.
Bei Teilweiser Verengung spricht das für spontan auftretende
Unsicherheiten.
Deutungstabelle
eng- weit-
ängstlich flüchtig
gehemmt nachlässig
kleinlich ungeduldig
mißtrauisch haltlos
verharrend voreilig
eng+ weit+
Mäßigung eifrig
Haltung strebsam
Anspannung aufgeschlossen
Beherrschung interessiert
Vorsicht hingabebereit
Konzentration großzügig
KAPITEL 06
SCHRIFTLAGE
-------------------------------------------------------------------------
Schriftprobe für Linkslage [23]
-------------------------------------------------------------------------
-------------------------------------------------------------------------
Schriftprobe für Steillage [24]
-------------------------------------------------------------------------
-------------------------------------------------------------------------
Schriftprobe für Rechtslage [25]
-------------------------------------------------------------------------
Definition
Die Lage einer Schrift ist der Neigungswinkel der Grundstriche im
Verhältnis zur Zeile oder auch nur gedachten Zeile.
Die Schriftlage geh”rt zum Rhythmusbereich des Raumes.
Graphischer Aspekt
Und so gibt es linksschräge Schriften, die zuweilen auch übersteil
genannt werden; sie sind nach links geneigt.
Es gibt steile Handschriften, die aufrecht stehen, sich weder nach links
noch nach rechts neigen.
Es gibt rechtsgeneigte Schriften, die sich nach rechts neigen.
Die Mitte der bei unser derzeit gängigen Schulnormschrift liegt graphisch
gesehen nicht etwa bei 90ø Steilheit, sondern bei ca.80ø leichter
Rechtneigung.
Diese Rechtsneigung setzt sich fort zur starken Rechtsneigung bis zur sehr
starken Rechtsneigung über 70ø, 60ø usw.
Die Linksneigung setzt sich dementsprechend fort über starke Linksneigung
und sehr starke Linksneigung über 100ø, 110ø usw.
Extreme in der Rechtsneigung sind in diagnostischer Hinsicht als weniger
gewichtig zu werten als Extreme in der Linksneigung.
Das ergibt sich offensichtlich durch die vorherrschende Tendenz unseres
Kulturkreises, sich stärker zu extravertieren als zu introvertieren, wofür
ja auch die gängige Schulnorm spricht, die nicht bei 90ø liegt als viel
mehr bei 80ø, wie überhaupt die Tendenz nach rechts hin dominierend ist,
weil ja auch von links nach rechts geschrieben wird und nicht etwa
umgekehrt, was zugleich dafür spricht, daß unsere Schreibschrift eine für
den Rechtshänder geschaffene Schrift ist.
Bedeutsam ist noch darauf hinzuweisen, daß es eine sogenannte echte Lage
gibt, die von der unechten abweicht.
Bei der unechten Lage spricht man auch von zeilenschräg.
Zeilenschräge erzeugt man, indem man das Blatt, auf dem man schreibt,
etwas nach links dreht.
Das bewirkt, daß man aufwärts schreibt, und es bewirkt, daß man, wenn
man dabei steil nach schräg oben schreibt, eine unechte Rechtsschräge
erzeugt.
Die echte von der unechten Lage unterscheiden zu k”nnen, geh”rt natürlich
auch zur Fertigkeit des Graphologens.
Diese M”glichkeit, die Schriftlage einfach so ganz nach Belieben variieren
zu k”nnen, spricht einleuchtenderweise auch dafür, daß dieses Merkmal der
Bewußtseinskontrolle unterliegt, was bei anderen Schriftelementen durchaus
anders ist.
Es gibt Schriftelemente, die sehr viel schwerer beeinflußbar sind.
Die Schriftlage muß in einem Schriftstück nicht einheitlich sein.
Sie kann auch wechseln.
Wir sprechen dann von Langeschwankungen.
Wer beim Schreiben starken Lageschwankungen unterworfen ist, hat Mühen,
es durch Einflußnahme des Bewußtseins, kontrollieren zu k”nnen.
Während Schriftlage insgesamt als einheitliches Gebilde gut kotrollierbar
ist, ist Lageschwankung als nicht einheitliches Gebilde der Kontrolle also
weitgehendst entzogen.
Bemerkenswert erscheint dann auch noch, daß bei auftretender Linkslage
beispielsweise die Finger begünstigt zum Einsatz kommen, währenddessen die
Rechtslage stärker aus dem Handgelenk geschaffen wird.
Zum Beispiel ist es auch m”glich, daß die Kurzlängen, also die Längen in
der i-H”he Rechtlage besitzen, die Langlängen aber Steilheit etwa.
Oder das Ganze ist auch umgekehrt denkbar.
Solche Befunde sind diagnostisch natürlich bedeutsam und müssen
mitberücksichtigt werden.
Nicht anders steht es mit zunehmender Rechtslage jeweils zum Zeilenende
hin oder zum gesamten Schriftstück hin.
Es k”nnen also allein in der Schriftlage Besonderheiten auftreten, auf die
man aufmerksam zu werden hat.
Graphologischer Askekt
Man kann sagen, der analogen Vorstellung gemäß, die man beim Beschauen
einer Schriftlage entwickelt, der in Schreibrichtung hin abgeneigt
Schreibende ist auch sonst der Abgeneigte, da er sich dem Kommenden
gegenüber abwendet und verschließt.
Zugewandt ist er dem Vergangenen und Unbewußten.
Indem er sich mit seiner Schriftlage nach links neigt, neigt er sich dem
Mich zu, das er zum Objekt macht.
Sein eigenes Subjekt avanciert zum Objekt.
Hingegen die Objekte der Außenwelt des Unlebendigen wie des Lebendigen
verbleiben im Subjekt; für ihn sind sie nicht Objekt des Interesses,
sie sind ja nicht Mich.
Der Steilschreiber hingegen wendet sich weder nach links noch nach rechts.
Der Steilschreiber wendet sich nicht.
Man k”nnte sagen, er bleibt bei sich.
Aufrecht sein ist seine Maxime, wachsam sein, Position bewahren.
Da die statistische Mitte in der leichten Rechtsschräge liegt, ist auch
die steile Schrift etwas, das ansatzweise als Linksschräge zu werten ist.
Der in Schreibrichtung hin zugeneigt Schreibende jedoch ist auch der
Hin- und Zugeneigte, da er sich dem Kommenden zuwendet.
Er wendet sich, indem er sich dem Künftigen zuwendet, dem Objekt zu wie
auch dem Du.
Alles in allem finden wir unter Schreibern mit Linkslage die Distanzierten
und Unnahbaren.
Linkslage ist beispielsweise auch ein Pubertätsmerkmal.
Viele Pubertierende geraten in diese Linkslage.
Sie müssen ja auch einen neuen Standpunkt finden, der stärker bei sich
selbst liegt als bei all jenen, von denen sie bis dahin alles mechanisch
übernommen haben, Eltern, Lehrer usw.
Und erst, wenn sie im eigenen Urteil Sicherheit gewonnen haben, mit
eigenen Augen die Welt sehen gelernt haben, neigen sie sich wieder nach
rechts, inzwischen als mehr oder weniger selbständige,
eigenverantwortliche Erwachsene.
Unter Steilschreibern finden wir all solche, die psychologisch gesehen,
die Zwischenstellung einnehmen zwischen Links- und Rechtslage.
Sie sind die Disziplinierten, Stolzen und Aufrechten, die Position
bewahren und beobachtende Ruhe.
Und endlich unter rechtslagig Schreibenden, die die Mehrheit ausmachen,
finden wir all jene, die sich einbringen, den Kontakt annehmen, auf ihn
zusteuern wie zum Schluß auch solche, die sich aufsaugen lassen und dem
von außen kommenden Reiz nicht widerstehen k”nnen, wenn überschräge
Schriftlage besteht, beispielsweise bei 45ø etwa.
Unter solchen Schriften finden wir zum Schluß Dogmatiker und devote
H”rige.
Hinwendung kann eben am Ende einhergehen mit dem Verlust von einem selbst.
Ein solcher lebt und erlebt nur noch durch den anderen.
Er ist nicht mehr sich selbst.
Bedeutenstes und verbreitetstes Sondermerkmal beim Schreibelement
Schriftlage ist die Lageschwankung, die, wie bereits erwähnt, nur schwer
unter Kontrolle zu halten ist.
Sie weist auf Unstetheit hin und wechselnden Impulsen.
Schreiber solcher Art sind natürlich leicht beeindruckbar und empfänglich
zuweilen auch haltlos.
Sie reagieren auf Impulse jeder Art, sei es, daß sie von außen kommen,
weil gerade jemand mal wieder daherkommt, sei es, daß sie von innen
kommen, weil die eigenen Gefühle mal wieder im Begriff sind die eigene
Person davonzutragen.
Insgesamt sind sie ansprechbare, sensible und nerv”se Naturen, die nicht
von Beständigkeit zeugen.
Es kommt vor, daß die Steilheit zum Wortende hin jeweils oder auch zum
Zeilenende hin anwächst.
Solche Schreiber nehmen sich zurpück nach anfänglicher Hingabe.
Ein Selbstkontrollmechanismus setzt ein wie automatisch.
Es kommt auch recht häufig vor, daß die Rechtsschräge zum Zeilenende hin
sich intensiviert.
Nicht selten, läßt es sich dann auf Eile schließen.
Der Schreiber hat es eilig und will zügig vorankommen.
Er treibt sich an und will schaffen.
Schreibeile ist ein später noch zu besprechendes Schriftmerkmal.
Gelegentlich kommt es auch vor, daß die Langlängen stärkere Schräge
aufweisen als die Kurzlängen, die steil sein m”gen.
Hier richtet sich das Ich auf und ist versucht solchen Kräften, die an
der Peripherie ansetzen, Widerstand zu leisten.
Währenddessen das zentralgelegene Mittelband ja überwiegend das Ich
repräsentiert, sind die Langlängen dezentral zu denken.
Und setzen an ihnen Kräfte an, welche die Langlängen in die Schräge neigen
lassen, währenddessen das Mittelband aufrecht steht, dann verrät das
Mittelband seine Resistenzbereitschaft damit.
Interessant ist eigentlich der Vergleich zwischen Schriftweite und
Schriftlage.
Irgendwie sind sie ähnlich.
Man k”nnte sich vorstellen, daß ein Mensch, der das Bedürfnis hat,
sowohl sich zurückzunehmen, als auch sich zuzuwenden, das eine Merkmal
benutzt, wie das andere und sich eben in beidem auszudrücken versucht,
in beidem versucht sich ins Gleichgewicht zu bringen, daß er versucht,
sich zu l”sen entweder in der Weite oder in der Rechtslage, wie auch
umgekehrt, sich zu binden versucht, an sich selbst, nämlich in der Enge
oder Stei- und Linkslage.
Natürlich sind beide Schriftmerkmale letztenendes doch unterschiedlich -
sie sehen ja schon unterschiedlich aus!
Was ist also naheliegender, als daß sie auch in ihrer Bedeutung zum
Schluß voneinander abweichen.
Zum Beispiel kann die Schriftlage als fast ausschließliches Raummerkmal
gelten, als was die Schriftweite auch gilt; doch ist die Schriftweite
ebensosehr ein Bewegungsmerkmal.
Irgendwie ist die Schriftlage mehr Tendenz und die Schriftweite schon
Aktion.
Die ?hnlichkeit aber bleibt.
Doch, was hier als ?hnlichkeit zweier Schriftmerkmale angesprochen wurde,
gilt letztenendes auch für andere Schriftmerkmale, die sich allesamt
entweder stärker binden oder l”sen.
Deutungstabelle
linksschräg- steil- rechtsschräg-
Lebensangst unbeugsam unbeherrscht
Selbstverleugnung kühle abhängig
Elternbindung herzlos betriebsam
Selbstgerechtigkeit selbstbezogen abhängig
Unecht nüchtern dogmatisch
Verstellung unbewegt fanatisch
Isolation gleichgültig süchtig
šbersteigerte unnahbar devot
Selbstkontrolle
linksschräg+ steil+ rechtsschräg+
reserviert reserviert zugewandt
distanziert diszipliniert kontaktbereit
schamhaft Charakter offen
dezent Ehre geschäftig
maßvoll Stolz unbefangen
nicht voreilig Widerstand gefühlsorientiert
abwarten k”nnen Repräsantation läßt sich mitreißen
h”flich Urteilsverm”gen gelehrig
kotrolliert Selbstkontrolle ungezwungen
formbetont unbeugsam entzündbar
KAPITEL 07
REGELMAß
-------------------------------------------------------------------------
Schriftprobe für Unregelmaß [26]
-------------------------------------------------------------------------
-------------------------------------------------------------------------
Schriftprobe für Regelmaß [27]
-------------------------------------------------------------------------
Das Regelmaß einer Handschrift definiert sich aus dem Gleichmaß der
wiederkehrenden Formen.
Das Regelmaß als Schriftelement ist dem Rhythmusbereich der Form
zuzuordnen.
Graphischer Aspekt
Wirklich regelmäßig kann niemand auf dieser Erde schreiben.
Wirklich regelmäßig kann nur die Schreibmaschine tippen.
Halbwegs regelmäßig kann jeder schreiben, der eine mehr der andere
weniger.
Regelmaß zeigt sich also im Gleichmaß der wiederkehrenden Formen.
Wenn eine Handschrift in ihren wiederkehrenden Formen nicht so weit
koordiniert ist, daß bestimmte Formen auch wirklich wiederkehren k”nnen,
dann ist Handschrift nicht Handschrift, jedenfalls nicht im Sinne von
Handschrift als Informationsträger.
Sie ist dann irgend etwas, vielleicht sogar Kunst.
In der Handschrift aber kommt es allem voran darauf an, Informationen
weiterzugeben, oft an andere, oft für einen selbst, damit keine
Informationen verloren gehen.
Immer aber muß das Abgespeicherte wiedererkennbar sein.
Die Information also wird abgelegt in Zeichen, die selbst natürlich nicht
der Sinn sind.
Und aus den Zeichen wird die Information zum Schluß wieder herausgeholt,
damit man den Sinn wieder hat.
Deshalb ist Gleichmaß der Zeichen n”tig.
Ein öAö ist ein öAö und muß in seinem Gleichmaß immer wieder
als öAö zu erkennen sein, ob es nun ein Schulnorm-A ist oder doch etwas
abweichend davon.
Es darf nicht pl”tzlich so klein werden, daß es kleiner noch ist als das
öaö, sodaß man etwa nicht mehr auf die Idee kommen k”nnte, es handele
sich hier noch um ein öAö.
Umgekehrt sollte das öaö nicht pl”tzlich und unerwartet gr”ßer sein als
das öAö.
Irgendein bestimmter Buchstabe sollte, wie immer er auch aussieht
-und er sollte m”glichst so aussehen, wie die Schulvorlage es vorsieht-,
immer wenigstens doch halbwegs so aussehen, wie er regulär auszusehen hat,
und vor allem nicht pl”tzlich und unerwartet ganz anders.
Das k”nnte im ungünstigen Falle einen anderen Buchstaben ergeben.
Eine bestimmte Form sollte mit einem bestimmten Gleichmaß wiederkehren.
Wenn das partout nicht m”glich ist, dann ist die Schrift auch nicht mehr
entzifferbar.
Die Buchstaben gleichen sich nicht mehr.
Dadurch erscheinen andere Worte und ein anderer Sinn.
Der Sinn wurde verdreht.
Und das ist nicht Sinn der Sache.
Es ist also unbedingt notwendig, daß bestimmte Formen wiederkehren.
Diese Formen müssen wenigstens weitgehendst denen der Vorlage entsprechen.
Jeder wird sie dann wiedererkennen k”nnen; denn er hat sie in der Schule
gelernt und als allgemeinverbindlich akzeptiert.
Die Schreibmaschine mit ihrer starren Regelmäßigkeit veranschaulicht am
besten, was hier gemeint ist.
Jeder Buchstabe ist exakt gleich dem anderen der gleichen Sorte.
Die öA-Matrizeö hämmert immer nur ein und das selbe öAö, wenn wir diesen
Buchstaben als Beispiel verwenden wollen.
A=A und a=a und B=B und so weiter und so fort.
In der Handschrift, will man das Regelmaß beurteilen, hat man dabei nicht
zuletzt alle Buchstaben zu beobachten, ob sie mit m”glichst wenig
Abweichung voneinander wiederkehren.
In der Handschrift hat man dabei nicht allein die Buchstaben zu
beobachten, sondern auch die Schriftelemente, die hier in diesem Buch nach
und nach durchgegangen werden.
Am leichtesten lassen sich dabei einfach ins Auge fallende Schriftelemente
verwenden.
Das wären zum Beispiel Gr”ße, Weite, Lage.
Diese Schriftelemente wurden schon behandelt.
Zeilenführung wäre ein weiteres Merkmal, das sich zu beobachten anbietet.
Es wird in einem späteren Kapitel behandelt.
Ebenfalls wird noch in einem späteren Kapitel Druck und Eile behandelt.
Auch das kann nützlich sein, es im Auge zu behalten.
Ferner gibt es Merkmale, die sich recht regelmäßig wiederholen und somit
von der Beobachtung ausgeschlossen werden k”nnen.
Schärfe und Teigigkeit sind solche Merkmale.
Sie hängen stark vom Schreibgerät ab, was ja nicht laufend wechselt.
Sie hängen auch davon ab, wie das Schreibgerät gehalten wird.
Aber auch das wechselt nicht so häufig und oft überhaupt nicht.
Auch dieses Merkmal wird in einem späteren Kapitel behandelt.
Richten wir also unser Augenmerk auf Grӧe, Weite, Lage, Zeile.
Wenn das alles in sich mit Regelmaß wiederkehrt, dann sprechen wir von
Regelmaß.
Wenn das alles in sich nicht mit Regelmaß wiederkehrt, dann sprechen wir
von Unregelmaß.
Dem Gewissenhaften nun ist es unerläßlich, durchaus auch einmal die
einzelnen Formen und Buchstaben mit dem Lineal in der Hand durchzugehen,
um nachzumessen, wie stark die i-H”he schwankt und wie stark sich die
Weite weitet.
Ob sie sich weitet mal mehr mal weniger wie eine Ziehharmonika, und ob die
Lage starken Schwankungen unterworfen ist, sodaß kein vernünftiger
Winkel eingehalten wird.
Fehlt jeder vernünftiger Winkel, dann haben wir im bildlich gesprochen
nicht das Kornfeld, über das der weiche Wind sanft darüberstrich, sondern
den Teufel der darüberwütet.
Es ist somit zugleich ausgesagt, daß eine regelmäßige Handschrift durchaus
keine schulmäßige Handschrift ist so wie andersherum eine schulmäßige
Handschrift keine regelmäßige sein muß.
Damit müßte deutlich geworden sein, was Regelmaß ist und was Unregelmaß.
Es hat nichts mit Rhythmus zu tun, sondern nur mit dem, was die Maschine
einerseits leistet und andererseits der Mensch nicht leisten kann, selbst,
wenn er sich noch so sehr anstrengt.
Und durchaus, auch dieses Genau-das-nicht-k”nnen, kann auch als Leistung
und Verm”gen angesehen werden.
Denn anders ist schon Neu und im Keim schon Sch”pferkraft.
Nichts ist gesch”pft, wenn es sich als das Alte plump wiederholt.
Graphologischer Aspekt
Die regelmäßige Handschrift ist nicht besser als die Unregelmäßige,
wenn man psychologische Gesichtspunkte zugrundelegt.
Die regelmäßige ist zwar lesbarer, wenn sie sich an vereinbarte Zeichen
hält.
Und sie wird auch im kaligraphischen Sinne sch”ner sein, wofür auch ein
Grafiker etwa zuständig ist, sie ästhetisch erscheinen zu lassen.
Aber für die Psychologie braucht sie zuletzt noch nicht einmal lesbar zu
sein, sodaß die Unlesbarkeit lediglich ein Sonderaspekt wäre, wenngleich
auch ein sehr bedeutsamer.
Unregelmaß nämlich kann zustandekommen entweder durch ungestüme Kräfte,
die nur schwer steuerbar sind, und kann zustande kommen durch eine gewisse
Nachlässigkeit, die es nicht für n”tig hält Gleichmaß zu wahren, um
Deutlichkeit erkennen zu lassen, vielleicht sogar aus dem Wunsche heraus
dunkel und unerkannt zu bleiben.
Regelmaß dagegen kommt fast von selbst zustande, wenn die wilden Kräfte
fehlen, weil einem an nichts mehr liegt als an Behaglichkeit und
Bequemlichkeit.
Der sogenannte Beamtentypus, der nie wagt und nie gewinnt, paßt hierher.
Der Beamte, wie er im Buche steht, verwaltet immer nur und läßt alles auf
sich beruhen.
Er pegelt sich immer in der Mitte ein.
Er kennt kein Glück und kein Unglück.
Eigentlich kennt er nur Leerlauf.
Mit ihm läuft einfach alles weiter.
Sein Glück ist ein relatives Glück, eben mehr Zufriedenheit.
Wird er getrieben, muß er dazulernen, dann ersch”pft er sich, wenn aus
Leerlauf Lehrlauf wird.
Man denke nicht schlecht über diesen Typus.
Er bildet ein stabiles Fundament.
Wären alle anders als dieser, so riebe sich die Welt auf.
Nicht soll er als Ideal dargestellt werden - aber es muß ihn geben.
Auch er ist schlichtweg wichtig im Gesamtverband.
Regelmaß aber kommt auch zustande, wenn ungestüme Kräfte von einem noch
unbeugsameren Willen gesteuert werden.
In einem solchen Falle wollen die wilden Triebe ins Uferlose.
Ein solcher will blind und will sich notfalls daran verbrennen
Jedoch spannt er sich ins Joch und steuert sich, damit Maß und Harmonie
auch ihn lenken.
Der Wille ist genaugenommen kein Gebieter, der als Extrainstanz über die
Triebe wacht; er ist nicht das Ich, das beobachtend über das Selbst zu
Gerichte sitzt.
Der Wille ist selber der Trieb wieder; doch auf einer komplexeren Ebene,
wo er als scheinbarer Gegensatz wiedererscheint.
Den Willen, wenn man ihn nicht hat, kann man nicht erwerben.
Man ist es oder man ist es nicht - so ist es.
Daß ein jeder sich angehalten zu fühlen hat, sich zu erziehen, spricht dem
nicht entgegen.
Kant würde hier sagen, öVerm”ge eines Verm”gens!ö.
Aber wenn man das Verm”gen nicht in sich hat, dann kann man es eben nicht
verm”gen.
Wäre es anders, dann wären wir längst und alle Male G”tter.
Es ist schon so: Man findet sich wieder in seiner Haut, und unter dieser
hat man zurechtzukommen.
In der Handschrift ist man dazu angehalten, sauber und lesbar zu
schreiben.
So haben wir es alle gelernt.
Und wer es wirklich will, aber wirklich nicht kann, der merkt es - daß
man nicht verm”gen kann, was man nicht vermag.
Wer es anders meint, der soll es probieren: zu schreiben, wie die Maschine
tippt.
Aber beschreiben wir ruhig auch ein wenig die Menschen, die in ihrer
Handschrift mit Unregelmaß oder mit Regelmaß auftreten.
Im Unregelmaß einer Handschrift werden wir einen Menschen wiederfinden,
der labil, launisch, unkontrolliert, verführbar ist.
Er ist st”rbar, ablenkbar und empfindlich.
Er ist zum Schluß konzeptlos.
Das alles ist er, sofern er nicht selbständig, impulsstark, massiv, und
zugleich auch aufgeschlossen, lebhaft, empfänglich, beweglich, flexibel,
dynamisch und auch erlebnisfähig sowie beeindruckbar ist.
Im Regelmaß einer Handschrift dagegen werden wir einen Menschen
wiederfinden, der starr, gefühlsarm, verkrampft, künstlich, schematisch,
schablonenhaft, langweilig, nüchtern und erkaltet ist.
Das alles finden wir; oder wir finden andersherum: Festigkeit,
Willenskraft, Resistenz, Eindeutigkeit, Gleichmaß, Beständigkeit,
Zuverlässigkeit, Treue, Konsequenz, Beharrlichkeit, Stehverm”gen,
Gründlichkeit.
Deutungstabelle
Unregelmaß- Regelmaß-
inkonsequent starr
unkonzentriert einseitig
unkontrolliert unnatürlich
ausdauerlos stur
unentschieden kalt
wankelmütig gehemmt
labil gezwungen
unbeständig ängstlich
emotional stereotyp
unruhig schablonenhaft
launisch unbewegt
sprunghaft karikaturenhaft
Unregelmaß+ Regelmaß+
originell gefestigt
individuell willensstark
unkonventionell diszipliniert
kreativ durchhaltefähig
sch”pferisch resistent
vielseitig unbeirrt
interessiert zuverlässig
spontan ausdauernd
impulssetzend pflichtbewußt
reichhaltig stabil
freiheitsliebend ordentlich
neudenkend zäh
flexibel rücksichtsvoll
KAPITEL 08
RICHTUNGSSINN
-------------------------------------------------------------------------
Schriftprobe für Unregelmaß [28]
-------------------------------------------------------------------------
-------------------------------------------------------------------------
Schriftprobe für Regelmaß [29]
-------------------------------------------------------------------------
Definition
Richtungssinn ist der Sinn des Laufes in der vorherrschenden Richtung,
entweder mehr nach links eindrehend oder mehr nach rechts eindrehend.
Der Richtungssinn einer Schrift ist im Rhythmusbereich vielleicht am
wenigsten ein Raummerkmal.
Er geschieht aus der Bewegung und formt eigentlich auch schon.
Auffällig ist, daß ohne ihn keine Formen entstehen k”nnen.
Graphischer Aspekt
Der Richtungssinn kann, wie schon erwähnt, linksläufig oder rechtsläufig
sein.
Linksläufigkeit beispielsweise liegt vor, wenn Züge, Kurven, die
normgemäß nach rechts verlaufen müßten, trotzdem nach links verlaufen.
Rechtsläufigkeit hingegen liegt vor, wenn Züge, Kurven, die normgemäß
nach links verlaufen müßten, trotzdem nach rechts verlaufen.
Die Handschrift ist von Natur aus, eben weil sie sich von links nach
rechts entwickelt, ein tendentiell rechtsläufiges Gebilde.
Werden Linksläufigkeiten, wo sie angebracht wären, um Formausbildung etwa
nicht vernachlässigen zu müssen, weggelassen, so gilt die Handschrift als
rechtsläufig.
Treten die Linksläufigkeiten vermehrt auf, sodaß es etwa zu unn”tiger
Formenausbildung kommt, so sprechen wir von Linksläufigkeit.
Durch das immerwiederkehrende Wechseln der Richtung ist es also m”glich,
Formen auszubilden.
Würde der permanente Wechsel im Richtungsverlauf, der ja alles in allem
stets von links nach rechts fortschreitet, nicht stattfinden, so hätten
wir ein mehr oder weniger undifferenziertes winkliges, ja genaugenommen
nur fadenartiges Gebilde vor uns, das aber keine Formen besitzt.
Diese entstehen erst durch stoppen des Zuges oder mehr noch durch
umkehren, um dann erst weiter voranzuschreiten im Richtungsverlauf von
links nach rechts.
Durch ein sich ständig wiederholendes Umkehren des Richtungssinnes werden
Schleifen in allen drei Schreibzonen geformt, so wie überhaupt der
undifferenzierte Faden sich zu Form wandelt.
In einem späteren Kapitel wird die Rede von folgenden Schriftelementen
sein:
Magerkeit-V”lle und Vereinfachung-Bereicherung.
Insofern, als durch ein Mindestmaß an Linksläufigkeit überhaupt erst Form
entstehen kann, besteht natürlich eine ganz bestimmte Affinität zwischen
Linksläufigkeit und V”lle und Bereicherung, sowie andersherum zwischen
Rechtsläufigkeit und Magerkeit und Vereinfachung.
Zweifelsohne entspringen V”lle und Bereicherung einem gewissen šberschuß
an etwas, das wir Leben nennen k”nnen, womit sich wiederum etwas nach
außen kehrt.
Darin zeigen sich andere ganz bestimmte Affinitäten.
Immer wieder muß neu kombiniert werden!
Graphologischer Aspekt
Vermehrte Linksläufigkeit spricht für Introversion.
Vermehrte Rechtsläufigkeit spricht für Extraversion.
Das heißt, in dem Maße, wie der Schreiber mit vermehrter Linksläufigkeit
bedachtsam, selbstwahrend, beharrlich ist, ist der Schreiber mit
vermehrter Rechtsläufigkeit entsprechend zielbestrebt, hingabebereit und
rührig.
Wo natürlich der eine bedachtsam, selbstwahrend, beharrlich ist, ist der
andere schon verstellt, unecht, berechnend, falsch, gar hinterlistig.
Und wo der eine zielstrebig, hingabebereit, rührig ist, ist der andere
schon fahrig, blind, nicht wachsam, widerstandslos, willenlos und ziellos
betriebsam.
Der Richtungssinn der Handschrift allgemein ist ein nicht sofort ins Auge
springendes Schriftmerkmal; die dazu entsprechenden Verhaltenseigenarten
eines Menschen sind es durchaus ebensosehr.
Stellen wir uns einen Menschen vor, der in sehr auffallender Weise
linksläufig schreibt, währenddessen er vielleicht groß, weit, rechtslagig
schreibt.
Stellen wir uns vor, er bildet gar Samttatzen aus -das sind kleine
zurücklaufende Arkaden-, dann wissen wir, daß er vorn anders abspiegelt
als er nach hinten weg tut.
Vorsicht ist also geboten; der Betreffende spielt nicht immer mit offenen
Karten.
Lassen wir diesen Schreiber dazu noch einen intelligenten Schreiber sein
mit unterschiedlichsten Variationsm”glichkeiten, so werden wir nie wissen,
wann er was wie tut, währenddessen wir aber vielleicht meinen, ihn
einigermaßen berechnen zu k”nnen.
Ein Blick jedoch auf seine Handschrift k”nnte rechtzeitig warnen.
Denn im täglichen Leben sind wir alle auf Verstellung mehr oder weniger
eingestellt, was zum Teil auch normal ist
Es ist sogar notwendig, weil wir oft auch Triebverzicht leisten müssen,
um überhaupt gesellschaftsfähig zu sein.
In der Handschrift besitzen wir diese šbung nicht.
Dort zeigt sich der Mensch ungeniert und nackt.
Aller Zierrat drumherum zeigt sich als solcher, kann erkannt werden.
Es zeigt sich, wer salonfähig ist, und wer nicht.
Natürlich gibt es auch Menschen, die mehrere Merkmale aufweisen, die alle
in die gleiche Richtung weisen.
Stellen wir uns jetzt einen Menschen vor, der klein und eng sowie
linkslagig und linksläufig schreibt.
Dieser Mensch fällt auch ohne seine Handschrift auf als einer, der kaum
M”glichkeiten besitzt, noch aus sich heraustreten zu k”nnen.
Merkmale, die in Richtung Introversion gehen, gibt es natürlich
mehrere noch, und immer wieder k”nnte man neu kombinieren, wie in Hinsicht
auf Introversion und Extraversion, sich die Schriftmerkmale verhalten;
doch kommt es in der Handschriftendeutung nicht allein darauf an.
Oft muß man sich konkret fragen, wie k”nnte sich ein ganz bestimmter
Schreiber in einer ganz bestimmten konkreten Situation verhalten?
Oft kann die Graphologie genau zu einer Beantwortung beitragen.
Oft läßt sich sogar fragen, warum schreibt der Betreffende eigentlich so
wie er schreibt und nicht etwa anders?
Die Graphologie gibt nicht nur Antworten, sie stellt auch neue Fragen.
Auf diese Weise kann ein und dasselbe in verschiedenstem Lichte
erscheinen.
Und als Graphologe werden wir die Handschrift immer wieder neu ansehen, um
sie in ihren Schriftelementen neu zu kombinieren, solange, bis wir eine
befriedigende Antwort gefunden haben - falls wir eine finden.
Deutungstabellen
linksläufig- rechtsläufig-
selstsüchtig fahrig
nachtragend willensschwach
eigennützig unentschieden
habsüchtig blinder Emanzipationsdrang
verstellt beeinflußbar
unaufrichtig h”rig
unecht hastig
hinterhältig ruhelos
verschlagen verschwenderisch
verbohrt sensationslustig
linksläufig+ rechtsläufig+
selbständig gütig
dezent mitfühlend
individuell human
eindeutig wohlwollend
sich sichernd unternehmungslustig
maßvoll weltoffen
überlegt gruppendynamisch
überlegen teambereit
gesammelt altruistisch
empfindsam geschmeidig
KAPITEL 09
BINDUNGSFORMEN
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Schriftprobe für Faden [30]
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Schriftprobe für Winkel [31]
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Schriftprobe für Arkade [32]
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Schriftprobe für Girlande [33]
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Definition
Bindungsform ist dasjenige, welches das Auf und Ab vornehmlich im
Mittelband bindet.
Es geh”rt in den Rhythmusbereich sowohl der Bewegung als auch der Form.
Graphischer Aspekt
Bindungsformen binden die Formen.
Man unterscheidet grundsätzlich vier voneinander:
Arkade, Girlande, Winkel, Faden.
Arkaden sind Kuppelzüge wie bei den Minuskeln ömö und önö.
Girlanden sind Schalenzüge wie bei der Minuskel öuö.
Winkel sind geradlinige Gebilde, wo der Richtungswechsel sich nicht durch
einen Bogen wie bei den Minuskeln öm,n,uö vollzieht, sondern durch ein
abruptes Wechseln der Richtung von der einen Geraden in die andere Gerade.
Genaugenommen sind bei Winkeln die Minuskeln önö nicht von öuö
unterscheidbar, weil die B”gen fehlen, die je nach dem die Form binden
entweder nach oben hin oder nach unten hin.
Faden, das sind geschlängelte Linien, die genaugenommen die Unterscheidung
zwischen den Minuskeln önö und öuö gleichermaßen missen lassen, nur mit
dem Unterschied, daß der Winkel fehlt.
Stets schlängelt sich der Faden so, daß er bereits jeden Richtungswechsel
schon beinhaltet.
Der Faden tritt in aller Regel in der eher weiteren Schrift auf.
Sonst ist der Faden nicht mehr Faden.
Wird die Schrift enger, auch das gibt es, dann wird aus dem Faden ein
sogenannter Doppelbogen, was auch vorkommt, wenngleich relativ selten.
Selten wie der Doppelbogen vorkommt, ist er natürlich bedeutsam, wenn er
auftaucht.
Im Doppelbogen wird konsequent jede eindeutige Bindungsform umgangen.
Der Doppelbogen ist nicht Fisch, nicht Fleisch.
Der Doppelbogen ist das, wenn sich Arkade und Girlande aufaddieren und
sich gegenseitig l”schen.
Der Doppelbogen ist aber auch nicht Winkel, den man sich auch als
Phänomen zwischen Arkade und Girlande denken kann, da sowohl Arkade wie
Girlande einen spitzen und winkligen Umkehrpunkt besitzen.
Unter dem Aspekt der Bindungsform, k”nnte man sagen, ist der Doppelbogen
die Form ohne Form.
Diese formlose Form hat einen Namen, sie heißt eben Doppelbogen.
Der Doppelbogen wurde nun am meisten beschrieben, und das, obwohl er nur
selten vorkommt.
Nun, Arkade, Girlande, Winkel, Faden sollen ebenfalls noch näher
beschrieben werden.
Es ging bis eben nur darum, sie nebeneinander erscheinen zu lassen, damit
sie fürs erste vergleichbar sind.
Damit zurück zu Arkade, Girlande, Winkel, Faden.
Arkadenb”gen finden wir in der r”mischen Architektur wieder.
Dort stützen sie nach oben hin ab und schützen nach unten hin.
Die Kuppel zeigt somit Geschlossenheit, Festigkeit, Sicherheit,
Stabilität und Form schlechthin.
Eine Kuppel mit dem Akzent des ?sthetischen ist eigentlich immer
Kuppelbau.
Unter der Kuppel wird verdeckt und bewahrt.
Raumsymbolisch empfindet sich der Schreiber in seinem öIch-Punktö
unterhalb der Kuppel, umschlossen von dieser.
Die Girlande hingegen ist die Schale, in welcher der öIch-Punktö liegt.
Die Girlande gestaltet die Minuskeln öm,nö beispielsweise schnell
in öu-Minuskelnö um.
Eigentlich ist das ein kleines Kunststück.
Aber es ist ein Kunststück, das häufig und früh im Leben des einzelnen
Menschen, der schreiben lernt, schon beginnt.
Es sind dieses frühe Abweichungen von der Schulnorm, die dergleichen
nicht vorsieht.
Wenn die Arkadenkuppel etwas in sich Abgeschirmtes, architektonisch
Stabilisierendes bezeugt, so ist es im Falle der Girlande genau umgekehrt.
Sie beinhaltet das Nachgebende und sich ”ffnende Element.
Ist die gestelzte Kuppel hart, so ist die die hängende Girlande
nachgiebig, weich und ohne sich abzuschirmen aufnehmend.
Der Winkel nun ist unter dem Gesichtspunkt der Bogigkeit nicht zu
betrachten, wie es bei Arkade und Girlande der Fall ist.
In letzteren beiden ziehen Bindungsb”gen von einem Vertikalstrich zum
anderen, um nach Vollzug in einem Winkel abrupt abzubiegen.
Abbiegen klingt viel zu weich.
Der Winkel vielmehr schlägt Haken.
Das käme der Sache eher nahe.
Dieser abrupte Richtungswechsel vollzieht sich beim Winkel jeweils nach
Vollzug von direkten und geraden Linien und immer ohne, daß B”gen sich
dabei spannten.
Insofern bilden sich auch keine Formen aus.
Formen entstehen zwar schon, aber nur gemindert.
Der Winkel steht der Form entgegen.
Er besitzt nicht das volle und lebendige Element, das sich in der
Anschauung erleben läßt.
Er besitzt vielmehr das nüchterne, abstrakte, skelettartige Element, das
alles Füllende aufs Wesentliche zu reduzieren sucht.
Der Faden nun formt aus ebensowenig wie der Winkel.
Zwar zieht er B”gen, aber diese B”gen finden keinen Halt in einem Haken
und Widerhaken.
Im Faden ist kein Winkel zu finden, nicht der Winkel der Arkade, nicht der
der Girlande, nicht der des Winkels.
Dem Faden fehlt Festigkeit.
Ihm fehlt das stabilisierende Element.
Der Faden schwimmt.
Der Faden schlängelt sich.
Er schlängelt sich und durchdringt alle Strukturen, ohne selber Struktur
zu sein.
Der Faden ist strukturlose Struktur.
Wenn dem Winkel das Aktive verk”rpert, dann widerspiegelt der Faden das
Passive.
Natürlich, je weiter einer schreibt, desto mehr wirkt das einer
Winkelbildung entgegen, und nicht jeder Richtungswechsel kann ersatzweise
durch eine Schleife vollzogen werden, weil auch das die Gesamtausformung
der Schrift verdreht.
Und manch einer wird demzufolge auch nicht zu weit schreiben, damit denn
auch Formung noch in stabilisierender Weise m”glich ist.
Einige Schreiber aber vollziehen den Faden auch noch in einer relativen
Enge.
Das sind die Doppelbogenschreiber.
Obwohl die Enge den Winkel begünstigt und den Bogen nur noch zur Hälfte
beläßt, wie bei Arkade und Girlande, bildet dieser Schreiber trotzdem
keine Winkel aus.
Um so bedeutsamer ist es in diagnostischer Hinsicht, wenn Umstände wie
Enge den Winkel naturgemäß begünstigen, es aber dennoch nicht zu
Winkelbildung kommt.
Andererseits läßt ein Faden alles zerfließen, was der Doppelbogen nicht
zuläßt; denn er bewahrt in seinem deutlicheren Auf und Ab mehr Restform.
Ein Fadenschreiber, der in seinem Faden nicht zu sehr zerfließen will,
wird sich mit einem Doppelbogen auss”hnen k”nnen.
Es gibt in den Bindungsformen auch Mischformen, die als Sondermerkmale
bedeutsam sind.
Winkelarkaden sind solche, die als Bogen zwar anlaufen, aber im letzten
Augenblick doch als Winkel abknicken, bis sie endlich zu dem Punkt laufen,
wo sie ohnehin auch als Arkade abzuknicken haben.
Oder auch die Gestützte Arkade ist ein solcher Vertreter.
Bei ihr l”st sich der Aufstrich nicht vom vorhergegangenen Abstrich und
bildet einen sogenannten Deckstrich.
Die Durchschleifte Arkade ist ein weitere Vertreter, der auch nicht so
häufig vorkommt.
In diesem Falle fehlt der Knick zum Abbiegen in der Basis, um die nächste
Form zu binden.
Der Strich also läuft weiter, ohne abzuknicken, und er bildet eine kleine
Schleife.
Das wäre in etwa kontrollierte Form ohne stabilisierende Widerhaken
an der Basis.
Das wäre Arkade gemischt mit den Einschlag einer Linksläufigkeit
beziehungsweise eines Fadens.
Die Arkade wird in ihrer Bedeutung als solche eingeschränkt.
Abschirmend ist sie nach wie vor mit allem Positiven wie Negativen, das
ihr innewohnt; doch sie strahlt weniger gefestigt ab.
Solche ebenbeschriebenen Schleifen finden wir auch in Girlanden.
Dort im übrigen häufiger als in Arkaden.
Nennen wir sie Durchschleifte Girlanden.
Das weiche, nachgiebige und sich ”ffnende Element ist der Girlande
ohnehin eigen.
Es wird durch die Durchschleifung zusätzlich noch verstärkt.
Oft ist es dann ein Zuviel des Guten, sodaß die Girlande mit ihrem
arteigenen Gepräge überfrachtet ist.
Auch in der Girlande k”nnen wir Deckstriche finden, was die Girlande in
einem wieder anderen Lichte erscheinen läßt.
Wir nennen sie Gestützte Girlande.
Ferner ist als Sondermerkmal eine schlaff, bauchig hängende Girlande zu
nennen, die tief in sich durchhängt.
Man nennt sie Sattelgirlande.
Der Winkel kennt weiterhin Sonderformen.
Es ist der Gestützte Winkel.
In ihm setzen die Haarstriche nicht an den unteren und oberen Enden der
Grundstriche an, sondern in der Mitte etwa.
Im Extremfall sähe das optisch fast so aus, als stünden nebeneinander
viele Minuskeln öiö ohne i-Punkt, die allesamt in der Mitte
durchgestrichen wären.
Der Eindruckscharakter jedoch ist der, daß Formen geknickt sind und, daß
die Abstriche gestützt werden müssen.
Diesen Duktus, der den Strich auf diese Weise führt, nennt man:
Sacre'-Coeur-Duktus.
Graphologischer Aspekt
Arkadenschreiber sind solche, die Formgefühl besitzen und Sinn haben für
?sthetik.
Sie betonen die Konvention und halten gerne am Althergebrachten fest.
Was sich etabliert hat, erhalten sie und schützen es.
Sie sind selbständig und distinguiert, besitzen Distanz, Diskretion,
vornehme Gesinnung und wissen würdevoll aufzutreten.
Arkadenschreiber, formbedacht wie sie sind, haften natürlich auch an der
Form.
Das kann bis zu Unechtheit und Verstellung gehen.
Hinter dem Festhalten am Althergebrachten kann sich auch Angst verbergen
mit der Haltung, sich abzukapseln.
Das Sichschützen kann zu zwanghaftem Sichselbstschützenmüssen ausufern.
Und hinter Distanz und Diskretion mag Unnahbarkeit und Verschwiegenheit
sowie starre Kälte stehen.
Purer Formalismus und Maske m”gen zum Schluß die šberreste eines solchen
Menschen sein.
In den Sondermerkmalen finden wir unter anderem, wie bereits erwähnt,
Winkelarkaden, die aggressive Winkelzüge verraten, die sich scheinheilig
hinter einer Maske tarnen.
Die gestützte Arkade verrät durch ihren Deckstrich, daß verdeckt wird.
Oft entsteht sie bei zunehmender Enge.
Hier wir nicht mit offenen Karten gespielt.
Etwas bleibt immer in Reserve.
Es verrät sich kein spontanes, sich ”ffnendes Wesen, das frei
herrausstr”mt.
Die durchschleifte Arkade kann auf eine konziliante Form hinweisen.
Das hieße, der Schreiber besitzt eine liebenswürdige Art bei der er
trotzdem dezent Abstand wahrt.
Wo dieses Sondermerkmal aber auftaucht, ist deutlich zu prüfen, ob nicht
Heuchlerei das alles bestimmende Element ist, das den Wolf im Schafspelz
tarnt.
Die Girlande, die sich nach oben ”ffnet ist dasjenige, das auf Weichheit,
Güte, Herzlichkeit, Entgegenkommen schließen läßt.
Hier finden wir die Bereitschaft zum Kompromiß und zur Nachgiebigkeit.
Der Girlandenschreiber strebt nach harmonischem Miteinander und str”mt
frei und ungezwungen aus sich heraus.
Er kapselt sich nicht ab, sondern bezieht den Anderen mit ein.
Man findet immer Nähe und Zugang bei ihm.
Sein warmes Herz h”rt man schlagen, und durch Resonanz ist es m”glich, mit
ihm mitzuschwingen.
Hier wird nicht gefragt, warum und weswegen, was zählt ist Harmonie.
Ist es harmonisch, ist es gut.
Die Girlande erscheint natürlich in einem anderen Licht, wenn der
Rhythmus nicht der Rechte ist oder wenn Sondermerkmale sie verbiegen.
Wo Weichheit nur noch Nachgiebigkeit bedeutet, l”st sich die Person als
solche auf, die für ihr Verhalten ja auch einzustehen hat.
Gesinnungslosigkeit ist das Ergebnis.
Dieser Mensch ist nicht mehr sich selbst.
šberhaupt ist er untreu.
Er ist beeinflußbar, zielunsicher, nicht standhaft, beirrbar, weichlich,
schwammig, weinerlich, widerstandsschwach, disziplinlos,
stimmungsabhängig, haltsuchend, verführbar, bequem, oder gar h”rig.
Unter den Sondermerkmalen finden wir bei den Girlanden die Gestützten
Girlanden, in denen der Abstrich direkt auf dem Aufstrich drauf liegt.
Richtig wäre, daß der Abstrich sich vom Aufstrich l”st.
Auch hier wird verdeckt ohne, daß eine Losl”sung von sich selbst
stattfindet.
Bei aller Liebenswürdigkeit bleibt hier immer noch einiges in Reserve.
Ausfließendes wird zum Stehen gebracht und Gefühle sollen nicht
unkontrolliert ausfließen und überfließen.
Als weiteres Sondermerkmal finden wir die Durchschleifte Girlande, die
natürlich eine Art Girlande hoch zwei ist.
Gefallsucht kann sich dahinter verbergen.
Wer so ist, hat nicht genügend zu bieten, um noch gefallen zu k”nnen.
Er tut es, indem er künstlich nachhilft, und die Schleifen wirken fast wie
umgarnen und einspinnen und zuspinnen.
Was da also auf der einen Seite als freie Girlande herausstr”mt oder auch
nur herauszustr”men wünscht, kreist, bevor es übergleiten kann, immer erst
noch einmal um sich selbst.
Etwas ist unfrei, was aber frei zu sein beliebt.
Die allzugroße Verbindlichkeit der rosaroten Schleifen dürfen nicht
darüber hinweg täuschen, daß ein Maß an Reserve im Hintergrund weilt.
Was immer wieder auch als Sondermerkmal vorkommt, ist die Sattelgirlande,
die so schwer, schlaff und tief durchhängt.
Die Seele hängt hier schwer, schlaff und tief.
Das schwere, schlaffe, tiefe Duchhängen kann hier als eine besondere
Form der Depression gewertet werden.
Wer so schreibt, bei dem ist zu vermuten, daß die Erlebnisse bei ihm und
in ihm zu tief gehen, und er dadurch keine Widerstandsstärke zur rechten
Verarbeitung der Erlebnisse aufweist, sodaß Schwermut die Folge ist.
Er hat seelische Verdauungsst”rungen.
Seine Verdauung mag von Natur aus überhaupt empfindlich sein.
Es mag aber bei guter Verdauungsfähigkeit die Nahrung auch zu schwer
gewesen sein.
Der extreme Drang der Girlande, sich nach oben zu ”ffnen, findet sich
wieder in Buchstaben, die normalerweise nach oben hin nicht ge”ffnet zu
sein haben, so bei den Minuskeln öa,d,g,oö.
Solche Schreiber k”nnen nicht diskret sein und legen alles offen dar, auch
das Intimleben des Anderen.
Sie sind Plaudertaschen und Quasselstrippen und k”nnen nicht ansichhalten.
Sie sind öinkontinentö.
Will man eine Nachricht ohne Anstrengung um die Welt bringen, muß man es
ihnen anvertrauen, sie ergießen sich nach überall hin, egal wer zuh”rt.
Daß sie dabei großen Schaden anrichten k”nnen, ist ihnen in ihrer
Harmlosigkeit eher unverständlich, da sie ja nichts aus dem Hinterhalt mit
b”ser Absicht tun.
Wie kleine Kinder machen sie sich ungeniert nur Luft, ohne die Fähigkeit
erworben zu haben, Gefühle auch zurückhalten zu k”nnen.
Indem sie so sind, sind sie unschuldig und k”nnen in ihrer Unschuld
aber gefährlich sein.
Sollten wir eine solche Handschrift bei einer Frau finden, dann stimmt an
dieser Stelle der Satz: Eine Frau ein W”rterbuch.
Hingegen: Ein Mann ein Wort.
Auch der Satz kann stimmen, sollten wir den entschiedenen Winkel in der
Schrift eines Mannes finden.
Der Winkelschreiber ist ein Entwederodermensch.
Diplomatie und das Sowohlalsauch ist nicht das, wonach er sucht.
Er sucht unbeirrbar die klare Entscheidung, sucht überhaupt
Entscheidungen.
In Zwischenreichen und Grauzonen geht er kaputt.
Er bevorzugt die korrekte, klare Linie mit der er kompromißlos Klarschiff
und tabularasa macht.
Er zeugt von Stabilität und Festigkeit und ist in jeder Beziehung
eindeutig.
Seine Grundhaltung ist solide, und er bevorzugt šberschaubarkeit.
Er ist der männliche und Kämpferische, der loyal ist und autark.
Zielsicher ist er und verläßlich, sein Wort zählt.
Zähigkeit, Standfestigkeit und Durchhalteverm”gen zeichnen ihn aus.
Verwegener Mut und eiserne Tapferkeit geh”ren ebenso zu seinen Tugenden
wie Treue, Berechenbarkeit und Verläßlichkeit.
Wo viel Licht, da auch so viel Schatten.
Der Winkelschreiber gebraucht auch seine Ellenbogen.
Er ist auch der Aggressive, Zerst”rerische, Aufsässige, Destruktive,
Kalte, Starre, Unnachgiebige, Unvers”hnliche, Schroffe, Tyrannische,
Querulantische, der nicht dulden wird, daß etwas neben seiner Linie
liegt.
Sein Wort zählt und nur seins.
Nichts hat seiner Kontrolle zu entgehen.
Er ist immer wach und nüchtern.
Und das alles läßt ihn auch erscheinen, nämlich nüchtern und damit
humorlos und einseitig, immer nur rational und auf den Zweck abgerichtet.
Wenn er kämpft, dann fordert er bedingungslose Kapitulation.
Im Extremfall erstarrt der Schreiber im Winkel.
Eine Art Leichenstarre hat ihn dann unbewegt gemacht.
In keinem Bogen erreicht er auch nur irgendeine Seele, wenn er in seiner
Festigkeit alles blockiert.
Im Vergleich mit Bogenschreibern leben Winkelschreiber linear denkend aus
dem begrifflich Gedanklichen heraus.
Bogenschreiber aber erleben immer auch aus der Anschauung heraus.
Der Gestützte Winkel gilt als Sondermerkmal bei Winkelschreibern.
Er weist auf Unaufrichtigkeit und Verschlagenheit hin.
Er zeigt den Versuch, etwas zu verbergen.
Um einen solchen Knick in die Winkel hineinzuverfrachten, muß man
eigentlich auch schon selbst genug geknickt sein.
Es gibt zuweilen auch verschmierte Winkel.
Solche sprechen für eine Doppelte Moral.
Verschmierungen werden besprochen im Kapitel Teigigkeit.
Der Fadenschreiber nun, um mit der letzten Bindungsform dann auch dieses
Kapitel abzuschließen, ist, wie schon in der Beschreibung der Graphik
des Fadens, auch aus Graphologischer Sicht strukturlose Struktur.
Er durchdringt alles, da er er ohne Widerstand arbeitet.
Widerstände umgeht er geschickt.
So ist er der geborene Diplomat.
So ist er der Psychologe, der in jede Tiefe eindringt.
Was anderen zu sperrig ist, er durchdringt es.
Er ist gewandt und wendig, nie festgelegt und in jeder Hinsicht
vielseitig.
Er ist auch eine Boh‚me-Natur.
Wenn einer Sinn zum luftigen Element hat und mit dem Geist der Allnatur in
Verbindung steht, dann ist er es, der allgemeinste Str”mungen in sich
aufnehmen kann, ohne selber hinderlich im Wege zu sein.
Vielleicht finden wir unter Fadenschreibern gar die meisten genialen
Naturen.
Um Umgang ist er angenehm; denn nichts prallt schroff an ihm ab.
Jede von anderen ausgehende Kraft fließt am Fadenschreiber ab.
All diese Kräfte fließen durch ihn hindurch oder an ihm vorbei.
Er leitet sie, falls sie gegen ihn gerichtet sind, einfach um und
verhindert damit den Kollisionskurs.
Die wirkliche Auseinandersetzung wird nicht mit ihm stattfinden und schon
gar nicht durch ihn.
Sein Wesen ist einfühlsam oft aber ohne Tiefe, und er geht wie ein
Begleiter mit einem mit.
Wir finden diese psychologische Befähigung sonderlich bei solchen, die
einen Endfaden aufweisen, also einen Faden am Wortende.
Der Fadenschreiber ist auch so eine Art Zünglein an der Waage.
Indem er die Kraft von Gramm einsetzt oder Mikrogramm auch nur, vermag er
Tonnen zu bewegen.
Er ist Mittler.
Er ist Diplomat.
Als Kraft zu wirken ohne selber Kraft zu sein, ist schon ein
beeindruckendes Phänomen.
Und auch der Fadenschreiber hat seine zwei Seiten.
Gerade er, der in allen Farben schillert, muß auch in seiner
Schattenbereichen erfaßt werden.
Er besitzt Janusk”pfigkeit, ist nie eindeutig, und man bekommt ihn nie zu
fassen.
Nie stellt er sich.
Immer weicht er aus.
Und greift man zu, entrinnt er aus den Fingern wie schleimige Masse.
Vielleicht ist er eine Art Qualle.
Vielleicht aber ist er Schleim gar nur.
Er ist auch der Schleimer schlechthin.
Er redet zu Munde und umschmeichelt.
In seiner Gegenwart hat man schnell Honig an der Backe.
Er ist wandlungsfähig wie ein Schauspieler; denn er ist ein Schauspieler.
Solch ein Mensch, der wie das Chamäleon in allen Farben schillert, mag im
Extremfall Probleme mit seiner Identität haben.
Alles, was er ist, ist er nicht; denn er spielt es nur - und trotzdem
spielt er sich selber.
Wenn der Fadenschreiber lügt, so lügt er geschickt, und ist er
intelligent, so lügt er noch geschickter.
In seiner allgemeinen Wendigkeit also kann er auch von nicht zu
unterschätzenden Gefährlichkeit sein, da er immer wieder neu und anders
auftritt und man ihn nicht immer sieht, wenn er vor einem steht.
Er agiert dann als Gegner mit der Tarnkappe.
Bei den Sondermerkmalen wurde bereits der Doppelbogen genannt.
Häufig genug bedeutet er schlichtweg Charakterlosigkeit.
Der Endfaden wurde bereits als psychologischer Einfühlungsfaden erkannt.
Zumeist ist er der Eilefaden, der trotz seiner Vernachlässigung, die er
darstellt, das Wesentliche noch vom Unwesentlichen trennt, wenn er doch
nur einen Rattenschwanz wegläßt.
Der schlaffe Faden weist den Spannungslosen aus, dem es an dynamischer
Impulskraft mangelt.
Der Faden im Wortinnern verrät den Nerv”sen und šberreizten oder eben auch
Gehetzten.
Deutungstabellen
Deutungstabelle für Arkade
Arkade- Arkade+
Falschheit Formgefühl
Unechtheit Zurückhaltung
Maske Diskretion
Fassade Konventionsbetonung
Deutungstabelle für Girlande
Girlande- Girlande+
unselbständig Mitgefühl
zu weich Einfühlung
beeinflußbar Gutmütigkeit
fügsam Entgegenkommen
Deutungstabelle für Winkel
Winkel- Winkel+
Starrsinn Eindeutigkeit
Kälte Entschiedenheit
Eigensinn Verläßlichkeit
Formalismus Festigkeit
Deutungstabelle für Faden
Faden- Faden+
launenhaft beweglich
wankelmütig gewandt
uneindeutig diplomatisch
sich lavieren umstellungsfähig
KAPITEL 10
VERBUNDENHEIT
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Schriftprobe für Hochunverbundene Schrift [34]
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Schriftprobe für Mittleren Verbundenheitsgrad [35]
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Schriftprobe für šberverbundene Schrift [36]
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Definition
Verbundenheit bezeichnet die Anzahl der Zeichen, die miteinander verbunden
werden.
Sie geh”rt in den Rhythmusbereich der Bewegung.
Graphischer Aspekt
Gemäß Schulnorm haben wir alle gelernt, jeden Buchstaben innerhalb eines
Wortes miteinander zu verbinden.
Doch schon recht bald nach Erlernen der Schulschrift, noch in der Schule,
setzt sich bei vielen der Drang durch, von dieser Norm abzuweichen.
Nicht mehr alle Buchstaben werden miteinander verbunden.
Wenn dann die Handschrift ausgeschrieben ist, und sie nicht mehr
Selbstzweck für normgebundene Sch”nschrift ist, sondern nur noch Mittel
für den Zweck der Kommunikation ist, dann lassen sich nicht selten
Handschriften finden, in denen weniger Buchstaben miteinander verbunden
sind als es die Schulnorm vorsieht.
Unverbundene Schriften nennen wir solche, bei denen nur noch zwei bis drei
Buchstaben oder gar nur ein bis zwei miteinander verbunden werden.
In aller Regel werden miteinander drei bis fünmf Buchstaben verbunden.
Man spricht dann von Mittlerem Verbundenheitsgrad.
Drei bis fünf Buchstaben stellen hierbei das Statistische Mittel dar.
Die Varianz um diese drei bis fünf kann mehr oder weniger stark ausgeprägt
sein.
Werden im Schnitt nie weniger als drei bis vier und eigentlich immer drei
bis fünf Buchstaben oder mehr miteinander verbunden oder gar ganze Worte
ohne Unterbrechung geschrieben, sodaß zum Schluß ganz konsequent
vollständige Worte ohne abzusetzen fertiggestellt werden, dann sprechen
wir von Verbundenen Schriften.
In beide Richtungen gibt es Extreme.
Sie zählen allesamt zu den Sondermerkmalen.
Es gibt auf der einen Seite extrem unverbundene Schriften, sogenannte
Hochunverbundene Schriften.
In ihnen werden die Buchstaben selbst noch zerstückelt.
Mal wird in ihnen jeder Buchstabe in seine Formbestandteile zerlegt,
sodaß seine Architektur auseinandergenommen erscheint.
Mal wird in ihnen alles reduziert, was unn”tig ist, und zwar so weit, daß
auch an die Substanz des N”tigen herangegangen wird.
In solchen Fällen erscheinen dann nur noch die Grundstriche, ohne daß es
zu den verbindenden Aufstrichen kommen kann.
Ein Schriftgerippe, ein Skelett steht dann vor uns.
Die einzelnen Striche stehen allesamt voneinander isoliert da, und
umsomehr, wenn der Rhythmus fehlt.
Ist der Rhythmus da, steht man auch als Graphologe unschlüssig da und
weiß nicht recht, wie man die Handschrift zuordnen soll, zur
Unverbundenheit oder zur Verbundenheit.
Unverbunden ist sie gewiß, sonst stünde ja nicht jeder Strich sichtbar
isoliert da.
Verbunden aber ist sie ebensosehr, wenn jeder Strich unsichtbar mit jedem
Vorgängerstrich und Nachfolgestrich in Verbindung steht.
Und es gibt auf der anderen Seite sogenannte extrem verbundene Schriften,
sogenannte šberverbundene Schriften.
In ihnen werden sogar Worte miteinander verbunden.
Was es auch gibt, das ist, daß alles sich auf merkwürdigste Weise mischt.
Manchmal mischt sich schlichtweg Unverbundenheit mit Verbundenheit, indem
sich beides irgenwie abwechselt.
In seltenen Fällen hat man eine Handschrift vor sich, wo fast konsequente
Unverbundenheit in allen Worten am Ende mancher Worte Brücken schlägt zu
anderen Worten, zu denen Verbindung gesucht wird.
šber alle solche Besonderheiten gibt es hochinteressante Studien.
Eine davon, die sich damit auseinandersetzt, ist vor langer Zeit im Jahre
1964 erschienen, und zwar in der Zeitschrift für Menschenkunde.
Sie erschien seinerzeit bei Wilhelm Brauer Verlag, Wien Stuttgart.
Das sei erwähnt, weil es in diesem Zusammenhange gewiß viel zu sagen
gäbe, es aber in diesem Buche unm”glich abgeleistet werden kann.
So interessant das Thema ist, es würde vom eigentlichen Anliegen dieses
Buches wegführen.
Der Rahmen, den sich dieses Buch gesteckt hat, ist ein allgemeiner und man
würde, so interessant das Thema ist, abdriften von Wesentlichen zum
Unwesentlichen.
Dieses Buch soll ja allgemeine Einblicke in die Graphologie gewähren und
sich überwiegend an den Nichtfachmann wenden.
Doch zurück zum Thema, zurück zum Verbundenheitsgrad.
Es müssen noch Betrachtungsweisen angestellt werden, was
Verbundenheitsgrad ist - was er noch ist.
Verbundenheitsgrad einer Schrift nämlich ist mehr als nur die Anzahl der
miteinander verbundenen Buchstaben.
Wann immer ein Strich nicht weiterläuft, ist zu prüfen, wie er nicht
weiterläuft und wo er nicht weiterläuft.
H”rt der Strich auf und läuft aber imaginär als Luftbrücke weiter, oder
muß der Strich danach v”llig neu ansetzen?
War es überhaupt m”glich eine Verbindung zu schaffen, oder war der
Buchstabe verbindungsunwürdig wie etwa bei den Majuskeln öD,F,P,S,Tö?
Verbundenheitsgrad einer Schrift ist mehr als nur die Anzahl der
miteinander verbundenen Buchstaben.
Wenn der Strich abreißt, dann reduziert sich gerade in diesem Augenblick
der Schreibdruck auf mindestens Null.
Schreibdruck ist ein Schriftelement, das in einem späteren Kapitel
beschrieben werden wird.
Ganz grob gesagt ist er der Druck, mit dem das Schreibwerkzeug auf dem
Papier aufsetzt.
Man spricht sinnvollerweise hier auch von Reibedruck.
Wo keine Verbindung ist, findet kein Reibedruck statt.
Verbundenheitsgrad einer Schrift ist mehr als nur die Anzahl der
miteinander verbundenen Buchstaben.
Denn der ebenbenannte Druck ist nicht nur Druck.
Er schafft auch Dimension.
Beim Schreiben vollziehen wir ein permanentes Auf und Ab.
Damit haben wir die erste Dimension, die nicht mehr ist als eine
Vertikallinie.
Wir haben oben und unten.
Beim Schreiben bewegen wir uns von links nach rechts.
Damit haben wir die zweite Dimension mit der wir uns in der Fläche
befinden.
Wir haben links und rechts.
Und endlich beim Schreiben drücken wir auf, schwächer oder stärker.
Damit haben wir die dritte Dimension, mit der wir uns den Raum
erschließen.
Wir haben vorne und hinten.
Man sieht, der Verbundenheitsgrad hat so indirekt auch etwas zu tun mit
den Dimensionen des Schriftraumes.
Als Graphologe muß man die Handschrift sehen lernen als ein räumliches
Gebilde.
Verbundenheitsgrad einer Schrift ist mehr als nur die Anzahl der
miteinander verbundenen Buchstaben.
Er kann auch Ausdruck von Eile sein oder auch nur von lachser
Nachlässigkeit.
Denn der sich in Eile Befindliche neigt dazu, mehr und mehr Buchstaben
miteinander zu verbinden, da jedes Absetzen für ihn Zeitverlust bedeutet.
Leistet er sich diesen Luxus, obwohl er Zeit doch hat, so ist er bequem
und nachlässig, vielleicht sogar schlampig.
Und je schneller die Handschrift, um alsbald ans Ziel zu kommen, desto
weniger Druck kann wiederum noch aufgewendet werden.
Das sei genannt, um damit klarzumachen, wie Schriftverbundenheit über
Umwege mit Reibedruck zusammenhängen kann.
Dazu aber später mehr.
Graphologischer Aspekt
Der unverbunden Schreibende ist, um in der bildhaften Anschauung zu
bleiben, der Ungebundene.
Das hat auch etwas mit fehlender Konsequenz zu tun.
Das hat auch etwas mit mangelnder Anpassungsbereitschaft zu tun.
Der unverbunden Schreibende findet immer wieder einen Anfang, und
eigentlich seinen Neuanfang.
Er fühlt sich nicht unbedingt gebunden an dem, woran er sich von der Sache
her naheliegend gebunden fühlen müßte.
Vielleicht setzt er immer wieder neu an, so wie sein Herz von Schlag zu
Schlag neu schlägt.
Es mag mit ihm sein wie mit seinem Atmen.
Beim Atmen wird auch eine rhythmische Ordnung gesucht.
Atmen, wie jeder Rhythmus überhaupt, dehnt Sein zu Werden.
Vielleicht sind das mit die Gründe, warum normgemäße gebundene Vorgabe
Unverbundenheit erzeugt.
Und vielleicht ist Erzeugung sogar schon Zeugung im Sinne von Urzeugung,
also wirklichem Gebären und Neubeginnen.
Vielleicht braucht der Ungebundene immer wieder seinen kleinen Neuanfang,
um überhaupt sein zu k”nnen.
Das Leben in seinem Sein ist permanentes unbemerktes Entstehen und
Vergehen.
Was nicht permanent entsteht und vergeht, kann nicht ins Sein, ins Dasein
gerufen werden.
Manch einer gar sucht sich gezielt die Stellen aus, wo er in der Schrift
unverbunden bleibt.
Nach Silben etwa wird geordnet.
Unverbundenheit kann ordnend wirken, wenn der Strich nach Gesichtspunkten
abreißt und erneut einsetzt.
Aber eines bleibt immer:
Bei der Unverbundenheit wird ein Neuanfang gesetzt.
Wer so schreibt, schreibt sich nicht fest.
Er fährt nicht gern auf einer Schiene; fährt nicht gern eine Schiene.
Vielmehr hat er sein Ohr auch stets nach innen gerichtet und reagiert auf
die von innen kommenden Impulse.
Und wenn er auf innere Impulse horcht, mag es sein, daß er vielleicht
noch nicht einmal weiß, was sein Innen ist.
Aber er wird es spontan repräsentieren - ohne sichtbare Verbindung.
Wer so schreibt, ist entweder nur sprunghaft oder gar ideenreich.
Wer so ist, ist entweder inkonsequent nur oder gar sch”pferisch.
Wer so schreibt, ist nicht so leicht nach einer Schablone festzulegen.
Wer so schreibt, ist nie alt, sondern immer wieder neu.
Er ist der Launische oder der Kaprizi”se.
Bei geistiger Begabung oder gar Begnadung ist er der große Intuitive, der
auch in die Tiefe schaut.
Dieser schaut in Bildern.
Ein Blick genügt ihn.
Das Reflexive, Diskursive erledigt er kontrollierend hinterher, und
eigentlich nur unvollkommen und stolpernd.
Seine Reflexivität dank seiner vielleicht hohen Intelligenz ist nur
Appendix.
Dieses Anhängsel, dieses notwendige šbel, kann immer nur ein
Schattendasein führen neben seiner intuitiven Welt.
Er braucht es auch gar nicht.
Dafür sind die anderen da zum Schluß.
Was er nicht mit einem Blick in nur einem Augenblick hat - hat er nie.
Das ist der Intuitive.
Wenn der Intuitive eine Idee bekommt, so bekommt er sie spontan.
Es ist nicht so, daß er sie sich aktiv erarbeitet hätte.
Es findet kein Abarbeiten statt.
Eigentlich wird dem Intuitiven eine Rückerinnerung aufgedrängt, in welcher
er sein Innerstes in genau diesem Augenblick nach außen stülpt.
Sein Innen ist pl”tzlich sein Außen; denn es hat sich durch Ausstülpen
realisiert.
Etwas, das vorher auch schon da war, aber nur unsichtbar da war, ist jetzt
urpl”tzlich ins Dasein gerufen worden und hat sich realisiert.
Ein Blitz aus dem Schwarz der Nacht zuckt und trifft ihn.
Es bilden sich in ihm unversehens spontane Verbindungsbrücken aus von
seinem Ich zu seinem Selbst, diesen großen alles gebietenden Herrscher im
Hintergrund, den man so schlecht schauen kann und der aber doch da ist und
alles lenkt.
Man k”nnte sagen, Selbst lenkt und Ich denkt.
Der Intuitive hat keine Idee - er ist die Idee, wenn er sie hat.
Natürlich muß Schriftunverbundenheit nicht viel mit Intuition zu tun
haben.
Aber wo Intuition auftaucht, da wird sie in aller Regel auch mit dem
Schriftmerkmal Unverbundenheit einhergehen.
Und wo sie nicht auftaucht, da ist Intuition nicht mehr Intuition.
Manch einer assoziiert nur leer daher.
Ohne Orientierung, ohne Vorsortierung werden da nur Bildbereiche ohne
erkennbarer innerer Notwendigkeit wirr abgerastert.
Ein Selbstgänger ohne Sinn, halb im Schlafe.
Ständige Neuanfänge sind zwar erkennbar, so wie kaum Begonnenes vor
Abschluß schon abgebrochen wird, aber es fehlt der Bezug zur Realisierung.
Alles Innen findet keinen Bezug zum Außen.
Innen und Außen bleiben zwei getrennte Reiche ohne Brücken.
So finden wir also unter unverbunden Schreibenden solche und solche.
Der verbunden Schreibende dagegen folgt einem unsichtbaren Leitfaden.
Durchaus ist er auch der Verbindliche.
Er lehnt sich ja an die von außen kommenden Notwendigkeiten an.
Entweder ist er nur Zweckdenker, der nur das denkt, was er zielgerichtet
auch verwursten kann, oder er ist, wenn er besonders intelligent ist, der
große Logiker, der unbeirrbar dem roten Faden konsequent folgt.
Ein solcher irrt nie ab, sondern spürt seinem Ziel nach, bis er es
erreicht hat.
Vielleicht ist es unzutreffend hier an eine Schlange zu denken.
Aber diese spürt auch blind aber züngelnd und damit riechend ihrem Ziele
nach.
Was der mit Augen sehende nicht sieht, sie spürt es blind und sehend auf
ihre Weise nach - unbeirrt.
Wie auch immer: Der verbunden Schreibende ist entweder der Zweckdenker
oder der Logiker, um es in eine Formel zu bringen.
Vielleicht mag man seine Notwendigkeiten nicht schauen k”nnen;
nichtsdestotrotz aber sind sie da und bestimmen ihn.
Bei Schriftunverbundenheit spricht man von haftender Geistesart.
Bei Schriftverbundenheit spricht man von schweifender Geistesart.
Ersterer ist analytisch im geistigen Vorgehen.
Letzterer ist synthetisch im geistigen Vorgehen.
Ersterer ist sich vom Außen isolierend im seelischen Erleben.
Letzterer ist sich im Außen einbindend im seelischen Erleben.
Ersterer ist ans Innen gebunden.
Letzterer ist mit dem Außen verbunden.
Ersterer ist mit seinem Innen im Bunde.
Letzterer ist im Außen in der Runde.
Ersterer ist tendentiell eher introvertiert.
Letzterer ist tendentiell eher extravertiert.
Vorangehend wurde gesagt, wann immer ein Strich nicht weiterläuft, ist zu
prüfen, wie er nicht weiterläuft, wo er nicht weiterläuft.
H”rt der Strich auf und läuft aber imaginär als Luftbrücke weiter, oder
muß der Strich danach v”llig neu ansetzen?
Dieser Eigenart nimmt sich in einem späteren Kapitel das Thema Intelligenz
an, da Knüpfungsgewandtheit sich auch in Imaginären Linien zeigt.
Aber überhaupt muß man stets genau schauen wo und wie ein Strich
abreißt, damit sich ermitteln läßt, wann und wie ein Schreiber mit sich
und seinem Drumherum in Verbindung steht.
Deutungstabelle
unverbunden- unverbunden+
isoliert intuitiv
sprunghaft einfallsreich
unlogisch schlagfertig
launisch analytisch
unberechenbar wachsam
unsystematisch kontrolliert
kleinkariert individuell
einsam originell
eigensinnig gründlich
querulantig selbständig
pedantisch eigenverantwortlich
egozentrisch produktiv
gest”rt sch”pferisch
verbunden- verbunden+
Gewohnheitsbezogen verbindlich
herdenhaft systematisch
unselbständig abstraktionsfähig
abhängig voraussehend
h”rig organisationsfertig
dogmatisch realistisch
stereotyp anpassungsfähig
schablonenhaft ausgleichend
opportunistisch verläßlich
betriebsam gedächtnisstark
dialektisch harmonisierend
phrasenhaft harmonisch
leer reproduktiv
KAPITEL 11
AUSSCHMšCKUNG
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Schriftprobe für Vereinfachung [37]
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Schriftprobe für Bereicherung [38]
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Definition
Ausschmückung bezeichnet das, was auch Vereinfachung und Bereicherung
genannt wird.
Sie geh”rt in den Rhythmusbereich der Form.
Graphischer Aspekt
Vereinfachung-Bereicherung hat zum Inhalt, ob von der Normvorgabe der
Schrift Teile weggelassen wurden oder hinzugefügt wurden.
Die Vereinfachung ist dabei allerdings nur dann Vereinfachung, wenn sie
nicht Teile aus der Schrift verschwinden läßt, die notwendig sind, damit
die Handschrift auch lesbar bleiben kann.
Bei zunehmender Vereinfachung allerdings liegt es in der Natur der Sache,
daß die Schrift notwendigerweise immer unlesbarer werden muß.
Denn wenn Teile eines Buchstabens fehlen, die genau den betreffenden
Buchstaben zu eben genau diesen einen bestimmten Buchstaben machen, dann
ist dieser eine bestimmte Buchstabe nicht mehr dieser eine bestimmte
Buchstabe.
Er ist dann sonst was, oder einem anderen vielleicht ähnlich, aber eben
nicht mehr dieser, dieser eine bestimmte, der er sein soll.
Er erfüllt nicht mehr seinen Sinn, sodaß zum Schluß alle Buchstaben mehr
und mehr uniform erscheinen und der eine Buchstabe sich nicht mehr vom
anderen abheben kann.
Nichtsdestotrotz, bei der gelungenen Vereinfachung wird immer auch einiges
von dem zwar Auchwichtigen weggelassen, ohne jedoch, daß es der
Lesbarkeit Abbruch täte.
Manch ein Schreiber verfällt bei seinen Vereinfachungsmethoden auf
originelle Ideen, sodaß bei vielleicht trotz starker Vereinfachung, alles
gut lesbar bleibt.
Gelegentlich stӧt man auf Handschriften, in denen einzelne Buchstaben
isoliert betrachtet kaum erraten werden k”nnen, in denen aber jeder
einzelne Buchstabe mühelos erkannt wird, sieht man ihn nur im Kontext,
was durchaus beim Lesen der Normalfall ist.
Solche Handschriften sind dann ein gutes Beispiel für gelungene
Vereinfachung.
Werden hingegen bei einer Schrift, die nicht vereinfacht ist, eben, weil
sie sich beispielsweise stark an die Norm anlehnt, Teile weggelassen,
die aber konsequenterweise dazusein hätten, so spricht man von
Vernachlässigung.
Vereinfachung und Vernachlässigung m”gen Stellen der šberschneidung haben,
sind aber durchaus Verschiedenes.
Denn die Vereinfachte Schrift wird erst in die Vernachlässigung
überdriften, wenn die Vereinfachung bis ins Extreme getrieben wird,
währenddessen die Vernachlässigte Schrift eine solche schon sein kann,
auch wenn volle Schulnorm noch angewandt wurde.
Bei der Bereicherung nun ist es genau umgekehrt.
Es wird etwas eigentlich Unwichtiges mit hinzugesetzt.
Auch hier ist es eine Abweichung von der Normvorgabe, wenn pl”tzlich
Schn”rkel oder Verzierungen auftauchen.
Allerdings müssen es nicht vollständige Verzierungen sein.
Jeglicher Zusatz allein ist schon Bereicherung, gelegentlich sogar, um
einer bereits allzustark ausgeprägten Vereinfachung entgegenwirken zu
k”nnen.
Die arteigene Vermischung zwischen Vereinfachung einerseits und
Bereicherung andererseits, kann Ausdruck sein dafür, wie eine durch ihre
Vereinfachung aufs Wesentliche reduzierte Handschrift das Gleichgewicht
zu wahren versucht, um nicht allzusehr ins Unlebendige abzudriften.
Bereicherungen treten auf als Zeichen des Dranges zum Lebensvollen hin.
Bereicherung ist nicht Verzierungsballast und Sinn für ?sthetik allein.
Und so wie die Bereicherung auch als das eigentlich Sinnlose und
šberflüssige ins Bild tritt, so ist sie Sinn für das Unzweckmäßige, das
seinerselbstwillen sch”n ist.
Sie zielt nicht ab auf, sondern ist schon.
Sie zielt nicht ab auf Zweck, sondern ist schon das Sch”ne selbst bereits.
Natürlich, sie ist es nur, wenn der Rhythmus Sch”nheit zuläßt.
Verzierungen allein sind nur häßlich und unnütz ohnehin.
Graphologischer Aspekt
Nicht anders steht es um die Bedeutung der vereinfachten und der
bereicherten Schrift.
Die Schrift des einen zeigt das Einfache, das sich auf das Wesentliche
beschränkende.
Es zeigt das Nützliche und Effiziente, das ™konomische und Zweckdienliche.
Und es weist auf theoretische Durchdringungskraft, wie auf Sachlichkeit,
Scharfsinn und Kritikfähigkeit hin.
Natürlich, die Schattenseite zeigt es auch, nämlich das Kalte, Nüchterne,
Stereotype, Schablonenhafte, Trockene, Blasse, Phantasielose,
Einfallsarme, Abgestorbene.
Es zeigt eben beides:
Es zeigt den Asketen wie den Geizigen.
Es zeigt den, der das Nichtswollen will, wie den, der nicht mehr will.
Es zeigt den linearen Denker, der die einheitliche Formel für alles sucht.
Hat er sie oder meint er sie auch nur zu haben, wendet er sie auf alle
konkreten Fälle des Lebens an, worin er dann seine Sicherheit findet.
Ohne abstrakte Modelle, die er sich zeichnet, fühlt er sich hilflos, und
hoffnungslos reißt ihn so der Strom des Lebens mit sich fort.
Er braucht das Modell, das ihm Pate steht, er braucht die Weltenformel,
die auch Gott noch beschreibt.
Die Schrift des Anderen zeigt das Verkomplizierende, Unnütze, das Zuviel,
den Mangel an Realitätssinn, den Illusionismus.
Das Zuviel kann schlicht das sein, was zuviel ist, also sinnlos ist und
sinnentleert, das Dumme gar und T”richte, die Selbstbespiegelung, den
Geltungsdrang und wie auch immer die Eitelkeit.
Es kann aber auch ein šberschuß an Leben sein, das sich selbst
sch”pferisch ständig neu gebiert und danach drängt neu zu gestalten.
Es mag der Impuls sein, der einen Stern gebiert.
Und so haben Vereinfachung wie Bereicherung ihre Licht- und Schattenseiten
wie all die anderen Schriftmerkmale auch.
Und das soll sich auch weiterhin wiederholen, eben diese Doppeldeutigkeit
der Schriftmerkmale.
Deutungstabelle
Vereinfachung- Vereinfachung+
Formgefühlmangel Sinn fürs Wesentliche
Uneindeutigkeit Sachlichkeit
Formalismus Realismus
Undurchschaubarkeit Zwecksinn
Liederlichkeit Zielstrebigkeit
Bequemlichkeit Deutlichkeit
Bereicherung- Bereicherung+
Sinnmangel fürs Wesentliche Lebenskünstler
Protzer Sinn für ?sthetik
Eitelkeit Sch”pferkraft
Ideenübersteigerung Intuition
Luxushang Phantasie
Spinner Produktivität
Narzißmus Kreativität
Egozentriker Gestaltungsfreude
KAPITEL 12
VOLUMIT?T
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Schriftprobe für Magerkeit [39]
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Schriftprobe für V”lle [40]
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Definition
Volumität bezeichnet das, was auch Magerkeit und V”lle genannt wird.
Sie geh”rt in den Rhythmusbereich der Form.
Graphischer Aspekt
Magerkeit-V”lle beschreibt den durch die Linien umschlossenen Raum der
Fläche, der bei Magerkeit wenig ist und bei V”lle viel ist.
Magerkeit und V”lle finden sich in den zahllosen Schleifen und B”gen,
häufig in den Oberlängen und Unterlängen, wie etwa in einer Schleife der
Minuskel öhö oder im Bogen der Minuskel ögö, aber auch im Mittelband
inmitten all dieser Minuskeln öa,e,o,u,c,m,n,s,v,w,...ö.
Magerkeit-V”lle sind relative Gr”ßen.
Das heißt, man muß sie in Relation zur Schriftgr”ße bewerten.
Eine große Handschrift kann zwar zusammengerechnet mehr Fläche
umschlossen haben als eine kleine Handschrift, selbst wenn erstere mager
ist und letztere voll, aber das zeigt nur das Absolutmaß, das hier keinen
Sinn ergibt.
Wichtig hier ist das Relativmaß, also wie viel Fläche Kurven umschließen
abhängig von der Schriftgr”ße.
Bei mageren und bei vollen Schriften wird man immer wieder solchen
begegnen, die Magerkeit oder V”lle nicht insgesamt aufweisen, sondern
nur in bestimmten Zonen.
Zum Beispiel also Magerkeit insgesamt, währenddessen die Oberlängen voll
sind.
Vielleicht sind es auch nur die Unterlängen, die voll sind.
Oder aber das Mittelband ist durchgehend voll, währenddessen Ober- und
Unterlängen mager sind.
Zum Beispiel kann natürlich auch alles umgekehrt sein, also, daß bei einer
insgesamt vollen Schrift bestimmte Zonen mager erscheinen.
Manchmal sind es gar vereinzelte wiederkehrende oder sporadisch
auftretende Zeichen, die besondere Magerkeit oder V”lle aufweisen.
Graphologischer Aspekt
Wenn die magere Schrift linear und gezeichnet wirkt, das Abstrakte eher
betreffend, dann wirkt die volle Schrift hingegen flächig und malerisch
und das Konkrete eher betreffend.
So der Schreiber seiner Schrift, er ist dementsprechend.
Die magere Schrift, wie gesagt, weist den mehr Nüchternen aus.
Er selbst, der Schreiber, selbstverständlich nicht k”rperlich, ist im
übertragenen Sinne das Skelett ohne Fleisch drumherum.
Er ist das Gerippe ohne Speck.
Lebendige Anschauung ist für ihn sekundär.
Was für ihn zählt, muß im Modell darstellbar sein, besser noch in einer
Formel, muß reduzierbar sein auf Begriffe, die stellvertretend stehen
k”nnen für das Eigentliche.
Solche Formeln liebt er; denn sie sind stellvertretend für alles sonst
Konkrete, das als wirklich Konkretes denkbar wäre.
Am liebsten würde er alles in Bits zerlegen und staunen wollen wie die
Bits neu gemischt Neues und Lebendiges erstehen lassen - wobei er selbst
immer nur der Betrachter bleibt.
Zwar bewegt er gegebenenfalls gerne und läßt durchaus auch neu erstehen;
doch faßt er nicht gerne an.
Unter ihnen finden sich spartanische wie blutleere Naturen.
Unter ihnen finden sich sachliche, die stets unnützen Ballast abwerfen wie
pragmatische Naturen, die immer nur das Nützliche im Auge haben.
Man sieht deutlich, wie doch eine Affinität besteht zwischen dem
Schriftmerkmal Vereinfachung, das im vorangegangenen Kapitel abgehandelt
wurde und Magerkeit, das hiermit beschrieben sei.
Eine solche Affinität läßt sich auch finden zwischen Bereicherung und
V”lle.
Und immer wieder tauchen sie auch gemeinsam auf.
Die volle Schrift nun weist auch den Lebensvollen aus, der voller Saft und
Kraft ist.
Dieser besitzt Fleisch und in seinen Adern fließt Blut.
Seine Welt ist bunt.
Er sucht nicht Jenseitserl”sung, sondern Diesseitserfüllung.
Er ist nicht der weltfremde und lebensabgewandte Asket.
Bei ihm muß Lebendiges auch pulsieren.
Eigentlich ist Abstraktion sein Feind.
Denn diese verschleppt ihm Lebendiges in Unlebendiges, das nur noch das
Skelett und Gerippe von Etwas ist, das inzwischen unanschaulich und tot
ist.
Die volle Handschrift weist Phantasie aus.
Die V”lle in der Handschrift ist das Phantasiemerkmal schlechthin.
Ist die Handschrift zu voll, weist sie auf Phantasterei hin.
Das ist besonders dann der Fall, wenn die V”lle im šbermaß in den
Oberzonen auftaucht.
In solchen Handschriften lassen sich dann bei den Minuskeln öb,h,k,lö etwa
bis zum Platzen aufgeblähte Ballons finden oder anders variiert schlaffe
Windbeutel.
Der Sinn für die Realität bei solchen Schreibern ist getrübt.
Häufig träumen sie gar selbst am Tage, als wäre die Nacht zu kurz dafür.
Sie leben nicht in der Realität, sondern in Luftschl”ssern, zu denen sie
unentwegt abheben.
Ihre Welt ist eine Scheinwelt, die keine Bodenhaftung besitzt.
Zwar leben sie in der Anschauung; doch in einer Anschauung, die nicht die
Realität schaut.
Was sie schauen, ist nicht der geistige Entwurf von dem, was sich zum
Leben erwecken ließe.
Sie schauen nur Totgeburten.
V”lle kann sich aber auch in der Mittelzone finden, ohne daß die Oberzone
besonders voll sein muß, was eine grundsätzlich gute Relation ist, da ein
solcher Schreiber lebensvoll fühlt und das Leben selber fühlen kann.
Wenn Tastbares, Sichtbares, H”rbares, wie auch immer, Fühlbares um ihn
herum schwingt, dann schwingt er in Resonanz geratend mit.
Natürlich neigt ein solcher Mensch auch etwas zur Selbstdarstellung.
Ist die V”lle lediglich in der der Unterzone vorhanden, dann zeigt dies
an, wie der Leib nach Sättigung verlangt, ”konomisch-materiell wie
lustverhaftet-sexuell.
Es kann gar den zeigen, der sich Geltung verschafft.
Ist V”lle in den Kurzlängen, in den Langlängen aber nicht, so zeigt dies
an, daß pers”nliches Interesse über das Allgemeininteresse gestellt wird.
Ist es umgekehrt der Fall, so bewertet eine Kollektivseele das
Allgemeininteresse h”her als das Individualinteresse.
Also: entweder ist das Allgemeininteresse die Funktion des
Individualinteresses oder eben umgekehrt.
Einmal so, einmal anders.
Deutungstabelle
Magerkeit- V”lle-
Phantasielosigkeit Phantasterei
Einseitigkeit Illusionismus
Einfallslosigkeit Wirklichkeitsferne
Einfältigkeit Wirrkopf
Trockenheit Traumtänzer
Fadheit Blasiertheit
Erlebnisarmut Angeber
Kälte Tagträumer
Intoleranz Spinner
Magerkeit+ V”lle+
Sachlichkeit Phantasie
Sittlichkeit Seelenfülle
Klarheit Innerlichkeit
Rationalität Herzlichkeit
Scharfsinnigkeit Wärme
analytisch Mitgefühl
Puritanismus Erdverbundenheit
Disziplin Mitgefühl
Unbestechlichkeit Anschauungskraft
KAPITEL 13
STRICHBILDUNG
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Schriftprobe für Schärfe [41]
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Schriftprobe für Teigigkeit [42]
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Definition
Strichbildung bezeichnet das, was auch Schärfe und Teigigkeit genannt
wird.
Sie geh”rt in den Rhythmusbereich der Bewegung.
Graphischer Aspekt
Natürlich schreibt niemand mit einer Nadel; doch ließe sich mit ihr ein
extrem scharfer Strich erzeugen.
Eine spitze Feder tut es auch, wenn sie nur sch”n kratzt.
Kratzen kann sie natürlich nur, wenn Reibung dabei erzeugt wird.
In der Schärfe liegt also auch ein bestimmtes Maß an Stärke und
Schnelligkeit, also an Druck und Temperament, wie man so ungefähr sagen
k”nnte.
Genauso natürlich wie niemand mit der Nadel schreibt, schreibt auch
niemand mit dem Pinsel.
Mit diesem nämlich pinselt und malt man.
Aber täte es dennoch jemand, so erzeugte dieser eine besonders past”se,
also teigige Schrift.
Wer teigig schreibt, wird dies mit einer breiten Feder tun.
In unser heutigen modernen Welt wird er durchaus auch auf einen
Filzschreiber ausweichen.
Der schreibt flächig past”s, ohne eigentlich Druck zustande bekommen zu
k”nnen.
Man merkt schon:
Schärfe und Teigigkeit hängen stark vom Schreibwerkzeug ab.
Schärfe und Teigigkeit sind also auch durch das Schreibwerkzeug
beeinflußbar.
Denken wir an einen Federhalter.
Eine dünne Feder erzeugt einen schärferen Strich als eine breite Feder.
Eine sogenannte Spitzfeder, wenn sie fein ist und auf den Punkt zuläuft,
vermag demnach einen scharfen Strich zu erzeugen.
Eine sogenannte Pfannenfeder dagegen, wenn die Pfanne breit ist, vermag
einen teigigen Strich zu erzeugen.
Eine Breitfeder wird beides zugleich in ein und derselben Handschrift
erzeugen k”nnen, je nachdem, wie breit die Feder ist und wie die Feder
gerade geführt wird, ob längs zur Kante oder quer zur Kante.
Und egal, ob nun Spitz-, Pfannen- oder Breitfeder, eine harte Stahlfeder
beispielsweise erzeugt gewiß eher einen scharfen Strich als etwa eine
Goldfeder, die stärker mit den Schwingungen mitgeht, die beim Schreiben
freigesetzt werden.
Eine Goldfeder ließe sich also auch auf Teigigkeit ein.
Natürlich vermag sie sich von ihrer bei Teigigkeit entstehenden
Flächigkeit auch befreien zu k”nnen, um Räumlichkeit zuzulassen, was
geschieht, wenn ihre nachgiebigen Zungen sich bei Reibedruck mehr oder
weniger stark spreizen.
Eine steile Griffelhaltung erzeugt ebenfalls einen scharfen Strich, da
die Federzungen sich nicht so schnell spreizen k”nnen.
Eine schräge Griffelhaltung, besonders bei einer langen Feder, erzeugt
dagegen einen teigigen Strich, da man die Federzungen bei bereits geringem
Kraftaufwand eher zwingen kann, sich zu spreizen.
Ein ziemlich weit unten an der Feder gehaltener Griffel begünstigt einen
eher scharfen Strich, weil der Griffel automatisch steiler gehalten wird.
Ein am langen Stiel gehaltener Griffel begünstigt einen eher teigigen
Strich, da der Griffel automatisch flacher gehalten wird.
Nehmen wir eine weiche Goldfeder an, die recht schräg aufs Papier gesetzt
wird, langstielig dazu.
Sie wird einen teigigen Strich begünstigen.
Stellen wir uns weiterhin vor, alles natürlich 100 Jahre zurück, daß der
Federhalter gut in die Tinte eingetaucht wurde, dann k”nnen wir uns auch
vorstellen, wie es zu Verschmierungen und Verklecksungen kommen kann,
gerade an den Stellen, wo ein Wendezug in einer engen Schleife vorkommt,
besonders bei flacher Griffelhaltung.
Die Schleifen liefen also leicht zu.
100 Jahre später, also in unser Zeit, mag es eben der gut gefüllte
Füllfederhalter sein, der fast von selbst tropft und Tinte, also Farbe
abgibt, bevor überhaupt aufgedrückt werden müßte.
Wie schnell kann es da zu Verschmierungen und Verklecksungen kommen!
Wie schnell laufen da insbesondere schmale Schleifen zu!
Und nichts desto trotz: Manch einer mag es so.
Solche, die schreibend teigige Schrift bei sich als angenehm empfinden,
haben in unserer modernen Zeit die M”glichkeit, einen Filzschreiber zu
benutzen, auch wenn dieser nicht klecksen kann.
Seit längerer Zeit gibt es sie gar selbst schon mit harter Mikrospitze.
Aber dennoch: Auch mit harter Mikrospitze ist bei einem Filzer Schärfe
unm”glich.
Zum einen, weil der Filzer sofort ganz sicher und ganz leicht seine Farbe
voll und satt abgibt, und zum anderen, weil scharfe Handhabung diesem
Schreibgerät die Spitze zerfasert.
Dadurch also zerst”rte man das Schreibgerät und die nun zerfaserte
Spitze gäbe einen noch teigigeren Strich ab.
Der Kugelschreiber nun erzeugt den Strich entsprechend seiner Kugeldicke.
Kratzen kann eigentlich der Kuli nicht, da er ja rollt.
Zwar furcht sich er sich insbesondere bei weicher Unterlage stark ins
Papier ein; doch gleitet kein Druck in die Breite ab, wie bei einem
Federhalter, dessen Federzungen sich spalten und selbst bei harter
Unterlage noch.
Etwas Schärfe vermag allerdings auch er zu erzeugen.
Das liegt daran, daß bei einer kleinen Kugel in einem Kuli letztlich auch
der Rand, in dem die Kugel eingefaßt ist, Berührung zum Papier findet und
dieses scharf kratzen kann.
Das wiederum ist nur m”glich, wenn die Unterlage weich genug ist.
Ist die Kugel andersherum dick, dann verstärkt sich noch die besondere
Eigenart der Kugel im Kuli.
Sie kann nicht kratzen, sondern kann nur rollen.
Schwer ist die Kugel zu steuern, die leicht überall hin rollen will, was
den Griffdruck erh”ht, der wiederum nicht als Reibedruck abgeleitet
werden kann.
Zuweilen fühlt sich der Schreiber im Uferlosen verloren, weil Begrenzungen
fehlen.
Schärfe also fehlt, Teigigkeit bleibt übrig.
Aber die Strichbildung durch eine große, dicke Kugel ist auch nicht
teigig, sie ist genaugenommen jenseits davon.
Auf harter Unterlage ist der Strich selbst bei einer dicken Kugel noch
dünn - theoretisch.
Denn theoretisch liegt die Kugel immer nur auf einem Punkt auf einer
Fläche.
Doch gibt letztenendes auch das Papier nach und läßt die Kulikugel ins
Papier eindringen, und auch daß die Kuliflüssigkeit nicht nur
eindimensional nach unten aufs Papierabgeführt wird.
Aber werden wir nicht all zu theoretisch:
Eine kleine Kugel, insbesondere bei weicherer Unterlage, läßt scharfe
Striche zu.
Eine große Kugel dagegen wirkt der M”glichkeit zu einem scharfen Strich
entgegen.
Der past”se Strich bliebe übrig, k”nnte man sagen; allerdings ist diese
Past”sität kaum echt.
Der Bleistift, der zwar keine Feder spreizen kann, kann aber mehr oder
weniger Graphit abgeben und ebenfalls den Strich, je nach Schräge, wenn
der Bleistift aufsetzt, schärfer oder teigiger gestalten.
Und natürlich: Es gibt harte Bleistifte, die einen scharfen Strich bilden,
weil man ihnen ihren Graphit nur mit Nachdruck abtrotzen kann, und es gibt
weiche Bleistifte, die einen teigigeren Strich bilden, weil sie leicht
Graphit von sich geben.
In unser modernen Welt gibt es natürlich viele andere Schreibwerkzeuge
mehr, die aber nicht so häufig gebraucht werden und deshalb hier nicht so
mitbedacht werden müssen.
So etwa Ballpentels, Zwitter zwischen Füller und Kuli, die ihre Farbe
steil gehalten bei weicher Unterlage sofort und teigig abgeben,
andersherum häufig überhaupt nicht abgeben, sodaß stärkstes Kratzen
selbst umsonst ist und keine Rücksicht auf Schreibers Nerven nimmt.
Für diese Ballpentels hat man über die letzten Jahre hinweg eine
Keramikspitze entwickelt, sodaß auch sie inzwischen recht zuverlässig
schreiben k”nnen.
Aber all jene exotischen Schreibwerkzeuge sollen hier nicht weiter
interessieren.
Es reicht zu wissen, daß der scharfe Strich dünn ist, und daß der
teigige Strich dick ist.
Dazu muß man noch wissen, daß der scharfe Strich etwas Pep hat und der
teigige Strich schwer Druck erzeugen kann.
Ein solcher Strich kommt selten vor, aber m”glich ist er durchaus.
Der dicke Strich, wenn er gespannt ist, ist druckstark; wenn er
spannungsarm ist, ist er teigig.
Der dünne Strich, wenn er gespannt ist, ist scharf; wenn er spannungsarm
ist, ist druckschwach.
Auf Umwegen hat das Schriftmerkmal der Strichbildung etwas mit dem
Schriftmerkmal des Schreibdruckes zu tun, letzteres aber später erst
er”rtert werden soll.
Was aber auch noch zusätzlich erwähnenswert ist, das ist die bereits schon
in den vorangegangenen Kapiteln angeführte Affinität, wie sie zwischen
verschiedenen Schriftmerkmalen besteht.
Zwischen Vereinfachung und Magerkeit bestand ja eine Affinität.
Nun, die Schärfe paßt sich hier ebensogut ein.
Zwischen Bereicherung und V”lle war es nicht anders.
Dort ist es die Teigigkeit, die sich entsprechend einpaßt.
Die Strichbildung geh”rt zum Rhythmusbereich der Bewegung, aber sie ist
dennoch beeinflußbar.
Die Beeinflußbarkeit beginnt damit, daß man das Schreibwerkzeug
willkürlich auswählen kann.
Im Allgemeinen macht das keiner, und ein jeder bedient sich unwillkürlich
dem Schreibwerkzeug seiner Wahl und seines Geschmackes.
Graphologischer Aspekt
Ein scharfer Hund, so k”nnte man sagen, wenn einer besonders scharf auch
schreibt.
Das aber ist erst der Fall, wenn Wucht und Aggression ihre destruktiven
Kräfte freisetzen.
Wucht wäre Kraft und Dynamik, um es vom Eindruckscharakter her zu
beschreiben, und Aggression läßt sich in vielleicht sogar dolchartigen
Zügen erkennen, die nach sonstwo stechen oder in Schnitten, die scharf und
unwirsch abgrenzen und trennen, was doch eigentlich zusammengeh”rt.
Alles Sinnliche läuft ihm eigentlich zuwider, und er gibt sich nicht gern;
er ist trocken und nüchtern, spr”de.
Nein, er, das Subjekt, ist eigentlich stets in Opposition zum Objekt.
Und so er als Mensch: Er ist gegen andere Menschen.
Durch seine scharfen Schnitte dokumentiert er es.
Ein scharfer Verstand aber auch, so läßt es sich ebensosehr sagen, wenn
von der Sache her getrennt wird, was sonst schmierig verwischt werden
würde.
Wer so schreibt, ist scharfsinnig, besitzt Unterscheidungsgabe und ist
selbst durchaus distinguiert.
Klarheit und Eindeutigkeit prägen das Bild.
Er wünscht Klarheit und erscheint selbst auch klar.
Hier haben wir den Verläßlichen vor uns, dessen Wort nicht in den Blauen
Dunst gesprochen ist.
Abstraktion ist seine Gabe, die aber nicht Phantasie ausschließen muß.
Er ist kritikfähig vielleicht auch sehr feinsinnig.
Und er ist so dem Gedanklichen mehr zugewandt als dem Gefühlten.
Er mag Gefühl vielleicht über alle Maßen besitzen, seine Funktion ist das
Gefühl gewiß nicht; denn er gewichtet genau dagegen.
Er dankt allem, was sich denken läßt.
Der Teigigschreibende ist im Prinzip als das Gegenteil zu denken.
Er wirkt nicht gesteuert, er gibt sich hin, er lebt sich aus und auch in
seinen Entgleisungen.
Unbeherrscht, wie er ist, geht auch der Trieb mit ihm durch.
Er ist ganz die Sache selbst, die ihn als Subjekt aufsaugt.
Umgekehrt saugt er auch die Sache in sich auf; denn er ist genußsüchtig.
Ob es Saufen ist, Fressen ist, die Lust am anderen Geschlecht ist, die
Lust am Spiel oder Machtgier, immer ist es schier die Gier.
Maßlosigkeit läßt ihn haltlos alle Grenzen überschreiten.
Er mag sich in einem reißenden Fluß befinden, dann aber ist er selbst
bereits der Fluß.
Und selbstverständlich auch hier kann es zweierlei bedeuten, wenn der sich
im reißenden Fluß Mitgerissende selbst der Fluß ist.
Er ist der wirklich Hingabebereite, der sich voll gibt.
Seine Macht ist: Was er macht, ist er.
Er überzeugt, indem er ist.
Er ist kein Denker, er ist warm im Fühlen.
Was er ausdrückt, muß nicht zusätzlich erklärt werden.
Vielleicht ist er Künstler.
Auch dieser sollte nicht in Gedanken erklären, was er ausdrückt.
Gedanken lassen sich zwar gut voneinander abheben und voneinander
unterscheiden, aber sie sind immer nur vage, verschwommene Abbilder der
Gefühle, durch die sie letztlich getragen werden.
Man frage ein Tier, was Gedanken sind.
Die Antwort steht für sich selbst.
Das Tier ist naturnah, der Teigigschreibende ist es auch.
Wer so schreibt, muß nicht etwa primitiv sein, was durch die Wortwahl des
Tieres hervorklingen will, er kann Künstler sein, die h”chste denkbare
Spezies überhaupt.
Nehmen wir Noten der Musik - die lassen sich auch nicht denken.
Musik h”rt man und fühlt man - man ist sie zum Schluß.
Musik ist Seele.
Der Teigigschreibende ist der Natur nahe.
Deutungstabelle
Schärfe- Teigigkeit-
Schärfe Gefühlssumpf
Instinktlosigkeit Schlampigkeit
Blutarmut Haltlosigkeit
Gedankenblässe Zuchtlosigkeit
Boshaftigkeit Triebversessenheit
Kaltherzigkeit Genußsucht
Unnachsichtigkeit Gier
Spitzfindigkeit Unbeherrschtheit
Pedanterie Verführbarkeit
Trockenheit Taktlosigkeit
Teigigkeit+ Schärfe+
Lebendigkeit Eindeutigkeit
Lebensdurst Entschiedenheit
Lebensfreude Scharfsinn
Lebensnähe Selbstdisziplin
Instinktsicherheit Geistigkeit
Gefühlswärme Sensibilität
Ursprünglichkeit Feinfühligkeit
Erlebnisfähigkeit Unterscheidungsgabe
Geselligkeit Distinguiertheit
Echtheit Haltung
KAPITEL 14
L?NGENUNTERSCHIEDLICHKEIT
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Schriftprobe für Kleinen Längenunterschied [43]
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Schriftprobe für Großen Längenunterschied [44]
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Definition
Die Längenunterschiedlichkeit bezeichnet den Unterschied zwischen
Langlängen und Kurzlängen.
Sie geh”rt in den Rhythmusbereich des Raumes.
Graphischer Aspekt
Die Schulnorm geht bei der Längenunterschiedlichkeit von einem Verhältnis
von 3:1 aus.
Das heißt als normal gilt, wenn die Langlänge drei mal so hoch ist als die
Kurzlänge.
Schriften gibt es nun solche, die eine kleine Längenunterschiedlichkeit
aufweisen, wie auch solche, die eine große aufweisen.
Ist das Verhältnis kleiner als eins zu drei, dann sprechen wir von kleiner
Längenunterschiedlichkeit.
Ist das Verhältnis gr”ßer als eins zu drei, dann sprechen wir von großer
Längenunterschiedlichkeit.
Graphologischer Aspekt
Die Längenunterschiedlichkleit hat mit Zentralisierung der ausgreifenden
Kräfte und Dezentralisierung derselben zu tun, je nachdem wie
mittelpunktsflüchtig zentrale Kräfte sind.
Zentralisierte Kräfte lassen sich finden, wenn das Mittelband kräftig
ausgeprägt ist, also die i-H”he hoch ist, währenddessen die Ober- und
Unterlängen nur schwach ausgeprägt sind.
Meistens schreiben Frauen so.
Dezentralisierte Kräfte, die also stark mittelpunktflüchtig sind, lassen
sich finden, wenn die i-H”he relativ klein nur ist, die Ober- und
Unterlängen aber stark ausgreifend sind.
Meistens schreiben Männer so.
Zentralisierende Kräfte also halten das Mittelband stark und somit die
Mitte des Schreibers.
Die Mitte ist das Ich.
Der Schreiber ist ein subjektbezogener Mensch.
In ihm kreisen zentralisierende Kräfte, die Ruhe verstr”men und die
Lebensenergie bewahren.
Es dringt gewissermaßen nix nach außen.
Und alles steht zur Verfügung als Kraftreservoir, was genutzt werden kann,
wenn von außen kommendes das Innen fordert, wenn von außen kommende
Kräfte am Innen zerren wollen.
Sie sind ein Energiespeicher sowie ein Schutzschirm auch, der die
Duldsamkeit, Ausharrkraft, Ausdauer und auch Leidefähigkeit eines
Organismusses erh”ht.
Ist das Mittelband bei kraftvollem, flexiblem und elastischen Strich
stabil dazu, so spricht das für ein starkes und unerschütterbares Ich.
Ein solcher Mensch besitzt Selbstvertrauen und Selbstsicherheit.
Natürlich kann es auch damit übertrieben werden.
Manch einem gebricht es vor lauter Selbstsicherheit der n”tigen
Sensibilität, um überhaupt noch sinnvoll mit anderen in Kontakt treten zu
k”nnen.
Manch einer gerät zu einer uneinnehmbaren Festung, in der jede Form des
Zuganges verwehrt wird.
Hinter solchen Mauern gibt es keine Kritik mehr am Selbst und die
Lernfähigkeit ist auf Null gesunken.
An ihre Stelle sind getreten: Selbstgenügsamkeit oder gar
Selbstgefälligkeit, Faulheit, Trägheit, vielleicht sogar Indolenz.
Solche Mensch im Positiven wie im Negativen, sind belastbar, müssen aber
von außen her angesprochen werden, um Impulse freizusetzen zu k”nnen.
Anders bei dezentralisierenden Kräften.
Sie werden nach außen verlagert.
Hier haben wir den Impulsstarken, der die Lunte notfalls an beiden Enden
ansteckt.
Er mag viel Kraft besitzen oder wenig - er verbraucht sie.
Er setzt sie explosiv ein - er verschießt sie.
Er ist der risikofreudige Draufgänger, der Wagemutige oder auch nur der
Waghalsige.
In jedem Falle wird er Neuland betreten, das Alte wird umgestoßen.
Seine Devise ist: weg, voran neu, anders, mehr.
Wo er schon ist, ist's verstaubt und muffig, so erlebt er bereits in
Disharmonie seines inneren Kräftespiels.
Bildlich gesprochen ist sein Weh ist nicht Heimweh, sondern Fernweh.
Der Entdecker, der er ist, oder der Eroberer auch, ist eigentlich immer
im Defizit, so will es sein Los.
Er muß seine Kraft erst nach außen gelangen lassen, damit Harmonie
eintreten kann.
Hält er sie an sich, so zerrt er sich selbstzerst”rerisch auf.
Und er zerrt sich immer mehr oder weniger auf, weil er die Kräfte nicht
immer nach dort hingelangen lassen kann, wo er es sich wünscht; denn um
Kräfte nach außen gelangen lassen zu k”nnen, sinnvoll gelangen lassen
k”nnen, muß man sich an der Realität reiben.
Und die schreibt nicht selten einen anderen Fahrplan vor als man ihn sich
selbst gerne erstellen würde.
So zeigt sich im Schreiber mit starker Längenunterschiedlichkeit ein
ehrgeiziger, vielleicht Leistungsversessener, vielleicht nach Anerkennung
ringender Charakter.
Er mag leistungsfähig und somit ein Umsetzender und Schaffender sein, weil
er die entsprechende Dynamik und das n”tige Geschick dazu besitzt und,
wer weiß, die Gunst des Schicksals auf seiner Seite hat.
Er mag aber genauso gut der Lächerliche sein, der widerliche, häßliche
Zwerg, der immer mehr sein will als er in Wahrheit ist, der ewig
Unzufriedene, der zerfressen wird durch sein Mißverhältnis von Wollen und
K”nnen, also der an sich selbst Zerbrechende, der zugrunde geht an der
Diskrepanz zwischen Sein und Wollen.
Deutungstabelle
kl.LU- gr.LU-
teilnahmslios M”chtegern
desinteressiert Unzufriedenheit
phlegmatisch Vordrängler
indolent Wichtigtuer
apathisch Zwiespältigkeit
schwerfällig kann nicht bei sich sein
dickfellig Himmelsstürmer
unmotorisch bei Langsamkeit Zerrissenheit
faul leere Betriebsamkeit
Erstarrung Wollen-K”nnen-Mißverhältnis
kl.LU+ gr.LU+
ruht in sich Ehrgeiz
maßvoll Unternehmerisch
bescheiden Schwung
zufrieden Dynamik
genügsam Ehrgeiz
belastbar Vielseitigkeit
ausharrfähig Interesse
duldsam Impulskraft
KAPITEL 15
L?NGENEINTEILUNG
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Schriftprobe für Unterlängenbetonung [45]
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Schriftprobe für Oberlängenbetonung [46]
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Definition
Die Längeneinteilung bezeichnet das Verhältnis der Oberlängen zu den
Unterlängen.
Sie geh”rt zum Rhythmusbereich der Bewegung und des Raumes.
Graphischer Aspekt
Die Schulnorm schreibt hier in den Oberlängen wie in den Unterlängen
gleiche Ausdehnung vor.
Das heißt, wenn wir die Kurzlängen 1 setzen, dann sind die Ober- wie die
Unterlängen je für sich auch 1.
Wenn nun die Oberlänge an Ausdehnung die Unterlänge übertrifft, was
statistisch gesehen bei Männern häufiger vorkommt, dann sprechen wir von
Oberlängenbetonung.
šberwiegt an Ausdehnung die Unterlänge der Oberlänge, was statistisch
gesehen häufiger bei Frauen vorkommt, dann sprechen wir von
Unterlängenbetonung.
Eine Oberlängenbetonung wie eine Unterlängenbetonung kann ebensosehr
vorliegen, wenn nicht die Ausdehnung sie hervorruft, sondern etwa der
stärkere Druck oder die volumigere V”lle oder die ausschmückendere
Bereicherung.
Es kommt auch vor, daß die Oberlängen verkümmert sind, sodaß wir von
Oberlängenverkümmerung sprechen.
In einem solchen Fall bleiben nur die Unterlängen stabil.
Das wäre so eine Art Unterlängenbetonung über die Hintertreppe.
Und so auch umgekehrt: Auch k”nnen die Unterlängen verkümmert sein.
In diesem Fall blieben die Oberlängen stabil.
Und die Betonung läge durch Negativschluß indirekt in den Oberlängen.
Graphologischer Aspekt
Die Längeneinteilung vollzieht sich durch das Bedürfnis, sich mehr dem
Oben zuzuwenden oder mehr dem Unten.
Das nach unten ist das eigentlich Natürlichere, da es auch dem Abstrich
folgt.
Das nach oben dagegen ist das eher Naturwidrige, da es dem Aufstrich
folgt.
In der Tat: Der Abstrich hier ist auch Beugestrich.
Und der Aufstrich hier ist auch Streckstrich.
Ersterer widerspiegelt das Elementare, das auch an sich selbst haftende.
Letzterer widerspiegelt das Unwesentliche, aber Verbindende und nicht nur
bei sich selbst bleibende.
Bei der Längeneinteilung zielt der Schreiber also entweder stärker
erdwärts zu sich selbst oder aber stärker himmelwärts, und damit
stärker auch von sich weg nach irgendwohin.
Darinnen mag eine Diesseits- Jenseitsorientierung liegen.
Gewiß liegt in den Unterlängen das Unten und in den Oberlängen das Oben.
Unten liegt die eigene Herkunft, die Mutter Erde, die einen hergab, in der
man verwurzelt ist, von der man nicht abheben kann, welche die Grundlage
gibt, welche die Schwere spüren läßt mit der sie alles zu sich zieht und
an sich hält in einem ewigen Kreislauf der Dinge.
Ja, die Erde ist rund!-
Oben dagegen liegt das andere, was man selbst eigentlich genau nicht ist,
die leichte Luft, das Dünne, das ?therische, der Himmel, Gott, die Idee,
der Wahn vielleicht, m”glicherweise das alles sich ins Nichts
Verflüchtigende.
Ist die Beziehung zum Unten materieller Art, so ist sie zum Oben ideeller
Art.
Unten ist die träge Schwere der Substanz, oben ist die losgel”ste
Leichtigkeit der Substanzlosigkeit.
Unten der K”rper, oben der Geist.
Unten die Wurzeln, oben die Blüten.
Unten die Grundlagen, oben die Ideen.
Und so sind die Schreiber:
Der Schreiber mit den betonten Unterlängen wird der instinktsichere
Bodenständige sein.
Es ist der Realist und Pragmatiker, der stets und immer auf die Beine
zurückfällt.
Vielleicht ist er gemütswarm, unabirrbar, ursprünglich und echt.
Vielleicht aber ist er triebabhängig wie ein biologischer Automat ohne
Varianten, der keine M”glichkeit findet, sich auch umstellen zu k”nnen.
Kennt man seine Grundstruktur, dann läßt sich alles weitere berechnen.
In seiner monotonen Einfältigkeit ist ihm etwas Stupides eigen.
Das Alte, das sich bei ihm offenbar bewährt hat, gibt ihm Sicherheit auf
die er gerne blind vertraut.
Darauf fußt er und auf diesen Steinen baut er.
Alles Neue dagegen ist ihm suspekt, und er begegnet ihm mit Argwohn,
Widerwillen und Abneigung.
Er ist konservativ, hält seinen Kurs, bewahrt was war und ist wahrhaftig
und verläßlich und immer auf der Linie seines Instinktes.
Es mag sein, daß ihn sein Instinkt mal so und mal anders steuert, aber er
tut es gemäß dem, wie sein Inneres ihm rät oder vorschreibt.
Ein Schreiber, der Oberlängenbetonung vorweist, wird dem Reich der Ideen
nahestehen; insofern ist er geistorientiert wie der Geistige oder
Intellektuelle.
Oft ist an ihm nicht alles echt, und nicht selten wirkt er etwas blaß oder
gar aufgesetzt und artifiziell.
Wie oft ist er nur Oberfläche, ohne Tiefe zu sich selbst finden zu k”nnen!
Immer wieder wird ihm eigen, was gar nicht zu ihm geh”rt.
Nichts Eigenes hat er entgegenzusetzen und lebt Fremdes als das Eigenes
aus.
Schwer nur ist er zu orten und findet keinen wirklich eigenen Standort und
keinen zu ihm ganz allein geh”renden Standpunkt.
Er neigt dazu, sich selbst zu widerlegen, je nachdem wie er von außen her
angesprochen wird.
Irgendwie h”rt er nicht auf die eigene tiefe Stimme seines Selbsts.
Immer wieder findet er lediglich Zugang nur zu seinen Hirngespinnsten,
sodaß man als Mitmensch von seiner Verbindlichkeit und Zugänglichkeit
nicht unbedingt profitiert.
Denn jede Idee, wenn sie nur auch Idee ist, k”nnte ihm wichtiger sein als
der Mitmensch mit seinem Blut in seinen Adern.
Dieser Mitmensch mag dann sogar Glück haben; denn ohne spontan als
Seelenwesen wahrgenommen zu werden, mag er Anteil haben an seiner
teilweise bedingungslosen Zuwendungsfähigkeit.
Dogmatiker nennen wir solche Menschen, die sich von Ideen verblenden
lassen und sie als unumwerfliche Gesetze akzeptieren.
Was der Mensch aus Fleisch und Blut ist, wissen solche överkopftenö
Menschen oft nicht, sodaß der Mensch aus Fleisch und Blut nicht
selten nur als Gespenst in ihrem Kopfe herumspukt.
Dogmatiker sind haltlose Idealisten permanent auf Gespensterjagt.
Aber die Idealisten sch”pfen auch Neues.
Was der Erdenschwere nicht mehr findet, weil er es vielleicht nicht mehr
finden kann, der Luftleichte erfindet es.
Und urpl”tzlich ist es da!
Es wurde erfunden, weil es nicht mehr zu entdecken war.
Und um Neues sch”pfen zu k”nnen, darf man nicht zu schwer sein, da zu viel
Schwere keine Losl”sung vom Alten zuläßt.
Man braucht auch Leichtigkeit, um sich den Zugang zum Anderen, Neuen,
Unbekannten verschaffen zu k”nnen.
Der Oberlängenbetonende hat sie; denn er ist freien Gedanken gegenüber
ge”ffnet, womit er zugleich auch seinen Mitmenschen gegenüber interessant
erscheint.
Er ist der Erneuerer, ohne den die Welt in ihrem Bestand stille stehen
würde, ohne den die Welt nicht einmal zu ihrem Bestand gekommen wäre!
Wenn man ihm nicht gleich alles in die Hände legt, sondern die Hälfte nur
und dafür die andere Hälfte in die Hände der Bewahrenden, dann wird das
Neuerworbene nicht vergeigt, sondern bekommt den Sinn, den die Welt im
Gesamten ausmacht.
Denn nur im Gesamten ist die Welt rund.
Deutungstabellen
Unterlängenbetonung- Oberlängenbetonung-
triebverhaftet Verlust an Wirklichkeitssinn
materiell wurzellos
primitiv überspannte Ideen
unflexibel unsachlich
Willkür gesinnungslos
Unterlängenbetonung+ Oberlängenbetonung+
Wirklichkeitssinn Abstraktionsverm”gen
lebensvolle Grundlage Begeisterungsverm”gen
Gemütsbindung Idealismus
lebensgebundenes Denken Geistigkeit
echt Intuition
vital Spürsinn
ursprünglich Subblimität
Unterlängenverkümmerung-
Vitalitätsst”rung
unpraktisch
wurzellos
haltlos
instinktarm
Stubenhocker
Lebensangst
Oberlängenverkümmerung-
Selbstgerechtigkeit
ungeistig
Interessenmangel
Stumpfsinn
KAPITEL 16
ANFANGSBETONUNG UND ENDBETONUNG
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Schriftprobe für Anfangsbetonung [47]
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Schriftprobe für Endbetonung [48]
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Definition
Anfangsbetonung und Endbetonung meint die Betonung eines Wortes am Anfang
oder am Ende.
Sie geh”ren in den Rhythmusbereich der Form.
Graphischer Aspekt
Die Betonung kommt zustande dadurch, daß der erste Buchstabe
beziehungsweise der letzte Buchstabe besonders betont wird.
Die Betonung wiederum ergibt sich dadurch, daß der erste beziehungsweise
der letzte Buchstabe besonders groß erscheint oder besonders ausgeschmückt
oder besonders weit oder eng oder sonstwie auffällig ist.
Man k”nnte ganz schlicht auch sagen, die Betonung ergibt sich dadurch,
daß der Anfang beziehungsweise das Ende eines Wortk”rpers besonders
erscheint.
Und in diagnostischer Hinsicht ist dies besonders bedeutsam, weil ja diese
Anfänge beziehungsweise Enden der Wortk”rper sich Wort um Wort, Zeile um
Zeile sich dem gesamten Texte durchziehend wiederholen.
Man k”nnte sagen, der Zufall waltet da nicht allein, und es ist Methode
dahinter.
Graphologischer Aspekt
Versuchen wir nun nachzuvollziehen, was sich in der Psyche eines
Schreibers vollzieht, wenn er beim Schreiben der W”rter die Wortk”rper
ausbildet und dabei öausversehenö die Anfänge oder Enden besonders betont
oder unterbetont beläßt.
Die Raumsymbolik spricht hier eine deutliche Sprache.
Wer mit Betonung die Worte beginnt, betont auch sich selbst vor einer
jeden Aktion.
Bevor er sich in die Tat umsetzt, setzt er sein Ich.
Häufig sind es lediglich leicht vergr”ßerte Erstbuchstaben eines Wortes,
die jeweils den Anfang betonen.
Dieser Fall ist sehr normal.
Oft aber sind es auch deutliche Betonungen des Wortanfanges, und die
Erstbuchstaben bilden einen gewaltigen Auftakt in Grӧe, Bereicherung und
was sonst eine Menge her macht.
Solche artifiziellen Kunstgebilde sind diagnostisch dann natürlich
bedeutsam.
Aber auch der Weg nach dort hin darf nicht unberücksichtigt bleiben, wenn
die Betonung bereits klar und deutlich hervortritt.
Immer aber, mehr oder weniger, konstruiert der Schreiber in diese betonten
Wortanfänge sein Ich hinein und verweist damit auf sich selbst, ohne daß
bereits etwas geschehen wäre.
Indem er, Buchstabe um Buchstabe, ein Wort schreibt und in den Anfang
eines Wortk”rpers sein Ich hineinkonstruiert, bezieht er sich nachfolgend,
wenn der Wortanfang abgeleistet ist, auf alles, was nicht Ich ist, also
auf das Du auch.
Er dokumentiert seine Einstellung als Subjekt zum Objekt.
Sein Innen zeigt, wie es das Außen ansieht.
Der den Wortanfang besonders betonende, der sein Ich damit gesetzt hat,
schaut auf das Nachfolgende herab.
Ein Ich schaut auf ein Du herab.
Hier mag ein Herabwürdigender schauen.
Hier mag aber ebensosehr der Selbstsichere schauen, der seine Position
hat, der wirklich wer ist und dafür auch einzustehen bereit ist.
Hier zeigt sich dieses und jenes - je nachdem.
Hier zeigt sich demgemäß also der Stolz oder auch nur der Dünkel eines
Menschen.
Bei dem einen ist es Rückgrat und Mut, bei dem anderen Hochmut und
Hochnäsigkeit.
Der eine also selbstbewußt, sicher und gefestigt, der andere eitel,
anmaßend und geltungssüchtig.
Natürlich ist eine Anfangsbetonung auch eine Anfangsbetonung, wenn sie
nicht unbedingt dick und groß und gewaltig am Anfang steht, sondern
vielmehr am Anfang etwas Unauffälliges auffällt, etwa ein langer Anstrich.
Entweder ist ein solcher langer Anstrich schlaff oder straff.
Ersterer kommt nur langsam in Gang, Letzterer stürzt sich hinein.
Ersterer ist also ein Umständlicher, der für alles einen Plan braucht und
auch für solche Sachen, die eigentlich von selbst laufen, Letzterer ist
ein Eifriger, der schon dabei ist, bevor grünes Licht überhaupt gegeben
wurde.
Hierin zeigt sich, daß Anfangsbetonung also nicht unbedingt mit großer
Geste vollzogen werden, und es muß nicht nur heißen, daß einer sicher im
Sattel sitzt oder hoch zu Roß sitzt.
Es kann etwas bedeuten, daß mit der Darstellung des Ichs nicht zu tun
haben muß, sondern damit, wie wer im Anfang in Gang kommt.
Meistens aber stellt sich ein Ich dar und eben etwas überh”ht.
Umgekehrt ist es bei einem Schreiber, der die Wortanfänge unterbetont
gestaltet.
Der Anfangsbuchstabe mag kleiner sein als die Nachfolgenden.
Solch ein Mensch schaut aus der Froschperspektive auf andere und anderes
nach oben.
Alles, was er nicht ist, erscheint ihm groß und mächtig.
Bei Kindern finden wir das häufig.
Bei Erwachsenen sollte das verschwunden sein.
Ein Erwachsener sollte auf sich selbst vertrauen k”nnen - sein Ich setzen
k”nnen.
Deshalb, auch wenn es auch nur ansatzweise in Erscheinung tritt, ist es
auch schon diagnostisch bedeutsam.
Es kann sich hier aber auch Bescheidenheit und Demut ausdrücken.
Unterbetonung des Wortanfanges kann also auch den Besitz guter Tugenden
verraten.
Er kann aber auch das Gegenteil verraten: Kleinmut, devotes Verhalten
bis hin zur H”rigkeit und Unterwürfigkeit.
Also auch hier:
Der eine selbstlos, der andere ohne Selbstvertrauen.
Und aber auch die Wortenden k”nnen, wie gesagt, betont beziehungsweise
unterbetont erscheinen.
Sind sie betont, so ist das eine Art Selbstunterstreichung.
Es ist eine Art erweiterter Ausgriff.
Und so finden wir bei solchen die Durchsetzungbemühten, die vielleicht
getrieben sind von starkem Ehrgeiz.
Sie packen massiv zu, und ihre Einfühlsamkeit kommt dabei nicht selten zu
kurz.
Sind die Wortausläufe zusätzlich scharf, so darf auf Rechthaberei und
Streitlust geschlossen werden.
Positiv wirkt sich diese Eigenart bei Leuten aus, die solche Eigenheiten
zu positiven Tugenden verwandeln: Rechtsanwälte etwa, die für das Recht
ihrer Klienten streiten oder Kritiker auch, die ihre kritische Haltung
doch auch nachdrücklich und entschieden zum Einsatz bringen k”nnen müssen.
Laufen die Wortenden aber aus in einem sogenannten Kürassierstiefel,
so tritt dieser auch Menschen und Mitmenschen rücksichtslos zu Boden,
wenn es darum geht eigene Interessen mit Nachdruck durchzusetzen.
Eine solche Eigenheit sich als Nutzbarkeit für andere zu denken, fällt
schon schwerer.
Aber auch der Kürassier mag seine Dienstbarkeit besessen haben.
Andere Wortausläufe gibt es, die gestalten sich wie wegschiebende
Endstriche, die sich zum Ende hin unter Krafteinwirkung verdicken.
Solche wegschiebenden Endstriche schieben natürlich auch den Mitmenschen
weg - sie schaffen Abstand.
Mit diesen Menschen ist natürlich nicht gut Kirschenessen.
Sie werden immer ihre Interessen durchsetzen wollen, egal wie verbindlich
sie sich sonst auch geben sollten.
Auch gibt es solche, die an ihren Endstrichen Haken ausbilden oder gar
Harpunen.
Diese Greifbewegung verrät, wie einer nicht davon lassen kann, eigenen
Gewinn zu scheffeln bei allem, was er tut.
Sich auch hier noch Dienstbarkeit zu denken, fällt bereits immer schwerer.
Ein solcher Mensch ist sich selbst nicht einmal mehr dienstbar.
Es hat seinen guten Sinn, daß irgendwo geschrieben steht: Geben ist
seliger denn nehmen.
Kommen wir zu den Endfäden, die am Wortende ausgleiten.
In aller Regel ist das nicht negativ zu werten.
Es verrät: Spürsinn, Einfühlungsverm”gen, Diplomatie.
Ein Psychologe mit Endfaden kann gewiß ein guter Psychologe sein.
Ein Psychologe, der mit einer Keule ausfährt, ist hingegen nur schlecht
zu denken.
Endet das Wortende mit einem Stopzug, was das Wortende eher unterbetont,
so teilt sich der Schreiber lediglich nicht gern mit, sondern bleibt zum
Schluß gewissermaßen doch bei sich.
Tritt massiver Druck dabei auf, dann ist das Fehlende Etwas natürlich als
Betonung zu werten, und die Deutung verschiebt sich dementsprechend.
Wortenden k”nnen, wie gesagt, auch unterbetont sein.
Ist das der Fall, so deutet das natürlich umgekehrt auf Zurückhaltung und
Bescheidenheit hin.
Wer so die Wortausläufe gestaltet, unterstreicht damit sein Ich nicht im
Nachhinein.
Es reicht dem Schreiber, der Sache gedient zu haben.
Des Schreibers Teil soll von selbst angenommen werden.
Ein Ingenieur beispielsweise sollte so gewiß eher schreiben als ein
Manager, um es im Bilde zu fassen.
Ebenso gewiß kann eine Wortendunterbetonung ?ngstlichkeit mit zu wenig
Selbstvertrauen und Unsicherheit bedeuten.
Die Raumsymbolik eines Wortk”rpers in seiner Betonung am Anfang oder am
Ende vermag das alles verraten.
Denn mag der einzelne Wortk”rper einerseits unabhängig für sich stehen und
eine unwiederholbare Einmaligkeit darstellen, er steht auch als
Repräsentant für alle nachfolgenden Wortk”rper, da er Eigenheiten
aufweist, die sich Wort um Wort, Zeile um Zeile wiederholen.
Deutungstabellen
Anfangsunterbetonung- Anfangsbetonung-
kleinmütig Selbstvertrauen
unsicher Stolz
devot Sicherheit
Anfangsunterbetonung+ Anfangsbetonung+
anspruchslos Anmaßung
pflichtbewußt Dünkel
dienstbar Eitelkeit
einordnungsbereit Geltungssucht
Endunterbetonung- Endbetonung-
unsicher streitsüchtig
ängstlich rechthaberisch
Endunterbetonung+ Endbetonung+
bescheiden Durchsetzungskraft
dezent Ehrgeiz
Sondermerkmale
langer Anstrich am Wortbeginn
sich hineinstürzen oder keinen Anfang finden k”nnen
Stopzüge am Wortende
Doch nicht aus sich herauskommen und Restreserve behalten
Kyrassierstiefel, nach unten gezogene Keule, häufig am Wortende
Rücksichtsloses sich Durchsetzen
Wegschiebende Endstriche
Das Du wird auf Abstand gehalten oder weggeschoben
Einrollungen am Anfang
Egoismus oder Egozentrik
Haken, Harpunen oder Schlingen, häufig am Wortende
Egoismus, übervorteilen wollen, Berechnung
Samttatzen, rückläufige öMiniarkadeö häufig am Anfangsbuchstaben eines
Wortes
Hinterlist, Falschheit, Heimtücke
KAPITEL 17
GLIEDERUNG
Definition
Gliederung meint das Verhältnis zwischen beschrifteten und unbeschrifteten
Raum.
Gliederung umfaßt eine Reihe von Schriftelementen, die allesamt im
Rhythmusbereich des Raumes angesiedelt sind.
Das sind:
Wortabstand
Zeilenabstand
Zeilenführung
Ränder
Graphischer Aspekt
Indem Gliederung das Verhältnis meint zwischen beschriftetem und
unbeschriftetem Raum, umfaßt diese das, was eigentlich Schrift
allein nicht ist, vielmehr auch der Hintergrund ist, vor dem sich Schrift
abhebt.
Etwas platt k”nnte man sagen, Gliederung ist nicht Schrift, sondern das
Weiße.
So oder so: Gliederung, das ist der Schriftk”rper im Ganzen oder im Teil,
also etwa als Zeile oder als Wort, der sich in Relation und Beziehung
setzt, entweder zu anderen Teilk”rpern oder eben zum ihm umgebenden Raum.
Sie ist damit zugleich irgendwie, irgendwo verwandt mit dem Raumrhythmus
schlechthin, den man ja auch Verteilungsrhythmus nennt, weil er Aufschluß
gibt darüber, wie sich Schriftmasse verteilt.
Hierbei sollte erwähnt werden, daß Kleine Schrift sich begünstigend auf
Gliederungsm”glichkeiten auswirkt, wie umgekehrt Große Schrift einer
Gliederungsm”glichkeit entgegenwirkt.
Graphologischer Aspekt
So wie der Schriftk”rper sich in Beziehung setzt, so setzt sich das
erlebende Ich des Schreibers in Beziehung mit sich selbst und alledem,
was nicht Ich ist.
Denn im Schriftk”rper spiegelt sich der Mensch wieder; er erlebt ihn als
das, was er selber ist - was immer das sei, wozu er Ich sagt.
Gliederung, das ist die Auseinandersetzung zwischen Subjekt und Objekt.
Sie zeigt, wie das Subjekt des Schreibers seine Umwelt ordnet und sich
selbst in dieser einordnet.
Gliederung ist wie eine Schnittstelle zwischen Subjekt und Objekt,
zwischen Innenwelt und Außenwelt, zwischen Ich und Du.
Ungliederung verweist auf: entweder chaotische Lebenszustände oder
ungebändigte Lebenskraft.
Gliederung dagegen spricht: entweder für unlebendiges nur eine Schiene
fahrendes Leben oder für Maß und Harmonie.
KAPITEL 18
WORTABSTAND
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Schriftprobe für Enge [49]
-------------------------------------------------------------------------
-------------------------------------------------------------------------
Schriftprobe für Weite [50]
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Definition
Wortabstand meint den Abstand zwischen den Worten.
Er geh”rt in den Rhythmusbereich des Raumes.
Graphischer Aspekt
Beim Schriftelement Wortabstand sind von Interesse nicht die jeweiligen
Wortk”rper, sondern die Leerräume zwischen ihnen.
Als normal gilt ein Wortabstand, der die Breite eines Buchstabens
aufweist.
Ist der Abstand weiter, dann sprechen wir vom Weiten Wortabstand, ist er
enger, dann vom Engen Wortabstand.
In beide Richtungen sind Extreme denkbar.
So k”nnen die Wortk”rper beispielsweise bei geringem Wortabstand dicht
aufeinandergedrängt folgen und im Extremfall sogar ineinander übergehen,
beziehungsweise ineinander verhakeln, sodaß miteinander vermischt wird,
was von der Sache her gar nicht zusammengeh”rt und jede Atempause fehlt,
die einen vernünftigen Rhythmus im Entstehen und Vergehen der Wortk”rper
gewährleistet.
Sie k”nnen aber auch folgen nach längeren Leerräumen erst.
In einem solchen Fall wirkt der Fluß im Schreibband unterbrochen; er kann
nicht frei ablaufen.
Das Schreibband wirkt zerhackt und zerstückelt.
In solchen Extremfällen bilden sich zwischen den Wortk”rpern sogenannte
Sandbänke aus.
Die Leerräume dominieren und verhindern den Zusammenhang zwischen den
Wortk”rpern, die allesamt isoliert voneinander stehen und ein einsames
Dasein führen.
Graphologischer Aspekt
Wenn der Schreiber schreibt und mit dem Schreibgerät auf dem Papier
aufliegt und wir als Beobachter gedanklich die Zeit anhalten, dann
erschafft der Schreiber gerade das Ende eines bis dahin fortgeschrittenen
Schreibbandes.
Das Ende für sich genommen ist nicht mehr als ein Punkt.
Dieser Punkt ist sein entäußertes Ich.
Er erlebt diesen Punkt auch als Ich-Marke.
Ein jegliches Drumherum, also wo er bereits war, wo er noch hin will, das
links von ihm, das rechts von ihm, das über ihm, das unter ihm, all das
münzt er, das Subjekt, um in Nicht-Ich.
Es ist das Objekt, das Du, das Andere und aber auch das Mich, wenn er nach
links und nach oben schaut.
So ein Punkt ist etwas, das sich realisiert hat, k”nnte man sagen.
Graphisch gesehen kommt der Punkt am deutlichsten zum Tragen am Satzende
oder als i-Punkt.
Aber das ist nicht entscheidend.
Entscheidend ist die Idee hierbei, nämlich daß sich etwas M”gliches
realisiert hat.
Realisiert hat sich die Fiktion Ich, also der Glaube an die Instanz, die
mit freier Willensentscheidung alles, also auch das Selbst steuert,
letzteres so sein mag oder nicht, hier jedenfalls nicht näher diskutiert
werden soll.
Und so steht es mit dem Wortk”rper nicht anders.
Er muß, um Wortk”rper werden zu k”nnen, erst einmal viele Punkte
organisieren.
Er kann erst recht nicht in einer Sekunde Null entstehen wie der Punkt;
er muß erst erschaffen werden.
Trotzdem läßt er sich abfotografiert denken.
In einem solchen Wortk”rper läßt sich das Ich als Durchschnittswert
denken, das der sich im Schreibfluß befindliche Schreiber ermittelt,
wenn er während des Vorganges als Subjekt doch mit dem Objekt in
Auseinandersetzung lebt.
Also: Im erschaffenen Wortk”rper erlebt der Schreiber sein Ich, das er
anderen Ichs als dem seinen, oder schlicht dem Du, oder auch dem Mich
gegeübergestellt sieht.
So ein Wortk”rper ist wie eine Insel, die Ausschau hält nach anderen
Inseln, mit denen sie im Austausch stehen m”chte mehr oder weniger.
So ein Wortk”rper repräsentiert ja auch einen Gedanken, und der steht als
solcher auch im Zusammenhang mit anderen Gedanken, mehr oder weniger.
Ein Gedanke für sich isoliert alleine ist kaum oder jedenfalls
unzureichend nur Gedanke, weil die Verbindung fehlt, die der Gedanke
braucht, um Gedanke sein zu k”nnen.
Ein Gedanke aber, der sich als solcher nicht abgrenzen kann, ist auch kaum
Gedanke, weil er bestenfalles nur Gefühlswust im ewigen Einerlei ist.
Und so geh”rt zum Dasein eines Gedankens, daß er sich in andere Gedanken
genügend einfinden kann, ohne sich selbst aber zu verlieren.
Er braucht die Verbindung wie die Abgrenzung, die ein jedes Lebendiges
schon braucht, um existieren zu k”nnen.
Denn kein Lebendiges kann alleine für sich existieren; es braucht die Erde,
das Wasser, die Luft, die Nahrung, und vieles mehr, womit es sich
austauscht.
Ein jedes Lebendiges funktioniert als Teil des Ganzen wie ein Organ und
repräsentiert aber als Hüter der eigenen Gesamtheit einen Organismus der
seinerseits wiederum Leib und Seele zusammenhält.
Und so gesehen ist ein Wortk”rper wie Organ und Organismus einerseits und
wie Gedanke im Netzwerk von anderen Gedanken andererseits.
Ein Schreiber wird sich demnach selbst erleben, ganz gemäß der
Wortabstände wie er sie wählt, eng oder weit.
Wählt er sie unbeabsichtigt eng, so sucht er die Nähe und den Kontakt,
besitzt Wärme und Zugang.
Er lebt die Funktion des Fühlens stärker aus, vermutlich, weil er ein
Fühltyp ist.
Mit sich allein sein andererseits, fällt ihm aber auch schwer.
Er braucht die anderen; ohne andere ist er nichts.
Sind andere da, funktioniert er.
Sind sie weg, leidet er.
Sind sie da, engagiert er sich, nicht selten sogar einmischerisch, steckt
die Nase überall rein, wo sie gar nicht mehr hingeh”rt, als ginge ohne ihn
gar nichts.
Wo Menschen sind, ist er; er umgibt sich mit ihnen, notfalls ohne Auswahl.
Hat man etwas an alle zu sagen, so sagt man es am besten ihm.
Seine Redseligkeit ist grenzenlos.
Er teilt sich immer mit.
Er teilt selbst das mit, was er gar nicht mitteilen will.
Am liebsten hält er sich dort auf, wo alle Fäden zusammenlaufen, auf dem
Marktplatz der Menschheit.
Und ist er gar ein Vordergrundstyp aus der ersten Reihe, so fühlt er sich
gar als der Nabel der Welt.
Wählt der Schreiber die Wortabstände hingegen unbeabsichtigt weit, so wird
mindestens dezent Abstand gehalten.
Ihm darf man etwas mitteilen oder auch etwas mehr.
Er kann mit sich allein sein.
Bei allem Kontaktbedürfnis, er braucht auch das Alleinsein mit sich
selbst.
Er hält gerne Abstand und šbersicht.
Er lebt stärker die Funktion des Denkens aus, vermutlich, weil er ein
Denktyp ist.
Ohne Abstand und šbersicht fühlt er sich hilflos und überfahren.
Er braucht das Alleinsein, ist aber auch oft allein.
Dann ist er der Einsame, Isolierte und Ausgeschlossene, der
Wüstenbewohner, der in der Stille ruft, den aber niemand h”rt.
Es ist paradox: Er schickt die Menschen von sich weg, obwohl er ihrer auch
bedarf.
Allzuschnell überfordern sie ihn mit ihrer unausstehlichen Nähe, die sie
erzeugen, die doch aber oft gar nicht da ist.
Auf solche Ungereimtheiten wird er zuerst aufmerksam.
Er ist eine Art Inselbewohner.
Er freut sich über Gäste -wenn überhaupt!-, mehr noch aber, wenn sie
wieder gehen.
Er ist abgenabelt.
Deutungstabellen
kl. Wortabstand- gr. Wortabstand-
abstandslos isoliert
undistanziert vereinsamt
indistinguiert weltfremd
indiskret abgekapselt
unverschämt abgewandt
einmischerisch innerlich leer
kl. Wortabstand+ gr. Wortabstand+
kontaktsuchend Ordnung
Unmittelbarkeit Distanz
schnelles Eindringen Diskretion
Inter-Esse Selbstbesinnung
ganzheitl. Erleben Abstraktion
KAPITEL 19
ZEILENABSTAND
-------------------------------------------------------------------------
Schriftprobe für Enge [51]
-------------------------------------------------------------------------
-------------------------------------------------------------------------
Schriftprobe für Weite [52]
-------------------------------------------------------------------------
Definition
Mit Zeilenabstand ist der Abstand zwischen den Zeilen gemeint.
Er geh”rt in den Rhythmusbereich des Raumes.
Graphischer Aspekt
Beim Schriftelement Zeilenabstand sind von Interesse nicht die jeweiligen
Zeilen, sondern die Leerräume zwischen ihnen.
Als normal gilt ein Zeilenabstand, wenn gewährleistet ist, daß die Zeilen
sich auf keinen Fall untereinander verhakeln, sie aber dennoch so dicht
als m”glich stehen.
Ganz grob k”nnte man sagen, mittlerer Zeilenabstand ist dann gegeben, wenn
zwischen zwei Zeilen noch ein Buchstabenmittelband eingefügt werden
k”nnte.
Der Zeilenabstand ist ein Schriftmerkmal, das dem Schriftmerkmal des
Wortabstandes sehr ähnlich ist.
Wenn man sich Geschriebenes vorstellt als Polarisiertes zwischen dem aus
der Bewegung kommenden und dem sich im Raume darstellenden, wobei das sich
Bewegende mehr dem Unwillkürlichen entspringt und das sich im Raume
Darstellende mehr das Willkürliche repräsentiert, dann ist das
Schriftmerkmal Wortabstand in Relation zum Schriftmerkmal Zeilenabstand
das mehr zum Bewegungsmerkmal orientierte, wie umgekehrt das
Schriftmerkmal Zeilenabstand im Verhältnis zum Schriftmerkmal Wortabstand
das mehr zum Raummerkmal orientierte.
Graphologischer Aspekt
Im vorangegangenen Kapitel wurde behauptet, bereits in einem gesetzten
Punkt realisiere sich ein Ich - was immer das sei, dieses Gebilde, was
sich selbst Ich nennt.
Es hieß, es sei egal, ob der gesetzte Punkt theoretisch zu denken ist
oder praktisch in Erscheinung tritt, das heißt, ob er nur gedacht ist als
ein m”glicher Punkt in der langen geschlängelten Linie des Schriftbandes
oder, ob er sich als sichtbar manifestiert, etwa in einem i- oder
Satzschlußpunkt.
Es hieß weiter, auch in einem Wortk”rper realisiere sich ein Ich.
Nun, so will es jetzt weiter heißen, auch in einer niedergelegten Zeile
noch tut das der Mensch Schreiber.
Zwar ist die Zeile ein Gebilde, das sich im Strome der vernehmbaren Zeit
deutlich schon vollzieht, was einem Ich-Punkt Abbruch tut, aber auch sie
ist erschaffen, wie ein K”rper und findet sich wieder in der
Auseinandersetzung mit mit einem Davor und Danach gleichartiger
K”rper - nämlich Zeilen.
Und so gilt für einen Zeilenk”rper, wenn auch schon eingeschränkt, etwa
das, was für ein Wortk”rper schon gilt.
Da der Wortk”rper näher an der Bewegung dran ist, aus der er doch
letztlich entstanden ist und die Zeile stärker im Raume schon orientiert
ist, in der sie sich niederschlägt, verschiebt sich auch dementsprechend
die Deutung.
Solange ein Schreiber bei weiten Wortabständen auch weite Zeilenabstände
erzeugt oder eben umgekehrt, bei engen Wortabständen eben auch enge
Zeilenabstände und die Affinität für sich spricht, ist die Deutung auch
dementsprechend.
Sie entspricht sich verstärkend den Aussagen, wie sie in der
Deutungstabelle für Wortabstand hergeleitet sind.
Ist aber die Affinität nicht gegeben, und der Schreiber verwendet bei etwa
engen Wortabständen aber weite Zeilenabstände oder auch umgekehrt, dann
trifft das eine wie das andere zu - aber in einer bestimmten
Reihenfolge, gemäß dem Gefälle, wie es sich auftut in den Bereichen von
Bewegung und Raum.
Es ist durchaus ein Unterschied, ob bei engem Wortabstand weiter
Zeilenabstand zu konstatieren ist oder umgekehrt bei weitem Wortabstand
nur enger Zeilenabstand.
Es läßt sich ganz grob sagen, daß bei engen Wortabständen und zugleich
weiten Zeilenabständen sich der Mensch weiter gibt als er wirklich ist,
wie umgekehrt es sich sagen läßt, daß er bei weiten Wortabständen und
zugleich engen Zeilenabständen, sich enger gibt als er wirklich ist.
Im ersteren Fall will das heißen, daß Kontaktfähigkeit vorhanden ist,
aber Distanz betont wird.
Man k”nnte sagen, wenn er will, kann er, nur er will nicht.
Warum er nicht will, wo er doch kann, läßt sich aus Wort und Zeile allein
natürlich nicht erschließen.
Sicher scheint zum Schluß nur zu sein, daß Kontaktbereitschaft bei
Distanzbewahrung nebeneinanderherlebt.
Im letzteren Falle bedeutet es umgekehrt, daß er durchaus will, aber eben
nicht kann.
Kontakt wird erwünscht, aber doch nur äußerlich vorgetragen.
Innerlich bleibt der Mensch isoliert.
Und auch hier, wie auch immer, lebt das eine neben dem anderen her.
Anders als bei Wortk”rpern es der Fall ist, k”nnen Zeilen ineinander
verhakeln.
In einem solchen Fall fehlen natürlich die klaren Linien und somit denn
auch die klaren Beziehungen.
Da fehlt dann durchaus auch Selbständigkeit.
Wenn sich eine Zeile direkt an die andere anhängt, dann mag es auch der
Mensch sein, der sich dran hängt, weil er für sich selbst keine Abgrenzung
finden konnte.
Hier kann man getrost von Kontaktabhängigkeit sprechen.
Zeilenverhakelungen tragen immer ein Negativaspekt in sich.
Hier ging die Nächstenliebe zu weit und kann nicht mehr f”rderlich sein,
weil der F”rderer selbst bereits fehlt.
Ist der Zeilenabstand dagegen zu weit, sodaß man sich fragt, wo
eigentlich die Zeilen dazwischen sind, dann mag die Isolierung bis zur
Weltfremdheit reichen.
Auch findet man unter solchen zuweilen Dogmatiker, die in aller
Abgeschiedenheit vor sich her brüten und die Menschen damit dann auch noch
beglücken wollen.
Deutungstabellen
kl. Zeilenabstand- gr. Zeilenabstand-
respektlos Einzelgänger
Mißachtung fremder Grenzen Sonderling
Dabeiseinwollen Extratour
Betriebsamkeit kontaktarm
kl. Zeilenabstand+ gr. Zeilenabstand+
Unmittelbarkeit Abstand
Interesse Respekt
unsachlich Umsicht
blauäugig Organisation
KAPITEL 20
ZEILENFšHRUNG
-------------------------------------------------------------------------
Zeilenführungsskizze [53]
-------------------------------------------------------------------------
Definition
Zeilenführung meint die Zeile, wie sie geführt ist.
Nach Schulvorlage hat sie geführt zu sein auf einer gedachten
Verbindungslinie, die man sich gespannt zu denken hat zwischen
den unteren Enden des Buchstabenmittelbandes.
Das gilt zumindest für einen Blankobogen, wenn auf einem solchen
geschrieben wird.
Natürlich kann ebensogut auf einem linierten Bogen geschrieben werden.
In beiden Fällen interessiert, wie die Zeile von der wirklichen oder
auch nur der gedachten Linie abweicht oder nicht abweicht.
Wie also wird die Zeile im Verhältnis zur Normzeilenlinie geführt?
Die Zeilenführung geh”rt in den Rhythmusbereich des Raumes.
Graphischer Aspekt
Zeilen k”nnen auf sehr unterschiedliche Weise geführt werden.
Und so unterscheidet man beispielsweise:
01) Gerade Zeile
02) Gerade steigende Zeile
03) Gerade fallende Zeile
04) Gestaffelt steigende Zeile
05) Gestaffelt fallende Zeile
06) Wellenf”rmige Zeile
07) Gew”lbte Zeile
08) Geh”hlte Zeile
09) Schwebende Zeile
10) Klebende Zeile
01) Die gerade Zeile verläuft auf der gedachten Normlinie.
02) Die gerade steigende Zeile verläuft zwar gerade, steigt aber an und
weicht somit nach rechts folgend von der Normlinie immer stärker ab.
03) Die gerade fallende Zeile verläuft ebenfalls gerade, fällt aber ab und
sinkt somit nach rechts folgend unterhalb der Normlinie.
04) Die gestaffelt steigende Zeile steigt nacht rechts folgend immer
wieder dachziegelartig an.
Entweder sind es Worte oder Teile daraus, die immer wieder zu Beginn
unten an der Linie ansetzen und stets aufs Neue nach oben streben, oder
es sind Teile aus der Zeile, also Wortgruppen, die permanent ansetzen,
um neu anzusteigen.
05) Die gestaffelt fallende Zeile fällt nach rechts folgend immer wieder
nach unten ab.
06) Die Wellenzeile verläuft wellenf”rmig rhythmisch oder arhythmisch.
Sie schwankt entweder in Wellenform, also rhythmisch oder ohne Form
arhythmisch.
07) Die gew”lbte Zeile steigt bis zur Zeilenmitte an, bevor sie wieder bis
zum Zeilenende abfällt.
Sie liegt wie ein gew”lbter Deckel auf einer gedachten Linie.
08) Die geh”hlte Zeile fällt bis zur Zeilenmitte ab, bevor sie wieder bis
zum Zeilenende ansteigt.
Sie hängt wie ein Seil unter einer gedachten Linie.
09) Die schwebende Zeile schwebt über der wirklichen Linie, die liniertes
Papier vorgibt.
Sie ist zwar gerade, aber berührt stets die Linie peinlich genau
nicht.
10) Die klebende Zeile l”st sich von der wirklichen Linie des
linierten Papieres nie, sondern klebt daran.
Graphologischer Aspekt
Die gerade Zeile verrät den geraden Charakter in seinem Gleichmut und
seiner Beständigkeit.
Sie weist aber auch auf Unansprechbarkeit und starres sich klammern an die
Konvention hin.
Die steigende Zeile verrät gehobene Stimmung und damit Optimismus.
Sie deutet allerdings auch auf unkritische Blauäugigkeit hin.
Die fallende Zeile fällt der verhaltenen Stimmung zu und weist auf
Pessimismus oder gar Lebensangst.
Sie steht aber auch für Skepsis und Kritikfähigkeit.
Die gestaffelt steigende Zeile verrät das Strohfeuer, das seine Energien
schnell zum Einsatz bringt; es verrät zugleich den Kurzatmigen, dem die
Puste stets schnell ausgeht.
Die geh”rt aber auch jenem an, der mit seinem Optimismus nicht
durchbrennt, sondern sich trotz Optimismus und Drang, seinen Kräften
freien Lauf zu lassen, zu zügeln weiß.
Die gestaffelt fallende Zeile dagegen zeigt den gegen seine Mißstimmung
ankämpfenden, der sich nicht unterkriegen lassen will.
Natürlich vermag ein solch Schreiber ausharrfähig, wie er ist, auch
Selbstbeherrschung üben und Dinge durchstehen k”nnen.
Die Wellenzeile steht für Stimmungschwankungen wie für Lebendigkeit.
Was gerade zum Tragen kommt, hängt ab davon, wie die Zeile schwankt,
zum Beispiel ob rhythmisch oder arhythmisch.
Die gew”lbte Zeile steigt im Beginn und fällt zum Schluß ab -
so die Stimmung.
Eifrig geht der Schreiber bei, ist begeistert, stimmt zu und ist ganz bei
der Sache.
Doch nach und nach relativiert sich alles, und der Abstand zur Sache
wächst.
So überzeugend man ihn gewinnen konnte, so sicher mußte man ihn verlieren.
Die geh”hlte Zeile ist in dieser Tendenz umgekehrt.
Der Betreffende kommt schwer und erwärmt sich mit der Sache nur langsam;
er muß sie erst sacken lassen.
Aber dann, dann ist er auch innerlich darauf eingestellt und steht die
Sache durch.
So schwer man ihn überzeugen konnte, so stabil konnte man ihn gewinnen.
šber der Normlinie schwebend schreibend, so schreibt der über den Dingen
schwebende.
Und es hebt sich über diese hinweg auch der šberhebliche.
Entweder ist er abgehoben und den Alltäglichkeiten entrückt oder
schlichtweg überheblich und borniert.
Man darf nicht vergessen, daß die Schwebzeile auf liniertem Papier
zustande kommt und dadurch extra Berücksichtigung erfährt; denn der
Schreiber ist ja laut Norm angewiesen, auf der Normlinie zu bleiben.
Wenn er sie also verläßt, dann mag man ihm Gründe dafür unterstellen
dürfen, auch wenn diese nur unbewußter Natur sein m”gen.
An der Normlinie klebend schreibt der an der Norm klebende.
Wenn er peinlich genau an ihr klebt, so mag man ihm Angst unterstellen,
sie zu verlassen.
Entweder ist er ängstlich sich auf eigene Wege zu begeben oder er darf als
besonders diszipliniert gelten, der sich an Vorgaben eisern hält.
Entweder ist er eingefahren, langweilig und ermüdend oder zuverlässig,
pünktlich und genau.
Auch hier darf man nicht vergessen, daß kleben geblieben werden kann nur
auf einer real existierenden Normlinie eines linierten Bogens.
Deutungstabelle
Gerade Zeile- Gerade Zeile+
Eingefahrenheit Geradlinigkeit
Unselbständigkeit Zuverlässigkeit
Steigende Zeile- Steigende Zeile+
Naivität Optimismus
Kritiklosigkeit Eifer
Fallende Zeile- Fallende Zeile+
Pessimist kritikfähig
Misanthrop abstandhaltend
Gestaffelt steigende Zeile- Gestaffelt steigende Zeile+
Strohfeuer Zügelung
Ausdauerlosigkeit nimmt sich zusammen
Gestaffelt fallende Zeile- Gestaffelt fallende Zeile+
Ermüdbarkeit Ausharrfähigkeit
Ersch”pfung Duldsamkeit
Wellenf”rmige Zeile- Wellenf”rmige Zeile+
launig lebendig
unstet impulskräftig
Gew”lbte Zeile- Gew”lbte Zeile+
Strohfeuer Impulsgeber
Enthusiast Beweger
Geh”hlte Zeile- Geh”hlte Zeile+
Impulsschwäche gewissenhaft
schwer in Gang kommen stabilisierend
Schwebende Zeile- Schwebende Zeile+
abgehoben über den Dingen
Klebende Zeile- Klebende Zeile+
unselbständig konventionell
KAPITEL 21
R?NDER
Definition
Der Rand ist das, was wir unbeschrieben finden zwischen den vier
Papierkanten einerseits und der Begrenzung des Schriftblockes
andererseits.
Der Schriftblock erstreckt sich von oben nach unten von der ersten bis zur
letzten Zeile und von links nach rechts jeweils vom Zeilenbeginn bis zum
Zeilenende.
Der Rand geh”rt ganz klar, wie alle anderen Gliederungsmerkmale auch, in
den Rhythmusbereich des Raumes.
Graphischer Aspekt
Der Rand läßt sich als Rahmen betrachten.
In diesem Falle sehen wir ihn lediglich in seiner Relation zwischen
Schriftblock und Papierkanten.
Er läßt sich aber auch separat betrachten als linker, rechter, oberer und
unterer Rand.
Betrachten wir den Rand als Rahmen, dann interessiert, ob er allseits
breit ist oder allseits schmal.
Es interessiert, ob er gleichmäßig ist oder ungleichmäßig.
Es k”nnen auch Ränder gar fehlen oder ringsum zu weit sein.
Auch wird der Ränderrahmen ins Verhältnis gesetzt zur Schriftblockdichte,
was die Gliederung in ihrer sehr allgemeinen Form darstellt.
Betrachten wir aber die Ränder separat, dann interessieren alle vier
Ränder für sich allein genommen und, ob sie sind: Breit, schmal, breiter
werdend, schmaler werdend, fehlend, überbreit, gleichmäßig,
ungleichmäßig, um die wesentlichsten Varianten zu nennen.
Graphologischer Aspekt
Psychologisch gesehen stellt sich im Schriftblock das Ich des Schreibers
wieder dar, das sich allem, was Nicht-Ich ist, gegenübergestellt
empfindet.
Das Subjekt also sieht sich dem Objekte gegenübergestellt.
Der Schriftblock findet sich wieder im Rahmen der Realität, so k”nnte man
sagen.
Wie also rückt sich der Schreiber mit seinem Schriftblock, will heißen
mit seiner Person, in die ihn umgebende Welt, eben in seine individuelle
Lebenssituation ein, kann man somit fragen.
Um das Problem vom theoretischen Ansatz her zu fassen:
Die Ränder so weit zu halten, daß ein Schriftblock garnicht erst
entstehen kann, sprich, erst gar nicht zu schreiben, wo man doch aber
wohlbemerkt sich mitteilen wollte, geht am Sinn vorbei.
So weit also darf er es nicht kommen lassen, daß er den Hintergrund vor
dem Vordergrund dominieren läßt.
Andererseits: šber die Papierkanten hinauszuschreiben und vor ihnen schon
zu beginnen ist kaum besser, eventuell sogar schlechter noch.
So weit also darf er es nicht kommen lassen, daß er durch massiven
Vordergrund jeglichen Hintergrund überdeckt.
Wie auch immer, um zur Praxis zurückzukehren, der Schreiber ist dazu
angehalten, sein Schriftblock innerhalb der Papierkanten zu placieren.
Man k”nnte sagen, das ist ein Realitätsprinzip, das hier zur Geltung
kommt, weil die Realität, hier mit den Papierkanten, ihre Vorgaben hat.
Und das bewältigt ja auch einjeder.
Es rennt ja auch nicht jeder mit dem Kopf gegen alle vier Wände.
Aber jeder bewältigt das Problem auf seine Weise.
Stellen wir uns vor, jemand hält seine Ränder knapp.
So oder so wird es jemand sein, der seine eigenen Belange dominieren läßt
und erst sekundär die Belange anderer berücksichtigen wird.
Die Gründe dafür k”nnen unterschiedlich sein.
Der ™konom nämlich hat andere Gründe als der Okkupant.
Jeder stellt sich anders dar vor dem gleichen Hintergrund, den er
eigentlich gar nicht wahrnimmt.
Der ™konom sagt sich schlichtweg: Papier ist zum beschreiben da und nicht
dazu, es frei zu lassen, womit er auch grundsätzlich Recht hat.
Und so schreibt er, um es vollständig auszunutzen, klein.
Ist er wahrer ™konom, schreibt er gegliedert dazu.
Alles wird gut arrangiert sein und sein Maß haben.
Wenn dieses Maß aber fehlt, dann wird man nicht auf den ™konomen
schließen dürfen, als vielmehr auf den Geizer, bei dem alles Sparen
schon auf Zwang beruht.
šbertreibt er damit wahrlich und andere Schriftmerkmale unterstützen dies,
dann steht ?ngstlichkeit im Hintergrund, die weiß, daß ihre Kraft so und
so zu knapp bemessen ist.
Ein solcher darf es sich nicht leisten, sich selbst oder anderen zu
spendieren; in seiner Welt kommt kein šberfluß vor.
Es ist eine arme Welt voller Frust.
Er spart und spart und wird ärmer und ärmer dabei.
Der Okkupant aber schreibt nicht klein, sondern groß.
Er muß alles füllen, ja ausfüllen mit seiner vielleicht nur
vermeintlichen Wichtigkeit oder auch seinem šbermaß an Lebenslust, die er
kaum zurückzunehmen in der Lage ist, sodaß er in seiner Zudringlichkeit
schnell bedrängend einwirkt.
Er ist ein Inbesitznehmer, und falls ein Hitzkopf, dann einer, der mit dem
Kopf durch die Wand muß.
Er will Wände einrennen und vor nix halt machen müssen.
Grenzen, die ihm gesetzt sind, nimmt er oft nicht wahr.
Immer wieder überrennt er sie.
Tolerieren und akzeptieren fällt ihm schwer; denn er weiß nicht wo sein
Ego sein Ende hat.
Er ist eine Art Elefant im Porzelanladen.
Dieser Egomane mag Balletttänzer sein: Es ist und bleibt nun mal ein
Unterfangen als Elefant Ballett im Porzelanladen zu tanzen.
So oder so: Wer keine Ränder läßt, gewichtet die äußere Form nur gering.
Das mag lediglich der ästhetische Anspruch sein, der bei ihm gering ist,
es mag aber auch mehr sein, also daß ein solcher sich leichter über die
Belange anderer hinwegsetzt und tut, was allein ihm gefällt oder ihm als
unerläßlich notwendig erscheint.
Umgekehrt haben wir solche, die Raum lassen, ihn gar pflegen und
kultivieren.
?stheten lassen Raum, weil ihnen ihr ästhetischer Anspruch dazu rät, der
nicht will, daß alles nur der Nützlichkeit unterstellt wird.
?stheten spendieren sich Raum, den sie brauchen, um atmen zu k”nnen.
Sich Raum lassen, das tun aber auch Verschwender, die nicht haushalten
k”nnen und die Recoursen verschleudern, also auf zu großem Fuße leben,
solche, die die Kerze gern von beiden Seiten anzünden und abbrennen.
Solche, die ungleichmässige Ränder aufweisen, weisen damit eine
wechselhafte Einstellung zur Umwelt auf.
Sie bringen sich selbst auf unterschiedliche Weise ein und sind ihr
entsprechend unterschiedlich gegenüber eingestellt.
Sind die Ränder aber akkurat gerade, so sind die Schreiber es ebensosehr.
Natürlich läßt sich nie sagen, wo und auf welchem Gebiet nun einer
besonders genau ist; das vermag Graphologie nicht.
Zwar wird man sagen k”nnen, einer, der in seiner Handschrift genau ist,
etwa bei der Rändergestaltung, wird es auch so sein im täglichen Leben,
aber ausschließen läßt sich gewiß nicht, daß einer seine Ordnungsliebe
entsprechend eigener und ganz bestimmter Kriterien ordnet.
Vielleicht ist ihm Staubwischen wichtig, währenddessen er unpünktlich aber
ist.
Vielleicht ist seine Wäsche sehr sauber, aber nicht gebügelt.
Vielleicht hat er seine Wäsche aufs Sorgfältigste in den Schränken
sortiert, peinlichst genau Socken zu Socken, Hosen zu Hosen, Hemden zu
Hemden, währenddessen, die Wäschestücke selbst in den einzelnen
Schubladen und Fächern reingeworfen sind.
Das alles zu unterscheiden, vermag die Graphologie selbstverständlich
nicht.
Und sie soll auch nicht wollen, was sie nicht kann.
Man weiß in einem solchen Falle eben nur:
Aha, Handschrift genau, ergo irgendwie der Analogie entsprechend, Mensch
genau.
Die Ränder lassen sich, wie schon erwähnt, einzeln betrachten und erhalten
in ihrer Gestaltung entsprechend unterschiedliche Bedeutung.
Der obere Rand wird gern Respektsrand genannt.
Es läßt sich sagen, wer ihn breit läßt, zollt achtungsvoll Respekt, wer
ihn überbreit läßt, duckt devot ab.
Ehrfurcht oder Furcht verrät also der breite obere Rand.
Ist er knapp bemessen, so kehrt sich die Bedeutung um:
Mißachtung oder Furchtlosigkeit stehen dann dafür.
Der untere Rand, wenn er zu knapp bemessen ist, bezeugt penetrante
Zudringlichkeit.
Jedoch darf man nicht voreilig urteilen; denn wer läßt sich schon gerne
im Abarbeiten seiner Gedanken unterbrechen.
Es hat schon etwas Natürliches, wenn man neigungsmäßig unten
weiterschreiben will, obwohl man zuguterallerletzt dann doch auf die
nächste Seite wechseln muß, weil die ebenbeschriebene einfach voll ist.
Und es kommt auch schon mal vor, daß der untere Rand breiter ausfällt,
weil Gründe der Gliederung es gebieten m”gen, daß ein neuer Gedanke erst
auf der neuen Seite begonnen werden soll.
Man sollte den unteren Rand nicht überbewerten, sondern ihn miteinbeziehen
- am Rande.
Der linke Rand aber ist schon bedeutsamer, wird er doch immer wieder aufs
Neue bewußt wahrgenommen, am Anfang der Seite, am Anfang einer
jeden Zeile.
Ist er breit, so zeigt sich darin Repräsentationbedürfnis.
Adlige schreiben so, weil ihre Anspruchshaltung hoch ist.
Adel verpflichtet, also wird man auch auf Großzügigkeit rechnen dürfen.
Es mag bei šberbreite auch für Verschwendungssucht stehen.
Es mag der Egomane sein, der in seiner zügellosen Selbstsucht einen
Anspruch geltend macht, für den andere bluten müssen.
Ist er schmal, ist er vorsichtig gar ängstlich, so läßt sich sagen.
Auch Maß und Bescheidenheit zeigen sich in ihm.
Der Rand mag auch breiter werdend sein.
Solche haben es nicht selten eilig; denn den Vorwärtsdrängenden,
vielleicht Unbeherrschten, drängt es nach vorn, also auch nach rechts,
sodaß sich der Rand entsprechend nach rechts verschiebt.
Es mag aber auch sein, daß sie gar nicht so ungestüm sind und schlichtweg
mehr und mehr aus der Reserve kommen, das heißt, daß sie bei anfänglich
abwartender Haltung nach und nach aus sich herauskommen.
Ist der Rand dagegen schmaler werdend, so haben wir den mehr Abbremsenden
vor uns.
Er mag der Gebremste und Langsame sein, der mißtrauisch ist.
Es mag der Besonnene sein, der es ablehnt, vorschnell zu handeln.
Dieser überprüft lieber einmal mehr als zu wenig.
Linksränder gibt es die gestaffelt 2-3-4-Zeilenweise breiter werden, bevor
sie wieder beginnen dort, wo Zeile 1 in der Ordnung begann.
Das setzt sich dann fort von oben bis unten.
Das Gleiche gibt es auch umgekehrt.
Solche geben ihren Tendenzen nach und nehmen sich immer wieder zusammen,
um der Tendenz nicht zu sehr nachzugeben.
Auch gibt es wellenf”rmige Linksränder oder unregelmäßige.
Sie sind eben Mischungen aus den Genannten: Breit, schmal, breiter
werdend, schmaler werdend.
Zum Schluß sei der Rechtsrand abgehandelt.
Auch er kann unterschiedlich ausfallen.
Breit kann er sein, schmal kann er sein.
Breiterwerdend kann er ausfallen, schmalerwerdend kann er ausfallen.
Er kann auch wirken wie ein echter Flattersatz, so wie man ihn von der
Computertextverarbeitung her als Modus kennt.
Es sei also Vorsicht geboten, allzu vorschnell zu urteilen, wenn ein
Rechtsrand mit bestimmtem Aussehen auftritt.
Es k”nnen durchaus die Belange des Textes auch eine Rechtsrandform
erzwingen.
Aus solchen Gründen allein ist es schon notwendig auch den Text zu lesen,
wenn man graphologisch einen Deutungsansatz wagt, auch wenn das Lesen
eines Textes nicht direkt graphologisches Vorgehen ist.
Da der Rechtsrand nie so bündig sein kann wie der Linksrand, ist er
Flattersatz mehr oder weniger immer.
Wenn er das nicht wäre, hätten wir einen echten Blocksatz, wie wir ihn aus
der Computertextverarbeitung her kennen, so wie er auch in Zeitungen aus
Gründen der šbersichtlichkeit verwendet wird.
Aber wenden wir uns den Merkmalen zu, wie sie doch häufig in Erscheinung
treten.
Breit k”nnte der Rechtsrand ausfallen.
So wie der Schreiber Abstand hält zur rechten Papierkante, so hält er
überhaupt Abstand und bewahrt sich.
Er liebt die Eigenständigkeit und meidet gern den letzten Schritt,
aber sichert dabei seine Position.
Auch ist er ?sthet und reizt nicht unbedingt aus, was auszureizen wäre;
er behält Reserve.
Man soll gehen, wenn es am sch”nsten ist - vielleicht hat er sich das auf
seine Fahne geschrieben.
Da passiert es dann auch schon mal, daß man zu früh geht.
Natürlich fällt es ihm mit dieser Vorgehensweise nicht immer leicht, sich
auch durchzusetzen, da er sich oft zu früh Einhalt gebietet.
Er hat Geschmack, aber ist nicht die personifizierte Durchsetzungskraft.
Auf personifizierte Durchsetzungskraft treffen wir da schon eher bei
solchen Schreibern, die auf schmale Rechtsränder zudrängen.
Bedrängt fühlt sich da schon mal der Andere, der halbneidisch sich
eingestehen mag: öGewiß, H”flichkeit ist eine Zier; doch leichter geht es
ohne ihrö.
Solche Schreiber drängen jedenfalls in die Welt und steuern drauf los; sie
sind Eroberer.
Sch”n mag es bei ihnen sein, wo sie gerade sind, aber sch”ner noch als
dort gewiß, wo sie gerade nicht sind, wo sie aber noch unbedingt hin
müssen.
Daß darin auch eine gewisse Abhängigkeit zu erblicken ist, offenbart sich,
wenn man es argumentativ umdreht und feststellt, daß ein solcher eben
auch nicht bei sich bleiben kann.
Vielleicht hält er sogar den Lärm der Stille nicht aus.
Am liebsten ist er außer sich, um sich zu verlieren.
Natürlich gelten solche Aussagen immer nur bedingt.
Solche Aussagen geben immer nur Tendenzen an und finden ihre vollständige
Aussagekraft nur dann, wenn andere affine Merkmale sie aufaddieren - klar!
Nach unten breiter werdende Rechtsränder, wie sie gelegentlich auftauchen,
geben in einer bestimmten Tendenz nach.
Da schmale wie breite Rechtsränder in ihrer Bedeutung dargestellt wurden,
ist damit implizit auch ausgesagt, was es bedeutet in einer bestimmten
Tendenz nachzugeben.
Was für die nach unten breiter werdenden Rechtsränder zutrifft, gilt auch
umgekehrt für die nach unten schmaler werdenden Rechtsränder, wo sich in
diesem Falle der Schreiber nach und nach mehr hingibt oder je nachdem
verliert.
Deutungstabellen
allseits schmale Ränder bei durchorganisierter Gliederung-
Geizhals
schmale Seele
allseits schmale Ränder bei durchorganisierter Gliederung+
Sparer
™konom
allseits schmale Ränder bei desorganisierter Inbeschlagnahme-
Hingabe
sich aufdrängen
penetrieren
allseits schmale Ränder bei desorganisierter Inbeschlagnahme+
sich einbeziehen
sich verlieren
breiter oberer Rand-
Devotismus
Furcht
breiter oberer Rand+
Ehrfurcht
Demut
schmaler oberer Rand-
Respektlosigkeit
Nichtachtung
schmaler oberer Rand+
Eigenständigkeit
Eigenverantwortlichkeit
breiter unterer Rand-
sich unzureichend engagieren
Anspruch vertun
breiter unterer Rand+
dezentes Verhalten
Takt
schmaler unterer Rand-
auf die Pelle rücken
aufdringlich
schmaler unterer Rand+
alles aussch”pfen
durchstehen
breiter Linksrand-
Großspurigkeit
Angeber
breiter Linksrand+
Großzügigkeit
Weitherzigkeit
schmaler Linksrand-
Kleinlichkeit
schmale Seele
schmaler Linksrand+
Bescheidenheit
Demut
KAPITEL 22
SCHREIBDRUCK
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Schriftprobe für Druckschwäche [55]
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Schriftprobe für Druckstärke [56]
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Definition
Druck meint grob gesagt die Wucht, Stärke, Last und Schwere, mit der das
Schreibgerät aufs Papier aufkommt und wennm”glich in selbes wie in eine
dritte Dimension eindringt.
Druck läßt sich beim bereits fertiggestellten Schriftstück nicht
nachmessen.
Druck läßt sich hinterher nur indirekt erschließen und einschätzen.
Schreibdruck, obwohl genaugenommen schwer zu erschließen, ist ein sehr
ursprüngliches und damit sehr elementares Schriftelement, das sich für die
Beurteilung einer Handschrift als eigentlich unverzichtbar erweist.
Schreibdruck geh”rt in den Rhythmusbereich der Bewegung.
Graphischer Aspekt
Beim Gleiten šber das Papier mit einem Schreibutensil entsteht
Reibewiderstand.
Diesen Widerstand versucht der Schreiber zu überwinden.
Dazu wendet er Schreibdruck auf.
Somit ist Schreibdruck die Reaktion des Schreibers auf Widerstand.
Selbst, wenn der Schreiber keinen Widerstand erfahren würde, würde er
Druck erzeugen.
Ansatzweise haben wir das beim Kuli, in dem die Kugel rollt und die somit
eigentlich immer auch wegrollen will.
Der Schreiber wirkt dem entgegen, indem er umsomehr Kräfte aufbietet, um
in der Strichführung die Einhaltung der Richtung gewährleisten zu k”nnen,
die erforderlich ist, wenn er Formen ausbilden will.
Beim Kuli tritt eben dadurch der als Reibedruck gedachte Schreibdruck
verstärkt als Griffdruck auf, der sich im Schriftbild dann als Versteifung
niederschlägt.
Schreibdruck meint im Genaueren nicht Druck allein, wie dieser als
Kilopond auf einer Kleinstfläche lastet.
Einen solchen Druck allein leistet schon eine vielleicht nur ungeübte
schwere Hand eines Kuhbauern.
Schreibdruck ist eine sehr viel defizilere Angelegenheit, weil weit
komplexer.
Schreibdruck hat zwar etwas mit freigesetztem Druck schon zu tun, wie er
auf Flächeneinheiten aufkommt, aber er ist allem voran
Druckunterschiedlichkeit!
Das heißt Schreibdruck ist etwas, das rhythmisch hin und her pendelt
zwischen Druck und Drucklosigkeit, und im Allgemeinen so, daß der Druck
stärker auf den Abstrichen liegt als auf den Aufstrichen.
Damit liegt die Druckbetonung zugleich stärker auf den wesentlichen
Anteilen der Schrift als auf den unwesentlichen.
Zu merken ist dies, wenn man bei einem niedergelegten Schriftstück im
Nachhinein alle Aufstriche oder Abstriche entfernen würde, etwa mit
Radiergummi oder Tintenkiller, je nachdem.
Entfernt man alle Aufstriche, jene verbindenden Anteile, die somit also
vergleichsweise unwichtig sind, dann mag die verbliebene Handschrift zwar
eigentümlich anmuten - aber sie bleibt entzifferbar!
Entfernt man hingegen alle Abstriche, jene wesentlichen Anteile, die
vergleichsweise unentbehrlich sind, dann verbleibt ein nicht mehr
entzifferbarer, fremder Rest.
Jeder kann das gerne einmal bei irgendeiner Handschrift ausprobieren.
Somit ist eine in der Anwendung des Schreibdruckes richtig orientierte
Handschrift die, welche die Druckbetonung auf die Abstriche placiert, und
wiederum aber nur im eindeutig überwiegenden Anteil, keineswegs
vollständig und ausnahmslos.
Es sollte genügend Spielraum auch für Abweichungen geben.
In diesem Auf und Ab der Spannungen, wie sie sich aufbauen und wieder
abbauen, ist Schreibdruck also direkter Ausdruck von Spannung und
Entspannung.
Schreibdruck in diesem Wechselspiel des Druckgefälles ist somit
wesentlich Druckunterschiedlichkeit!
Als Formel darf gelten: Schreibdruck = Druckunterschiedlichkeit !
Das heißt eigentlich, daß die rein physikalische Kraft und Energie, die
den Druck ausübt, als Schreibdruck bereits eine Transformation erfahren
hat, weil die Seele den rein physikalischen Druck bereits umgesetzt hat.
Man k”nnte in diesem Sinne sagen, Schreibdruck ist bereits sublimierter
physikalischer Druck, der ein ganz spezifisches
Druck-Drucklosigkeit-Gefälle vorweist.
Interessant ist sogesehen weniger die Quantität des Druckes als mehr die
Qualität des Druckes, die das ganz spezifische
Druck-Drucklosigkeit-Muster erzeugt.
Dieses Muster besitzt die Eindeutigkeit eines Fingerabdruckes!
Nicht die Menge des Druckes entscheidet so sehr für die herzuleitenden
Aussagen, als das Arrangement der Druckunterschiedlichkeiten.
Man kann es sich auch gut vorstellen, daß ein Schreibungeübter Kuhbauer
schwer und massiv schreiben darf, ein ausgebildeter Geistesarbeiter seine
Kräfte aber schon umgearbeitet haben muß, um mit ihnen sinnvoll umgehen
zu k”nnen.
Mit dem Hammer arbeitet man anders als mit dem Zirkel.
Wenn also jemand den Hammer aus der Hand legt und an Stelle dessen einen
Zirkel dafür nimmt, diesen aber immer noch handhabt wie einen Hammer, dann
rechtfertigt es gewiß, annehmen zu dürfen, daß triftige Gründe dafür
vorliegen m”gen, warum er den dazugeh”rigen inneren Wandel nicht
mitvollzogen hat.
Ist rein physikalischgedachter Druck allein eine quantitative Grӧe noch,
so ist Schreibdruck bereits eine qualitative Grӧe, die ganz unmittelbar
auf der quantitativen Grӧe aufbaut.
Manifestieren tut sich der Schreibdruck, wie schon erwähnt, als
Reibedruck, der sich gegen den Widerstand, den das Papier entgegensetzt,
zu behaupten hat.
Denn beim Aufdrücken reibt die Griffelspitze auf dem Papier.
Druck, der nicht als Reibedruck abfließt, ist Druck, der als Griffdruck
im Griffel verschwindet und dadurch als Versteifung im Schriftbild sich
niederschlägt.
Zwar ist Griffdruck schon notwendig, um den Griffel zu halten, damit denn
auch Druck noch auf dem Papier abfließen kann, aber passieren darf das
nicht im šbermaß, daß alle Energie nur dafür aufgebraucht wird.
Ist das nämlich der Fall, dann ist damit auf halben Wege alles im
Nebensächlichen versickert; denn man will ja, um etwas mitzuteilen, nicht
untätig den Griffel halten - den zu halten ist lediglich Mittel zum
Zweck- , sondern letztendlich schreiben, was Zweck allein ist.
Druck muß also wesentlich auch immer aufs Papier abgeleiteter Druck sein.
Aufs Papier abgeleiteter Druck ist also bereits Reibedruck.
Dieser Reibedruck kommt auf unterschiedlichste Weise auf Papier, was auch
vom Schreibgerät abhängt.
In diesem Zusammenhang ist es denn auch notwendig, einige Betrachtungen
anzustellen, was es bedeutet, mit diesem oder jenem Schreibwerkzeug aufs
Papier einzuwirken, weil auch das Schreibwerkzeug seine Eigenheiten hat
und Druck unterschiedlich aufs Papier ableiten läßt.
Schauen wir uns einige etwas näher an, als da wären:
Bleistift
Kuli
Füller
Filzer
Ballpentel
Wie unterschiedlich diese Schreibgeräte auf Papier einwirken, wurde im
Kapitel Schärfe schon besprochen.
Dort nahm es Bezug zum Thema Schärfe.
Hier soll es Bezug nehmen zum Thema Druck.
Schärfe und Druck besitzen šberschneidungen in ihrer Qualität, sodaß
manche Aussage bereits getroffene Aussage sich scheinbar wiederholt.
Nichtsdestotrotz sollen die verschiedenen Schreibgeräte noch einmal
diskutiert werden.
Zunächst in einer šbersicht durch Kernaussagen:
Da wäre also der Bleistift: Er gibt je nach Druckaufwendung mehr oder
weniger durch Abrieb Graphit ab und durchfurcht das Papier.
Die Federhalterspitze hingegen spreizt sich mehr oder weniger und läßt
Tinte fließen, während die Federzungen bei stärkerem Druck zugleich auch
das Papier furchen und auch mehr Tinte ableiten.
Der Kuli wiederum durchfurcht das Papier mehr oder weniger, ohne daß Druck
wesentlich in einem breiteren Strich abgeleitet werden k”nnte.
Der Ballpentel nun verhält sich weitgehendst wie ein Kuli.
Der Filzer aber streicht eigentlich nur gleichmäßig viel Farbe.
Und nun die Schreibgeräte noch einmal jeweils einzeln und etwas
ausführlicher:
Der Bleistift durchfurcht natürlich auch das Papier genauso wie der Kuli;
doch vermag er bei forciertem Druck, besonders bei weicher Miene sehr
viel Graphit abzugeben, was in Analogie dazu beim Kuli schneller seine
Grenzen findet, der im Vergleich dazu nicht etwa mehr Farbe abgibt.
Der Kuli nämlich gibt bei zu wenig Druck gar keine Farbe ab und bei
Einsetzen von ausreichendem Druck wie in einem Quantensprung pl”tzlich
doch Farbe.
Zwar gibt er bei wenig Druck auch nur wenig Farbe ab und bei viel Druck
viel Farbe; allerdings reißt weiterer Farbzufluß ebenfalls wie in einem
Quantensprung pl”tzlich ab.
Die Farbe ist dann satt, und satter geht es eben nicht.
Seine Farbabgabe hängt schlicht davon ab, ob die Kugel zum Rollen gebracht
wurde oder nicht, wovon auch die Glätte des Papieres ausschlaggebend ist,
wie die Güte der Kugel gleichermaßen.
Bei Bleistift wie bei Kuli hängt die Papierdurchfurchung und die
Farbsattheit natürlich ganz entscheidend davon ab wie weich die Unterlage
ist auf der man schreibt.
Je weicher die Unterlage nämlich ist -klar!- desto ausgeprägter selbst bei
bereits geringem Druck die Durchfurchung und die Abgabe der Farbe.
Ist jetzt die Schreibspitze eine sehr spitze Spitze, dann wird besonders
bei wirklich aufgewendetem Druck die Durchfurchung des Papiers gravierend
sein und die Farbintensität auch.
Die Farbmenge dagegen erh”ht sich zwangläufig stärker bei stumpferen,
unangespitzteren Bleistiften und breiteren Kulis, also solchen, die in
ihrer Kulispitze eine relativ große Kugel installiert haben.
Die Intensität aber im letzteren Falle muß schon geringer sein, wenn bei
gleichstarkem Druck nur schon mehr Fläche bestrichen sein soll.
Das ganze verkompliziert sich jetzt noch, wenn wir mit einbeziehen, daß
auch der Härtegrad des Papieres noch ein šbriges tut.
Denn es ist ja evident, daß man in L”schpapier, sollte man auf solches
beispielsweise schreiben, leichter eindringen kann, als in anderes
gar sehr dünnes Papier, wom”glich auf glasharter Unterlage.
Das ist eben Physik und soll jetzt auch nicht weiter interessieren.
Auch soll jetzt nicht weiter interessieren, wie Druck sich noch verstärken
kann, wenn der Griffel um so steiler gehalten wird - was ja im Kapitel
Schärfe schon behandelt wurde.
Vielmehr soll die Schreibfeder des Federhalters beziehungsweise des
Füllers noch angesprochen werden, weil durch sie der Druckhinterlaß seine
vielleicht lebendigste und plastischste Form erhält.
Die Feder, wenn es keine sogenannte Pfannenfeder ist, spreizt sich
nämlich.
Solche Federn nennen sich, wie schon erwähnt, Spitzfedern.
Stellen wir uns vor, wir schreiben mit einer solchen.
Stellen wir uns vor, wir schreiben mit einer Goldfeder.
Diese ist weich und gibt leichtesten Druckveränderungen schon nach.
Wenn wir eine solche Feder über das Papier führen, dann furcht sie sich
einerseits durchs Papier und geht außerdem noch, besonders bei flacher
Griffelhaltung, in die Breite, wenn sie sich spreizt.
Die Plastizität erfährt einen doppelten Akzent.
Dieser doppelte Akzent ist natürlich nur gewährleistet, wenn die Umstände
drumherum entsprechend sind.
Die Unterlage muß also weich genug sein, damit sich die Feder noch durch
das Papier graben kann.
Die Unterlage muß zugleich hart genug sein, damit sich die vielleicht
eher längere Feder auch genügend spreizen kann, wenn auf sie Druck
ausgeübt wird.
Eine Stahlfeder beispielsweise ist härter und kratzt und furcht dann auch
stärker, wenn starker Druck auf sie ausgeübt wird, die Unterlage aber
weich ist.
Ist die Unterlage hart und das Papier auch, dann hinterläßt sich der
Druck kaum noch als Merkmal, obwohl er aufs Papier abgeführt wurde, ohne
vorher etwa im Griffel durch Griffdruck verschluckt worden zu sein.
Was die Farbabgabe angeht, so verhält sich der Füller ähnlich wie der
Kuli; er besitzt auch zwei öQuantensprüngeö, einmal ab dem Augenblick,
wenn er bei einsetzendem Druck pl”tzlich Farbe abgibt und dann, wenn der
Druck immens ist und alles an Farbe er gibt, was er zu geben vermag,
und er aber zugleich sein Limit erreicht hat, was die Farbabgabemenge
betrifft.
Er besitzt sogar noch eine Besonderheit: Ist die Tinte fast alle und der
Druck extrem massiv, dann spreizt sich und besonders bei nicht zu steiler
Haltung die Feder derart, daß der Tintenfluß, der gerade noch enorm war,
abreißt.
In dem Augenblick haben wir also intensivsten Druck ohne Farbabgabe; die
Zungen der Feder furchen dann einzeln jeweils das Papier.
Bei weiter zunehmenden Druck verbiegt die Feder.
Zu Goldfedern wäre noch zu sagen, daß sie sich bei längerem Gebrauch, in
der Art und Weise, wie der Schreiber sie führt, sich zurechtbiegen und
damit dem Schreiber sich anpassen, der sie also ganz individuell verbiegt.
šber Jahre hinweg schleift sie sich gar zurecht.
Gibt man die Goldfeder in die Hand eines anderen, dann ist der eigentlich
gezwungen, die Goldfeder zu vergewaltigen; denn der verbiegt sie wieder
neu und anders.
Hat man eine Goldfeder aus der Hand gegeben, dann merkt man es.
Deshalb, so sagt man, gibt man einen Goldfederhalter auch nicht aus der
Hand.
Man k”nnte gut sagen: Eine Goldfeder braucht ihren festen Besitzer.
Eine Stahlfeder dagegen kann man schon aus der Hand geben.
Die ist steif und bleibt es, egal wer damit schreibt.
Mit ihr kann man stärker aufdrücken oder weniger oder sie verkannten in
diesem Winkel oder jenem Winkel; sie bleibt steif und unverändert.
Die Pfannenfeder wurde schon erwähnt.
Auch sie ist steif.
Sie ist noch steifer.
Aber das darf sie auch; man verwendet sie auch anders.
Die Pannenfeder läuft aus in einer runden Pfanne, welche die Tinte breit
streicht ganz gemäß des Pfannendurchmessers.
Auch die Pfannenfeder ist gespalten, damit die Tinte in dem Spalt
entlangfließen kann; doch spreizt sich die Pfannenfeder nur minimal, da
der Druck bereits in der Pfanne abgefangen wird, nochzumal man durch die
Pfanne eigentlich auch gezwungen ist, mit ihrer Fläche unverkantet
aufzusetzen.
Und so ist der Druckhinterlaß bei der Pannenfeder eigentlich stets der
Gleiche, sodaß der Strich immer voll seine Farbe abgibt.
Aber die Pfannenfeder kommt auch nur für kaligraphische Zwecke in
Betracht, weil sie für normales Schreiben zu unpraktisch ist; denn um mit
ihr loszuschreiben, muß man die Pfanne immer erst aufsetzen.
Man kann mit ihr nicht recht zügig in einen Strich hineinrutschen.
Sie ist einfach unbeweglich und starr.
Irgendwie ist die Pfanne ein steifer Pinsel, der die Farbe satt abgibt
wie ein Pinsel, aber die Ränder seines Striches fest umschließend
abgrenzt, wie eine Feder.
Bleibt noch der Filzer und der Ballpentel.
Den Filzer nennt man auch Faserstift.
Drückt man mit ihm zu stark auf, so zerfasert er.
Man kann also mit ihm nur schlecht aufdrücken.
Außerdem gilt für den Filzer das, was für kein anderes Schreibwerkzeug in
dem Maße gilt: Er gibt eigentlich immer voll seine satte Farbe ab.
Es ist, als malte man mit ihm.
Er erzeugt keine dritte Dimension; er bleibt in der Fläche.
Zwar gibt es auch schon stabile Filzer, die nicht so schnell zerfasern,
aber das Prinzip bleibt: Man drückt mit ihm besser nicht auf, sondern
behandelt ihn lieber freundlich, wenn man ihn über lange Zeit benutzen
m”chte.
Dann jedenfalls wird er die angesprochenen Qualitäten aufweisen - mehr
oder weniger.
Die Pallpentels sind Schreibwerkzeuge, die oft verschiedene Namen haben,
ohne, daß sich ein bestimmter als einziger durchgesetzt hätte, die zum
weiteren sich selbst auch nicht voll durchgesetzt haben, wahrscheinlich,
weil sie den Farbzufluß pl”tzlich und eigentlich unkontrolliert
abbrechen, wenn man sie zu stark verwinkelt.
Sie sind ein Zwitter zwischen Füller und Kuli.
Manchmal werden sie auch als Tintenkuli angeboten.
Sie schreiben einerseits mit Tinte, wie ein Füller, lassen diese aber nur
an einer Kugelspitze hervortreten.
Schreibt man mit einem solchen Schreiber auf harter Unterlage und kommt
mit den Griffel nicht am besten senkrecht auf, dann fließt garnix.
Und so reißt der Strich beim Schreiben immer wieder ab - ärgerlich!
Oft, ja eigentlich immer, muß man erst einen Punkt orientieren, damit im
weiteren der Tintenfluß freigesetzt werden kann.
Wer sie kauft, kauft sie vielleicht deswegen, weil sie praktisch, stabil,
auslaufsicher, klecksfrei sind wie Kulis und dennoch aber den Strich eines
Füllers fertigbringen.
Als Notl”sung müssen solche Schreibgeräte nicht verkehrt sein.
Einen solchen Tintenkuli sollte man beim Kauf gut prüfen!
Nur wenn er eine Keramikkugel montiert hat, scheint er tauge zu sein.
All diese Schreibgeräte sind hiermit kurz beschrieben worden, damit denn
auch deutlich werden kann, wie der Reibedruck auf dem Papier zustande
kommt; denn das war der Ausgangspunkt.
In der Praxis für die große Schreibmenge wird man überwiegend dem Kuli
begegnen, aber auch den Filzer.
Füller und Bleistifte hingegen schon seltener.
Irgendwie bleiben sie meistens bestimmten Zwecken vorbehalten.
In welcher Reihenfolge sie auch vorkommen m”gen, was die Häufigkeit ihres
Gebrauches angeht, man muß darauf vorbereitet sein, daß sie
unterschiedlich aufs Papier einwirken.
Damit also vernünftige Aussagen über den Reibedruck gemacht werden k”nnen,
ist es demgemäß schon wichtig zu wissen, welches Schreibutensil benutzt
wurde.
Nachdem auf die Unterschiede der verschiedenen Schreibutensilien verwiesen
wurde, sei nun auch noch ein Wort auf ihr Gemeinsamkeiten verwandt.
Beim Schreiben mit ihnen allen kämpft man gegen einen Widerstand an, den
einem das Papier entgegensetzt.
Dieser Widerstand muß überwunden werden.
Zum Beispiel muß der Griffel festgehalten werden, damit eine Griffelspitze
auf dem Papier überhaupt geführt werden kann.
Und die Griffelspitze muß dann noch über das Papier zielgerichtet geführt
werden.
Sie darf nicht wegrutschen, wie sie es will, sondern muß in eine in den
Gedanken vorbewußt gespeicherte Bahn gelenkt werden, damit nicht
sinnloser Strichewust entsteht, sondern Zeichen, die als gemeinsame
Verabredung aller gelten, die solche Zeichen benutzen und damit
Kommunikation verwirklichen.
Das alles macht erforderlich, daß man Druck mehr oder weniger aufwenden
muß, damit Schrift überhaupt entstehen kann.
Und wie schwer es sein kann, Druck zielgerecht abzuleiten, wird einem
bewußt, wenn man mit einem Kuli schreibt, dessen Kugel immer wegrollen
will nach irgendwohin.
Irgendwie kann man sich beim Schreiben mit einem solchen Utensil im
Uferlosen verloren fühlen.
Der Griffdruck allein versucht dies dann auszugleichen, weil doch die
Kugel nur wenig Widerstand findet.
Da bietet eine Spitzfeder viel gesündere M”glichkeiten, seine Seele
auszubalancieren; denn sie sucht f”rmig den Widerstand, weil sie auch
kratzen kann.
Und in der Tat, es gibt eine Affinität zwischen Druck und Schärfe, gerade
so, wie sie bereits im Kapitel Schärfe angesprochen wurde.
Wem die Schärfe nicht liegt, mag dadurch allein dem Kuli in der Sympathie
näher liegen, falls er nicht eine sattere Feder schon verwendet.
Schreibdruck im Nachweis geführt hängt also durchweg auch vom
Schreibutensil ab.
Er hängt aber auch ab davon, wie er verwendet wird unabhängig vom Utensil.
Denn der Schreibdruck kann fehlgesteuert aufs Papier geleitet werden.
Entweder weil aller Druck durch Halten des Griffels schon absorbiert
wurde, oder weil der Druck sich verlagert hat.
Ersterer Schreibdruck nennt sich Griffdruck.
Beim Letzteren spricht man von Druckverlagerung.
Im ersteren Falle wirkt die Handschrift versteift, also leicht zittrig.
Im letzteren Falle werden bestimmte Anteile der Handschrift durch
besondere Druckbetonung auffällig, die aber nicht auf den Abstrichen
liegt, wo sie grundsätzlich hingeh”rt.
Sie kann beispielsweise in die Aufstriche verlagert sein oder in die
Querstreichungen, um die häufigsten Verlagerungen genannt zu haben.
Im letzteren Falle k”nnen etwa T-Striche wie bullige Balken oder wie
scharfe Säbelhiebe auffällig werden.
Nun sei denn auch noch erwähnt, daß das Schriftelement Druck und
Drucklosigkeit auf Umwegen ganz entfernt auch eine gewisse Affinität zum
Schriftelement Verbundenheit und Unverbundenheit besitzt.
Das läßt sich ganz einfach und logisch erklären.
Denn drückt der Schreiber auf, dann fließt, etwa bei Verwendung von
Füller, Tinte.
Drückt er überhaupt nicht auf, sondern im Gegenteil, hebt die Feder vom
Papier ab, dann fließt keine Tinte.
Einmal also besteht die Kontinuität im Strich, das andere Mal nicht.
Einmal haben wir Verbundenheit, das andere Mal nicht.
Druck geht so gesehen also zwangsläufig mit Verbundenheit einher, wie
andererseits Drucklosigkeit dazu führen kann, daß der Strich abreißt.
Aber das ganze ist mehr ein formal logische Aussage.
Natürlich schreiben druckstark Schreibende deswegen nicht etwa
verbundener! - das am Rande.
Bleibt, wie eingangs erwähnt, anzusprechen der Umstand, daß durch den
Druck kaum spürbar auch eine weitere Dimension erschlossen wird.
Wenn das Auf und Ab der Striche die erste Dimension sein mag, das sich auf
Zeilen von links nach rechts bewegen die zweite Dimension, dann ist das
Placieren des Druckes gewiß die dritte Dimension.
Diese dritte Dimension tritt nicht ganz so deutlich in Erscheinung.
Aber nicht desto weniger: Sie ist da.
Man braucht für sie etwas Phantasie.
Mit Phantasie aber erahnt man sie.
Die Schrift erscheint einem dann reliefartig oder gar räumlich.
Die Schrift in 3-D zu erfassen ist also empfehlenswert, wenn man
die Handschrift in ihrer gesamten Tiefe in sich aufnehmen m”chte.
Graphologischer Aspekt
Beim Gleiten šber das Papier mit einem Schreibutensil entsteht
Reibewiderstand.
Diesen Widerstand versucht der Schreiber zu überwinden.
Dazu wendet er Schreibdruck auf.
Somit ist Schreibdruck die Reaktion des Schreibers auf Widerstand.
Schreibdruck weist auf die Intensität der Energieentfaltung hin.
Vermag ein Schreiber Schreibdruck aufzuwenden, vermag er in seinen
Impulsen auch nachdrücklich zu sein.
Schreibdruck darf grundsätzlich als ein Indiz für zugrunde liegende
Lebenskräfte gelten.
Lebenskraft, das ist das, was immer und immer wieder blind will, einfach
blind nur will.
Es weiß noch garnicht wofür und wohin; es weiß nur, daß es will.
Es ist der v”llig blinde Drang sich entäußern zu wollen.
Vielleicht ist es eine Art blinder Drang zum Licht, wie bei Pflanzen.
Und was auch immer Lebenskraft sein mag, sie fragt nicht, Lebenskraft tut.
In ihrer Urform tut sie bereits, wenn sie nur schon will.
Wo Lebenskraft ist, ist auch Lebenstüchtigkeit.
Das ist Vitalität.
Nun ist Vitalität aber nicht nur jene motorische Kraft, die nur blind
voran will.
Sie muß dabei auch lebenstüchtig sein.
So ist etwa eingeschränkt vital, wer indolent ist.
Reizaufnahmefähigkeit beispielsweise geh”rt in die Vitaltät mit hinein.
Wer aber andererseits hypersensibel, zerbrechlich empfindlich ist, besitzt
von Reizempfänglichkeit zu viel des Guten.
Ein solcher nur reizbarer, nerv”ser Typ ist in seiner Vitalität
eingeschränkt.
Ein lebenstüchtiger Mensch wird ein waches Wesen besitzen.
Aber er wird sich zur rechten Zeit Pausen zum Schlafen und Ausspannen
nehmen.
Lebenskraft ist jedenfalls die Kraft, die man braucht, um sich mit den
Erfordernissen der Realität adäquat auseinandersetzen zu k”nnen.
Daß man andere Dinge mehr braucht, um sich mit der Realität sinnvoll
auseinandersetzen zu k”nnen, ist klar.
Was nützt es, wenn man unvergleichlich stark ist, jedoch genauso dumm
doch!-
Aber das ist auch ein Thema für sich und braucht nicht hier abgehandelt
zu werden.
Hier reicht es zu wissen, daß Lebenskraft das ist, was blind will.
Es ist das, was auf Lebenstüchtigkeit, also Vitalität schließen läßt.
Wo also Schreibdruck, da folglich und grundsätzlich:
Widerstandsfähigkeit, Zähigkeit, Triebstärke, durchaus Vitalität, Libido,
Spannkraft, Energie, Kraft, Eindeutigkeit, Instinktstärke, Verwurzelung,
Entschiedenheit, Durchsetzungsfähigkeit, Ausharrfähigkeit,...
Geht der Schreibdruck auf halber Strecke und an falscher Stelle im
Griffdruck bereits verloren, dann bedeutet das, daß der Schreiber selbst
nur unter Druck steht; er selbst ist der Bedrückte.
Die Vitalität bei vorhandener Lebenskraft mag dabei schon eingeschränkt
sein.
Er befindet sich unter Spannung und kann seine Kraft nicht abfließen
lassen.
Er besitzt Kraftpotential, aber er kann es nicht nutzen.
Alle Kraft von Außen wirkt nur gegen ihn.
Kraft geht gegen Kraft und l”scht sich gegenseitig aus.
Die gleiche Menge Kraft, die da von außen auf ihn einwirkt, würde zum
Beispiel weniger auf ihn einwirken, wenn er selbst weniger Kraft hätte.
Mit weniger Kraft würde er sie einfach umgehen - umsegeln!
Manchmal ist eben weniger mehr!
In Grenzen spricht Versteifung für Sensibilität und innerer Wachsamkeit.
In Grenzen gehaltene Versteifung beinhaltet also auch Positivaspekte.
Die Schriftpsychologie unterscheidet hier an dieser Stelle auch
verschiedene Gehirntypen, die in der Handschrift zu mehr Versteifung
neigen oder zu weniger.
In einschlägiger Fachlektüre läßt sich darüber weiteres nachlesen.
Pophal m”ge hier unter anderem als Name stehen.
So wie der Schreibdruck auf halben Wege verloren gehen kann, kann er
gewissermaßen auch auf Umwegen verloren gehen.
Das ist bei den bereits erwähnten Druckverlagerungen der Fall.
Dort wird gute Kraft falsch und un”konomisch angewandt.
Der Schreiber setzt sie nicht sinnvoll ein.
Er verwendet sie nicht nutzbringend und damit dem Lebensrhythmus
zuwiderlaufend.
In einem solchen Falle ist es irgendwie, als wollte einer seine gesunde
Kraft zum Gehen und Laufen verwenden, indem er die Arme dazu benutzte und
nicht die Beine.
Und das spricht für vergeudete Energie.
Dergleichen passiert selbst unter Klügsten und hat eigentlich mit
Klugheit nicht notgedrungenerweise etwas zu tun.
Geht Lebenskraft aber nicht auf halbem Wege oder auf Umwegen verloren,
dann ist sie ein Leben lang wohl nützliche Grundlage, eine Art
Jungbrunnen, in dem sich Energien wie durch Zauberei immer wieder
erneuern.
Was sich verbraucht und aufbraucht, wird auf eigentümliche Art und Weise
immer wieder nachgeladen und ist stets aufs Neue verfügbar.
Dies ist die Flamme, die brennt, ohne sich aufzuzehren.
Es ist das Protoplasma, das die Sonne anzapft und mit nicht mehr als
nur das nicht stirbt, sondern ewig in seinen Tochterzellen aufgeht.
Zum Schluß sind wir selbst es, die wir in unseren Kindern fortleben,
das Leben im Gesamten als Perpetuum Mobile.
Diese Kraft, die als g”ttlicher Urimpuls als Erster Beweger das Sein
steuert, ist als Teil nicht erkennbar.
Es wirkt wie ein Zünglein an der Waage, das selbst nur ein Quant der
Energie ist, ohne wesentlich selbst Energie zu sein, das Ganze gedacht
als der g”ttliche Funke, der er auch ist, machtvoll wie er Energien
einfach nur durch sich hindurch läßt und aus scheinbar nichts etwas
zeugt und aus weniger mehr macht.
Dieser Jungbrunnen, das ist die Lebensenergie und nicht irgendeine
PS-Stärke nur.
Auf diese begründet sich die Vitalität.
Lebenskraft ist nicht zu verwechseln mit K”rperkraft!
Der k”rperlich Schwächste kann durchaus der Lebenskräftigste sein.
Auch kann ein sehr vitalstarker Mensch ein sehr kranker Mensch sein.
Das ist dann sehr bedauerlich, wie überhaupt Krankheit immer doch eine
bedauerliche Angelegenheit ist.
Natürlich, Vitalität m”chte man sich denken als eine strotzende Kraft,
die sich am besten doch mit k”rperlicher Kraft und unverwüstlicher
Gesundheit vereint, und sie steht ja auch als Symbol für hervorsprudelndes
Leben; doch definiert sie sich eben zum Schluß als etwas, das von
K”rperkraft und Gesundheit Verschiedenes auftreten kann.
Daß eine solche Vitalität einem, der sie besitzt, unverzichtbare Dienste
leistet, versteht sich von selbst.
Und mit ihr ist zwar durchaus vieles trotzdem nichts, aber ohne sie ist
zumindest alles nichts!
Sie allein für sich genommen kann einerseits dem Dummen und T”richten
beileibe nicht sein Glück garantieren.
Aber der Kluge kommt ohne diese Kraft gewiß auch nicht weit.
Natürlich: Totale Garantien gibt es in dieser Welt nie, was die geheime
Gerechtigkeit dieser Welt ist, aber wahrscheinlich kommt der am weitesten,
der beides hat: Kraft in den Beinen und Licht im Kopfe.
Der muß dann nur noch zur rechten Zeit am rechten Ort geboren sein.
Dann ist es ein Gotteskind und um ihn ist der Kreis geschlossen.
Uns Normalsterblichen allerdings gebricht es an irgendeiner Sache immer,
und oft sind es gar mehrere Sachen.
Und immer wieder fehlt es auch mal an allem.
Wir alle sind dazu angehalten, auf unsere Schwächen zu achten, sie im Auge
zu behalten und auf unsere Stärken zu bauen, sie auszubauen.
Der Wächter, der auf die Schwächen achtet, das ist die Klugheit.
Der Wollende aber, der auf die Stärken setzt, das ist der, welcher mit
der Vitalität im Bunde ist.
Das eine wie das andere läßt sich in der Handschrift erkennen.
Vitalität jedenfalls läßt sich vom Eindruckscharakter her in einer
Handschrift an seiner Frische erkennen, an Schwung, Dynamik und
Flexibilität.
Irgendwie schwingt und vibriert eine solche Handschrift auch.
Das alles bisher klingt natürlich so, als wäre Druckstärke allein schon
mit Vitalität gleichzusetzen.
Dem ist nicht so.
Es gibt Handschriften, die sehr fein und durchgebildet sind.
Stärke, welcher Art auch immer, kann dort auftreten in umgesetzter, ja
sublimierter Form.
Wenn also eine Handschrift Kraft zeigt, dann wird sie wohl vorhanden sein.
Zeigt sie sie aber nicht, dann muß sie keineswegs fehlen!
Durchgeistigung etwa kann Kraft zehren.
Die Kraft ist da, wurde aber umgesetzt, verschoben in eine andere Ebene.
Und so läßt sich sagen, daß eine massive Druckstärke in einer
Handschrift allein auch kein Garant ist für Vitalität.
Massive Druckstärke allein verrät zum Schluß nicht mehr als
Unsensibilität und Unverm”gen, auf Lebendiges noch reagieren gar eingehen
zu k”nnen.
Eine solche Kraft ist eigentlich nur noch eine Motorkraft, die sich an
nichts zu messen hat.
Es ist einfach für sie nur Kraft zu sein.
Und so sind Besitzer solcher Schriften im Extremfall grobschlächtig,
plump, unfein, schroff, abweisend, hart, willkürlich, fanatisch,
dogmatisch, halsstarrig, herschsüchtig, primitiv, gewalttätig, boshaft,
rücksichtslos.
Umgekehrt verrät Druckschwäche nicht allein nur Blässe, Oberflächlichkeit,
Wankelmut, Ziellosigkeit, Unentschiedenheit, Gesinnungslosigkeit wie
Schwäche überhaupt.
Es ist, wie gesagt m”glich, daß ein Teil der Kraft umgearbeitet ist.
Ein Feinmechaniker kann auch nicht mit dem Vorschlaghammer arbeiten.
So auch ein Schreiber, der mit geistiger Materie umgeht, sei es in der
Wissenschaft oder Kunst.
Einen Teil seiner Kräfte wird er gewiß umgearbeitet haben.
Und so kann die druckschwache Handschrift von einem sensiblen,
aufnahmefähigen und zartfühlenden Menschen stammen, der trotzdem
Aushalte- und Durchhaltekräfte besitzt.
Druckschwäche muß Fleiß und Energie nicht ausschließen.
Sie vermag Anzeichen für Optimismus zu sein, Dinge nicht zu schwer nehmen
zu müssen, vermag als Anzeichen gelten dürfen für: Flexiblität,
Beweglichkeit, Gewandtheit, Elastizität und Wendigkeit.
Die Aussage von eben enthielt implizit, daß Druckschwäche bereits
umgesetzte Druckstärke sein kann.
Ihr muß aber nicht Druckstärke potentiell zugrunde liegen.
Solche Menschen gehen naturbedingt stärker auf Resonanz und k”nnen über
sehr feinspürige Einfühlungskräfte verfügen.
Sie k”nnen über Kraft verfügen, ohne selber Kraft sein zu müssen.
Lenkend greifen sie ein wie eine leise Gewalt, der man nicht widerstehen
kann.
Sie sind Mittler im Spiel der Kräfte.
Nicht selten läuft ohne sie garnichts.
Schreibdruck mag das elementarste Schriftelement überhaupt sein, es ist
damit dann zugleich auch das Allgemeinste und Komplexeste.
Deutungstabelle
Druckschwäche- Druckstärke-
kraftlos grob
unsicher massiv
haltlos derb
schwankend primitiv
fremdbestimmt rücksichtslos
nachlässig willkürlich
labil herrschsüchtig
farblos gedrückt
konturlos triebabhängig
Druckschwäche+ Druckstärke+
anpassungsfähig kraftvoll
einfühlsam durchhaltend
beweglich nachdrücklich
umstellungsfähig entschieden
gewandt eindeutig
umgänglich Rückgrat
Taktgefühl Haltung
ästhetisch würdevoll
sensibel spontan
KAPITEL 23
SCHREIBEILE
-------------------------------------------------------------------------
Schriftprobe für Langsamkeit [57]
-------------------------------------------------------------------------
-------------------------------------------------------------------------
Schriftprobe für gehetzte Eile [58]
-------------------------------------------------------------------------
Definition
Mit Schreibeile ist nicht Schreibgeschwindigkeit gemeint!
Sie kann mit ihr einhergehen - muß es aber nicht.
Schreibgeschwindigkeit ist tatsächliche Schreibleistung und k”nnte
theoretisch in mm/sek gemessen werden.
Schreibeile dagegen ist das H”chstmaß an Aussch”pfung der individuellen
Schreibgeschwindigkeitsm”glichkeit.
Deshalb auch Schreib-Eile.
Eilig kann es ein schneller Hase wie gleichermaßen ein langsamer Igel
haben.
Schreibeile ist also ein durchaus subjektives Kriterium, das irgendwie nur
eine Funktion des objektiven Kriteriums der Schreibgeschwindigkeit
darstellt; denn es kann keine Eile auftauchen, wenn sie nicht in
Verbindung mit einer Geschwindigkeit auch gesehen werden darf.
Für die Belange der Graphologie aber ist genau nur dieses subjektive
Kriterium, das sich Schreibeile nennt, von Interesse.
Schreibeile wie Schreibgeschwindigkeit läßt sich beim bereits
fertigerstellten Schriftstück nicht nachmessen.
Es läßt sich hinterher nur erschließen.
Schreibeile wie Schreibgeschwindigkeit geh”rt in den Rhythmusbereich der
Bewegung.
Graphischer Aspekt
Beim Aussch”pfen der h”chstm”glichen individuellen Schreibgeschwindigkeit
entsteht Schreibeile.
Bevor auf die Merkmale eingegangen werden soll, die auf Schreibeile
schließen lassen, vorweg ein Bild, das illustrieren soll, was Eile meint.
Stellen wir uns vor, wir sind Betrachter eines Bildes.
Stellen wir uns vor, das Motiv des Bildes ist ein reißender Wasserfall
oder eine aufgeriebene See, in die der Sturm hineinfährt.
Auf einem solchen Bild der gepeitschten See, der tosenden Gischt laufen
scheinbar ungeheure Geschwindigkeiten ab, die den Betrachter in seinem
Seelenleben mitbewegen, ja aufwühlen k”nnen.
In Wahrheit aber bewegt sich natürlich auf dem Bild rein garnix, das
wissen wir.
Es ist ein ruhendes Standbild wie in die Verewigung gebannt.
Auch in 1000 Jahren noch bewegt sich auf diesem Bilde rein garnix.
Es ist eben ein Standbild - und nix sonst.
Auf dem Bild k”nnte ebensogut ein sogenanntes Stillleben abgebildet
sein - es wäre das Gleiche.
Das zeigt, daß man ein und dasselbe Bild unterschiedlich betrachten kann.
Oder auch ein anderes Beispiel zur Illustration:
Wir alle wissen, mit welch einer immensen Geschwindigkeit ein am Computer
angeschlossener Laserdrucker oder Tintenstrahldrucker oder selbst auch
Nadeldrucker Buchstaben druckt; es ist enorm.
Sie alle wirken ruhig, statisch, unbewegt, wie gedruckte Letter eben
aussehen.
Trotz h”chster Geschwindigkeit keine Spur von Eile.
Alles ruht wie gesetzt.
Auch hier zwei M”glichkeiten der Betrachtung.
Und noch ein weiteres Beispiel.
Stellen wir uns vor, ein flinkes und sehr schnelles Raubtier, sagen wir
das schnellste überhaupt, ein Gepard, rennt oder springt auf uns zu.
Die Bewegungen allein verraten schon sein immenses Tempo, das beim
Geparden deutlich über 100 km/h liegen kann.
Ein Auto, das auf der Autobahn m”glicherweise mit bequem 200 km/h auf uns
zu fährt, ist deutlich schneller - ohne aber, daß wir noch einschätzen
k”nnten, ob mit 50 mehr oder weniger.
Das Auto selber bleibt statisch in seiner Form und verändert sich nicht;
es verrät nicht seine Geschwindigkeit.
Es k”nnte inzwischen gar ein Flugzeug sein, das mit 1000 oder 3000
fliegt - im gewissen Sinne sieht es langsam aus, nämlich weil es sich
nicht in seiner Form verändert.
Es sind zum Schluß eben andere Kriterien, die den Beobachter schließen
lassen, jenes Objekt bewegt sich in Eile mit hoher Geschwindigkeit.
Das aber ist elementare Physik der Grundstufe und braucht hier nicht
näher interessieren.
So oder so: Auch hier also wieder die zwei Seiten ein und derselben
Medaille.
Eile ist also ein subjektives Kriterium, das sich zwar an dem objektiven
Kriterium Geschwindigkeit zu messen hat, aber sonst darüber hinaus eine
eigene Qualität erhält, sodaß das objektive Kriterium Geschwindigkeit zum
Schluß vernachlässigt werden kann.
Eile ist das H”chstmaß an Aussch”pfung der individuellen
Geschwindigkeitsm”glichkeit.
Und so wie Wasser in aufgewühlter See in tobenden Strudeln sein Aussehen
wechselt, der jagende Gepard im Spurt seine K”rperhaltung verändert, und
seien sie alle zum Schluß noch so langsam, so verändert auch Handschrift
das Aussehen, wenn sie in Eile entstanden ist.
Es gibt in der Handschrift Merkmale der Eile.
Wenn sie auftreten, dann läßt es sich auf Eile schließen.
Als Merkmale der Eile gelten in der Handschrift:
* Zügige Strichführung bei abgeschliffenen Formen.
* šberwiegend bogiger Strichverlauf.
* Ungenauer Sitz und ungenaue Form und Vorauseilen von Oberzeichen.
* Wachsende Rechtsschräge, sowie wachsende Langlängenschräge im besonderen.
* Wachsender Linksrand.
* Wachsende Weite sowie Weite überhaupt.
* Wachsende Verbundenheit wie Verbundenheit überhaupt.
* Wachsende Rechtsläufigkeit wie Rechtsläufigkeit überhaupt.
* Druckschwäche.
* Eilefaden.
* Vernachlässigungen und Kürzungen im Schreibweg.
Die genannten Merkmale werden also bei Schreibeile mehr oder weniger
gehäuft auftreten.
Viele dieser Merkmale erzeugen aber deswegen noch nicht die Eile!
Es ist sehr gut m”glich, daß einer sehr weit, sehr rechtsgeneigt, sehr
verbunden, sehr druckschwach schreibt.
Trotz der Häufung dieser Eilemerkmale kann er dennoch sehr langsam
schreiben; das ist gut m”glich.
Also Vorsicht bei der Beurteilung!
Es ist eben nur so, daß Eile sich im Allgemeinen in diesen Merkmalen
verrät.
Und eben diese Merkmale besitzen ja auch Affinität untereinander.
Allesamt sind sie Merkmale des sich l”sens und des Expandierens.
Uneiligkeit dagegen -wir wollen sie einfachhalber Langsamkeit nennen-
verrät sich dementsprechend durch Fehlen der genannten Merkmale,
beziehungsweise durch Umkehrung derselben.
Denken wir uns eine Handschrift, die sich zeigt durch vermehrtes
Auftauchen von
* Gebrochene Strichführung mit Zitterzügen ohne abgeschliffene Formen.
* šberwiegend winkliger Strichverlauf.
* Exakter Sitz punktf”rmiger Oberzeichen.
* Steilheit und Linkslage.
* Sich schmälernder oder mindestens gerader Linksrand.
* Enge.
* Unverbundenheit.
* Linkslaüfigkeit.
* Lastender Druck.
Von Langsamkeit k”nnen wir ausgehen, wenn wir die genannten Merkmale
vorfinden.
Der Verlauf des Striches wird immer wieder Abweichungen erfahren, und der
Kurs wird sich immer wieder zu korrigieren haben.
Selbst der am saubersten ausgeführteste Federzug kann nicht frei sein von
dem, was allgemein Irritation genannt sei, wenn er langsam zu Papier
kommt.
Nur ein schneller Zug kann schlank und ohne jede Irritation ausgeführt
werden.
Beim Schreiben ist das vollständig aber nie m”glich, weil im Geiste
vorgegebene Formen auf dem Papier nachgebildet werden sollen.
Jeder Strichzug wird somit, damit solche Formen entstehen k”nnen, oder
auch sich Formen untereinander koordinieren k”nnen, vorher mit Inhalten
aus dem Bewußtsein in Abgleich gebracht.
Durch diesen Abgleich mit dem Bewußtsein erfährt der Strich
Beschleunigungen, Abbremsungen und Richtungswechsel, eben Koordination.
Durch diese Koordination wiederum erfährt der Strich Irritationen.
Es ist als wollte sich das Chaos sein Reich im Kosmos zurückerobern.
Das Chaos ist und bleibt eben das Gegenteil des Kosmos'.
Und das eine kann in die Existenz nur durch die Präsens des anderen
gerufen werden.
Irritationen sind der Tribut.
Solche Irritationen k”nnen sein:
Tremor: Unregelmäßigkeit im Strichzug.
Ataxi: Strichentgleisung.
Es gibt selbstverständlich noch mehr Strichirritationen als diese beiden.
Striche k”nnen anschwellen, abreißen, zittern und anderes mehr.
Sie sollen aber hier nicht näher aufgeführt werden.
Man k”nnte sagen, zwei grundlegende M”glichkeiten gibt es:
Entweder: Bewegung reinster Güte, aber ohne bestimmte Form, es sei denn
durch Zufall.
Oder: Formausbildung reinster Güte, aber ohne Bewegung mit Güte.
Die Güte der Bewegung hier k”nnte nur durch die Technik des Zeichnens mit
Zeichenwerkzeugen wie Lineal und Zirkel gewährleistet werden.
Zwang zur Form sonst jedoch muß unweigerlich der Eile entgegenwirken,
muß den Strich irritieren und verlangsamen.
In der graphologischen Praxis wird man tunlichst darauf achten müssen,
ob ein Schreiber eine ausgeschriebene Handschrift hat oder nicht.
Die Nichtausgeschriebene wird langsam sein müssen.
Die Ausgeschriebene dagegen wird Eilemerkmale aufweisen.
Daß dem so ist, ist klar; denn der Schreibungeübte hat sich auf die
Bewältigung der Formen, die er zustande zu bringen hat, zu konzentrieren.
Ein ABC-Schütze dagegen muß alle Konzentration aufwenden, um die Formen
gestalten zu k”nnen.
Auf die Konzentration eines Textes, den er verfassen soll, verbleibt ihm
keine Reserve mehr.
Dem Schreibgeübten dagegen sind die Formen nur noch Mittel zum Zweck; er
geht mit ihnen mehr oder weniger virtuos um und benutzt sie, wie er sie
gerade braucht.
Er kann sich voll und ganz auf den Text konzentrieren.
Aber auch der Schreibgeübte kann Gründe haben, verlangsamt zu schreiben:
Zum Beispiel bei einem Bewerbungsschreiben oder auch beim Anschreiben
einer Person, die man als Autorität zu achten hat oder aus Ehrfurcht
achtet.
Ebensogut aber auch umgekehrt: Selbst der halbwegs Schreibungeübte, der
mal eben eine Notiz für sich selber hinwirft, damit der Gedanke ja nicht
verloren geht, kann pl”tzlich eiliger schreiben als erwartet.
Es ist normal, daß es Gründe gibt in die eine Richtung wie in die andere
Richtung, die dazu führen langsamer oder eiliger zu schreiben.
Schriftlich Niedergelegtes in sich selbst wird zum Schluß sogar immer eine
Mischung aus verschiedenen Eilezuständen sein, die sich von Strich zu
Strich schon ändern k”nnen, weil allein bestimmte Anteile einer
Handschrift, wie etwa Langlängen, schneller abgearbeitet werden k”nnen,
als wieder andere, etwa Kurzlängen.
Graphologischer Aspekt
Wem es eilig ist, der schreibt ebenso.
Er hat keine Zeit.
Was er zu bewältigen hat, will er im Sprung.
Er mag keine Tippelschritte.
Kleine Schritte m”gen zwar gründlicher sein.
Aber die dauern ihm zu lange.
Schritte machen müssen heißt ihm, auf der Stelle treten müssen.
Auch hat er Angst, das Gesamte dabei aus dem Blickfeld verlieren zu
k”nnen.
Seine Devise ist immer und zu jeder Zeit: Jetzt sofort!
Ungeduld ist seine Geisel, wobei ihm Zukunft eigentlich immer schon
Gegenwart ist.
Abwartenk”nnen ist demzufolge nicht seine starke šbung.
Immer würde er meinen, es entginge ihm nicht nur etwas, sondern gar alles.
So läßt er sich leicht hetzen und ist selbst voller Hast.
Eigentlich ist es dort, wo er selbst gerade ist, nie gut - so meint er.
Gut kann es immer nur dort sein, wo er noch nicht ist, wo er aber noch
hin muß - so seine innere Logik.
Warum ist das so bei ihm?
Nun, es ist einfach der andere Ort - das ist schon die Begründung.
Und der andere Ort ist immer besser, weil er doch der andere ist.
Nur schwer kann er bei sich bleiben.
Nur schwer kann er auch an sich halten.
Eine Art Inkontinenz ist ihm eigen.
Auf zu neuen Ufern, das ist sein Wahlspruch!
Denn wer ruht der rastet!
Nur nie verweilen!
Wom”glich verharren stagnieren!
In ihm sind nicht nur alle Abläufe schneller.
In ihm kommen auch alle Abläufe rascher in Gang.
Einen Anfang finden k”nnen ist für ihn kein Problem; er selbst ist
eigentlich der personifizierte Anfang schon.
Der Eilige übersieht gern das Mittel, das ihn zum Ziele führt; denn er hat
nur das Ziel im Auge - er ist schon bereits ganz das Ziel.
Und oft erreicht er das vielleicht weit gesteckte Ziel, ohne dazwischen
minuti”s genau gearbeitet zu haben.
Vielleicht überarbeitet, ordnet und festigt er es hinterher.
Er bekam Gewalt über das Ganze, als er nur das Ziel im Auge hatte und
alles dazwischen negierte und ignorierte.
Er sprang das Ziel im Ganzen an und versuchte die Einzelheiten hinterher
zusammenzuhalten.
Die Einzelheiten hinterher zusammenhalten zu k”nnen, gelingt natürlich
nicht immer.
Hier und da muß er zu mehreren Sprüngen ansetzen.
Denn auch um das Einzelne will sich gekümmert sein; der Sinn aber dafür
ist bei ihm verkümmert.
Ganz ohne Nachlässigkeit also ist er nicht.
So ist der Eilige voreilig.
Der Eilige aber ist auch ein Impulsgeber.
Der Eilige besitzt Temperament.
Der Eilige ist ein Umsetzer.
Der Eilige ist ein Hans Dampf in allen Gassen.
Mit nur einem ist er auf zehn Hochzeiten.
Der Eilige muß auf Trab sein.
Wenn alles nix hilft, tritt er auf der Stelle.
Lieber auf der Stelle noch treten, als Stillstand!
Bevor der Eilige einmal denkt, hat er schon zehn mal gehandelt.
Und da er auch schnell denkt, erdenkt er auch grӧere Mengen in gleicher
Zeit wie ein anderer, der langsamer sich die Dinge erarbeitend denkt.
Andererseits: Wer rasch denkt wie im Fluge, bedenkt dann auch allzuoft
allzuwenig.
Oft wirkt ein solcher Mengendenker trotz Denkmenge bedenkenlos und
betriebsam, ja eigentlich blaß, leer und inhaltsarm.
In seiner Nähe fühlt man sich zuweilen wie auf einem Bahnhof.
Und wie ist es auf einem Bahnhof in zügiger Luft, wo alles hastig
umherfleucht?
Ungemütlich ist es.
šberfülltheit neben Leere.
Trotz vielleicht tausender, die da umherschwirren, ist und bleibt man
in seiner Nähe selbst allein.
Manche Bahnh”fe sind Rangierbahnh”fe.
Es kommt vor, daß solcher immer in Eile sich befindlicher Mensch Menschen
umherschiebt wie Güter und Waren oder sonstige Objekte seiner Begierde.
Er hat es längst verlernt sie als Seelen zu empfinden; denn um eine Seele
erreichen zu k”nnen, muß man sich in sie versenken k”nnen.
Eben dazu hat er keine Zeit.
An ihm str”men die Menschen vorbei wie lästiger Fahrtwind.
Er ist wie ein Netz im Wind - nix geht rein; denn die Maschen sind zu
groß.
Das alles macht den Eiligen aus im Positiven wie im Negativen.
Seine Spritzigkeit und Wendigkeit und Empfänglichkeit und seine
Beeindruckbarkeit und Ansprechbarkeit erleben wir an ihm als angenehm.
Beeindruckend die Gaben seiner Wenigkeit.
Er bekommt jede Kurve.
Reaktionsschnell wie er ist, entgeht ihm nichts.
Er ist einfach immer schon mindestens einen Schritt voraus.
Immer sichert er sich seinen Vorsprung.
Sein Unverm”gen aber, auch mal einen Anker zu werfen, sich in eine Seele
oder auch nur eine Sache zu versenken, lassen ihn dann aber wiederum
erscheinen als einen, der quantitativ viel raffen kann, qualitativ aber
nichts aus- und absch”pft.
Und so wirkt er denn wiederum wie ein glitzerndes Blendwerk, wie eine
schillernde Seifenblase.
Stӧt sie auf Substanz, zerplatzt sie.
All solche Aussagen hängen natürlich ab davon mit welchem Schriftelement
sich das Schriftelement Eile sonst noch paart.
Und demgemäß k”nnen sich Verdachtsmomente verdichten, sodaß wir zum
Schluß einen deutlichen Typus vor uns haben, eben den Eiligen und den
Langsamen.
Und so m”gen sie denn auch sein:
Der Eilige mag sein voller Eifer, Beweglichkeit und Drang, der immer
aktiv ist.
Er mag aber ebensosehr nur hastig sein, unruhig und getrieben in einer
rastlosen Leere.
Er mag lebendig sein, empfänglich und anregbar.
Er mag aber auch ebensosehr ablenkbar, st”rbar und erregbar sein.
Er mag gewandt sein und Kombinatonsfähigkeit besitzen.
Er mag genausogut voreilig und vorwitzig und nachlässig sein.
Alles das sind Spielarten des Eiligen.
Die Spielarten des Langsamen sind umgekehrt:
Er ist ruhig, gründlich, besonnen oder lahm, matt, träge.
Er ist gelassen, verläßlich, beständig oder dickfellig, schwerfällig,
unansprechbar.
Er umständlich, kompliziert, stockend.
Der Langsame ist abwägend, tief, kritisch, gründlich, verläßlich, aber
eben auch langweilig, einfältig, versunken, pedantisch, kleinlich.
Der Langsame ist umsichtig oder und vorsichtig.
Der Langsame, wenn er denn denkt, denkt eigentlich nicht, er denkt nach.
Und was lange bedacht wird, wird dann endlich auch bedenklich.
Bevor er einmal handelt, hat er zehn mal gedacht.
Er liebt es Schritt für Schritt voranzugehen.
Jeder Schritt soll abgesichert sein.
Für ihn ist weniger durchaus mehr, wenn dieses wenige auch wirklich
gesichertes Etwas ist.
Eile und umgekehrt Langsamkeit sind Indikatoren für das, was wir
Temperament nennen.
Sie geben Aufschluß über das Reaktionsverm”gen.
Sie weisen darauf hin wie schnell Gefühlsabläufe und Denkabläufe in Gang
kommen, und wie schnell sie ablaufen, wie leicht oder auch unbefangen und
ungebremst Willensimpulse freigesetzt werden.
Deutungstabelle
Langsamkeit- Eile-
langweilig voreilig
matt leichtsinnig
einfältig ungenau
schwerfällig unverläßlich
umständlich uneindeutig
kleinlich ungründlich
pedantisch nachlässig
träge lässig
faul betriebsam
phlegmatisch unruhig
unentschieden vorschnell
eingleisig chaotisch
initiativlos planlos
verbohrt willfährig
interessenlos labil
Langsamkeit+ Eile+
gründlich forsch
tief rührig
gewissenhaft beweglich
genau flexibel
verläßlich dynamisch
pünktlich erobernd
akkurat aktiv
systematisch eifrig
beschaulich unternehmungslustig
beständig lebhaft
besonnen lebendig
schwerblütig gewandt
ruhig Kombinationsgabe
gelassen empfänglich
reflektiv schlagfertig
KAPITEL 24
AUFF?LLIGE STELLEN
Definition
Auffällige Stellen sind solche, die einerseits zwar auffallen,
andererseits aber deswegen noch keinem Schriftelement zugeordnet werden
k”nnten.
Wenn in einem Text auffallend ist, daß die Oberlängen stets ausgeprägter
sind als die Unterlängen, dann sind das in diesem Sinne keine Auffälligen
Stellen.
Alles dazu Notwendige geh”rt in das Kapitel Längeneinteilung.
Wohl aber handelt es sich um eine Auffällige Stelle, wenn etwa ein
bestimmtes Wort pl”tzlich und unversehen aus dem normalen Rahmen fällt,
weil es anders gestaltet ist.
Um so auffälliger ist dies dann, wenn sich das bestimmte Wort in seiner
Auffälligkeit im Verlauf des Textes wiederholt, sodaß bewußte oder
unbewußte Absicht dahinter zu vermuten ist.
Eine solche Auffällige Stelle springt durchaus ins Auge und kann kaum
übersehen werden.
Es ist eben eine Auffällige Stelle.
Eine Auffällige Stelle kann aber auch eine Stelle sein, die sich sehr
unauffällig verhält.
Eine L”tstelle etwa.
L”tstellen sind Stellen, an denen der Strich, der unbesabsichtigt in
seinem Fluß abreißt, hinterher mit einem neuen weiterführenden Strich
künstlich angel”tet wird.
So etwas wirkt wie ein Punkt in einem fortlaufenden Strich und fällt nicht
sofort auf; der Griffel wurde durchaus auch nicht abgesetzt.
Solche L”tstellen m”gen permanent auftreten, sodaß der ganze Text damit
übersät ist, und ihr Auftreten diagnostisch bedeutsam ist.
Entdeckt man dergleichen, dann muß das wache Auge nach weiteren Stellen
konsequent fahnden.
Oft muß eine Lupe eingesetzt werden, um diese unauffälligen Auffälligen
Stellen dingfest zu machen, bis man sich sicher sein darf, ja, hier wurde
tatsächlich neu angesetzt, um fortzufahren.
Wie Auffällige Stellen zu deuten sind, ist wohl so unterschiedlich zu
handhaben, wie es Auffällige Stellen gibt.
Hier muß man, wenn man fündig geworden ist, schon beim Ansatz einer
Deutungsm”glichkeit immer wieder aufs Neue prüfen, ob es so statthaft ist,
in der bereits eingeschlagenen Richtung weiterzusuchen.
Immer wieder neu muß man reflektieren, ob Ideen, die sich intuitiv
eingestellt haben, für das stehen k”nnen, was zum Schluß wahr ist.
KAPITEL 25
UNTERSCHRIFT
Unter der Schrift steht häufig die Unterschrift.
Sie steht da, wenn das Geschriebene durch den Schreiber abgesegnet wird.
Der Schreiber gibt sich damit als Urheber zu erkennen und übernimmt
zugleich die Verantwortung für das Geschriebene.
Dadurch kommt der Unterschrift ein sehr besonderer Stellenwert zum
Geschriebenen zu, und besonders dann, wenn der Schreiber zu seinem im
Beginn angesprochenen Adressat, in einem besonderen Verhältnis steht.
Natürlich ist die Unterschrift auch ein besonders pers”nlicher Beitrag;
nicht irgendetwas tritt in Erscheinung, sondern man selbst.
Und so kann auch die Unterschrift sich sichtlich vom übrigen Text
abheben, nicht nur, weil sie separat steht, sondern, weil sie nicht selten
auch anders gestaltet ist.
Im Text wie in der Unterschrift erscheint psychologisch gesehen der
Schreiber selbst.
In einem Zerrspiegel läßt sich sagen: Im Text erscheint der Mensch wie
er ist und in der Unterschrift wie er sein m”chte.
Natürlich muß man eine solche Aussage immer relativieren k”nnen, das ist
genauso wichtig.
Denn wenn ein in hochverantwortlicher Position befindlicher
Generaldirektor jeden Tag hundert Unterschriften oder gar mehr abzuleisten
hat, dann wird man von ihm nicht erwarten k”nnen, daß seine Unterschrift
problemlos lesbar ist.
Seine Unterschrift mag abgerutscht sein zu einem bloßen Signum.
Besonders bei Medizinern stehen die Doktorunterschriften geradezu als
Synonym für Unleserlichkeit.
Wie in einer Geheimabsprache unterschreiben sie alle unleserlich.
Eine seltsame Aura umgibt den Dr. med. wie seine sprichw”rtlich
gewordene Doktorunterschrift: Sie selbst, die von allen hofierten
Halbg”tter in Weiß mit dem Heiligenschein sind genauso unnahbar wie ihre
Unterschriften unlesbar sind.
Natürlich, sie schreiben auch Rezepte aus, die sich die Patienten nicht
selbst ausschreiben sollen, also muß eine ganz individuelle Unterschrift
her, also wird eine Unterschrift dann auch auf Druck öindividualisiertö -
unlesbar gemacht.
Hyroglyphen müssen her!
Man sieht schon: Warum eine Unterschrift in besonderer Weise vom übrigen
Text abweicht, das mag mit soziologischen Ursachen zu tun haben, die dem
zugrundeliegen, ohne daß man zugleich den Schreiber pers”nlich
verdächtigen müßte, er spiegele anderes vor als er ist.
Grundsätzlich jedoch läßt sich immer sagen, angemessen ist, wenn Text und
Unterschrift nicht voneinander abweichen.
Und sind es minimale Abweichungen, also, daß die Unterschrift etwas
gr”ßer ausfällt, dann muß man es nicht überbewerten.
Ist eben auch normal.
Setzt hingegen Ottonormalverbraucher ein Monstrum an Unterschrift hin,
dann ist das verdächtig.
Welches Monstrum will er sein, fragt man sich.
Eine Unterschrift unter der Schrift bleibt zum Schluß auch immer etwas
Gewolltes.
Zwar nimmt die Konzentration von Zeile zu Zeile, und wie auch immer, zum
Ende des Textes hingehend, mehr und mehr ab, sodaß sie prinzipiell ganz
am Ende, je nach dem, über welche Konzentrationskräfte der Schreiber
insgesamt verfügt, v”llig ersch”pft sein kann und ursprünglich Gewolltes
nur Ungewolltes sein kann; doch kann ein jeder sich ganz zum Schluß noch
einmal aufraffen, um die letzte Reserve zu mobilisieren.
Auf diese Weise ist die Unterschrift eigentlich stets ein gewollter Akt.
Und nur die werden durch Gewolltheit nicht so sehr auffallen, die auch
nicht so viele innere Notwendigkeiten in sich spüren, etwas künstlich
wollen zu müssen.
Wem ein zu kleiner Platz im Leben zugewiesen wurde, wer sich infolge klein
und mickrig fühlt aber gerne doch groß wäre, wird versucht sein, sich in
der Unterschrift in Szene setzen zu wollen.
Er wird sich aufplustern und darin aufregend groß, bunt schillernd wie
eine Seifenblase aussehen.
Sage mir, wie groß Deine Unterschrift ist, und ich sage dir wie klein du
bist!
Sage mir, wie klein deine Unterschrift ist, und ich sage dir wie groß du
sein m”chtest; denn wer sich selbst erniedrigt, will erh”ht werden.
KAPITEL 26
TEXTABLAUF
Textablauf ist der Ablauf des Textes.
Denn von Zeile zu Zeile, verändert sich der Text, mehr und mehr - mehr
oder weniger, je nachdem.
Genau das gilt es, zu beobachten, wenn man Rückschlüsse ziehen will, ob
ein Schreiber Konzentrationskräfte aufzubringen in der Lage ist, die er
nach und nach aber aufzehrt.
Schreibt ein Schreiber einen Text, dann läßt es sich in der Abfolge des
Textes ersehen, wie er sich Konzenrationleistung abfordert.
Ganz am Anfang sind wir als Schreiber im Vollbesitz unserer Kräfte und
ausgestattet mit guter Konzentration und jeder Strich, jeder Punkt sitzt.
Zwar haben wir uns noch nicht warm geschrieben und der Text k”nnte noch
etwas holperig sein; doch gibt sich das schnell.
Im Nu sind wir in Gang gekommen, und alles geht uns flüssig von der Hand.
Alles verläuft nach Plan.
Alles läuft wie geschmiert.
Dann aber, nach und nach, nehmen unsere Konzentrationskräfte ab, wie
überhaupt, allgemein die Mitte eines jeden vor allem aber längeren Textes
etwas Unbedeutendes an sich hat, eben weil sie nicht exponiert ist.
Schnell befindet man sich in einem Gefühlswellental der
Bedeutungslosigkeit.
Alles plätschert nur noch so fahrig dahin und kein Wellenberg in Sicht,
kein Ende abzusehen.
Man nimmt die Mitte mit, erduldet nur noch und harrt aus, um schlichtweg
noch irgendwann ans Ende gelangen zu dürfen.
Alles ist lediglich Mittel zum Zweck und nichts sonst.
Arbeiten ist nichts mehr als pures Abarbeiten.
Und der Zweck scheint nur noch das Ende selbst zu sein, egal auch was
zuvor auf seinem Wege lag.
Die lange Mitte also erlebt wie ewiges Lahmen und Leiden.
Und Endlich!
Hoffnung wieder in Sicht!
Geschunden sind wir zwar.
Unsere Kräfte nahmen unentwegt ab und ein Quantum mag sich auch
ersch”pft haben.
Aber fortan mobilisieren wir unsere letzten Reserven.
Frische erlangen wir wieder.
Die Konzentration nimmt wieder zu, obschon wir doch so abgearbeitet sind.
Und wer weiß, vielleicht geben wir unser Letztes und Bestes.
Alles wird bewußter wieder; wir erleben wieder uns.
Das Ende wird erreicht.
Hell wach sind wir wieder da, bevor wir uns erholsam ausruhen dürfen.
Was geschah bei alledem, als der Text voranfloß vom Anfang, wo wir eine
Idee in die Realität umsetzen wollten, über die Mitte, wo wir fast unter
Schmerz wie betäubt nur dahindämmerten, ja eigentlich unter Schmerz nur
schliefen, bis hin zum Ende, wo wir alle Kräfte noch einmal
zusammenrafften, um alles seinen Sinn zu geben?
Nun, am Anfang waren wir bewußt; denn wir hielten selbst das Ruder in der
Hand.
Dann versanken wir unmerklich ins Unbewußte; denn das Ruder entglitt uns.
Und am Ende griffen wir noch einmal forciert nach dem Ruder und tauchten
wieder auf.
Am Anfang war alles bewußt und gewollt.
In der Mitte war alles unbewußt und ungewollt und zum Schluß hingehend
immer mehr.
Ganz zum Schluß noch einmal erzwungen, bewußter und künstlich gewollt.
Danach schlafften wir ab.
Was geschah?
Nun, genau das nur geschah!
Wann immer wir voller Kraft bewußt agieren, das Unbewußte bleibt im
Dunkeln für den außenstehenden Beobachter.
Der Beobachter kann das Unbewußte vermuten, aber er kann es nicht sehen.
Läßt das Bewußte aber nach, rückt denn auch das Unbewußte nach und gibt
sich zu erkennen oder ganz zum Schluß, überflutet das Bewußte gar.
Das ehemals Unbewußte tritt an die Stelle des Bewußten und gibt sich nun
als, wenn auch niederes Bewußtes, so doch aber neues Bewußtes zu
erkennen.
Unbewußtes gibt es nur in Relation zum Bewußten gesetzt.
Die Spanne zwischen beidem überhaupt macht aus, was wir eigentlich
Bewußtes nennen.
Das genau ist Bewußtes und nichts sonst.
Fehlt es, nennen wir es Bewußtlosigkeit, was fehlendes Bewußtsein
ist, was also etwas anderes ist.
Und im Ablauf eines Textes nun mag es zu Verschiebungen kommen zwischen
Bewußtem und Unbewußtem.
Läßt Bewußtes nach, so erlahmen damit Konzentrationkräfte und Unbewußtes
tritt an die Stelle des Bewußten.
Das Gefälle nun zwischen vorher und nachher, ist eben ein zusätzlicher
Beitrag, um eine Seele ausloten zu k”nnen.
Wer als Graphologe meint, nur das Schriftbild mit m”glichst wenig
Bewußtseinskontrolle bringe Wahrheit hervor, der Rest aber nicht, der
irrt gewiß.
Der Gedankensprung sei erlaubt, es heißt ja genauso falsch auch:
In Vinum est Veritas.
Und das ist genauso irreführend.
Da est veritas auch.
Ein Teil nur ists - mag man sich streiten, ob ein Bedeutender.
Wer umgekehrt meint, nur das Kontrollierte zeige alles umfassend, irrt
aber ebenso gewiß.
Beide Aspekte zusammen nur dienen einer m”glichst vollständigen Auslotung.
Deshalb ist es auch wichtig den Textverlauf zu verfolgen, damit man sieht,
wie ein Text sich entwickelt und sich die Spanne verhält zwischen
Bewußtem und Unbewußtem.
KAPITEL 27
TYPOLOGIEN
Damit Mensch Ordnung in die Welt bekommt, systematisiert, kategorisiert
und koordiniert er.
In der Welt begegnen ihm nicht nur Dinge, sondern auch Menschen.
Auch diese ordnet er.
Dazu muß er urteilen.
Und das gelingt ihm nicht immer zufriedenstellend.
Oft muß er vorurteilen und sein gefundenes Vorurteil danach revidieren,
um zu einem brauchbaren und gerechten Schlußurteil kommen zu k”nnen.
Wenn er es denn hat, dann hat er seine Ordnung, die er braucht, wenn er
sich mit der Welt sinnvoll auseinandersetzen k”nnen will.
Im Umgang mit Dingen findet alles seine Schublade, wo es abgelegt wird.
Alles hat eben seinen Platz.
Im Umgang mit Menschen entstehen fiktive Gestalten: Typen.
Typen gibt es nie wirklich.
Typen sind immer nur Ideen.
Typen sind immer nur geglückte oder mißratene Idealgestalten.
Typen sind immer nur Fiktion.
Aber, so unwirklich wie sie sind, sie helfen, die Welt der Menschen
überschaubarer zu machen; denn sie müssen auch nicht real sein.
Es genügt, daß sie Ordnung bringend brauchbar sind.
Bei diesem Urteilen im Umgang mit Menschen kommt es durchaus dazu, daß
wir Menschen begegnen, die einem Typen so nahe kommen, daß wir geneigt
sind, sie selbst für den Typus zu halten.
Aber das kann selbstverständlich nie gehen, so extrem einer in seiner Art
sein mag.
Ein Mensch bleibt immer ein realer Mensch.
Ein Typus aber -brauchbar oder nicht- bleibt immer eine Fiktion nur.
Und so ersannen sich Menschen, die sich über Menschen Gedanken machten,
unterschiedliche Systeme, um Menschen sinnvoll einordnen zu k”nnen.
So entstanden Typologien.
So hieß es denn: Das ist der typische Verbrecher, so ist er, so sieht er
aus, so kleidet er sich, vielleicht gar, das ißt und trinkt er.
Es hieß, das ist der typische Denker, Spieler, Säufer, Glückspilz,
Unfalltyp, Mann, Arbeiter, Kranke, Genesende, Stratege, Angsthase und
vieles, vieles mehr.
Ein jedes Attribut, das man einem Menschen zufügen konnte, allein vermag
ein Typus schon zu sein.
Und wenn es denn nicht gerade notwendig ist, einen solchen unter so vielen
sonstigen herauszuarbeiten, dann sind sie allesamt natürlich auch nicht
so nutzbringend, eben, weil es so viele Typen gibt, wie Attribute.
Bei zu vielen Typen scheint sich der Sinn des Typen zu eliminieren.
Und so ersann man einige wenige Typen, in die ein jeder mehr oder weniger
gut hineinpaßt.
Einige wenige seien hier in Kurzform vorgestellt:
Im Altertum verfiel man auf die Idee, es k”nnte gut sein, daß es vier
typische Typen gibt; denn man kannte nicht an die hundert Elemente, wie in
der modernen Chemie, sondern man vermutete vier:
Feuer, Erde, Wasser, Luft.
Damit hatte man vier verschiedene Temperamante.
Später nannte man sie den Choleriker, den Phlegmatiker, den Melancholiker,
den Sanguiniker.
Daß der Erste schnell rot anläuft, weiß man.
Daß der Zweite in der Erdenschwere haften bleibt, weiß man auch.
Daß der Dritte im Sog seiner Trübsal sich befindet, weiß man auch.
Und daß der Vierte leichtfüssigkeit besitzt, auch das ist bekannt.
Eigentlich brauchen sie nicht näher beschrieben werden; man kennt sie.
Es liegt keine hundert Jahre zurück, da wurde man auf andere Typen
aufmerksam:
Ein Nervenarzt namens Kretschmer, der in einer Nervenheilanstalt tätig
war, hatte auf seinem Arbeitsplatz unterschiedliche Stationen, die
geordnet waren nach der Symptomatik der Erkrankung.
Auf der einen Station waren die untergebracht, die an dem litten, was man
manisch-depressiv nennt, auf der anderen Station, aber die, die man im
Sammelbegriff schizophren nennt.
Die einen erleben eine Bergundtalfahrt ihrer Gefühle, die anderen eine Art
scheinbare Aufspaltung ihres Bewußtseins.
Eigentlich war es ein Leichtes festzustellen, daß auf der einen Station
alles Dicke waren, auf der anderen alles Dünne.
Erkrankungen also, die offensichtlich mit dem K”rperbau zusammenhingen.
Die Konstitutiontypen waren entdeckt.
Es sind zum Schluß sogar drei: Der dicke Pykniker, ein eher geselliger
eigentlich nach außen gekehrter Typ.
Der dünne Leptosome, ein schizoider eher nach innen gekehrter Typ.
Und der eher schwerfällige athletische Typ, der zu Rheuma neigt.
Das Verdienst geht also an Kretschmer, darauf aufmerksam geworden zu sein.
Diese Typen bilden sich, so weit bekannt, schon im Mutterleib heraus, wenn
die Keimblattschichten sich herausbilden.
Je nachdem, welche Keimblattschicht sich zuerst herausbildet, ob der
Magendarmtrakt oder Haut und Gehirn, also Nerven, oder eben, ob Muskeln
und Knochen, entwickeln sich die Typen, also der Pykniker oder der
Leptome oder der Athlet.
Zur gleichen Zeit etwa verfiel auch C.G.Jung, Schüler von Freud, und
zugleich Mitbegründer der Psychoanalyse, auf eindrucksvolle Typen, die
Einstellungstypen genannt werden:
Den Extravertierten und den Introvertierten.
Diese kannte man als Nachaußengekehrte und Nachinnengekehrte vorher auch
schon.
Doch ordnete er diesen Einstellungstypen noch die sogenannten
Funktionstypen zu, die sich darstellen durch die Funktion:
*Denken
*Fühlen
*Empfinden
*Intuition
Das besondere bei diesen Funktionstypen ist, daß zwei bestimmte sich immer
als gegenübergestellt zu denken sind und zugleich alle vier aber nur in
bestimmter Reihenfolge auftauchen k”nnen.
Denn wenn Denken beispielsweise 1.Funktion einnimmt, dann muß Fühlen
zwangsläufig 4. Funktion sein, genannt Schattenfunktion, weil sie total
im Dunkeln des Unbewußten liegt.
Für die 2. Funktion, die sich auch Hilfsfunktion nennt, weil sie
der 1. gegenüber unterstützend wirkt, und für die 3. Funktion, die ein
ziemlich unbedeutendes Dasein führt, bleiben dann zwangsläufig Empfinden
und Intuition übrig, wobei die Reihenfolge sein kann, entweder Empfinden,
Intuition oder Intuition Empfinden.
Folgende Kombinationen sind m”glich:
D-E-I-F
D-I-E-F
E-D-F-I
E-F-D-I
I-D-F-E
I-F-D-E
F-E-I-D
F-I-E-D
Diese genannten Funktionstypen paaren sich nun also zusätzlich noch mit
den bereits genannten Einstellungstypen, sodaß man auf insgesamt 2 mal 8
sind 16 Kombinationsm”glichkeiten kommt.
Seien diese Typen nun kurz näher beschrieben:
Der Denktyp, dem wir schon im Kapitel der Geschlechter begegneten, setzt
sich ab und gegenüber, um ihn in nur einem Wort zu beschreiben.
Der Fühltyp, dem wir ebenfalls schon im Kapitel über die Geschlechter
begegneten, schwingt mit, er ist eine Art Resonanztyp, der genauso
schwingt wie die um ihn herum.
Der Empfindungstyp gebraucht seine sechs Sinne und erfährt seine Welt
durch sie.
Für ihn zählt letztlich nur, was man anfassen kann.
In der Realität kennt er sich bestens aus.
Er weiß immer, wo, woher man wann, wielang, wieoft, wie, was für wieviel
bekommt und wie man es auch verwurstet.
In der Realität ist er der Umsetzer.
Solange er auf seine sechs Sinne vertrauen kann, geht er nie unter.
Der äußeren Realität ist er immer bestens angepaßt.
Wenn er es nicht kann, leidet er.
Der Intuitionstyp verfügt über den siebten Sinn.
Intuition ist Eingebung, etwas Passives eigentlich Geistiges, das den
Draht zum Allgemeinen zieht, zum H”heren, G”ttlichen.
Wenn ein G”ttlicher Funken springt, dann springt er zu ihm über.
Der Intuitive hat ihn nur empfangen.
Intuition ist eine Art geistiges Fühlen.
Der Intuitionstyp schaut gerne in die Sterne und stolpert dabei allerdings
über Steine.
Die Realität ist nicht sein Zuhause.
Der weltfremde Intuitionstyp vermag sich an die Verhältnisse draußen nur
unzureichend gut anzupassen, aber er paßt sich dafür innerlich um so
besser an sie an.
Er ist der Erste, der untergeht, aber er ist zugleich auch der Letzte, der
untergeht.
Auf diese Typologie baut sich eine beeindruckende Psychologie auf, die
sich im Umgang mit Menschen durchgängig antreffen läßt.
Es sei jedoch hier nicht weiter darauf eingegangen, weil es zu weit weg
führen würde.
Es sei aber noch einmal bemerkt, daß es nicht etwa nur 16 verschieden
Menschen gibt.
Jeder Mensch ist genetisch ein unwiederholbares Individuum, wenn er nicht
gerade einen eineiigen Zwilling etwa hat oder bereits im Gen-Labor
tausendfach geklont wurde.
Die 16, das sind 16 verschiedene Schubladen, in denen Menschen gedanklich
abgelegt wurden und hoffentlich in sinnvoller Weise.
Wie nun lassen sich die Jung'schen Typen in der Handschrift wiederfinden?
Der Extravertierte läßt sich in der Handschrift in allem wiederfinden,
was den Strich sich l”sen läßt.
Er schreibt also beispielsweise:
*groß
*weit
*rechtslagig
*rechtsläufig
*verbunden
*druckschwach
*eilig
Der Introvertierte dagegen läßt sich in der Handschrift in allem
wiederfinden, was den Strich sich binden läßt.
Er schreibt also beispielsweise:
*klein
*eng
*linkslagig
*linksläufig
*unverbunden
*druckstark
*langsam
Der Denktyp läßt sich in der Handschrift wiederfinden, die folgende
Merkmale aufweist:
*klein
*mager
*vereinfacht
*verbunden oder nach Gruppen geordnet
*Gliederung
*originelle Knüpfung
*relativ viel Leerraum
*oberlängenbetont
*unterlängenunterbetont
*scharf
*eher rechtsläufig
Der Fühltyp läßt sich in der Handschrift wiederfinden, die folgende
Merkmale aufweist:
*groß
*weit
*voll
*Girlanden
*rechtslagig
Der Empfindungs- und Realtyp läßt sich in der Handschrift wiederfinden,
die folgende Merkmale aufweist:
*eher groß
*dichtes Schriftbild
*teigig
*unterlängenbetont
*oberlängenunterbetont
*eher gr. Längenunterschied
*einheitlicher Druck ohne Unterschiedlichkeit
Der Intuitionstyp läßt sich in der Handschrift wiederfinden, die folgende
Merkmale aufweist:
*druckschwach
*unverbunden durchaus im Verbund rhythmischer Gruppen
*eigenartige Knüpfungen auch zu entfernteren Stellen
*eigenartige und eigenwillige fremde Formen
*voll
*oberlängenbetont manchmal mit nach oben verlängerten Oberlängen
*linksläufig, besonders auch bei Oberlängen, wie beim lyrischen ödö
*oder auch in den Unterlängen, wie beim ögö, wenn es nach unten weg zieht
in einer gebogenen offenen Schale
*Unregelmaß das den Rhythmus aber nicht st”rt
Summasumarum läßt sich etwa sagen:
Funktion Denken erzeugt kleine, geschwinde, leichte Schrift bei Maß und
ausgewogener Raumverteilung.
Funktion Fühlen erzeugt Fülle und Rundung bei Verlust an Maß, wobei der
Leerraum zwischen und hinter der Schrift verschwindet und die
Schriftmasse im Vordergrund dominiert.
Funktion Empfinden erzeugt schwere und stabile vielleicht gar lastende
Schrift.
Funktion Intuition erzeugt aufgelockerte Strukturen, die von Leichtigkeit
gekennzeichnet sind.
KAPITEL 28
GESCHLECHT
Was Mann ist, was Frau ist, wissen wir; denn da gibt es den kleinen
Unterschied.
Was aber männlich ist, was weiblich, darüber streiten die Geister,
und nicht erst seit gestern.
Die Weltliteratur bietet reichhaltigst Material zu diesem niemals enden
wollenden Thema.
Das sei denn auch der Grund, auf dieses ewiges Thema hier nicht wieder
endlos einzuwirken.
Das wäre Vergewaltigung.
Was k”nnte ich auch sagen, was nicht längst schon gesagt wurde!-
Und dennoch, um einige grundsätzliche Aussagen werde auch ich nicht
herumkommen; denn sonst läßt sich auch keine Kurve zur Handschrift finden.
Die aber will gefunden werden!
Denn wenn es das eine wie das andere gibt, in welcher Form auch immer,
dann will es auch gesehen werden k”nnen.
Dann wollen wir es auch in der Handschrift sehen k”nnen.
Zuvor aber wollen wir es auch ohne Handschrift sehen k”nnen.
Und das ist gar nicht so einfach.
Wann immer wir nämlich über das Männliche und das Weiblich reden, also das
Männliche und das Weibliche an sich, wir k”nnen es nicht sehen.
Wir k”nnen nicht das Männliche noch das Weibliche auf den Tisch legen, um
es zu untersuchen wie bei einer Sektion.
Wir k”nnen nicht den Mann an sich und die Frau an sich auf den Tisch
legen, um sie untersuchen zu wollen.
Wir k”nnen h”chstens einen einzelnen Menschen auf den Tisch legen, der
dann männlichen Geschlechts oder weiblichen Geschlechts ist.
Wann immer wir über das Männliche und das Weibliche im Manne oder dem
Weibe reden, es ist nichts Substantielles, das wir als Operateure auf den
Tisch legen k”nnten.
Wir k”nnen es nicht als Bauteil aus einem K”rper extrahieren.
Wir k”nnten schneiden, wie wir wollten, das Männliche wie das Weibliche
würden wir nie finden.
Und selbst, wenn wir mit den Händen nach den Geschlechtsorganen fassen
und greifen, wir hätten dann nur einen Teil eines Geschlechtes, nämlich
das Geschlechtsteil.
Erfaßt und begriffen hätten wir es geistig und in seiner Gesamtheit, in
seinem an sich, noch nicht.
Das Ganze des Geschlechtlichen ist mehr als nur seine Teile.
Greifen wir dennoch nur nach seinen Teilen, so finden wir freilich
mancherlei:
So beispielsweise den Kleinen Unterschied.
Der springt ins Auge und braucht nicht näher er”rtert werden.
Man spricht hier von Primären Geschlechtsmerkmalen.
Und die unterscheiden sich eindeutig voneinander.
So auch die sogenannten Sekundären Geschlechtsmerkmale.
Schon da aber gibt es beeindruckende Verschiebungen.
Sehr maskuline Frauen wie sehr feminine Männer.
Etwa Frauen mit tiefer, brummiger Stimme, kräftigen K”rperwuchs, breiten
Schultern, starker K”rperbehaarung wie Männer mit hoher Eunuchenstimme,
zart im Bau, unbehaart mit Chinesenbart.
So beispielsweise seltene Exemplare, wie Zwitter, bei denen die Primären
Geschlechtsmerkmale nicht eindeutig sind, die beides haben, aber meist nur
halb und jedenfalls unvollständig.
Es soll aber sogar seltene Fälle geben, die sich selbst befruchten k”nnen.
Den Griechen, nebenbei gesagt, galten Hermaphroditen als Wesen der
Vollkommenheit.
So beispielsweise noch seltenere Exemplare, wie solche, die in ihrer
Pubertät eine Geschlechtsverschiebung durchmachen und mehr oder weniger
vollständig das Geschlecht wechseln, das sie doch, m”chte man meinen, ab
Geburt eindeutig mitbekommen haben.
So beispielsweise Stoffe, die wir Hormone nennen, solche oder solche.
Und weil die einen Hormone mehr bei denen vorkommen, die wir Mann nennen,
nennen wir die Hormone auch dementsprechend sinnfälligerweise Männliche
Hormone, so wie wir Weibliche Hormone nennen bei alle denen, die wir Weib
nennen.
Sofort nehmen wir es als gegeben hin und tun so, als gäbe es Männliche
Hormone und Weibliche Hormone.
Aber nein, die gibt es natürlich nicht.
Es gibt nur solche die überwiegend vorkommen bei denen, die wir so nennen
so oder so.
Alles das und viel mehr würden wir finden, gingen wir als Operateure vor.
Es wäre, wie auch immer, ausschließlich stoffliche Materie.
Das Männliche allerdings und das Weibliche in seiner Gesamtheit, in seiner
Ewigen Natur, hätten wir dabei trotzdem nicht gefunden.
Wo also sind nun beide: Der Mann im Manne und das Weib im Weibe?
Das eine wie das andere ist eben nicht nur materieller Natur.
Beide sind vielmehr auch immaterieller Natur.
Was wir zu betreiben haben, ist nicht Physik, sondern Metaphysik.
Beide lassen sich somit nicht ausschließlich als Substantielles finden.
Beide lassen sich finden, und zwar auch als Spur des Immateriellen, als
Abbild eines Urbildes, das wir offenbar tief in unserem Unbewußten mit
uns herumtragen.
Und so wissen auch beide Geschlechter tief unbewußt voneinander.
So gesehen brauchen wir das Männliche wie das Weibliche auch nicht zu
finden, um davon dennoch wissen zu k”nnen.
Gehen wir lediglich wie Operateure vor, so ist das, was wir vorfinden
k”nnen, immer nur Materie, in welcher Form auch immer.
Ohne aber daß wir wiederum wüßten, was denn Materie an sich ist.
Mit dieser gehen wir um, und wir wissen für uns, was das ist, Materie.
Was sie aber an sich ist, darüber wissen wir nichts und k”nnen auch nichts
wissen.
Mit dem Männlichen und Weiblichen sollten wir es in unserem täglichen
Leben des Alltags nicht anders handhaben.
Wir wissen, was es für uns ist.
Was es aber in seinem ewigen Wert an sich ist, brauchen wir auch gar nicht
zu wissen.
Und in der Tat, was es für uns ist, das ist uns sinnfällig.
Die einfachsten geschlechtlichen Lebewesen selbst wissen es.
Sie alle finden, und wenn auch nur diffus, so doch aber offenbar um so
unverirrter und zielsicherer den Weg zum anderen Geschlecht.
Und dort ist das kleine Tor zur großen Ewigkeit.
In der Tat, instinktives Wissen vielleicht diffusester Art mag wertvoller
sein als reflektiertes Wissen über eine Sache, die aus Dingen besteht, die in
sich aber instinktiv unerfaßt bleiben.
Was nützt die beste Doktorarbeit über den Freien Fall, wenn man nicht
instiktiv begreift, daß man am Boden zerschellt!
Wagen wir in unser philosophischen Stunde nun dennoch einmal danach zu
fragen, wie es kommt, daß wir davon wissen.
Wie wohl kommt es, daß wir vom anderen Geschlecht wissen?
Die Tiefenpsychologie nach C.G.Jung spricht von Urbildern, die wir in uns
tragen, von Animus und Anima, von Archetypen des Kollektiven Unbewußten,
also von Bildern, die in uns vorgefertigt ruhen, die wir beim erkennen
gewissermaßen erinnern, wenn wir als Entdecker aufdecken, was eigentlich
nur zugedeckt ist, aber doch schon da ist als Ewiges Urbild.
Es ist dieses genau das, was die Inder schon beschreiben mit dem, was
hinter der Maja liegt, was sie im Nirwana aber zu schauen versuchen.
Es ist dieses genau das, was Plato meint, wenn er von Ewigen Ideen
spricht, die vor dem Hintergrund der eigentlich nur scheinbaren
Wirklichkeit ablaufen, durch die wir doch aber gelenkt sind.
Es ist dieses genau das, was wir bei Kant hinter der scheinbaren Welt
finden, nämlich die Dingansichwelt.
Es ist dieses genau das, was wir bei Schopenhauer finden, der hinter der
Welt der Anschauung, welche die Welt durch uns erfährt, den blinden Willen
vermutet, der hinter allem waltet, in den Dingen wie in uns selbst.
Es ist dieses ganau das, wenn der Volksmund mit seiner Sprache spricht:
Mensch denkt, Gott lenkt.
Und alle reden vom selben.
Man k”nnte wissenschaftlich etwas profaner schlicht auch sagen, die
Genetik hat uns halt so gepolt und uns nicht nur die M”glichkeit bewußten
reflektierten Wissens mitgegegeben, sondern in uns auch unbewußtes Wissen
eingepflanzt, das uns in groben Bahnen lebenserhaltend steuert.
Die Natur verfährt eben so, daß sie Leben unter anderem auch in
Geschlechtliches Leben aufspaltet.
Ein unsichtbares Band aber ist geblieben, wie bei der Aufspaltung in
Nordpol und Südpol, die sich ausgebildet gegenseitig bedingen.
Selbst so ein Nordpol öweißö von seinem Südpol.
Wir nun wissen vom anderen Geschlecht zum einen, weil wir ohne das andere
Geschlecht unvollständig sind, Bruchwerk sind und eben durch das andere
Geschlecht zur Vollständigkeit ergänzt werden und zum anderen, weil wir
auch zumindest psychisch immer auch mehr oder weniger doppelgeschlechtlich
sind.
Kein Wunder: Männlein hin Weiblein her, wir sind ja auch alles Menschen -
das darf man bei alledem nicht vergessen.
Was die unendliche Kluft zwischen Mensch hier und Menschin dort auftut,
ist eben ein vielleicht noch so kleiner Unterschied, der, eben weil er
Unterschied ist, bereits unendlich großer Unterschied sein muß.
Ein noch so kleiner Unterschied zeugt schon den Gegensatz und damit mehr:
Ewig Geschiedenes, auf ewig Unerreichbares, also das sogenannte
Ewigmännliche wie Ewigweibliche.
In jedem Gegensatz bereits ist das Ewige heimlich schon heimisch.
Das alles wissen wir, ohne es intellektuell reflektiv wissen zu müssen.
Das zu reflektieren, dazu haben wir Dichter und Denker.
Und was wir taten, als wir einem Operateure gleich vorgingen, war ja auch
nur Beschreibung und nicht Erklärung.
Die gesamte Wissenschaft überhaupt beschreibt nur und erklärt aber nicht.
Und es ist nebenbei gesagt unklug, etwas von ihr zu erwarten, was sie
nicht leisten kann.
Und so muß selbst jede neue wissenschaftliche Entdeckung, die neu
beschreibt, erklärt werden, damit wir Menschen sie uns menschengerecht
machen.
Erklärung ist aber notwendigerweise immer auch schon Interpretation.
Und sprechen wir über Immaterielles, wie das Männliche und das Weibliche
an sich, dann sprechen über Dinge, die wir interpretieren.
Und verlieren sich gar die Beobachtungen im grauen Dunst der Ferne am
Horizontes, dann gar sprechen wir über Dinge, über die wir nur noch
spekulieren.
Solche Dinge, nur weil man sie nicht sicher wissen kann, müssen nicht
wertlos oder unwahr sein.
Das ganze Gegenteil kann der Fall sein.
Und wer weiß, vielleicht ist gar eine bewiesene Sache als solche wertlos
und profan, eben, weil sie bewiesen werden konnte.
Sie wurde auf die Erde herabgezogen.
Gott in der H”h' kann man nicht auf die Erde herabziehen.
Man kann ihn nicht beweisen.
Das macht seine Macht aus, das macht ihn selbst aus, daß er nicht
bewiesen werden kann.
Sonst wäre er nicht Gott!
Gott ist die personifizierte Immaterialität.
Aber wir brauchen nicht erst zu Gott in der H”h'.
Auch schon der Mann im Manne wie das Weib im Weibe verk”rpern das gleiche
Prinzip.
Kein Operateur kann Adam und Eva auf die Erde herabziehen.
Sie verbleiben in einem für uns ewig jenseitigen Bereich.
Den aber k”nnen wir mit den Kräften des Unbewußten nur erahnen.
Was also das Männliche und das Weibliche ist, was es an sich ist, was das
Ewige an ihnen ist, das läßt sich direkt nie sehen.
Es läßt sich indirekt nur sehen - es läßt sich nur erahnen.
Und reflektieren wir nun, um es zu rationalisieren, dann sagen wir, der
Mann in aller Regel ist so, und die Frau ist aber so, woraus wir
schließen, der Mann an sich -was immer das sei- ist so, das Weib an
sich - was immer das sei- aber so.
In der Beurteilung einer Handschrift läuft es ebensosehr.
Wenn die einen Handschriften so sind, die anderen aber so, und die einen
doch den einen und die anderen doch den anderen geh”ren, dann schließlich
schließen wir daraus: Die einen Handschriften sind männlich, die anderen
aber weiblich.
Alles also ist zum Schluß nur Schluß.
Denn die Handschrift selbst besteht unbestrittenermaßen nur aus Tinte.
Der Rest ist das Nachspüren einer immateriellen Entität.
Dann endlich sagen wir: In dieser Handschrift hat sich überwiegend das
Männliche manifestiert, in jener das Weibliche.
Und kennen wir ihre Urheber, so werden wir auf verschiedene Varianten
aufmerksam:
Es gibt Handschriften, die sind weitgehendst ungeschlechtlich, also
neutral.
Andere wieder sind doppelgeschlechtlich, beide Geschlechter sind in ihnen
stark ausgeprägt.
Handschriften, in denen das Physisches Geschlecht und Psychisches
Geschlecht über Kreuz laufen, also männliche Handschriften, die aber
Frauen geh”ren, wie umgekehrt weibliche Handschriften, deren Urheber
Männer sind.
Und nicht zuletzt gibt es Handschriften in denen Synchronität herrscht,
das heißt, Physisches Geschlecht und Psychisches Geschlecht fallen in
einem zusammen.
Das sind die Handschriften der allermeisten.
In ihnen sind im Falle der Männerhandschriften die überwiegenden Anteile
männlich, sowie umgekehrt im Falle der Frauenhandschriften der
überwiegende Anteil weiblich ist.
Das alles jedenfalls zeigt:
1) daß wir zum Schluß zweigeschlechtlich angelegt sind.
2) daß man zwischen Physischem Geschlecht und Psychischen Geschlecht
wohl zu unterscheiden hat.
3) daß wir diesen Umstand beim Beurteilen einer Handschrift mit zu
berücksichtigen haben
Nachdem nun klargelegt wurde, wie sich das eine Geschlecht vom anderen
abhebt und wie das eine das andere erkennt, nun der Versuch, wie es selbst
beschrieben werden kann.
Das taten, wie schon gesagt, die Dichter und Denker.
Ich will es in einem Schlüsselsatz tun, damit sich ein Orientierungspunkt
gewinnen läßt.
Mit diesem Schlüsselsatz stelle ich mich hinter das, was viele nur als
abgedroschenes und stereotypes Klischee verurteilen.
Das Klischee besagt, daß Denken dem Manne zukomme, Fühlen aber dem Weibe.
Zusätzlich wird in dieses Klischee unvorsichtigerweise mithinein
interpretiert, daß Frauen dumm seien und Männer gefühlskalt.
Das aber ist Projektion: Ein jedes Geschlecht belegt das andere Geschlecht
mit Negativatributen.
Von solcher Projektion sollten wir uns frei machen, um dem ewigen Krieg
der Geschlechter zumindest hier entgegenzuwirken.
Wir wollen genauer sein:
Wenn dem Manne mehr Denken zukommt und der Frau mehr Gefühl, dann heißt
das nur, das ein jedes Geschlecht stärker aus der einen oder anderen
Funktion heraus lebt, also aus der Funktion des Denkens heraus oder aus
der Funktion des Fühlens heraus.
Und das wiederum hat aber seine Bedeutung:
Dem Manne ist also das Fühlen überdeckt, der Frau das Denken.
Folglich sind Denken wie Fühlen bei beiden gleich stark, aber
unterschiedlich eingefärbt!
Die Funktion Denken eigentlich ordnet und teilt, ist begrifflich und
abstrakt.
Sachlichkeit und Versachlichung sind hier Hauptprinzipien, wie der Welt
begegnet wird.
Die Funktion Fühlen aber nimmt Dinge in ihrer Gesamtheit als gegeben an
ohne sie zu teilen, ist anschaulich und konkret.
Lust und Unlust wie Sympathie und Antipathie sind hier Hauptprinzipien,
wie die Welt erfahren wird.
Die Funktion des Denkens wie die des Fühlens stellt sich in der
Handschrift dar.
Und sie geh”ren in aller Regel auch den dazugeh”rigen Geschlechtern.
Die Handschriften der Männer sind in aller Regel:
*eher klein und gegliedert
*eher druckstark
*eher längenunterschiedsstark
*eher mager und vereinfacht
*eher verbunden oder nach Silben etwa gruppiert
*eher Leerraum als Schriftmasse
*eher rechtsläufig
*eher Arkaden und Winkel
Also sind das die graphologischen Merkmale des Männlichen; denn insgesamt
gesehen verkleinert, verhärtet und konzentriert den Strich das Denken.
Die Handschriften der Frauen sind in aller Regel:
*eher groß und ungegliedert
*eher druckschwach
*eher längenunterschiedsschwach
*eher voll und bereichert
*eher unverbunden
*eher Schriftmasse als Leerraum
*eher linksläufig
*eher Girlande und Faden
Also sind das die graphologischen Merkmale des Weiblichen; denn insgesamt
gesehen vergr”ßert, macht weicher und weiter den Strich das Fühlen.
Warum nun sind die Handschriften so wie sie sind.
Ließe sich das gar noch beantworten?
Warum schreibt der Mann kleiner und gegliederter als die Frau?
Indem er kleiner schreibt, kann er besser ordnen, systematisieren,
kategorisieren, organisieren.
Er gewinnt dadurch bessere šbersicht und šberschaubarkeit.
Das alles macht Rationalität aus, macht Denken aus.
Warum schreibt die Frau grӧer und ungegliederter als der Mann?
Indem sie gr”ßer schreibt und alles stärker wie ein Stück erscheint,
zerteilt sie nicht unn”tig, was zum Schluß doch eins ist.
Sie bringt sich dadurch besser ein ohne sich gegenüberstellen zu müssen;
sie geht im Hintergrund auf und fließt über, denn sie fließt hinein.
Sie ist eins damit und gibt dem Fühlen Raum.
Warum schreibt der Mann druckstärker als die Frau?
Er besitzt ein grӧeres Aggressionspotential.
Er lebt Stärke stärker aus.
Warum schreibt die Frau druckärmer als der Mann?
Sie besitzt ein schwächeres Aggressionspotential.
Sie bindet Stärke stärker an sich.
Warum schreibt der Mann längenunterschiedlicher?
Das Männliche selbst ist das Mittelpunktflüchtige, das seine Schwerpunkte
nach außen verlagert.
Dadurch entsteht eine Kluft, eine Unruhe, eine innerste Unzufriedenheit,
ein Nicht-mehr-bleiben-k”nnen, ein Auf-dem-Wege-sein, ein
Nach-dahin-müssen, die erst Ausgleich findet, wenn die Kluft überbrückt
ist.
Das Männliche überwindet und überbrückt die Kluft ständig.
Aber ständig will es zu neuen Ufern und schafft damit neue Kluften.
Die dem Manne nachgesagte Aktivität veranlaßt ihn dazu.
In sein vorhandene Kraftpotential ist die Aktion naturgegeben eingebunden.
Männliches braucht und zerrt sich auf, wagt und gewinnt, wenn es nicht,
wie meistens verliert.
Der ruhende Mann leidet.
Er muß fort und immer wieder fort, um seinen Ausgleich zu finden.
Warum schreibt die Frau längenunterschiedsausgeglichener?
Die Frau wagt nicht, sie gewinnt nicht; sie bewahrt sich aber.
Sie ruht in sich selber; denn sie hat instinktgebunden auch für den
Bestand zu sorgen.
Sie darf sich nicht verbrauchen; denn sie muß die Kraft, über die sie
verfügt, an sich halten.
Sie braucht sie biologiosch gesehen für das Tragen und Austragen von
Kindern.
Zu dem Zweck allein hat sie anstelle von weniger Muskeln mehr
Energiespeicher, sprich Fett im Gewebe.
Die Frau ist leidefähiger - schon biologisch bedingt.
Die Frau ist in sich runder und eigentlich überlebensfähiger.
Sie ist der eigentlich vollständigere und jedenfalls harmonischere Mensch.
Ihr Leiden beginnt erst, wenn sie von außen her gezwungen wird, den Kreis
ihrer Ruhe zu verlassen.
Nichts ist schlimmer für sie, als wenn sie nicht bleiben darf.
Warum schreibt der Mann eher mager und vereinfacht?
Er denkt linear, begrifflich und abstrakt.
Warum schreibt die Frau voll und bereichert?
Sie denkt im Muster, anschaulich und konkret.
Warum schreibt der Mann eher verbunden?
Er ist, wie es heißt, schweifender Geistesart.
Er denkt diskursiv: Viele einzelne Elemente hinterfragt er nicht, sondern
verbindet sie.
öEr sieht den Wald und weiß von Bäumen nichts.ö
öEr sieht die Mosaiksteinchen und verbindet sie, sie kann das gar nicht.ö
Warum schreibt die Frau eher unverbunden?
Sie ist, wie es heißt, haftender Geistesart.
Sie denkt intuitiv: Viele einzelne Elemente durchschaut sie, verbindet sie
aber nicht.
öSie sieht die Bäume und weiß von Wald nichts.ö
öSie sieht das Bild; die Mosaiksteinchen zu verbinden, das braucht sie
gar nicht.ö
Warum dominiert beim Manne der Leerraum über die Schriftmasse?
Damit die Schriftmasse besser placiert werden kann.
Warum dominiert bei der Frau die Schriftmasse über den Leerraum?
Damit sie sich besser einbringen kann.
Warum schreibt der Mann eher rechtsläufig?
Weil er ungern bei sich bleibt und sich verschwenden muß.
Warum schreibt die Frau eher linksläufig?
Weil sie gern bei sich bleibt, um sich bewahren zu k”nnen.
Warum verwendet der Mann beim Schreiben eher Winkel und Arkade?
Das grenzt ab und schafft Position und Opposition.
Warum verwendet die Frau beim Schreiben eher Girlande und Faden?
Das erh”ht die Aufnahmebereitschaft und verbindet.
Damit sei der Exkurs in das Labyrinth von Mann und Frau beendet.
Beiden Geschlechtern mag etwas Fiktives anhaften.
Beide aber m”gen deshalb um so mehr erkennbar sein.
Beide aber haben gewiß auch ein eigenes Wesen; Seelen sind nicht
ungeschlechtlich.
Das erkennen zu k”nnen, auch dazu m”ge Handschriftendeutung beitragen.
KAPITEL 29
VITALIT?T
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Schriftprobe für Vitalität [59]
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Der Begriff Vitalität entstammt dem lateinischen Wort övitaö, was öLebenö
heißt.
Unter Vitalität versteht man beispielsweise Lebenstüchtigkeit,
Lebenskraft, Lebendigkeit, Lebensfähigkeit, Widerstandskraft,
Standfestigkeit.
Wer sie besitzt, ist in seinen Grundlagen gut fürs Leben ausgerüstet und
wird leistungsfähig sein, aus einem Jungbrunnen immer nachsprudelnder
Kräfte sch”pfen k”nnen.
All diese ebengenannten Synonyme sind natürlich nicht geeignet, den
Begriff Vitalität vollständig zu erklären; doch ergibt sich aus ihnen ein
ungefähres Bild.
Der Begriff Vitalität läßt sich zum Schluß auch nicht vollständig
erklären; er ist ja doch nur ein synthetischer Begriff, der zustande kam
dadurch, daß eine immer wiederkehrende Klasse von Merkmalen einen
gemeinsamen Namen brauchte.
Der nun ist Vitalität.
Er definiert sich allerdings zum Schluß willkürlich.
Trotzdem aber kann und soll er sich sinnvoll definieren.
Und so läßt sich in der Psychologie beispielsweise bei Heinz Remplein
nachlesen, daß Vitalität als komplexer Begriff in sich unterteilt zu
denken ist und sich unterteilt in mehrere Kategorien, fünf an der Zahl:
*Antrieb
*Reizempfänglichkeit
*Vitale Gestimmtheit
*Regenerationfähigkeit
*Leibliche Triebe
Unter Anrieb ist weitgehendst die Motorik gemeint, etwa auch der
Tatendrang, der bei guter Vitalität mehr als ausreichend vorhanden ist.
Reizempfänglichkeit meint ungefähr die Sensibilität, von der ein vitaler
Mensch nie zu viel haben wird, da er sonst zu st”ranfällig und reizbar
ist; natürlich wird er umgekehrt auch nicht indolent sein, da sonst kein
ausreichender Kontakt zur Umwelt m”glich ist.
Vitale Gestimmtheit bedeutet die Erlebnisform, im Wesentlichen Lust und
Unlust.
Regenerationfähigkeit drückt das Verm”gen aus, schwer nur zu ermüden und
bei tatsächlicher Ersch”pfung trotzdem rasch und intensiv sich erholen zu
k”nnen.
Die leiblichen Triebe sind Essen, Trinken, Sex, aber ebensosehr
Bewegung, Entschlackung, Wärmung, Kühlung, Wachen, Schlafen, und so weiter
und so fort.
Alles eben nur Kurzangesprochene drückt zusammengenommen aus das, was
der Begriff Vitalität meint.
In einer Handschrift würde man bei Vitalität ein kraftvolles, eher
ungestümes Schriftbild erwarten.
Und es ist so.
In der Handschrift verrät sich Vitalität durch:
*gutem Bewegungsrhythmus
*Druckstärke und ausreichender Langsamkeit
*Teigigkeit und V”lle bei dichtem Schriftbild
*Unregelmaß und Ungliederung bei willkürlicher Raumaufteilung
*Unterlängenbetonung
*kräftige, tiefe Oberzeichen
*Endbetonung
Der gute Bewegungsrythmus verrät die sich reibungslos entfaltenden Kräfte,
die ohne unbedingt nach Form zu verlangen, sich entäußern wollen.
Der Strich selbst wird sich also nicht blockieren, sondern kraftvoll und
dynamisch ausschwingen.
Die Druckstärke steht für das Kraftquantum und fordert relative
Langsamkeit; denn Druckstärke verlangsamt den Strich.
Die Druckstärke steht für Nachhaltigkeit und Tiefe im Erleben.
Teigigkeit und V”lle verraten die Orientierung am Leben und, daß das Leben
mit den Sinnen reichhaltig erlebt wird.
Unregelmaß wie Ungliederung und willkürliche Raumaufteilung verraten die
eindeutige Tendenz, daß alle Bestrebungen erdgebunden und triebgebunden
bleiben, mag noch so viel Geist und Intelligenz entgegenstehen.
Unterlängenbetonung zeigt unbewußt die Richtung an, in der die Welt
verstanden wird, als würde man bewußt zum Unbewußten stehen.
Kräftige und tiefe Oberzeichen verraten die Scheu allzusehr ins allzu
Luftige abzuheben; selbst kleine Punkte sollen nicht fliegen.
Endbetonung verweist auf Nachdruck.
KAPITEL 30
WILLE
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Schriftprobe für Wille [60]
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Der Wille ist hart und unbeugsam - bloß das Fleisch ist so schwach!
Mit dieser Aussage zum Auftakt für das sich stellende Thema ist umrissen,
in welchem Zwiespalt sich der Wille stets befindet.
Mal ist er stark, mal ist er schwach.
Wenn einer sagt: öIch will!ö, so ist das genaugenommen eine
Absichtserklärung.
Die Durch- und Ausführung der Absicht allerdings fehlt noch.
Ob er es umsetzt, was er will, steht noch dahin.
Denn es fragt sich zweierlei:
Es fragt sich, wie sehr will er es, mit welcher Kraft und Energie?
Wie stark ist sein Verlangen und sein Wunsch, wonach er begehrt?
Und es fragt sich, ob seine Kräfte gerichtet und kanalisiert genug sind.
Wie stark ist seine innere Koordination, so fragt es sich?
Der Wille in diesem Sinne ist das, was umzusetzen in der Lage ist.
Er wirkt wie eine eigenständige Instanz, die energisch und willenstark Ich
sagt.
Er ist aber tatsächlich gar keine eigenständige Instanz.
Er ist Antrieb und Steuerung zugleich, die dadurch M”gliches realisiert.
Denn fehlt die Steuerung, k”nnen die nichtkoordinieten Kräfte nicht
auf den Punkt wirken, an dem umgesetzt wird, wenn man so will, Idee in
Realität.
Alle Kräfte des Wollens müssen kanalisiert genug sein, um sich ihren Weg
bahnen zu k”nnen.
Andersherum ist jede Bahnung umsonst, wenn die Kraft fehlt, die in
Bahnen wallten kann.
Haben wir beides, haben wir das, was wir Willen nennen.
Haben wir indessen nur eines, dann sprechen wir häufig von Willen, ohne
aber, daß dieser wirklich vorhanden wäre.
Stellen wir uns einen farblosen Beamten vor - gemeint ist der Beamte wie
er im Buche steht.
Er ist gewiß antriebsarm.
Das heißt mit anderen Worten, die paar Kräfte, die in ihm wirken, vermag
er spielend zu steuern.
Also wirkt er willensfest.
Im relativen Sinne ist das ja auch wahr.
Denken wir uns umgekehrt eine Furie an Energie, die als solcher Ausbund an
Energie nur noch unbeherrscht auftreten kann.
Allzuschnell sind wir trotzdem geneigt von Willensstärke zu sprechen, weil
diese Energie ja auch Welten bewegen kann.
Aber fester Wille in seiner Geschlossenheit ist es jedenfalls nicht.
Auch hier findet der Begriff nur eine relative Richtigkeit.
Napoleon und Hitler wären hier als Beispiele gut anzuführen.
Fester Wille aber im absoluten Sinne ist beides: Kraft und
Geschlossenheit.
In der Handschrift erkennen wir ihn an einem kraftvollen und festen Strich
und an gute Koordiniertheit des Strichgefüges.
Solch ein Mensch wird durchsetzen, was er sich vornimmt und Stück um Stück
der Reihenfolge nach abarbeiten, was n”tig ist, um zum Ziel zu gelangen.
Konkret schauen wir nach Druck einerseits und nach Regelmaß andererseits.
Aber auch Winkel und Schärfe geh”ren dazu; denn diese Schriftmerkmale
verweisen auf Geradlinigkeit einerseits und Abgrenzung zum nicht
Dazugeh”rigen andererseits.
Die Schrift muß weitgehendst an der Norm bleiben, damit der Schreiber
nicht seinen eigenen Vorstellungen nur fr”nt.
Oberzeichen müssen genau und gewissenhaft gesetzt sein.
Die Lage eher steil, was für Selbstkontrolle steht.
Und sogenannte Fleißknotungen an den Minuskeln öŸö und ötö sollten nicht
fehlen.
Endzüge sollten gut betont sein, damit der Nachdruck erkennbar ist.
Der Längenunterschied sollte ein vielleicht gr”ßerer sein, denn so macht
sich eher die Hinwendung zur Aufgabe deutlich und der Schreiber schwelgt
nicht nur in sich selbst.
Ein Mensch mit festem Willen ist schon beneidenswert.
Aber wir lieben auch Menschen für ihre kleinen Schwächen.
Vielleicht ist es gut, einen nicht zu entschlossenen Willen zu haben.-
Dadurch ist man nicht zu unnahbar.
KAPITEL 31
INTELLIGENZ
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3 Schriftproben für Intelligenz [61][62][63]
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Was ist Intelligenz?
Und wie zeigt sie sich in der Handschrift?
Was Intelligenz ist, läßt sich nicht mit Leichtigkeit sagen; denn es
hängt davon ab, wie man sie definiert.
Wie sich jedoch Intelligenz -was immer das sei- in der Handschrift
wiederfinden läßt, das hingegen läßt sich eher schon ersehen.
Auf beides soll im Folgenden eingegangen werden.
Zunächst: Was ist Intelligenz?
Fürs Erste ist Intelligenz selbst nichts Konkretes, das man findet
und dann analysieren kann.
Was man hingegen finden kann, das wäre einen Einzelnen, dessen Intelligenz
auf den Prüfstand gebracht wird, um dort durch raffinierte und
ausgeklügelte Tests analysiert zu werden.
Intelligenz selbst aber bleibt etwas Abstraktes, das sich künstlich und
gewollt aus Komponenten zusammensetzt.
Der Begriff Intelligenz ist ein synthetischer Kunstbegriff.
Das hat zum Inhalt, daß der Begriff Intelligenz, je nachdem, von wem er
definiert wurde, zum Schluß unterschiedlich in seiner Bedeutung ist.
Wer immer über das, was Intelligenz sein soll, nachsinnt, wird
unterschiedlich sythetisieren.
Und so stoßen wir auf unterschiedlichste Definitionen dieses Begriffes.
Bei aller Unterschiedlichkeit bleiben natürlich Gemeinsamkeiten.
Um das Thema Intelligenz, nämlich, wie sich diese definiert, ausreichend
abzuklären, müßte man schon die Philosophie bemühen.
Hier und jetzt aber wollen wir bei der Psychologie bleiben.
Psychologisch gesehen ist Intelligenz ungefähr die geistige Fähigkeit,
sich stellende abstrakte wie konkrete Probleme sinnvoll bewältigen zu
k”nnen, so jedenfalls liest es sich ganz pauschal im Lexikon.
Es ist dort aber durchaus komplizierter noch beschrieben.
Und liest man unterschiedliche Lektüre, dann liest man zum Schluß auch
sehr Unterschiedliches, sodaß man ratlos dasteht und sich fragt, ob man
selbst intelligent genug ist, den Begriff Intelligenz überhaupt verstehen
zu k”nnen.
Zum Beispiel ist in einschlägiger Fachlektüre Intelligenz definiert als
das, was sich unterteilt in 5 Kriterien:
*Sprachgewandtheit
*Wortflüssigkeit
*Kombinationsgabe
*Raumvorstellung
*Gedächtnis
Wer also intelligent in diesem Sinne ist, verfügt mehr oder weniger über
alle 5 Kriterien und im guten Maße.
Doch wie definieren sich wiederum diese fünf neu gefundenen Kriterien,
fragt sichs aufs Neue.
Ein Teufelskreis scheint seinen Anfang zu nehmen, an dessen Ende sich
keine absolut nach allen Seiten hin abgesicherte Antwort findet.
Wir haben zwar eine Antwort gefunden, aber ein bitterer Nachgeschmack
bleibt.
Denn wenn die Definition schon kompliziert ist, dann soll sie wenigstens
hieb- und stichfest sein.
Was besagt es schon, wenn einer sprachgewandt, wortflüssig und
kombinationsfähig ist, Raumvorstellung und Gedächtnis besitzt!
Vielleicht ist er trotzdem ein Dummkopf.
Schulweisheit ist noch keine Lebensweisheit!
Theoretiker gibt es auf diesem Erdenrund, die so eckig denken, daß sie
Probleme sehen, wo gar keine sind.
Menschen gibt es, die an einem lumpigen Handgriff schon scheitern und
daraus noch ein philosophisches Problem zaubern.
Was nun aber ist Intelligenz wirklich?
Viele komplizierte Definitionen gibt es, und es wäre müßig, auf sie im
Einzelnen einzugehen.
Und doch will aber eine ungefähre Formel gefunden werden, damit denn
ansatzweise eine Vorstellung gewonnen ist, was sie sein k”nnte, zumindest,
was sie umgekehrt nicht mehr sein kann.
Den 1000 Definitionen nun setze ich eine 1000+1 Definition hinzu:
Ich behaupte, Intelligenz ist geistige Anpassungsfähigkeit.
Man k”nnte hier einwenden, so gefunden ist die Definition des Begriffes
zu kurz und zu allgemein.
Stimmt!
Aber sie läßt sich anschaulich im Bild fassen; denn sie weist nicht auf
irgendeine Anpassungsfähigkeit hin, sondern auf die geistige, womit denn
auch eine Aussage getroffen worden ist über den Bereich, den es
abzudecken gilt, nämlich den geistigen Bereich.
Außerdem verweist sie zusätzlich auf etwas sehr Bedeutsames, nämlich,
daß Intelligenz wesentlich eine passive Funktion inne hat.
Anpassungsfähigkeit heißt ja, sich anpassen k”nnen an Vorgaben, die von
außen kommen.
Intelligenz ist also zugleich auch das, welchem das Impulsgebende und
Sch”pferische fehlt.
Vielleicht gibt es deshalb immer wieder Intelligente, die trotzdem dumm
sind!-
Der gemeinte Impuls, wenn er denn da ist, mag im übertragenen Sinne nur
dumpfe Muskelkraft sein; aber diese genau würde eine Schneise schlagen
k”nnen und mit der eigenen Faust dem Schicksal noch einen Stempel
aufdrücken.
Intelligenz ohne alles ist also rein reproduktiv und nur passiv.
Intelligenz in diesem Sinne ist fast sogar unkritisch dumm.
Sie paßt sich nur an die Erfordernisse der Realität an, ohne auf sie
selbst verändernd einzuwirken.
Sie interpretiert Vorgaben so, daß sie sich sinnvoll fügen.
Sie paßt sich innerlich so sehr an die Vorgaben von außen an, daß sie
sich sinnvoll fügen, als übte man Macht über sie aus und bog sie
zurecht.
Was wirklich geschah, das war aber lediglich, daß man sich selbst etwas
zurecht bog.
Man paßte sich an - eben geistig an.
Vielleicht gar bog man sich selbst sogar nur zurecht, ohne zum Schluß
Etwas gebogen zu haben.-
Natürlich kann Intelligenz nicht dumm sein; denn sie ist es doch gerade,
die auch zum Klugen verhilft.
Paart sie sich sogesehen mit dem Impulsgebenden, wie ich es nannte, dann
vermag sie neuschaffend, sch”pferisch in Erscheinung zu treten, was
m”glich ist nur, wenn sich dem Nuranpassungsbereiten Passiven eine von
innen kommende aktive und eben impulsgebende Komponente mit hinzugesellt.
In der Handschrift nach Intelligenz suchend würden wir nicht nur nach
passiven Momenten suchen, sondern auch nach aktiven.
Beim ersteren schauten wir nach der Knüpftechnik, beim letzteren nach
diversen anderen Merkmalen, die für sich allein genommen, wenn sie
auftauchen, einem Dummen ebensogut zufallen k”nnen.
Zum Ersteren:
Knüpftechnik also war gerade das Zauberwort für die Graphologie.
Erblicken wir sie, k”nnen wir der Intelligenz des Schreibers nachspüren.
Gute Knüpftechnik ist zwar nicht die Intelligenz selbst, aber sie weist
auf sie hin.
Es läßt sich sagen, wer intelligent ist, der weiß die Dinge des
Lebens gewandt miteinander zu verknüpfen.
Ebenso und ganz analog dazu in der Handschrift läßt sich dieses gewandte
Verknüpfen wiederfinden.
Wir fragen dabei:
Wie ist die Knüpfungstechnik zwischen Buchstaben.
Wie ist die Knüpfungstechnik zwischen den Strichen eines Buchstabens
allein schon.
Wie ist die Knüpfungstechnik im Strich selbst, wo Knüpfung im eigentlichen
Sinne ja nicht stattfinden kann, sondern eher als so etwas wie
Abgeschliffenheit der Formen ins Auge fällt.
Indem wir solchermaßen fragen, wird uns auffallen, daß bei intelligenten
Menschen immer wieder mit Luftlinien, sogenannten Imaginären Linien
geknüpft wird.
Das sind Linien, die auf dem Papier abreißen, aber gedanklich über dem
Papier weitergeführt werden, bis zu der Stelle, wo sie wieder auf dem
Papier aufsetzen.
Eine Luftbrücke schwebt an solchen Stellen also über dem Papier.
Gedanklich wurde der stofflich abgerissene Strich weitergeführt.
Der Gedanke riß also nicht ab, sondern überbrückte unsichtbar Dinge, die
verknüpft zueinander geh”ren.
Oft werden Buchstaben so miteinander verbunden.
Das ist intelligent!
Es kommt vor, daß eine Unverbundene Schrift dadurch als verbundene
Schrift gelten muß.
In selteneren Fällen werden sogar Teile von Buchstaben auf diese Art und
Weise miteinander verbunden.
Dann gilt selbst eine Hoch Unverbundene Handschriften noch als verbunden.
Gewandte Knüpftechnik läßt sich zum Schluß aber nur erzielen, wenn der
Strich selbst in sich abgeschliffen und nuancenreich genug ist.
Das wäre eine Art gewandte Knüfptechnik im Strich selbst, wenn man so will.
Mit dem Aufspüren der Knüpftechnik haben wir überwiegend jenen Anteil
der Intelligenz in Betracht gezogen, der den mehr passiven Part ausmacht.
Und nun zum Letzteren:
Gesellen sich nun noch aktive Momente hinzu, dann haben wir gewiß einen
intelligenten Menschen vor uns, der auch klug ist.
Solche Merkmale in der Schrift sind zum Beispiel folgende:
*Gute Gliederung
*Hervortretender Eigenartsgrad
*Oberzeicheneinbindung oder vorauseilende Oberzeichen
*Vereinfachung
*Kurze Verbindungen
*Trotz auffallender Abweichungen und Eigenheiten gute Lesbarkeit
*Eile
*Eher Oberlängenbetonung
*Eher Faden
*Eher klein
*Eher mager
*Eher scharf
*Eher Verbundenheit, aber auch Unverbundenheit
*Flüssiger Ablaufrhythmus
All diese Merkmale weisen auf geistige Fähigkeiten eines Schreibers hin.
Sie weisen darauf hin, daß ein Intelligenter auch klug wohl sein wird.
Gliederung steht ganz der anzunehmenden Analogie gemäß für šbersicht und
Ordnung.
Eigenartsgrad steht für eigenständiges Denken.
Oberzeichen vorauseilend oder eingebunden stehen für Abstraktion.
Vereinfachung steht für Verm”gen, Wesentliches ausmachen zu k”nnen.
Die Vereinfachung muß aber Stil wahren k”nnen, da sie sonst nur für
Bequemlichkeit und Faulheit steht.
Kurze Verbindungen stehen für eine ökurze Leitungö.
Lesbarkeit steht für das Verm”gen trotz Abweichen von Norm nicht
weltfremd, sondern adäquat zu reagieren.
Eile steht für schnelle Denkabläufe.
Oberlängenbetonung steht für Hinwendung zum Geistigen, also dem Verm”gen,
den geistigen Bezug zur Sache zu finden.
Faden verrät elegante Geschmeidigkeit.
Kleine Schrift verrät das Verm”gen, sich zurücknehmen zu k”nnen, um
Objektivität wahren zu k”nnen.
Magerkeit verrät abstrakte Durchdringungsfähigkeit.
Schärfe verrät Unterscheidungsgabe.
Verbundenheit verrät Logik.
Auch hier wie bei allen anderen Merkmalen muß Stil gewahrt werden k”nnen,
da Verbundenheit auch für Bequemlichkeit und Zweckdenken stehen kann.
Unverbundenheit verrät Intuition.
Flüssiger Ablaufrhythmus verrät, daß die eben aufgeführten Merkmale
dynamisch ineinandergreifen.
Finden wir all solche Merkmale in einer Handschrift, so haben wir noch
immer kein quantitatives Maß, das wir in die Zahl bringen k”nnten.
Es ließe sich so die Intelligenz eines bestimmten Probanten nur schwer
vergleichen mit der eines anderen.
Wer einen solchen Anspruch hat, muß auf raffinierte Intelligenztests
zurückgreifen, die immer so gut sind wie ihr geistiger Vater.
Sie messen nicht die Intelligenz, die zum Schluß immer doch auch eine
individuelle sein muß, sie messen eine universelle und damit eben
vergleichbare Intelligenz.
Genaugenommen messen sie irgend etwas, nie aber die Intelligenz selbst.
Sie messen genau das, was sie messen und nicht mehr und nicht weniger.
Und das dann steht für Intelligenz.
Zwischen dem Meßergebnis und dem, wofür es stehen soll, wurde wohlbemerkt
Interpretationsarbeit abgeleistet, die zum Schluß, was in der Natur der
Sache liegt, immer notwenigerweise subjektiv sein muß.
Das soll die Vorgehensweise nicht abwerten, aber es soll sie ins rechte
Licht rücken.
Und ob man nun als Tester mit einem raffiniert erklügeltem Test vorgeht
oder als Graphologe mit Erfahrung, jedes Urteil ist immer mit Vorsicht
zu genießen.
Bedachtsamkeit ist hier angeraten!
Immer wieder heißt es auch in der Graphologie: Nicht jedem ist die
Handschrift sein Feld.
Will heißen: Schreiber gibt es, die geschickt in jeder Weise operieren
k”nnen, aber nicht die Verbindung dazu in ihrer Handschrift finden k”nnen.
Und manch einer, der dumm schreibt, mag so doch klug sein.
Wer andersherum allerdings klug schreibt, kann aber nicht dumm sein.
Das muß auch gesagt werden.
Und es muß weiterhin gesagt werden, daß auch eine kluge Handschrift
nicht nur durchgängig klug sein kann.
In ein und derselben Handschrift oft gesellt sich gern dumm neben klug.
Ein solch Schreiber ist eben beides dann: Er kann durch Klugheit
verblüffen und fällt danach durch Dummheit wieder auf.
Nicht das Entwederoder ist die rechte Losung hier, sondern das
Sowohlalsauch!
Abschließend und zusammenfassend sei zu diesem Thema gesagt, daß der
Begriff Intelligenz sich unterschiedlich definieren läßt und nie genau
klar ist, was das eigentlich ist, diese Intelligenz.
Hier in diesem Kapitel wurde sie als geistige Anpassungsfähigkeit
definiert und beschrieben.
Intelligenz ist zum Schluß immer auch eine ganz individuelle Fähigkeit.
Um sie vergleichbar zu machen, macht man sie universell.
Auf diese Weise lassen sich dann psychologische Test erklügeln, mit denen
man der Intelligenz eines Einzelnen nachspüren kann, die man dann auch
in die Zahl bringen kann.
Man ermittelt mit ihnen den sogenannten IQ, eine vom Alter abhängige
Maßeinheit.
In der Graphologie ist es nicht m”glich Zahlen zu nennen.
Sie vermag aber dafür stärker auf die individuellen Anteile einer
Intelligenz einzugehen.
KAPITEL 32
UNAUFRICHTIGKEIT
Als unaufrichtig gilt, wer sich verstellt und hintenrum anders tut als er
vorneweg sagt.
Die Gründe für Unaufrichtigkeit k”nnen verschieden sein:
Wer unaufrichtig ist, mag es sein, weil Angst ihn dazu treibt.
Er mag diese Angst haben, weil seine Mitmenschen gegen ihn sind und ihn
zu diesem Verhalten drängen.
Unaufrichtigkeit kann für den, dem keine Chancen gelassen werden, ein
Schutzmechanismus sein, um sich selbst zu erhalten.
Aber Unaufrichtigkeit läßt sich auch finden bei solchen, die durchaus
keine Veranlassung dazu haben.
Unaufrichtig k”nnen ebensogut privilegierte Menschen sein, die gesund und
reich sind, die es vordergründig also garnicht n”tig haben.
Solche Menschen werden in ihrer verwerflichen Bequemlichkeit und
labilen Haltung zur Verführbarkeit als gar niederträchtig gewertet werden
dürfen.
Unaufrichtigkeit beinhaltet eine Vielzahl von Eigenschaften, die
untereinander allesamt ähnlich allerdings nicht gleich sind.
Wer lügt, ist damit gewiß auch unaufrichtig.
Wer aber unaufrichtig ist, ist wiederum noch kein Lügner.
Mag er ein Betrüger sein, der sich gerne widerrechtlich Vorteile
verschafft.
Aber ein Lügner allein ist er nicht; denn zum Lügen braucht man Phantasie
und Ideen, was schon mal nicht mehr jeder hat.
Durchaus wird ein Lügner auch ein geschickterer Betrüger sein k”nnen, aber
es geht auch garnicht darum das eine jetzt gedanklich gegen das andere zu
halten.
Es reicht aus, sich gewahr zu sein, daß Unaufrichtigkeit viele Gesichter
besitzt:
Der Unaufrichtige verstellt sich und lügt oder betrügt.
Auch spielt er mit gezinkten Karten oder hintergeht andere.
Er verschafft sich widerrechtliche Vorteile und nimmt Schädigung anderer
billigend inkauf oder forciert es gar und dergleichen mehr.
Der Unaufrichtige arbeitet stets verdeckt.
In der Handschrift suchen wir deswegen nach Deckzügen.
Deckzüge, wie in vorangegangenen Kapiteln schon beschrieben, sind
Abstriche, die auf Aufstrichen draufliegen und diese überdecken.
Enge der Schrift, ein Hinweis auf Bremsung und Stauung und sich nicht
”ffnen, begünstigt die Entstehung eines Deckzuges, weil der Abstrich sich
nur schwer vom Aufstrich l”sen kann.
Deckstriche bei weiter Schrift sind im gemeinten Zusammenhange jedoch um
so bedeutsamer, weil sie durch die Weite der Schrift ursprünglich nicht
begünstigt werden und damit einmal mehr nicht vorhanden sein dürften.
Deckstriche sind, wie in aller Ausdrücklichkeit noch nicht gesagt wurde,
auch Züge, die auf B”gen und Kreisen zurücklaufen k”nnen, das zu verm”gen
für einen Normalschreiber fast schon ein Unding ist.
Sie sind vielleicht die wichtigsten Merkmale für Unaufrichtigkeit.
Sie m”gen eine Art Basiserscheinung zum Gemeinten sein.
Aber alleine auftretend sind sie kaum mehr als nichts.
Sie müssen schon kombiniert auftreten mit bestimmten anderen Merkmalen.
Trifft dies zu, dann wird es schon schwierig von Unaufrichtigkeit
abzusehen zu k”nnen.
Welche Merkmale sind das, die den Verdacht von Unaufrichtigkeit
verdichten?
Arkaden, weil sie nach oben hin deckelartig abdecken.
Durchschleifte Arkaden; denn sie verweisen nicht nur auf konzilliantes
Verhalten, sie k”nnen den Heuchler verraten, der andere um den Finger
wickelt.
Verbesserungen und Retuschen jeder Art, insbesondere, wenn sie nicht
der klären, sondern verklären.
Wenn schon verbessert werden muß, dann doch so, daß es hinterher besser
ist.
Oft aber ist es hinterher noch unklarer.
Auch k”nnen Auslassungen Ausdruck sein von unterschlagen wollen.
Es kommt schon vor, daß Buchstaben nicht etwa vergessen werden, weil man
als Mensch eben nicht so präzise arbeiten kann wie ein Computer, sondern,
daß öabsichtlichö ausgelassen wird.
Solches vollzieht sich dann natürlich unbewußt.
Solche Menschen sollte man besser nicht als Kassierer einstellen.
Auch Verdrehungen und Verzerrungen oder Vertauschungen k”nnen auf eine
Person hinweisen, die nicht etwa dumm ist, sondern einem ein X für ein U
vormachen will.
šberflüssige Querstriche und zu geducktes niedriges Schreiben bei einer
Weite, die fast nur noch ein langer Querstrich ist, zeigt den, der sich
nicht in die Karten schauen lassen will.
šberhaupt zu viele Einrollungen zeigen nicht nur den Eitlen und den durch
und durch auf sich selbst bezogenen; sie zeigen auch den, der niemanden an
sich herankommenläßt und alles nur seiner egoistischen Eigenliebe
unterordnet.
Auch von ihm kann man nichts erwarten, er wird immer nur seinen eigenen
Vorteil suchen.
Gegenläufigkeiten oder Gegenzüge im ganz besonderen Maße verweisen auf
Lug und Trug.
Das sind eigentlich im Uhrzeigersinn verlaufende Züge, die normalerweise
entgegengesetzt ausgeführt werden müßten.
Zum Beispiel in den Buchstaben öaö und öoö, aber auch öcö und ödö und ögö.
Und vielleicht zum Schluß die Unterschrift, wenn sie vom übrigen Text in
ihrem Aussehen zu stark abweicht.
Hier gibt jemand vor, jemand anders zu sein.
Zu dem Kapitel Unaufrichtigkeit, das gewissermaßen das Negativspiegelbild
der Gesellschaft schlechthin hin, gäbe es sehr viel mehr zu sagen.
Aber ein an Umfang zu groß geratenes Kapitel hierüber geh”rt in ein
anderes Buch als dieses hier.
Hier soll es reichen, damit vertraut gemacht worden zu sein, daß es das
psychologische und soziologische Problem der Unaufrichtigkeit gibt, und
daß Unaufrichtigkeit sich in Merkmalen der Handschrift wiederspiegeln
kann.
KAPITEL 33
KRANKHEIT
Damit sich Krankheit im Spiegel der Handschrift abbilden kann, muß es
rein logisch gesehen auch Krankheit geben.
Gibt es sie auch wirklich, k”nnte man tatsächlich fragen?
Gewiß, jeder weiß, was das ist: Krankheit.
Mehr noch: Ausnahmslos jeder war schon mehr oder weniger oft krank und
mehr oder weniger schwer oder ernst dazu.
Und trotzdem, was aber ist Krankheit?-
Wie definiert sie sich?
Ist sie nur das gedachte Gegenteil von Gesundheit?
Was wiederum ist dann Gesundheit?
Wenn es beide gibt, schließen beide sich aus oder gibt es fließende
šbergänge?
Bedingen sie sich?
Solche und dererlei Fragen mehr drängen sich beim Nachdenken über den
Begriff Krankheit auf.
Auch stellen sich weiterführende Fragen, wie etwa:
Inwieweit kann Krankheit auch als Chance verstanden werden kann, um
Gesundheit wahren zu k”nnen oder um Gesundheit wiedererlangen zu k”nnen
oder um sich mit ihr, wenn notwendig, auch arrangieren zu k”nnen.
Aber bleiben wir bei dem, was Krankheit im Kopfe des sogenannten Gesunden
Menschenverstandes ist.
Sie ist -was auch immer die Gesundheit sei- eine St”rung oder
Beeinträchtigung der Gesundheit, letztendlich des Lebens.
Kann sich Krankheit nun in Handschrift abbilden?
Wenn ja, wie?
Der sogenannte Gesunde Menschenverstand hat natürlich die Vorstellung,
Gesundheit stelle sich in der Handschrift dar als reibungsloser,
ungehinderter und st”rungsfreier Ablauf in der Linienführung.
Aber so einfach ist das natürlich nicht.
Wie sollte sich ein Nierenleiden etwa in der Handschrift darstellen, wenn
der Nierenkranke nicht vielleicht gerade eine Nierencholik erleidet?-
Nichtsdestotrotz meinte man aber doch immerwieder etwa Herzformen in den
Schriftformen Herzkranker zu finden.
Und so wurde nicht nur auf Herz und Nieren getestet.
Alles M”gliche zog man mit ins Kalkül, was Zusammenhänge zwischen
Krankheit und Handschrift hätte herleiten k”nnen.
Und in der Tat gibt es nachgewiesene und dokumentierte Fälle, in denen
eine eindeutige und zugleich merkwürdige Veränderung in einer Handschrift
zeitgleich einherging mit der Ausbildung einer Krankheit, zum Beispiel
Gehirnhautentzündung.
Die Merkmale in der Handschrift verschwanden, als die Menginitis
verschwand.
Mehr noch: Die Handschrift zeigte etwas vorher an, was als Krankheit
später erst zum Tragen kam!
Handschrift konnte als vorzeitiger Indikator gewertet werden.
Das Dumme nur war, die Veränderung in der Handschrift hätte man nicht zu
deuten gewußt, nicht in bezug auf was, nämlich auf Krankheit, geschweige
denn in bezug auf welche Krankheit.
Der nachfolgende Krankheitsausbruch nur verriet, wie es zu deuten
gewesen wäre.
Obwohl man damit wissender war, war man trotzdem unwissend geblieben.
Natürlich: Die Simultanität verwies evident auf Kausalität.
Und man untersuchte dergleichen näher.
Aber nie konnte man sagen, die und die Merkmale, wenn sie auftreten
würden, würden das und das bedeuten müssen.
Und auch nie konnte man sagen, die und die Merkmale in der Handschrift,
die bei dem einen das und das bedeuten würden, würden beim anderen
dasselbe bedeuten.
Da konnte es etwas ganz anderes bedeuten und wie auch immer ohne Bedeutung
sein.
Die Forschungen wiesen also in eine Sackgasse - obwohl der Zusammenhang
zwischen Handschrift und Krankheit nach wie vor interessant bleibt!
Denn allgemeine Ersch”pfungszustände schlagen sich in der Handschrift
durchaus nieder.
Vielleicht haben wir mit diesem Kapitel noch ein weites Forschungsfeld vor
uns.-
KAPITEL 34
DIGITALISIERUNG DER SCHRIFT UND DAS PROBLEM DER URHEBERSCHAFT
Wenn ein Probant schreibt, und er es auf einer sogenannten Schriftwaage
tut, dann läßt sich das Geschriebene als Kurve darstellen, ähnlich einer
mathematischen Funktionskurve.
Eine Schriftwaage ist eine geeignete Unterlage, welche die
mikromotorischen Bewegungen beim Schreiben umsetzt in eine solche Kurve,
welche die Qualitäten Amplitude und Frequenz aufweist.
Diese Kurve nun läßt sich in Ziffern umsetzen, sodaß wir eine lange
Abfolge von Ziffern erhalten.
Wann immer nun der Probant schreibt, wiederholt sich auch diese
Ziffernabfolge.
Natürlich, sie wiederholt sich nicht vollständig.
Vereinzelte öQuerschlägerö mischen sich unter, die auch von Mal zu Mal
wechseln; doch bleibt sich der Großteil aller Ziffern von Versuch zu
Versuch gleich.
Es ist also etwas in der Handschrift drinnen, was aufs Engste mit dem
Urheber zusammenhängt.
Der Graphologe mag unfähig sein, das mit Gewißheit sehen zu k”nnen;
nichtsdestotrotz aber sind Anteile des Schreibers in seiner Handschrift,
die so eindeutig auf ihn verweisen, wie sein Fingerabdruck.
Es hatte, als man das seinerzeit entdeckte, nicht an Versuchen gefehlt,
solche Ziffernfolgen von Charaktertyp zu Charaktertyp zu katalogisieren.
Aber man stieß im Wesentlichen nicht auf Ziffernfolgen, die nun auch
etwas Bestimmtes bedeuten würden.
Das heißt also: Diese Ziffernfolgen verwiesen aufs Allerengste auf die
Person als Schrifturheber, nicht aber unbedingt auf die Person in ihrer
Pers”nlichkeitsstruktur.
Solche Abfolgen von Ziffern gaben demzufolge zum Schluß nicht viel her.
Denn zum einen konnte man nicht auf den Charakter schließen, und zum
anderen auch nicht auf den Schrifturheber, jedenfalls nicht dann, wenn
der nicht gerade auf einer Schriftwaage schrieb, was der Regelfall in der
Realität ist.
Und in der Kriminalogie, wo die Frage von der Schrifturheberschaft von
Bedeutung ist, kommt der Täter auch nicht zum Schriftsachverständigen, um
sich selbst an einer Schriftwaage überführen zu lassen.
Irgendwie k”nnte man sagen, das fertiggestellte Schriftstücke enthält
keine Ziffern, nur das jenige, das gerade erstellt wird und auch nur über
den Weg auf einer Schriftwaage.
Es mag verwundern, wie eng einerseits, durch Schreiben auf einer
Schriftwaage ersichtlich, Ziffernfolge mit Schrifturheber zusammenhängt,
daß also Eindeutigkeit besteht zwischen Schreiber und seiner ganz
individuellen Ziffernfolge, wie weit entfernt andererseits sie aber ist,
und man nicht einmal allgemeinste Aussagen über den Charakter des
Schrifturhebers, der ja diese Zahlenabfolge hervorbrachte, tätigen k”nnte.
Aber wir sollten uns nicht wundern.
Ein Daumenabdruck hat man auch mit niemanden sonst auf dieser Erde gemein,
wenn man nicht gerade einen eineiigen Zwilling zur Seite hat oder man gar
schon geklont wurde.
Man hat ihn also unter allgemeinen Umständen mit niemanden gemein.
Daß man ihn mit jemanden gemein haben k”nnte, ist rein mathematisch nur
gegeben.
Lumpige fast 6 Mrd. Menschen auf dieser Erde sind bei weitem nicht genug,
alsdaß man auf einen gleichen Daumenabdruck stoßen k”nnte.
Und auch unsere gesamte Galaxis überbev”lkert k”nnte es wahrscheinlich
nicht hergeben.
So ein Daumenabdruck ist schon etwas beeindruckend Individuelles!-
Vielleicht sollte man auf seinen Daumenabdruck stolz sein.-
Man hat ihn jedenfalls ganz allein für sich.
Und er verweist eben ganz eindeutig auf einen selbst.
Man m”chte erstaunt sein darüber, daß er dennoch psychologisch gesehen
nichts über einen selbst aussagt.
Mit den Daumenabdrücken ist es wie mit den Blättern an den Bäumen.
Alle sind sie sich allzuähnlich, sonderlich die eines Baumes gleicher Art.
Aber keine zwei Blätter dieser großen Erde sind gleich.
Und der Baum mag noch nicht einmal über Individualität, in dem Sinne, wie
der Mensch sie hat, verfügen.-
Trotzdem hat er tausende öindividuellerö Blätter.
Und im Gegensatz dazu: Wir Menschen haben gar 10 Finger und 10 Zehen nur!-
Die Schriften der Menschen sind sich mehr oder weniger auch zum
Verwechseln ähnlich.
Gleich aber sind sie nie!
Als Graphologe und geschweige denn als Laie mag man das nicht sehen
k”nnen.
Doch der Zahlencode einer Ziffernfolge würde es hergeben!
Eine jede Schrift ist im Allgemeinen eine wie die andere, zum verwechseln
ähnlich, eigentlich gesichtslos - und doch ist eine jede einzigartig!-
Zusammenfassend läßt sich sagen:
Jede noch so ähnliche Handschrift ist zum Schluß einzigartig; der
Schriftwaagenzifferncode verrät es.
Durch den Code jedoch allein verm”gen wir zu keinen Aussagen über
Charakterstrukturen zu kommen; die müssen anders erschlossen werden, und
das sogar selbst auf die Gefahr hin, daß wir zwei voneinander verschiedene
Bilder von ein und derselben Person erhalten, ohne es zu erkennen.
Nur der so bedeutungsleere aber eben eindeutige Code schlägt die
eindeutige Brücke zwischen Schrifturheber und seinem Schriftstück.
Jeder Mensch hat nur eine Schrift - nur eine!
Jeder Mensch hat aber durchaus mehrere Charaktere in nur einer Schrift.-
KAPITEL 35
šBER DIE DISKUSSION EINER HANDSCHRIFT
Was ist Diskussion einer Handschrift?
Die Diskussion einer Handschrift soll die Auseinandersetzung mit ihr
darstellen, die m”glichst zu einem abschließenden und einheitlichen Bild
führen soll.
Bei dieser Diskussion sollen, so weit es irgend geht, m”glichst viele
graphische Details mitberücksichtigt worden sein, damit sich denn
graphologisch m”glichst ein allumfassendes Bild herauskristallisieren
kann.
Eine Diskussion stellt immer auch etwas dar, das in gewisser Weise offen
bleibt.
Es k”nnte etwa neu diskutiert werden.
Das abschließend gewonnene Bild ist also nur ein vorläufiges,
abschließendes Bild.
Wollten wir es endgültig abschließen, dann hätten wir das, was wir nicht
Diskussion nennen würden, sondern eine abschließende Beurteilung.
Mit Beurteilung hier soll selbstverständlich nicht gemeint sein:
leichtfertiges Vorurteilen oder schweres Aburteilen oder endgültiges
Verurteilen.
Davor sei eindringlichst gewarnt!
Damit nämlich kann man schlimmen Schaden anrichten.
Und so viel gibt die Graphologie zum Schluß auch nicht her, daß man mit
ihr umgehen k”nnte wie mit einem Richtschwert.
Das ist denn auch der Grund, warum ich anregen m”chte, bei einer
Auseinandersetzung mit einer Handschrift, es stets bei einer Diskussion
zu belassen.
Wollte man darüber hinausgehen, also auch abschließend beurteilen k”nnen,
dann sollte man die Disziplin Graphologie an einer Graphologieschule
studieren; denn nur dort lassen sich kontrollierte Bedingungen
wiederfinden, die man selbst braucht, um gesichert voranschreiten zu
k”nnen.
Aber auch nach einer abgeschlossenen Ausbildung braucht man Erfahrungen
durch Begegnung mit immer neuen Handschriften, und das eigentlich ein
langes Leben lang.
Es werden jedenfalls am schnellsten, am sichersten und am besten sehen,
die bereits so alt sind, daß sie kaum noch sehen k”nnen, um es in einem
Bild gesagt zu haben.
Hat man diese Ausbildung und diese Erfahrung, dann wird eine Beurteilung
auch nicht mehr den großen Schaden anrichten k”nnen, eben weil das
Urteil über eine Handschrift dann sicher ist und zugleich aber auch
abgesichert, also vorsichtig angewendet worden ist.
Es gibt Menschen, die Handschriften professionell beurteilen.
Sie nennen sich Graphologen.
Solche beurteilen mündlich oder schriftlich eine Handschrift.
Und tun sie es schriftlich, dann besiegelt auch ihre jeweilige
Unterschrift das abgegebene Urteil.
Spätestens mit dieser Unterschrift kann der Fall öBeurteilung einer
Handschriftö auch zu einem juristischer Fall avancieren.
Beim Beurteilen von Handschriften darf nie vergessen werden:
1)Daß das Urteil ja falsch sein k”nnte.
2)Daß ein Urteil, auch wenn es 100 mal gerechtfertigt scheint,
beim Betroffenen Schaden anrichten kann.
3)Es sich Probleme ergeben k”nnen etwa durch beabsichtigte oder auch
nur unbeabsichtigte Weitergabe der Beurteilung an Dritte.
Hier spielt der Datenschutz eine Rolle.
Nun aber, nachdem dargelegt worden ist, was die Diskussion einer
Handschrift sein soll, zur Diskussion einer Handschrift selbst.
Will man eine Handschrift diskutieren, so tut man gut daran, sie sich sehr
gut anzusehen.
Die Handschrift will in jedem Detail gedanklich abfotographiert und
auswendiggelernt sein!
Man ist gut beraten, sie sich immer wieder anzusehen, am besten jedoch mit
Pausen dazwischen, in denen man sich mit der Handschrift überhaupt nicht
auseinandersetzt!
Begegnet man erstmalig einer bestimmten Handschrift, so sollte man
beim Beschauen dieser kommende Gedanken geradezu beiseite schieben.
Und falls es einem nicht immer gelingt, sie wegzuschieben, so sollte man
sie kaum entstanden unversehens verwerfen.
Gedankenblasen m”gen in solch einer Situation immer wieder aufsteigen,
aber man sollte sie zerplatzen lassen.
Nur nicht Nachdenken!
Kein diskursives Nacharbeiten!
Nur rein kontemplativ aufnehmen!
Nicht mehr!
Nur das!
Nach und nach wird sich dann intuitiv ein Bild entwerfen und auch
festigen.
Wann immer Bilder entstehen und man sie schließlich zuläßt, man darf sie
nicht schon für das gesuchte Ergebnis halten.
Sie bedürfen vielmehr der strengen šberprüfung.
Jede Idee bedarf der refexiven Nacharbeitung.
Und mußten jene verbliebenen Ideen zum Schluß nicht verworfen werden,
eben weil sie der Nacharbeitung stand hielten, so sind es denn die, welche
als vernünftig und zutreffend gelten dürfen.
Die eigentlich psychologische Arbeit ist damit getan.
Es folgt alsdann die wesentlich literarische Arbeit.
Die besteht darin, die als richtig befundene Idee, das entworfene Bild
einer Pers”nlichkeitsstruktur ins Wort zu fassen.
Das mag mündlich oder schriftlich geschehen.
Wenn das Urteil stimmen will, muß es nicht nur psychologisch stimmen, es
muß unbedingt mit den richtigen Worten auch das Gemeinte treffen.
Und das ist nicht so einfach wie einjeder weiß; denn die Kraft der Worte
trifft längst nicht immer ins Schwarze.
Worte sind ja letztenendes nur Abbilder von dem, wofür sie stehen.
Sorge also man dafür, daß sie den rechten Platz einnehmen, was eine
ernstzunehmende Aufgabe darstellt.
Und nimmt man es genau, so will denn auch das Adressat gebührendlich
mitberücksichtigt sein.
Gibt man beispielsweise als professioneller Graphologe sein Urteil etwa
in Form eines amtlichen, rechtmäßig abgesegneten Gutachtens ab, so haben
die Worte besonders vorsichtig gewägt zu sein.
Aber auch bei mündlichen Aussagen, so von Mensch zu Mensch nur ohne
Anspruch auf Amtlichkeit, einfach so mit Schulterklopfen, will
berücksichtigt sein, wer da am anderen Ende Worte wohl wie aufnimmt.
Die beste Wahrheit nützt wenig nur, wenn sie das Adressat nicht zu
erreichen vermag.
Zum Beispiel wird man sich nicht in chinesisch oder auch nur
fachchinesisch artikulieren.
Zum Beispiel wird man Begriffe wählen, die allgemein verständlich sind.
Ist all das gewährleistet, dann darf vorsichtig ein Urteil gewagt sein.
Vorsicht ist die Mutter der Porzelankiste, und sie sollte auch am Anfang
einer Beurteilung stehen, da man nie aus dem Auge verlieren sollte, daß
hinter aller Graphologie immer ein Fragezeichen stehen bleibt.
Und das ist das Fragezeichen hinter der Frage, was denn Graphologie
überhaupt zu leisten vermag.
In der Graphologie gibt es gewiß einige Vorgehensweisen, wie man sich am
besten einer bestimmten Handschrift nähert.
Eine m”gliche Vorgehensweise beispielsweise ist die, daß man danach fragt,
wie sich denn bestimmte psychologische Typen, etwa Jung'sche Typen, in
einer Handschrift festschreiben.
Wenn man es dann weiß, kann man danach fahnden und den Schreiber mehr
oder weniger gut einordnen.
Er läßt sich mit diesem gewonnenen Rahmen dann auch weiterhin gut
eingrenzen.
Man kann gegen diese Methode einwenden, daß ein Mensch so nur in eine
Schublade abgelegt wird, ohne seiner ganz individuellen Beschaffenheit
gerecht geworden zu sein.
Das ist im Ansatz natürlich richtig; denn kein Mensch dieser Erde ist
ein Typus selbst, dem wir ihn vielleicht zuordnen wollen.
Der Typus ist und bleibt immer eine Idee; er ist nie etwas Wirkliches.
Der Mensch dagegen aber, den wir einzuordnen bestrebt sind, ist Reales.
Und so reicht die Kraft der Worte immer nur begrenzt weit.
Aber mehr dürfen und k”nnen wir nicht erwarten.
Also geben wir einfach unser Bestes!-
Eine andere m”gliche Vorgehensweise ist eine sehr direkte und rein
intuitiv gesehen sehr Naheliegende.
Bei dieser Methode fragt man, welche Merkmale denn dominieren.
In dem Falle sucht man nach den Merkmalen, die am stärksten ins Auge
fallen, also nach solchen, die am häufigsten vertreten sind und sich
zugleich am deutlichsten artikulieren.
Es ist mehr als anzunehmen, daß genau solchen Merkmalen auch am meisten
Bedeutung zukommen muß.
Wenn also einer beispielsweise auffallend rechtslagig, weit und
rechtsläufig schreibt, so werden wir ihn nur schlecht als introvertierten
Typus darstellen k”nnen.
Die gefundenen Merkmale k”nnte man Auffällige Dominanten nennen.
Man schaut bei dieser Methode allerdings auch nach Merkmalen, die zwar
nicht ins Auge springen, nichtsdesto aber hartnäckig vertreten sind.
Solche Merkmale k”nnte man Unauffällige Dominanten nennen.
Das sind beispielsweise L”tstellen.
Und auch diese nicht ins Auge springenden Merkmale sind gewiß bedeutsam,
wenn sie laufend wiederkehren.
L”tstellen sind Stellen, wo der Strich nicht weiterlief, wo er erst
hinterher weiterlief.
Der Schreiber in einem solchen Falle stoppte im Strich, verharrte dort
einen Moment ohne jedoch die Griffelspitze vom Papier zu nehmen, sodaß
beim Weiterführen der Griffelspitze über das Papier eine Unregelmäßigkeit
in Form eines Punktes im Strich zurück bleibt.
Es kann auch sein, daß es zu einer L”tstelle gar nicht erst kommt, weil
der Strich schlichtweg abreißt, und der Schreiber hinterher, nach dem
Abriß genau am Abriß wieder aufsetzt und einsetzt.
Das wäre eine Flickstelle.
Ob L”tstelle oder Flickstelle, wenn auch selten genug, es gibt
Handschriften in denen solche Merkmale zuhauf auftreten ohne wesentlich
aufzufallen.
Will man über solche Handschriften mit dem Anspruch auf Richtigkeit
Aussagen treffen, dann dürfen solche Unauffälligen Dominanten keinesfalls
übersehen werden.
Sie sind genauso wichtig wie die Auffälligen Dominanten.
Unauffällige Dominanten werde zuweilen auch Signifikanten genannt.
Damit hat man dann eben eine Unterteilung in Dominanten und Signifikanten.
KAPITEL 36
BEISPIEL FšR DISKUSSION EINER HANDSCHRIFT
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Schriftprobe [64]
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Die vorliegende Handschrift ist die eines vierzigjährigen Mannes,
verheiratet und Vater zweier Kinder.
Er entstammt zerrütteten Familenverhältnissen und wuchs mit drei
Halbgeschwistern zusammen auf.
Er besitzt ursprünglich einen Realschulabschluß mit mittleren Noten und
holte später auf einer Abendschule über zweiten Bildungsweg das Abitur
nach.
Dazwischen, nämlich direkt nach der Realschule, ließ er sich als
Versicherungskaufmann ausbilden.
Diese Ausbildung jedoch brach er ab.
Nach diesem Abbruch folgten diverse nicht nennenswerter Jobs, häufig auch
als Krankenpflegehelfer, als solcher man in den Siebzigern noch ohne
Ausbildung arbeiten konnte.
An seine Erfahrungen, die er in diesem Bereich gesammelt hatte, anknüpfend,
begann er nach dem Abitur eine Ausbildung als Krankenpfleger, die er auch
zu Ende brachte.
Diese Ausbildung begann er gewissermaßend ersatzweise, weil ihm ein
Medizinstudium, das er während der Erlangung des Abiturs anstrebte,
versagt blieb; denn er verfehlte um 1/10 den Nummerus Clausus.
Auf seine Erfahrungen im Krankenpflegebereich aufbauend folgte weiterhin
die Fortbildung zum Fachpfleger.
Schon während der Zeit als Fachpfleger, setzte er sich mit Fragen der
Krankenpflege auseinander, wie sie die Gesellschaft betreffen.
Er verfaßte Texte und Niederschriften für Fachzeitungen.
Inzwischen avancierte er zum Fachmann für Theoretische Fragen solcher
Themenkreise, und es unterstehen ihm allein direkt 160 Mitarbeiter für die
er Verantwortung trägt.
Sein Wunsch jedoch ursprünglich war es gewesen auch ohne Ausbildung mit
Schreiben auf dem Gebiete der Literatur Geld zu verdienen.
Gemessen an seinen Wunsch auch ohne Ausbildung durch Schreiben Geld zu
verdienen, stellt sein beschriebener Lebensweg einen harten Kompromiß an
seine Ideale dar.
Den aber mag seine Familie eingefordert haben.
So weit der Umriß zur Person.
Nun zur Handschrift zunächst vom Eindruckscharakter her.
Seine Handschrift ist die etwas andere Handschrift, die Handschrift mit
der eigenen Note, wie man sagen k”nnte.
Denn sie ist eigenwillig, gar exentrisch gestaltet und zeigt
normabgewandte Formen.
Dazu ist sie auffallend unregelmäßig.
Sie ist in jedem Falle eine gut ausgeschriebene Handschrift; denn sie
wirkt geschmeidig und abgeschliffen.
Der Längenunterschied ist teilweise beträchtlich, sodaß das innere
Gefüge eines Wortk”rpers eher zerklüftet als geschlossen wirkt.
Die Handschrift ist von der Formgebung vielleicht stärker gestaltet
als der Gesamtrhythmus der Handschrift hergibt.-
Als auffällige Dominanten wären zu nennen:
Eigenwillige Formung
Unregelmaß
Längenunterschiedlichkeit
Scharfe Langlängen bei nicht scharfen Kurzlängen
Eile
Bei den unauffälligen Dominanten haben wir keine Auffälligkeiten.
Im Nachfolgenden wollen wir die Handschrift Schriftelement für
Schriftelement durchgehen und sie entsprechend psychologisch beleuchten.
Nach und nach wird sich dabei, wenn auch ungeordnet so doch
nichtsdesdotrotz im Ansatz bereits ein Pers”nlichkeitsprofil ergeben,
das wir abschließend in ein einheitliches Bild bringen wollen.
Man k”nnte das die Erstellung eines Merkmalsprotokoll nennen, wobei wir
hier jedoch die pschologischen Aspekte gleich mit einbeziehen.
Schriftgrӧe:
Eine durchschnittliche Schriftgr”ße läßt sich nur schwer ermitteln, weil
die Streuung um einen gedachten Durchschnitt zu groß ist.
Mathematisch, statistisch ausgedrückt mag ein Durchschnitt bestehen; doch
die Varianz drumherum ist groß.
Das heißt die Schriftgr”ße wechselt enorm.
Er schreibt sehr klein, klein, mittel, groß, sehr groß.
Aufgrund der Schriftgr”ße läßt sich bei ihm nichts Typisches ermitteln.
Doch auch das besitzt Aussagekraft schon.
Denn er schwimmt mit seiner Schriftgrӧe nicht in einem festen Bereich,
sondern wechselt ständig.
In den Aussagen, die dieser Umstand herleitet, findet sich dementsprechend
Widersprechendes, das er aber alles ist.
Indem er beispielsweise klein schreibt, mag er sich auch ganz allgemein
gesagt zurücknehmen k”nnen.
Sein Auftreten ist dann leise oder beherrscht.
Nicht alles, was in ihm drinnen ist, muß nur deshalb, nur weil es in ihm
drinnen ist, herauskommen.
Indem er groß schreibt, verlangt er ausgreifend nach Raum, eigentlich
ganz seinem natürlichen Bedürfnis entsprechend.
Zuweilen holt er dabei zu großen Gesten aus, um auch imponieren zu
k”nnen.
Ein Teil der Grӧe ist dann Darstellung, also Eindruck machen wollen und
nicht sich ausdrücken.
Die Schriftweite:
Auch hier findet sich alles nebeneinander:
Extreme Enge, Enge, Mittlere Weite, Weite, große Weite.
Und so denn auch die sich daraus ableitenden Aussagen:
Als Weitschreiber kommt er interessiert Zugang zu allem suchend aus sich
heraus, was seiner Kraft und Impulsstärke auch entspricht.
Als Engschreiber aber finden wir in ihm den Zurückhaltenden, der dann
Impulse freisetzt, wenn es ihm als gelegen erscheint.
Die Schriftlage:
Hier verhält es sich schon anders.
Nichts Extremes, aber weitgehendst Eindeutiges liegt vor: Leichte
Rechtslage.
Auch hier, was wir teilweise schon im Schriftelement Schriftweite hatten,
nämlich dort aus sich heraustreten, hier Bereitschaft zu Kontakt,
allgemeines Hingeneigt sein, mitmachenwollen und sich einbringenwollen.
Regelmaß:
Hier zeigt sich ein deutlich ausgeprägter Typus.
Unregelmaß in allen seinen Licht- und Schattenseiten präsentiert sich.
Die Merkmale des Regelmaßes und des Gleichmaßes lassen sich in dieser
Handschrift nicht finden.
Wann immer er schreibt, er schreibt gewiß unregelmäßig.
Vom Unregelmaß eigentlich ist sein ganzes Leben bestimmt.
Er hat es allerdings geschafft, sich Regelmaß aufzudiktieren.
Und deshalb hat auch seine Schrift einen Rahmen gefunden.
Denn diese Schrift ist alles andere als haltlos.
In seinem Innern schweift er suchend umher.
Und in seinem ?ußeren dadurch in allen Farben unruhig schillernd
beispielsweise im Umgang mit seinen Mitmenschen wird er sich immer wieder
den Vorwurf gefallen lassen müssen, er sei:
Uneindeutig, inkonsequent, wankelmütig, unberechenbar, launisch,
sprunghaft, kaprizi”s.
In der Tat, wankelmütig mag er zuweilen erscheinen.
Gewiß indessen aber ist, er ist es nicht.
Er weiß grundsätzlich immer, was er will.
Aber mal ist es das eine, mal das andere.
Und so blickt niemand ganz durch seine innere Logik durch.
So oder so, er ist in jeder Hinsicht ein unfestgelegter Freidenker,
individuell, unkonventionell, ja originell.
Dieser vielseitige Mensch kann gar nicht anders als kreativ sein.
Er ist nach allen Seiten hin offen.
Auch als wirklich sch”pferisch m”chte man ihn gut bezeichnen k”nnen.
Denn im Hintergrund tut sich ein reichhaltiger Fundus an Eingebungen,
Ideen und Bildern auf.
Natürlich muß ein solcher Mensch freiheitsliebend sein.
Und er ist es.
Und so ist er nicht immer bequem dieser Querulant, der er auch ist.
Richtungssinn:
Auch hier deutliche Durchmischung beider Richtungen.
Extravertiertes Verhalten gleichermaßen wie introvertiertes Verhalten
sind zu erwarten.
Beides trifft auch zu:
Einerseits ist er inmitten von Dingen und Menschen tätig und setzt dort
um.
Andererseits aber ist er ein Eigenbr”dler, der aktiv bleibt, aber eben nur
so vor sich hin.
Wenn er nicht gerade wirklich ruht, pulsiert es in ihm immer, dabei sich
entäußernd oder auch nicht.
Bindungsformen:
Girlande überwiegt.
Winkel und Faden sind eingestreut.
Wohlwollen, Entgegenkommen, Nachgiebigkeit gepaart mit Verbindlichkeit und
Diplomatie konkurriert mit Entschiedenheit, Eindeutigkeit und Klarheit und
Korrektheitswünschen.
Verbundenheit:
Die Handschrift ist überwiegend sehr verbunden.
Unverbundenheit ist unterrepräsentiert.
Logisches wie zweckgebundenes Denken dominieren.
Einfallsreichtum und Intuition aber fehlen keineswegs.
Ausschmückung:
Die Handschrift ist überwiegend vereinfacht.
Der Sinn für das Wesentliche zeigt sich hier.
Die Formen sind nicht arm.
Die Reichhaltigkeit des Lebens fehlt nicht.
Volumität:
V”lle wechselt mit Magerkeit.
Unlineares Denken wechselt mit linearem Denken, irrationales mit
rationalem.
Konkretes Wahrnehmen, Empfinden und Anschauen wechseln mit Abstraktion,
die das Modell von der Wirklichkeit öwegschlepptö.
Strichbildung:
Schärfe, zumeist in den Langlängen, und Teigigkeit, überwiegend im
Mittelband, wechseln.
Trennen, unterscheiden und differenzieren also wechseln mit dem Gegenteil
davon.
Einerseits liebt er die Klare Linie, andererseits liebt er es, wenn
Konturen auch verschwimmen dürfen.
Er ist ein Mensch, der auch gerne genießt und sich gerne selbstvergessen
hingibt, um alles zu belassen, wie es ist, ohne daran rühren zu müssen,
ohne zu zerteilen, was im Innersten doch zusammengeh”rt.
Längenunterschiedlichkeit:
Der Längenunterschied ist zum Teil beachtlich.
Hier zeigt sich sehr starkes Streben zwangsläufig gekoppelt mit tiefer
unstillbarer Unzufriedenheit.
Das liegt in der Natur der Sache.
Denn wo Schwerpunkte einer Seele nach weit Außerhalb verlegt werden, da
wird zwar viel umgesetzt, und je vitaler und intelligenter, desto
intensiver und effizienter, aber nicht ohne, daß auch unerledigte Reste
verbleiben, die Unzufriedenheit schüren.
Dieser Mensch ist nicht der in sich selbst ruhende gar in sich selbst
schwelgende und selbstzufriedene wie selbstgewisse Mensch, den keine
Unsicherheiten plagen.
Er ist ein st”ranfälliger und empfindlicher Geist, der immer wieder
kurzzeitig aus dem Gleichgewicht geraten kann.
Alles in ihm muß daher durch ihn selbst kontrolliert werden so auch seine
innere Balance.
Alles Funktionieren in ihm darf nicht ohne Feedback als Selbstgänger
funktionieren, so seine innerste Leitlinie.
Die Leitlinie ist sodann aber auch die schicksalhafte Leidenslinie
dieses Menschen; denn wie aus einem Teufelskreis taucht immer wieder
die alte Frage auf:
War es denn auch genug, was er sich abverlangte!
Die Antwort aber ist immer die Gleiche: Nein es war nicht genug!
Etwas in ihm bleibt auf ewig unerledigt.
Der Längenunterschied ist zuweilen, wenn auch nur zwischendurch, immer
wieder mal klein.
Das ist der Augenblick, in der die Seele baumeln darf, wo die Seele nur
bei sich selbst verweilen darf.
Längeneinteilung:
Diese wechselt.
Mal sind es die Ideen, die ihn lenken, mal die leibgebundenen Interessen.
Anfangsbetonung/Endbetonung:
Zwar bekommt das Ende eines jeden Wortes noch immer einen kleinen
Nachdruck; doch die Betonung insgesamt liegt im Anfang.
Das heißt, der Schreiber ist stolz und nimmt sich auch wichtig.
Da nicht alle Kräfte frei abfließen, mag es hier und da auch mal
Dünkelhaftigkeit sein; denn auch Pathos und die große Geste liebt der
Schreiber.
Gliederung:
Die Gliederung ist gut.
Ordnen und Einteilen ist keine ihm fremde šbung.
Ordnen, einteilen, systematisieren, kategorisieren ist zugleich auch
etwas, das der Lebensfülle und der Reichhaltigkeit des Lebens Abbruch tun kann,
nicht so bei ihm.
Wortabstand:
Der ist weit.
Wieder ist es Klarheit und Ordnung gefragt, die sich diesmal im
Wortabstand zeigt.
In ihm aber zeigt sich auch der Abstand zu den Dingen wie zu den Menschen.
Isolationsgefühle nochzumal bei eingestreuter Unverbundenheit sind diesem
Menschen nicht fremd.
Hier und da ist dieser Mensch unter Menschen allein.
Das ist denn auch der Tribut, den ein Individuum zu zahlen hat, wenn es
frei sein will - es muß allein sein k”nnen aushalten.
Zeilenabstand:
Der ist nicht weit.
Er ist unauffällig.
Aber in Relation zum Wortabstand eng.
Der Schreiber gibt sich äußerlich also integrierter und kontaktbereiter
als er innerlich und in Wirklichkeit ist.
Zeilenführung:
Sie ist alles in allem gerade.
Immer wieder auch gewellt oder auch gestaffelt fallend.
Tendentiell fällt sie eher, als daß sie steigt.
Sie verrät also eine insgesamt stabile Gemütslage, die allerdings
zwischendurch schwankt, sodaß Launen auch dominieren k”nnen.
Und auch eine trübe Gemütslage der Unzufriedenheit, die den Abstand zu
Gott und der Welt zusätzlich noch vergr”ßern, nehmen dann breiten Raum
ein.
Aber fangen tut er sich immer, und so stürzt er sich dann wieder in einen
neuen Beginn.
Ränder:
Die Ränder sind bei verschiedentlichem Material indifferent.
Druck:
Druck läßt sich wiederfinden besonders in Langlängen, Wortendungen oder
Querstreichungen.
Es wird also mehr Kraft zur Schau getragen als wirklich vorhanden ist.
Die Kraft, die vorhanden ist, wird teilweise un”konimisch eingesetzt.
Sie tritt unregelmäßig und ohne Gleichmaß auf.
Aber nichtsdestotrotz liegt dem Schreiber ein gutes Kraftreservoir zur
Verfügung.
Eile:
Die Handschrift ist eine überwiegend eilige Handschrift.
Zwar bremst sie sich durch Druck wiederkehrend aus; doch finden in diesem
temperamentvollen und reaktionsfreudigen Charakter alles rasch ablaufende
Gefühls- und Denkabläufe statt.
Auffällige Stellen:
Auffällig in dieser Handschrift ist deutlich der Kontrast zwischen der
Weichheit und Bogigkeit in den Kurzlängen einerseits und der kalten und
schneidenden Schärfe in den Langlängen andererseits, welche die Handschrift
metrisch taktet.
Von einem solchen Menschen wird man immer wieder pl”tzlich und dann
unerwartet ein Stopschild vor die Nase gestoßen bekommen.
Auf dem Stopschild steht geschrieben: öBis hierher und keinen Deut
weiter!ö
Es ist nicht leicht, ihn immer recht einschätzen zu k”nnen; denn im Umgang
mit ihm erscheint er einerseits durchaus gütig und herzenswarm oder spielt
es auch nur, sein Herz dann auf der Zunge spazierentragend, andererseits
reagiert er dann wieder ohne Vorwarnung schroff und abweisend.
Manchmal ist es Zuckerbrot und Peitsche, was dabei verteilt wird.
Wer also nicht aufpaßt, mag sich die Finger an ihm verbrennen.
In seiner Liebenswürdigkeit, die er durchaus besitzt, liegen leider nicht
nur Kräfte des Gemütes.
Das alles macht diesen Menschen schwer einschätzbar.
Nichtsdestotrotz wird dieser teilweise von Emotionen geschüttelte Mensch
von einer inneren Logik geführt, die von außen her zwar schwer einsehbar
nur ist, nichtsdestotrotz aber durchaus auch streng sein mag.
Er ist zum Beispiel keineswegs ein charakterloser Mensch.
Er ist vielmehr ein Mensch, der in mehreren Farben schillert und dabei mal
diesen Charakter offenbart, mal jenen.
Das alles zusammen macht sein Charakter, ist sein Charakter.
Auch als Schauspieler machte er sich daher gut.
Es wurde ausgesagt, dieser Mensch ist ein Streber.
Es muß aber auch gesagt werden, daß das Bedürfnis genießen zu dürfen
und mit den Dingen mitzufließen, seinem Naturell näher steht, als
gegenzustreben und gegen anzugehen.
Er aber vergewaltigt die eigene Natur und hat seine Bedürfnisse dabei auf
den Kopf gestellt.
Erst zog er die Jacke an und dann das Hemd darüber.
Das aber bedeutet unn”tigen Kräfteverschleiß und eigentlich die Lunte von
beiden Enden anstecken.
Nicht alles macht er sich leicht.
Unterschrift:
Unauffällig.
Textablauf:
Unauffällig.
Typologie:
Denken und Intuition dominieren.
Geschlecht:
Typisch männlich.
Vitalität:
Gute treibende Kräfte, aber nicht immer aufeinander abgestimmt, also auch
ersch”pfbar.
Wille:
Gute Willensstosskraft, bei eingeschränkter Willensfestigkeit.
Intelligenz:
Gut oder sehr gut.
Unaufrichtigkeit:
Keine.
Krankheit:
Nicht konstatierbar.
Indem die Handschrift nun abschließend im Gesamten diskutiert werden
soll, m”chte ich an den Anfang eine Frage stellen, die vorangehend bereits
anklang, nämlich:
Ob denn der Schreiber sich selbst vielleicht mehr Eigenart zugesteht als
ihm m”glicherweise zusteht, jedenfalls wenn man den Eigenartsgrad
vergleicht mit dem Gesamtmaß der Rhythmik.-
Ich pers”nlich m”chte die Frage mit ja beantworten, obwohl zugleich klar
ist, daß es nicht der freien Entscheidung unterliegen mag, ob sich ein
Mehr oder Weniger an dieser Freiheit zugestanden werden kann.
Denn am Ende steht immer: Jeder wie er muß!
Und das Muß ergibt sich durchaus nicht nur durch äußere Zwänge allein,
sondern auch durch Innere Notwendigkeiten.
Und die kommen manchmal von weit her oder von weiter noch:
Zuweilen nämlich kommen sie aus dem Drift der tiefen pers”nlichen
Vergangenheit.
Oder sie kommen aus einem Bereich, der darüber noch hinausgeht, aus dem
Gedächtnis der Generation, also dem eigenen genetischen Fundus.
Der aber ist wesensmäßig so allgemein veranlagt, daß man in ihm kaum
gezielt nach Bestimmtem suchen kann.
Die Frage, ob denn der Schreiber sich selbst vielleicht mehr Eigenart
zugesteht als ihm m”glicherweise zusteht, muß also hypothetisch bleiben.
Die Frage aber, was überwiegt, die Eigenart oder der Gesamtrhythmus, kann
hingegen schon abgewägt werden: Die Handschrift ist durchaus rhythmisch,
aber im Vergleich gesehen eigenartsreicher noch.
Es läßt sich verstärkend sogar sagen, daß die Eigenartigkeit zu
Ungunsten des Gesamtrhythmußes überwiegt; denn durchaus ist beides im
Zusammenhang zu sehen.
Und wäre sie umgekehrt aber etwas weniger eigenartreich, also damit auch
weniger problematisch, dafür aber rhythmischer noch im Gesamten, dann wäre
alles mehr noch ein Guß und auch der Mensch unproblematischer.
Alles wäre rund mit sich und ein Jedes grüßte sich in Einigkeit mit
allem.
So aber werden wir in der Handschrift wie im Menschen viele Haken und ™sen
finden, weil der Anspruch auf Eigenwilligkeit überwiegt und er, der
Schreiber, ungern das harmonische Miteinander noch gelten läßt, wenn es
bereits um das Ego geht.
Der Schreiber ist ein Kämpfer und allem voran auch ein Einzelkämpfer.
Allzugern ist er in eigener Mission unterwegs und macht ungefragt
genausogern auf eigene Faust.
Wer mit ihm zusammenarbeitet wird sich wundern.
Pl”tzlich reißt dieser durchaus schwerberechenbare Charakter das Ruder
herum und hat es selber in der Hand.
Und immer bevorzugt er stets seine eigenen Varianten mit denen er
unverwegen nach seinem Vorteil sucht.
Winken ihm dabei günstigste Chancen, dann mag er gar gefährlich werden.
Im Kollektiv jedoch fällt es im ersten Augenblick nicht so auf, weil er
nicht unverm”gen ist, kaschieren zu k”nnen und sich in jeder Gesellschaft
geschickt zu bewegen weiß.
Und gibt er einmal nach, so hat er gewiß gezielt Gründe dafür.
Ist er der Wolf im Schafspelz?-
Nähern wir uns der Handschrift nun von einer anderen Seite her.
Werfen wir dabei auch einen Blick auf seine Schriftk”rper.
Das Innere dieser K”rper wirkt eher zerklüftet als geschlossen.
Die Wortk”rper sind dezentriert; es fehlt das stabile Zentrum.
Kein Reich der Mitte, in dem wirkliche Ruhe und Harmonie gefunden werden
k”nnte.
Hinzu kommt, daß die weichere und bogigere i-H”he, wie schon erwähnt,
regelmäßig durch auffallend scharfe Langlängen schroff zerschnitten wird.
Hier zerschneidet jäh der Geist die Seele.
Der Längenunterschied dabei ist zum Teil beträchtlich.
Das alles darf geradezu als ein Synonym gelten für Unruhe, Unrast, und
letztenendes auch Unzufriedenheit diese wiederum resultierend aus einer
Wollen-K”nnen-Diskrepanz.
Der Streber mag streben noch so sehr, zum wirklichen Ausgleich schafft
er es nie.
Etwas in ihm bleibt notwendigerweise immer unerledigt.
Die Schwerpunkte in ihm sind zu weit nach außen verlagert.
Er vermag sie in keiner goldenen Mitte abzugepuffern.
Von der einen Ecke her ruft es: Strebe!
Von der anderen Ecke her aber heißt es: Gib dich!
Auf welche Stimme soll er h”ren?
Zu allererst h”rt er immer wieder auf die laute Stimme: Strebe!
Wenn sie ruft, dann arbeitet er eine tiefe Schuld ab.
Sie ist die abzutragende Buße seines Lebens.
Woher es kommt? Aus der Kindheit? Aus dem Leben seiner Vorfahren?
Wer will das beantworten?!-
Vereinzelt finden wir die Aussagen verstärkend nachdrückliche
Querstreichungen.
Es sind die Querstreichungen eines Querulanten, dem die eigene Version
von was auch immer ausnahmslos am besten gefällt.
Oft ragen oder schießen auch Wortanfänge hoch auf.
Hier bäumt sich in Pose gehend stolz, gar eitel ein Ich auf, das
nicht über wirklich inneres Selbstverständnis verfügt.
Der Drang nach Geltung ist hier ganz unverkennbar.
So unausgewogen manches in diesem Schriftgefüge auch sein mag, so
unfestgelegt ist es damit auch.
So ausgeschrieben und reif diese Handschrift ist, so unfertig bleibt sie
notwendigerweise.
Etwas an ihr bleibt stets unfertig.
Darin lassen sich M”glichkeiten ahnen, die der Schreiber immer wieder neu
nutzen kann.
Dieser empfindliche, ja überempfindliche Mensch ist ein auch besonders
fassettenreicher und vielseitiger Mensch.
Er besitzt Humor, Witz und Schlagfertigkeit.
Auf einem jeden Boden ist er zu Haus, und in einer Seele wohnt er auch.
Dieser zugleich nerv”se Mensch ist ein brodelnder Topf, der überlaufen
will.
Immer schmiedet dieser Mensch neue Pläne, so viel, daß er kaum hinterher
zukommen vermag, sie auch noch umsetzen zu k”nnen.
Einen neuen Ansatz finden aus dem Nichts heraus - kein Problem für ihn.
Er wird ihn finden: Er verfügt auch über die notwendige Intelligenz dazu,
und er verfügt über mehr als nur Intelligenz: Geist.
Während Intelligenz vielleicht nur als eine Art Werkzeug gedacht werden
darf, ist Geist indessen etwas, das von mehreren Quellen gespeist wird.
Dieser Mensch besitzt Anschauung und Phantasie ebenso wie
Abstraktionsgabe.
Intuition wie Reflexion sind bei ihm harmonisch aufeinander abgestimmt.
Er verfügt über ein genaues Auge und eine gute Unterscheidungsgabe.
Dieser Mensch besitzt daraus resultierend auch über gute Urteilskraft.
Allzunatürlich ist es, daß ein solcher Mensch nach einer gr”ßeren
Aufgabe verlangt, nach einer Aufgabe, die dem inneren Drang wie den
vorhandenen Befähigungen angemessen ist.
Kann sie nicht wahrgenommen werden, weil das n”tige Umfeld vielleicht
fehlt, erwächst Unzufriedenheit als naturgegebene Konsequenz.
Und diese ist in die Handschrift hineingeschrieben.
Obschon: Alles in allem beherrscht er seine Situation souverän, ohne
einem sinnlosen Kräfteverschleiß anheim fallen zu müssen.
Und so bleibt denn auch Freiraum für den Rest des Lebens.
Und trotz permanenten Dranges zu streben, vermag er auch genießen zu
k”nnen, was die Teigigkeit verrät, die trotz aller Schärfe ins
Schriftbild eingebettet ist, mehr in der i-H”he und eben nicht in den
scharfen Langlängen.
Auch besitzt dieser Mensch, wie schon erwähnt, Gemütskräfte.
Doch werden diese überdeckt und führen eher ein Schattendasein.
Denn zur Hauptaufgabe wurde anderes erklärt, nämlich: Streben und
Schaffen.
Nichtsdestotrotz: Jene genannten Gemütskräfte sind aber vorhanden.
Dafür sprechen in der Handschrift beispielsweise V”lle und Girlanden.
Seine Aufgabe, etwa als Familienvater vorbildlich fungieren zu k”nnen, mag
er also gut wahrnehmen k”nnen, auch wenn er sich eher im Dienste geistiger
Aufgaben sieht, zu denen er immer wieder wehmütig blickt.
Es ist nun einmal sein Los: nämlich, daß es ihm um das Gebären geistiger
Kinder mehr noch ist als um das fleischlicher Kinder.
Dieses zu verwirklichen, ist er angetreten.
Dieses auszuhalten, wenn es sich denn nicht erfüllen mag, ist er
aufgefordert auszuhalten.
Die Handschrift widerspiegelt diesen Konflikt, den er zu bestehen hat.
Wie die Handschrift indessen aussähe, müßte er diesen Konflikt nicht
bestehen müssen, weiß man nicht.
KAPITEL 37
BEISPIEL FšR VERKšRZTE DISKUSSION EINER HANDSCHRIFT
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Schriftprobe [65]
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Die hier vorliegende Handschrift ist die eines ebenfalls 40-jährigen
Mannes.
Er besuchte in damaliger Zeit die Realschule bis zur 9. Klasse.
Mangels erbrachter Leistungen ging er von dieser Schule ab ohne Abschluß.
Mit dem Abgangszeugnis der Hauptschule begann er eine Lehre als
Einzelhandelskaufmann in der Teppichbranche.
Die Lehre schloß er erfolgreich ab, arbeitete jedoch in diesen Bereich
nicht weiter.
Es knüpfte sich vielmehr daran im Anschluß eine weitere Ausbildung an,
und zwar als Schlosser.
Diese Ausbildung brach er ab und wechselte über in die Firma, in der sein
Vater als Dachdecker arbeitete.
Dort war er viele Jahre als Dachdecker beschäftigt, häufig im Akkord.
Nach vielen Jahren der Mühsal dann wechselte er über in ein anderes
Metier.
Von wo aus der Impuls dafür kam, ist nicht bekannt.
Er bewarb sich jedenfalls bei einer Bank und wurde auch eingestellt.
Seit der Zeit war er dann über Jahre hinweg als Registrator beschäftigt.
Während seiner Zeit dort als Registrator holte er allerdings eine
Ausbildung nach für die die Mittlere Reife oder eine abgeschlossene
Berufsausbildung die Voraussetzung war.
šber eines von beiden verfügte er ja.
Die Ausbildung schloß er erfolgreich ab und nennt sich seit der Zeit
Kaufmann für die Bewirtschaftung von Grundstücken und Wohnungen.
Und auch innerhalb dieser Sparte nahm er an einem längeren Lehrgang teil,
den er ebenfalls erfolgreich absolvierte.
Zwar ist er mit seinen Lebensumständen nicht v”llig in šbereinklang;
denn er selbst sieht sich seiner eigenen Aussage gemäß überhaupt nicht
als Bänker; doch stimmen die Finanzen.
Mit 7000,- Brutto Monatseinkommen muß er alleinelebend immerhin keine
Mark umdrehen.
Und da überlegt er schon, was er besser machen k”nnte.
Er war zwischenzeitlich auch verheiratet, lebt nun aber wieder wie eh und
je als Single.
Er ist ein Mensch, der sich dem Sport und jedenfalls dem k”rperlichen
Ausgleich sehr verbunden fühlt.
Und so war er stets aktiv in Leichtathletik, Kampfsport, Kraftsport.
šber einige Jahre hinweg geh”rte er einer religi”sen Vereinigung an, den
Zeugen Jehovas, die er jedoch wieder verließ.
Seither hat er Annäherung an Indischen Gedankenguts gefunden.
Seit wenigen Jahren betreibt er TM (Tranzendentale Meditation), von der er
nach wie vor sehr angetan ist, und von der er meint, sie hätte ihm
früher schon begegnen sollen.
Nun zur Handschrift zunächst wieder vom Eindruckscharakter her.
Seine Handschrift zeigt Normgebundenheit.
Zwar ist die Handschrift nicht ohne eigenes Gepräge; doch wird die Norm in
der Form nicht verlassen.
Die Handschrift wirkt alles in allem fest und kraftvoll.
Sie wirkt zwar auch teilweise verkrampft und ungel”st, jedoch ohne, daß
der Rhythmus im Gesamten wesentlichen Schaden dadurch nehmen müßte.
Als auffällige Dominanten wären zu nennen:
Normgebundenheit
Druck
Enge
Oberlängenbetonung
Bei den unauffälligen Dominanten geringfügige Auffälligkeiten.
Zuweilen läßt sich Tremor finden oder auch Strichabriß.
Nun zur Kurzdiskussion
Es wurde schon gesagt, seine Handschrift zeige Normgebundenheit.
Er bewegt sich also gerne in vorgegebenen festen Mustern und anerkennt
auch die Konvention.
Die Oberlängenbetonung verweist auf Phantasie.
Durch sie ist sein Fühlen, Denken und Handeln stark beeinflußt.
Sein Strich ist kraftvoll.
Seine Phantasien, die ihn, wie gesagt, stark beeinflussen, degradieren ihn
allerdings keineswegs zum saft- und kraftlosen Theoretiker.
Er ist vielmehr, wie seine kraftvollen Unterlängen allein schon verraten,
Praktiker und ist versucht, seine Träume, Phantasien, Wünsche, Ideen und
Pläne im Geflecht der Alltagserfordernisse planvoll zu integrieren -
planvoll deswegen, weil er verbunden schreibt und damit auch alles einem
Zweck unterwirft.
Solange Erfüllung in Sicht ist, kämpft er und durchaus mit überhobenen
Gefühl, und seine Oberlängenbetonung als Merkmal der Hinwendung zur Idee
sowie die Schriftrechtslage mag sein Engagement dazu verraten.
Sein Engagementsverm”gen kann sogar in blindem Dogmatismus münden.
Zwar kämpft er gerne und versucht sein Ego durchzubringen, aber
genausogerne schaut er dabei nach oben.
Oberlängenbetonung, vor allem, wenn sie aufgeblasen wirken, und
Druckbetonung, vor allem, wenn diese Versteifung aufweist und der Strich
nicht tremorfrei ist, bedeutet aber auch Träumen und Gedrücktsein.
In seinen Träumen ist er positiv und Optimist.
Im Resultat, wenn sie sich nicht erfüllen, ist er bedrückt und
niedergeschlagen.
Aus Traum wird Trauma dann, und er erwacht bitterpl”tzlich.
Das ganze ist ein Wechselbad der Gefühle.
Das Wechselbad öHimmelhochjauchzend-Zutodebetrübtö kennt er gut.
Im Umgang mit ihm erfährt man das auch.
Man erfährt aber auch anderes, nämlich daß man nicht immer leicht mit ihm
hat.
Er ist zwar gewiß kein Umstürzler ist, aber ebenso gewiß nicht immer der
im Umgang Bequeme.
Zwar kann er ausgesprochen charmant sein und geradezu weltmännisches
Benehmen an den Tag legen; doch immer wieder steuert er auch gerne einen
Konfrontationskurs.
Es will so scheinen, als bräuchte er die Reibung gar.
Und so fährt es immer wieder mal so aus ihm heraus, obwohl es ja gar nicht
so gemeint war.
Auch konfrontiert und attackiert er dann schon mal einen vielleicht doch
unschuldigen Menschen, setzt Behauptungen in den Raum, die jeglicher
šberprüfung nicht stand halten k”nnen und einen Unschuldigen
ungerechtfertigterweise v”llig entbl”ßen k”nnen.
Doch er wollte in seiner Voreiligkeit für die Wahrheitsfindung nur
enttarnen, wie er dann meint.
Es ist evident, daß er in seinem Leben immer wieder die Erfahrung machen
mußte, Urteile über andere revidieren zu müssen, weil er einfach zu
vorschnell und übereilt war; doch will er daraus nur schwer lernen: Sein
Charakter ist ihm im Wege.
Obwohl er Taktgefühl besitzt; denn das Innenleben eines anderen vermag er
gut erahnen, benimmt er sich häufig taktlos.
Es läßt sich auch sagen, daß er den Weg der Kraft und Reibung häufig dem
leichtgängigeren und eleganteren Weg, der auch mal ein Hindernis umgehen
kann, vorzieht.
šber die Jahre hinweg wird auch er eine glattere Haut bekommen haben;
anders k”nnte er als Bänker nur schwer bestehen; denn in einem solchen
Betrieb arbeitet man nicht mit der Axt.
Vielleicht verwendet man dort gefährlichere Werkzeuge noch.
Aber es ist eben nicht die Axt im Walde.
Das alles verraten eine Vielzahl von Merkmalen aber auch die
Unbeweglichkeit, die in einer Normgebundenheit liegt.
Und natürlich auch der feste Druck.
Immerhin, er ist kein Winkelschreiber.
Das Einhergehen von V”lle in der Oberlänge mit Schriftverbundenheit
verrät allerdings auch noch etwas anderes.
Es verrät Kombinationgabe.
Die hat er.
šberhaupt kann er auch geschmeidig sein - wenn er nur will.
Rund genug sind seine Schriftformen dazu auch.
Alles in allem ist er ein Mensch, der den Rahmen nur schlecht missen kann.
Innerhalb dieses Rahmens aber schafft er sich klar gegliederte Ordnung.
Und ebensosehr verschafft er sich dort auch Geltung, die er braucht; über
Kraft und Geschick dazu verfügt er.
Er ist, solange man nicht gegen ihn arbeitet oder ihn gar in die Enge
treibt, ein verläßlicher und loyaler Partner, wie auch überhaupt er ein
Mensch ist, in dem ein warmes Herz schlägt.
Auf diese Steine kann man bauen.
KAPITEL 38
BEISPIEL AUS DER PRAXIS FšR GRAPHOLOGISCHE STELLUNGNAHME
Bei der nachfolgenden Arbeit aus der Praxis handelt es sich um eine
Stellungnahme.
In ihr formuliere ich eigentlich nichts anderes als meine Meinung.
Die mag zum Schluß sehr sachlich, fundiert und bestens ausgearbeitet
sein, aber sie hat nicht den Anspruch, es sein zu müssen.
Es ist eben nur eine Stellungnahme, die notfalls ganz subjektiv sein darf.
Ich nehme Stellung, aber garantiere für nichts.
Wenn das jemand so will, dann kann ich mir überlegen, ob ich seinen Willen
für gut heiße und seinem Wunsche nachkomme.
Ich agiere in jedem Falle nur als Privatperson und keinesfalls als
™ffentliche Person.
Ich habe keine anderen Vorschriften zu beachten als jeder andere sonst
auch.
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Schriftprobe [66]
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... In ihrer Schrift fällt ein eigentümliches Nebeneinander zwischen
örund, weich, warmö einerseits und ölaut, zäh, durchschlagskräftigö
andererseits auf.
Das bedeutet im weitesten Sinne: Sie sind einerseits wohlwollend,
aufnahmebereit, entgegenkommend, warmherzig, nachgiebig, gemütvoll,
beeinflußbar und andererseits aber auch sprunghaft, sprungkräftig,
robust, ernst, kämpferisch, durchsetzungswillig (gebremst, gestauter
Endquerstrich).
Das Runde und Weiche ersieht man in den bogigen Formen, besonders in der
Girlande (u-B”gen in u+n).
Das Warme in der gepinselten Teigigkeit.
Wannimmer die Druckstärke in ihrer Handschrift nachläßt, wird der Strich
past”s.
Das weist auf Sensualität, Sinnesfreude und Genußfreude hin.
Zugleich wird dann die Schrift bei Ihnen auch regelmäßiger, das heißt die
jeweiligen gleiche Formen und Strichabfolgen unterliegen dann nicht so
starken Schwankungen, womit Sie eher in der Lage sind auch zur Ruhe kommen
zu k”nnen.
Das kommt nicht nur dem Entspannenk”nnen entgegen, sondern der
Deutlichkeit und Lesbarkeit zugute gleichermaßen.
Um dieser Lesbarkeit weiteren Nachdruck zu verleihen, verwenden Sie
Großbuchstaben als Schreibschrift.
Gleiches Phänomen findet sich häufig bei Technischversierten, Stilisten,
eigenartsreichen Menschen durchaus auch (gelungene direkt aus der
Bewegung entwickelte Form, die zugleich eigenartsreich ist) oder selbst
bei eigenwilligen Menschen, nicht selten mit manirierten Einschlägen,
dann (Druck, Querstreichung, Ausgiebigkeit, Bereicherung, betonte
dreieckige Unterlängen, besonders in g-B”gen, Langlängenbetonung besonders
in öfö, weite Wortabstände, Unverbundenheit, ...).
Wenn Sie örund-weich-warmö schreiben, so erfüllen Sie sich, fast muß man
sagen bedauerlicherweise, nicht alles, was Sie brauchen, um auf dem Papier
sich ausleben zu k”nnen.
Und so schreiben Sie denn auch ölaut-zäh-durchschlagskräftigö.
Wir finden es dann wieder in der Druckstärke, Eile, Ausgiebigkeit, das
weitgehend die Schriftgrӧe darstellt.
Ihre Handschrift ist eine alles in allem durchaus kräftige Handschrift.
Der aufgewandte Druck allerdings wird oft verlagert, häufig in die
Querrichtung.
Das bedeutet, daß zwar Kraft vorhanden ist, sie aber un”kunomisch
verwandt wird.
Hinzu kommt, daß bei Ihnen ein Großteil des Druckes, der auf dem Papier
als Reibungsdruck verwandt werden müßte um ”konomisch zum Einsatz zu
kommen, im Griffdruck bereits verschwindet, also sinnlos aufgezehrt wird.
Das wiederum läßt sich erkennen an den Partien der Schrift, die der
Bewußtseinskontrolle besser unterliegen, so etwa in den Langlängen.
Dort geht der Druck in die volle Reibung, im Rest, also den Kurzlängen,
aber nur in den Griffdruck.
Die Schrift im Gesamten versteift eher.
Nun sind all die genannten Aspekte für Sie in einem vielleicht ungünstigen
Lichte erschienen, jedoch nur, um die öRund-weich-warm---laut-stark-zäh-
durchschlagskräftig---Problematikö zu beleuchten.
Ansonsten hat Versteifung in der Schrift positive Aspekte ebensosehr:
Wachsamkeit, Sensibilität, Stilbedürfnis, Maß, Bemühung, Ordnung, Haltung,
Konzentration, ... .
In den von Ihnen mitgelieferten Schriftproben finden wir nun nebeneinander:
sowohl Druck und Teigigkeit im Wechsel als auch aggressiven, scharfen,
Querdruck, sowohl Regelmaß als auch Unregelmaß, Bogen wie Winkel,
Schreibschrift wie Großletterschrift, Girlande wie Winkel und so weiter.
Das alles sind Merkmale, die auf Kräftedivergenz hinweisen!
Es wird daher gut für Sie sein, sie mehr in einer Goldenen Mitte
zusammenzuführen.
Spannung soll Spannung bleiben; das spricht für konstruktives Leben, und
zwar solange Spannung nicht Verspannung ist, was dann für Destruktion
spräche.
Kräfte aber sollen in einer breiten Mitte konvergieren.
Solange das aber nicht der Fall ist und man sich in der Goldenen Mitte
noch nicht einzupendeln vermochte, kompensiert man, um Balance zu finden.
Kompensation in der Handschrift sind: Anfangsbetonung für Stolz und
Eitelkeit, Querstreichung für Verantwortungsgefühl und Machtanspruch,
Langlängenbetonung für Ichbetonung. Längenunterschiedlichkeit für Ehrgeiz
und Unzufriedenheit, ... .
Keine Sorge! Alles Merkmale, die bei Ihnen nicht unangenehm ins Gewicht
fallen, mit denen Sie auch nicht aus einem Rahmen fallen.
Jedenfalls scheint es fast verständlich, wie Sie zu Versalien gelangt
sind:
Die unterstreichen Individualität nach der Sie verlangen und läßt
Lesbarkeit m”glich werden.
Großletter lassen den Druck besser abfließen und k”nnen somit besser
lesbar bleiben, selbst wenn mit Druck unter Hochdruck gearbeitet wird.
Was die Lesbarkeit Ihrer Handschrift angeht, ein Makel hat sie schon: Die
Unterschrift!
Sie ist unentzifferbar und verzerrt.
In der Unterschrift, profan ausgedrückt, erscheint der Mensch nicht wie er
ist, sondern wie er sein will.
Sie ist der Schein und nicht das Sein.
In ihrer so unentzifferbaren Unterschrift sind alle nur die lauten, zähen,
durchschlagskräftigen Züge wiederzufinden.
Sie versuchen, sich Geh”r zu verschaffen!
Hat man Sie noch nicht geh”rt?-
Was Sie dort am meisten demonstrieren, haben Sie genau nicht in dem Maße,
als Sie es sich wünschen.
Das hingegen, was versteckt wird, das hingegen k”nnten Sie getrost auch
mutiger zeigen, da Sie davon auch genug haben: Wärme, Weichheit,
Wohlwollen.
Auch das sind Stärken!
Da Sie jung noch sind, ist für die Zukunft auf eine weitere, gute
Pers”nlichkeitsentwicklung zu rechnen.
Alles Gute für Ihren weiteren Lebensweg!
KAPITEL 39
BEISPIEL AUS DER PRAXIS FšR PARTNERSCHAFTSVERGLEICH
Der nachfolgende Partnerschaftvergleich entstammt der Arbeit aus der
Praxis.
Dies sei dazu bemerkt, weil in ihm Informationen mit angeführt sind,
die nicht graphologisch erschlossen sein k”nnen.
In diesem Falle gehen sie aus dem vorangegangenen Briefwechsel hervor, in
dem die wichtigen Daten zur Person stehen und eben, von Fall zu Fall
verschieden, besondere Fragen zu besonderen Problemen.
Bei dem nachfolgenden Partnerschaftvergleich handelt es sich um ein
Gutachten, das als solches amtlichen Charakter trägt.
Amtlich deswegen, weil der Graphologe mit seiner Unterschrift für seine
getroffenen Aussagen bürgt.
Allerdings bürgt er nicht als Graphologe, sondern als Privatperson nur.
Der Begriff öGraphologeö ist nicht geschützt.
Jeder darf sich Graphologe nennen, der durch Jahre langer šbung Erfahrene
gleichermaßen wie der, welcher noch nicht einmal das Wort Graphologie
schreiben kann.
Zu einem Partnerschaftsvergleich kommt es, wenn mindestens einer aus
einer Partnerschaft das wünscht und einen entsprechenden Auftrag an einen
Graphologen vergibt, und natürlich letzterer sich dazu bereit erklärt.
Der Fall war hier gegeben.
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Handschriftenprobe von ihr [67]
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Handschriftenprobe von ihm [68]
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Das Gutachten wird erstellt in der Annahme, daß das Partnerschaftverhältnis
mit schwerwiegenden Problemen belastet ist, die die Beziehung zerrütten
k”nnten.
Nach einer eindeutigen Stellungnahme dazu k”nnte gefragt sein.
Das Schlußwort daher sei gestattet, an den Anfang zu stellen.
Bei der Frage, wie der künftige Weg beschritten werden sollte, sollte die
Antwort durchaus lauten: Gemeinsam!
Natürlich, es sprechen Gründe dagegen.
Aber es sprechen gründe ebensosehr dafür.
Die einen gegen die anderen abzuwägen, ist die Aufgabe!
Ist dies geschehen, so ist die Kraft gewonnen für einen zielgerichteten
Weg.
Auf konkrete Realgründe, wie die im Brief erwähnte dreijährige Tochter,
gehe ich dabei nicht ein; denn für ein Kind ist es grundsätzlich gut,
wenn beide Elternteile bei ihm sind, und außerdem läßt sich dieses Problem
als solches auch nicht graphologisch betrachten.
Auch, um den Fall einer Trennung anzusprechen, ist es klar, daß Probleme
häufig erst richtig beginnen, wenn die Beziehung bereits geendet hat,
weil an allem stets unendlich dranhängt und so die Zeit der Ruhe, wo man
alle Probleme erst einmal von sich gewälzt hat, um durchzuatmen,
nicht selten nur wenige Wochen andauert.
Unversehens wird man von den Problemen dann doch eingeholt.
Komme ich somit also auf den rein psychologischen Teil Ihrer Problematik,
der ja einen gewichtigen Ausschnitt des Gesamtkomplexes darstellt.
Betrachten wir das Problem erst einmal ganz allgemein.
Was war es, das Sie beide zusammenführte und bislang zusammenhielt?
Es waren Gemeinsamkeiten, und es waren aber auch die Gegensätze.
Denn einerseits erkennt Gleiches Gleiches, das sagte Goethe schon,
und andererseits ziehen Gegensätze Gegensätze an, das sagt seit je
her der Volksmund.
Was ist es, das Sie m”glicherweise auseinanderführen wird?
Es sind die gleichen Bedingungen.
Es sind die gleichen Bedingungen wie die, durch die Sie einst
zueinanderfanden.
Denn auch ist wahr, daß Gleiches in Gleichem Monotonie entstehen läßt,
und Gegensätze Gegensätze totschlagen k”nnen, also unüberbrückbare
Spannungen erzeugen k”nnen, sodaß es nicht mehr m”glich ist, sich selbst
durch den Anderen zu vervollständigen.
Was sagt dies aus?
Dies sagt aus, daß alle Probleme von Anfang an angelegt waren, auch wenn
die Beziehung erst später divergierte.
Soweit zum Sachverhalt allgemein.
Und nun zu Ihren Handschriften im speziellen.
Ihre Handschrift ist eine animusbetonte Handschrift, seine dagegen eine
animabetonte.
In der Ihren herrscht das männliche Element vor, in der seinen das
weibliche.
Bei jedem von Ihnen kommen physisches Geschlecht und psychisches
weitgehend nicht zur Deckung.
So suchte das ER in Ihnen die SIE in ihm,
wie auch umgekehrt
bei ihm das SIE in ihm das ER in Ihnen suchte.
Als Sie beide sich das erste Mal gegenüberstanden, da erkannten Sie
vermutlich bewußt oder auch nur unbewußt unvermittelt diesen
Zusammenhang, sodaß eine enge Bindung die Folge war.
Mag es sein, daß Sie beide noch sehr jung waren und diesen Zusammenhang
nicht reflexiv erkannten; nichtsdestotrotz spürte einjeder intuitiv, daß
ein wichtiger und lebensbestimmender Zusammenhang gegeben war.
Einjeder spürte, hier kann er sich selbst durch den anderen ins
Gleichgewicht bringen.
Sie merkten instinktiv, daß er der gemütvollere ist und über mehr
Gleichmaß verfügt.
Er aber merkte, daß Sie die Nüchternheit und Abgeklärtheit besitzen, die
er brauchte, vielleicht sogar in seinem für ihn doch trockenen Beruf zu
kompensieren suchte.
In Ihrem Brief beschreiben Sie die Beziehung zu Ihrem Manne als ein
Mutter-Kind-Verhältnis.
Sie beschreiben es wohl richtig.
Sie sagen, Sie fühlen sich dabei überfordert.
Auch das dürfte stimmen.
Allerdings fühlen Sie sich nicht überfordert, weil Sie zu ihm ein Mutter-
Kind-Verhältnis haben; denn das muß die Beziehung nicht untauglich machen,
sondern, weil die Animuselemente in Ihnen nicht durchschlagskräftig genug
sind.
Sie ersch”pfen sich immer wieder bei dem, was Sie als Ihre Aufgabe ihm
gegenüber zuerkannt haben.
Denn es liegt Ihnen nicht so sehr, sich für eine Sache aufopfernd,
kompromißlos und unbeirrbar einzusetzen.
Ablenkenden Einflüssen geben Sie nach, überprüfen zugleich kritisch Ihre
Situation, aber leiden häufig an Selbstunsicherheiten dann.
Selbstzweifel ist ein schlechter Wegweiser!
Ihr Mann leidet darunter nicht so stark wie Sie und bleibt manchmal
beharrlicher, manchmal auch in einer phantastischen Gefühlswelt, aus der
man ihn nur nicht herausreiße.
Es ist zu vermuten, daß Ihr Mann eine ganz besondere Beziehung zu seiner
Mutter hatte oder hat und eine Frühentwicklungsstufe in seiner Kindheit
nicht zum Abschluß bringen konnte, die er nachträglich permanent zu
kompensieren sucht, so wie es umgekehrt bei Ihnen Ihr Vaterbild ist, das
Sie entscheidend mitgeprägt hat.
Sie leiden eher unter Lust-Unlust-Schwankungen; er hingegen ist stärker
von Sympathie-Antipathie-Str”mungen beeinflußt.
Und dennoch: Der eine kann dem anderen etwas geben, und das nicht nur an
Gegensätzen, welche die Lücken des anderen ausfüllen.
Es sind auch die Gemeinsamkeiten, in denen sich ein jeder im anderen
wiedererkennt: Eine ähnliche Art in der Leichtigkeit der geistigen
Zuwendung.
Sie benutzen eine ähnliche Sprache und verfügen über eine einander
entsprechende Feinfühligkeit.
Das alles verbindet.
Das Schriftbild verrät, Ihr Mann und sie sind wesensverwandt.
Das alles gegeneinander abwägend führt mich zurück an den Anfang diese
Gutachtens.
Dort sprach ich mich dafür aus, daß Sie sich auf das berufen sollten, was
Ihnen mindestens unbewußt immer schon klar war, nämlich auf die
spezifischen Gemeinsamkeiten und Gegensätze, die, wenn man sie
konzentriert ins Auge faßt, für starke Bindung sprechen.
Ja, Sie sollten künftig auf einen gemeinsamen Weg setzen - und ganz
unbeirrt!
Vertraulich:
Für Nachteile, die infolge unbefugter Weitergabe entstehen, haftet der
Auftraggeber.
Friedrich Wilhelm
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U n t e r s c h r i f t
KAPITEL 40
MENSCHEN DER ZEITGESCHICHTE
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Schriftprobe von Friedrich Nietzsche
Deutscher Philosoph, 1844-1900
[69]
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Er ersann eine Philosophie, in der für ihn zentrale Begriffe vorkommen,
wie beispielsweise Ewige Wiederkehr des Gleichen, Umwertung aller Werte,
Nihilismus, šbermensch.
Die Handschrift ist hochunverbunden und steht, so die recht einmütige
Einschätzung vieler Graphologen, auf einem beispielhaft hohen Niveau.
Unter Graphologen heißt es immer wieder, sie vibriere, wenn man sie auf
sich wirken lasse, und auch, daß sie eine Art kristallene Klarheit
besäße.
Die Formen sind bemerkenswert einfach und auffallend originell zugleich.
Jede einzelne Form ist ein Unikat, und alles zusammen aber ein Guß.
Wenn man bedenkt, aus wieviel Bewegungsimpulsen die Handschrift
hervorgeht, dann erscheint es als um so bedeutsamer, wie wirkliche Formen
in dieser einzigartigen Schrift gesch”pft werden.
Oft wird zu seiner Handschrift aber auch gesagt, etwas ziseliert sei sie
schon; gebremst genug dafür jedenfalls ist sie allemale, wenn man
zugrundelegt, daß die Schrift ja steil und hochunverbunden ist.
Die hohe Unverbunden jedenfalls verrät die gleichermaßen hohe Kraft der
Intuition dieses genialen Denkers, der sich selbst auch mehr als
Vorherahner und Seher von Bewegungen sah, die die Zukunft bringen würde.
In der Tat, viele seiner Aussagen haben bereits Gestalt angenommen.
Seine Handschrift ist die nachdenkliche mit der tiefen Intuition und dem
Sinn für das Abgründige.
Er geh”rt wahrlich nicht zu jenen, die es sich leicht machen.
Zwar würde er, so seine eigenen Worte, nicht an einen Gott glauben wollen,
der nicht auch zu tanzen verstünde; doch er selbst scheint nicht unbedingt
die Leichtigkeit des Tanzens mit auf den Weg bekommen zu haben.
Vielleicht ist der Tanz seine stille Sehnsucht nur gewesen, die
unerreichbare dunkle Hälfte seinerselbst.-
Sein erlebtes Leben aber tanzte m”glicherweise an ihm nur vorbei.
Dieser arme Philosoph ist ein trauriges Schicksal; denn allein zehn Jahre
seines Lebens verbrachte er, vielleicht durch Syphilis bedingt, in
geistiger Umnachtung, bis er endlich starb.
Für ihn selbst dürfte zu wünschen sein, daß seine Theorie von der Ewigen
Wiederkehr des Gleichen nicht richtig ist.
Denn seine zehn Jahre auf unendlich gerechnet sind schätzungsweise H”llen
nur gewesen, die man durchsteht allein, wenn auf eine Erl”sung zu hoffen
sein darf.
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Schriftprobe von Otto von Bismarck
Deutscher Staatsmann, 1815-1898
[70]
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Dynamische Kräfte von erheblichem Ausmaße, die nach explosionsartiger
Entladung drängen, die aber gebändigt werden, gebändigt von einem noch
stärkeren Willen, der alles unter Kontrolle zu halten sucht:
Das ist Bismarck, das war er.
Die Schrift ist eng und gestaucht und weist ein breites Mittelband auf.
Das weist auf Anspannung, Selbstsicherheit und Gemüt hin.
Trotz enger Winkel keine Kälte, vielmehr lebendiges und pulsierendes Leben
allerdings stark angejocht.
Der eiserne Kanzler war trotz lebensabschnürender Umpanzerung von innerem
Leben durchflutet, das muß man ihm lassen.
Und dafür hatte er gewiß auch seinen Tribut zu zahlen.
Man hat das nicht umsonst - Umpanzerung kann weh tun.
Seine Umpanzerung waren seine inneren Spannungen, die er auszuhalten
hatte.
Immer wieder hatte er sich selbst im Zaume zu halten, was gewiß eine Qual
für ihn auch war.
Oft wird es gar seine Geißel gewesen sein.
Dieser Mensch konnte in einem Sturm aus sich herausbrechen.
Aber er war ja doch auch ein Gemütsmensch, wie sein breites Mittelband
verrät.
Und dann und wann gab er seinem inneren Drucke auch nach, indem er nicht
herausbrach, sondern innerlich zusammenbrach.
Der Schmerz einer ganzen Welt schien sich dann in seiner Brust zu
vereinigen.
An der Brust seines getreuen Weibes aber soll er sich immer wieder auch
ausgeweint haben.
Rauhe Schale, weicher Kern - eben auch Mensch, so soll er gewesen sein.
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Schriftprobe von Johann Wolfgang von Goethe
Deutscher Dichter und Denker, 1749-1832
[71]
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Goethes Handschrift, ebenfalls eine h”chsten Niveaus, mag als Synonym
gelten für Maß und Harmonie.
Sie ist eine Handschrift von hohem ästhetischen Wert.
Sie ist aber nicht nur gestaltet; das klänge nach nur gewollt.
Sie ist vielmehr Ausdruck direkt sich entfaltender Kräfte, die von
außerordentlicher Lebendigkeit zeugen.
Da es vornehmlich die gestaltenden Kräfte sind, die bei ihm in seiner
Handschrift ans Licht treten, darf die Handschrift primär als die des
Dichters gewertet werden, sekundär erst als die des Denkers.
Die tiefen Schalenunterlängen scheinen aus dem eben tiefen Brunnen des
Unbewußten zu sch”pfen.
Dort jedenfalls liegt der Stoff aus dem die Träume sind.
Dort jedenfalls liegt auch der unersch”pfliche Quell der Poesie aus dem er
für uns alle gesch”pft hat.
Seine Handschrift zeigt eine deutliche Rechtslage, was für seine
Hinwendung zum Menschen spricht.
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Schriftprobe von Ludwig van Beethoven
Deutscher Musiker, 1770-1827
[72]
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Er ist das Unduldsame schlechthin, das Ungehaltene, ja das Ungestüme.
Wir finden es in seiner Musik wie in seiner Handschrift.
Sein schriftlich Niedergelegtes ist nichts Nieder-gelegtes, es ist
Dahingeschmissenes, vor die Füße geworfenes.
Man k”nnte sagen, er erbrach und da ward es Schrift.
Jedenfalls steht seine Schrift für starken Bewegungsrhythmus und aber
ebenso schwachen Raumrhythmus.
Mit seinem starken Antrieb bei allerdings diesem seinen schwachen
Raumrhythmus rennt er gegen Wände und will sie durchrennen.
Irgendetwas in ihm drängte immer zur Entladung, geradezu wie wir es auch
von seiner Musik her kennen.
Sich zurücknehmen wollen wie ein Bismarck, lehnte er ab.
Sich zurücknehmen k”nnen wie Goethe, war nicht seine šbung.
Es gibt da jenes denkwürdiges Bild, auf dem beide zu sehen sind; denn
beide begegneten sich bei Hofe, Goethe sich vor der Hoheit respektvoll
verneigend, Beethoven aber nicht.
Sich beugen müssen entsprach nicht seiner Vorstellung und schon garnicht
wenn er eigene Vorstellungen entgegenzusetzen hatte.
Aber auch er, der so gänzlich Unbequeme, der notorische Querulant,
auch er war weich in der Tiefe seiner Seele.
Wie anders hätte er solche Musik schaffen k”nnen!-
Beethoven ist ja nicht nur seine 3.,5.,9. oder manch gewaltige Ouvertüre.
Diese Sinfonien und Ouvertüren stehen zwar durchaus für Unerschrockenheit
und Härte, aber auch sie sind kein Synonym für Härte oder gar starrende
Kälte allein.
Im Gegenteil, Heroisches hat auch etwas mit Feuer und Leidenschaft zu tun.
Und all der überwiegende Rest seiner Musik überzeugt von Gefühlen anderer
Art.
Wie oft ist seine Musik dann auch: weich, sanft, mild, sehnsüchtig,
verträumt, verklärt, ...!
Alles Züge, die in ihm leben, die er in Musik auslebt.
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Schriftprobe von Wolfgang Amadeus Mozart
Deutscher Musiker, 1756-1791
[73]
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Es heißt unter Graphologen, die Handschrift Mozarts gäbe nicht viel her
und schon garnicht, was seinen unbestrittenen Genius angehe.
Es heißt, seine Handschrift sei nicht sein Feld.
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Schriftprobe von Napoleon Bonaparte
Franz”sischer Feldherr, 1769-1821
[74]
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Bei der hastigen Schrift Napoleons ist interessant das Nebeneinander
von Teigigkeit teil mit Verschmierungen und massivem Druck, was so in der
Form selten vorkommt.
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Schriftprobe von Adolf Hitler
Deutscher Diktator, 1889-1945
[75]
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Auch bei Hitler Nebeneinander von verschmierender Teigikeit und Druck.
Nicht Willensstärke bezeugt seine handschrift, sondern unbesonnende
Triebhaftigkeit.
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Schriftprobe von Herbert von Karajan
™sterreichischer in Berlin wirkender Dirigent, 1908-1989
[76]
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Aufs Engste zusammengepferchte Energie, die zu explosionsartiger Entladung
drängt. In seiner Unterschrift fehlt nicht der Taktstock!
KAPITEL 41
SCHLUßWORT
Eine Handschrift hat zum Inhalt zweierlei:
Das WAS und das WIE.
Im täglichen Verkehr mit Menschen interessiert uns im Allgemeinen nur die
jeweilige Information, welche die Handschrift weitertragen soll, also das
Was in ihr.
Dieses kleine Buch nun soll die M”glichkeit erschlossen haben, sich auch
dem Wie zuwenden zu k”nnen, das in einer Handschrift ebensosehr steckt.
In der heutigen Zeit mehr und mehr haben wir allerdings mit dem gedruckten
Buchstaben nur noch zu tun.
Der freilich enthält nur noch das Was und nicht mehr das Wie.
Aber die Schrift wurde schließlich auch nicht des Wie's wegen erschaffen.
Und so k”nnen wir eine Schrift, wenn sie denn gerade Hand-schrift ist,
stets als etwas besonderes bewundern.
Das k”nnen wir, weil sie doch einmalig ist, nämlich zum Einen als
Phänomen im Allgemeinen, das schon mal schlechthin, und zum Anderen aber
auch als Handschrift des jeweiligen bestimmten Einzelnen im besonderen
Sinne.
Denn:
Wenn die Hand schreibt, dann schreibt die Seele!-
und
Wenn die Seele schreibt, dann hinterläßt sie Spuren!-